Habt ihr uns vermisst?

Einige von euch haben nachgefragt. Das war sehr lieb und fürsorglich – und leider auch berechtigt. Denn leider hat es mich völlig aus den Latschen gehauen.

Long story short: Eine fiese Kombination aus Fehldiagnosen, Long Covid und Überforderung.

Ich musste viele geliebte Tätigkeiten komplett herunterfahren. Bei den meisten anderen gab es erhebliche Abstriche. Nun kehre ich mit winzig kleinen Trippelschritten wieder ins Leben und in den Alltag zurück. Mein erster Schritt ist diese Monatszusammenfassung, denn gute Freunde erkannten an deren Ausbleiben, dass ich nicht einfach nur in Arbeit versinke, sondern es mir wirklich schlecht geht. Und beim Notieren staune ich nicht schlecht, wozu ich mich in dieser Zeit aufgerafft bzw. gezwungen habe.

In den letzten drei Monaten haben wir

  • recherchiert: In der Schweiz, in Italien, im Rheinland und in der Eifel. Das klingt viel, war aber im Vergleich zur eigentlichen Planung längst nicht genug.
  • getrauert: Bei der Arbeit an den Reiseführern wurde mir das Ausmaß und die zeitliche Dauer der drei großen Katastrophen bewusst.
    In ganz Europa mussten Beherbergungsbetriebe wegen Covid-19 schließen. In einem italienischen Kloster, das eine sehr beliebte Herberge führte, dünnte das Virus die Zahl der Mönche so sehr aus, dass nicht nur die Herberge, sondern gleich das ganze Kloster aufgegeben werden musste. Burgherren wollen aus Angst vor steigenden Besucherzahlen ihre Burg nicht mehr im Bildband sehen.
    Der Überfall auf die Ukraine hat zur Folge, dass manch eine Herberge mit geflüchteten Menschen belegt ist und auf absehbare Zeit für Pilger nicht zur Verfügung steht.
    In der Eifel und im Rheinland haben die Überflutungen zu zahlreichen Schäden und vollständigen Zerstörungen geführt. In der Nähe von Erft, Urft, Ahr, Nette, Inde, Rur, Kyll, Prüm, Lieser, Nims ist nichts mehr, wie es war. Überall fehlen die Brücken, die Landschaft ist zum Teil vollkommen verändert. Museen, Schwimmbäder, Jugendherbergen, Touristeninformationen und Wassermühlen sind bis heute vom öffentlichen Straßennetz abgeschnitten oder in einem Zustand, der die Aufnahme in einen Reiseführer nicht zulässt.
  • geschrieben: leider viel zu wenig an mehreren Manuskripten, die schon längst hätten abgegeben werden müssen.
  • überlegt: wie ich aus dem Dilemma herauskomme, nicht fit genug für die Arbeit zu sein, aber die Verlage nicht zu lange warten zu lassen. Das forderte all meine Kraft, denn wie will man komplexe Sachverhalte überblicken, Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen und mögliche Konsequenzen einschätzen, wenn die Konzentrationsdauer unter fünf Minuten liegt?
  • gebettelt: um Fristverlängerungen für meine bereits verabredeten Projekte. Es war mir sehr peinlich, meine Überforderung einzugestehen.
  • aufgeatmet: Alle Ansprechpartner in den Verlagen zeigten Verständnis für meine Lage und fanden praktikable Lösungen für diese Misere.
  • gezogen: habe ich daraus aber auch die Lehre, dass ich besser mit meinen Kräften haushalten muss. Nicht nur jetzt in der akuten Lage, sondern am besten auch endlich einmal generell. Auch wenn ich schon bei der Betrachtung meiner Verschickungskind-Macken erkannt habe, dass ich mich gerne in Arbeit flüchte, wird es jetzt höchste Zeit, einen Anfängerkurs in Pausenmachen, Entspannung und Müßiggang zu buchen. Könnt ihr mir etwas empfehlen?
  • sortiert: Fotos für insgesamt 4 Bücher. Immer in Arbeitshäppchen von 5-10 Minuten.
  • beantwortet: Fragen zum einzigen Manuskript, das ich in dieser Zeit aus den Fingern bekam. Und einen einzigen Leserbrief, mehrere Dutzend blieben unbeantwortet, weil ich sie erst zwischen all den Hunderten von Mails fand, als es schon zu spät war.
  • gekränkelt: Mich erwischte das Virus wohl irgendwann, als die Kinder auf dem Weg der Besserung waren. Obwohl ich mich jeden Tag getestet habe und jeden zweiten Tag zum PCR-Test fuhr, erhielt ich ausschließlich negative Befunde. Also startete ich wie geplant zu meiner Recherche in die Schweiz. Symptomfrei! Aber schon in der Schweiz ging es mir nicht so richtig gut. Ich dachte, ich sei nur überarbeitet und müde. Ich kam sehr schnell außer Atem, rang im Gebirge ziemlich nach Luft, machte mehr Pausen als sonst und brauchte für alles etwas länger, aber dachte mir nichts dabei. Wie auch? Alle Tests waren negativ und gehustet hatte ich ja schon seit September – mal mehr, mal weniger, also ganz normal für eine Lungenkranke.
  • aufgesucht: Im Mai wurde der Husten allerdings so quälend, dass mir meine Ärztin einen schnellen Termin beim Lungenarzt vermittelte. Wie dringlich das war, erkannte ich daran, dass er eigentlich schon Termine für Anfang 2023 vergibt, mich aber nach ihrem Anruf schon für den nächsten Werktag bestellte.
  • gestaunt: Bei der sorgfältigen Untersuchung kam dann nicht nur eine Bestätigung der Long Covid Diagnose heraus, sondern eine alte Diagnose wurde korrigiert. Das zieht natürlich auch eine andere Medikation nach sich.
  • vergessen: Es fällt mir schwer, mein Gedächtnis zu beschreiben. Vielleicht passt „Porridge“ = lauwarm, weich und wabbelig. Aber auch Wortfindungsstörungen sind immer noch ein Problem. Meine Kinder lachen sich kaputt, wenn ich „Geh doch bitte für mich in das Dings, äh, in das Zimmer mit der Dusche (=Bad), und hol mir aus dem Dings (=Schränkchen) unter dem Teil, wo das Wasser rauskommt (=Waschbecken) ein neues Stück zum Händewaschen (=Seife). Hier unten im Gästedings (=Gästetoilette) ist nämlich keins mehr von den Stückchen.“
  • geschwächelt: An manchen Tage war ich nach einer 300-Meter-Mini-Hunderunde so groggy, dass ich mir eine Sitzbank suchte, an anderen Tagen grenzte der Gang zur Toilette an Hochleistungssport. Der Weg zur Schule verlangte mir alles ab und ich war froh, dass ich dafür ja immer das Fahrrad nehme, um die jeweils kinderlose Strecke radeln zu können – denn beim Laufen diente das Rad mir als Rollator!
  • geschlafen: Mein Schlafbedarf liegt irgendwo zwischen Faultier, Siebenschläfer und Murmeltier. Leider ist er nicht so regenerativ, wie ich mir wünschen würde.
  • übernachtet: Welch großartige Lehrerin Aurelia nun hat, zeigte sich im Mai, als sie alle Kinder aus der Klasse zu einer Übernachtung in der Schule einlud. Mit Beamer-Kino, Pizza und Kissenschlacht!
  • beobachtet: In den heißen Tropennächten rund um Fronleichnam war es uns im Haus zu warm, selbst im Erdgeschoss rang ich nach Luft. Also zogen wir mit Kissen und Schlafsäcken aufs Trampolin. Bis zur Dämmerung lasen wir in einem Abenteuerbuch, danach lagen wir auf dem Rücken und schauten den Fledermäusen bei ihren lautlosen Tänzen zwischen den Bäumen zu.
  • genossen: Ein schon lange gebuchtes Wildnis-Wissen-Wochenende in der Jugendherberge Bad Münstereifel*. Ich hatte solche Sorge, dass ich es absagen müsste. Doch am Ende klappte es. Es war ja mit Vollverpflegung und ich konnte mich immer zurücknehmen, wenn es mir zu viel wurde. Die Kinder waren erst skeptisch – und dann so begeistert, dass sie es sofort noch einmal buchen wollten. Hubertus Hilgers vom Wildnistraining* hat die Wildheit in allen geweckt. Stellt euch drei Mädchen vor, die sich bisher nicht einmal wagten, allein ein Streichholz zu entzünden – um dann mit Feuerstein und Feuerstahl ein selbst gezupftes Zunderkissen zum Brennen zu bringen und mit glühender Kohle aus rohen Holzstücken eigene Schalen und Löffel zu brennen! Diese wurden im Anschluss noch in Form geschnitzt und geschmirgelt. Sie haben „Waldschlafsäcke“ gebaut, Stockbrot gebacken, Bogensehnen gedreht, ihre ersten Pfeile beim Bogenschießen verschossen und kennen nun einige neue Kräuter.
  • geschwommen: Am Pfingstmontag konnte Cari über ihre Seepferdchen-Urkunde jubeln. Sie hätte es schon viel früher geschafft, aber dazu fehlte ihr einfach der Mut. Das Wildniswochenende hat ihr wohl das nötige Selbstvertrauen gegeben.
  • gefeiert (1): Ganz viele Kindergeburtstage, zum Teil Nachholfeiern aus 2021. Zum Glück sind die Kinder schon so groß, dass ich nicht mit dabei sein musste. Ich hätte sonst viele Termine einfach absagen müssen.
  • gefeiert (2): Bibos Geburtstag in ihrem wunderbar wilden Garten. Die Kinder rollten sich durch das hohe Gras und ich wagte gar nicht, ihnen von den Nacktschnecken zu erzählen, die ich auf und unter Flaschen und Tellern fand, die im Gras gestanden hatten. Als Cari sich großflächig die Beine mit Brennnesseln verbrannte, fand ich zum Glück sofort neben dem Kind Spitzwegerich und das Nesselgift war schnell neutralisiert. Danke nochmals für diesen schönen Nachmittag.
  • gefeiert (3): Den Geburtstag der Zwillinge. Wir können es selbst gar nicht fassen, denn es war der erste Geburtstag, den sie mit ihren Freunden gefeiert haben. Zuerst waren sie zu klein, ihren 4. Geburtstag feierten sie auf dem Weg nach Wales, den 5. und 6. Geburtstag machte Corona kaputt.
  • gefahren: Die Zwillinge weigern sich hartnäckig, wenn es um das Fahrradfahren geht. Sie haben Angst vor dem Fallen und wollen es einfach nicht lernen. Aber ich habe ihnen zum Geburtstag Roller aufschwatzen können, mit denen sie jetzt herumflitzen, sodass sie zumindest das Gleichgewicht schulen können.
  • gelernt: Die Ferien haben begonnen. Das erste Schuljahr an der staatlichen Schule liegt hinter uns und wir ziehen eine positive Bilanz daraus. Die Kinder sind dort glücklich, haben viel gelernt und freuen sich über Freunde in Laufweite. Die Zeugnisse sind herrlich ausführlich, sodass wir die Schwachstellen benennen können und genau wissen, worauf wir im nächsten Schuljahr achten müssen.
  • teilgenommen: an den Bundesjugendspielen – heute nennt sich das Sportfest, aber es wird immer noch das Sportabzeichen gemacht. Ich hatte mich auch als Helferin zur Verfügung gestellt und erlebte das übliche Drama, das ich schon aus meiner Kindheit kenne. Die sportlichen Kinder erlebten den besten Tag des gesamten Schuljahrs. Durchschnittlich sportliche Kinder machten mit und genossen den Samstag mit ihren Freunden. Aber für die große (!) Zahl der Kinder, die eher unsportlich und/oder untrainiert sind, war es ein schlimmer Tag. Ich sah weinende Kinder, die keine Kraft für 800 m in sengender Hitze hatten. Die Kinder klagten über Kopfweh, Übelkeit, Seitenstiche und Blasen. An unserer Sprint-Strecke erlaubten wir es den Kindern, wenn sie schon Blasen an den Füßen hatten (zu kleine Schuhe, schlechte Socken,…), auf Socken zu rennen. Ich war erschrocken über Eltern, die mit eigenen Stoppuhren neben unseren Zeitnehmern standen und auf Bestleistungen bestanden („Das war ja gar nichts! 9,6 Sekunden, dafür bekommst du nur Silber. Beim zweiten Durchgang rennst du schneller, damit du auf 9,1 Sekunden für Gold kommst!“
  • gerettet: Einen wertvollen Gral aus den Händen von Grabräubern, und zwar bei der Dschungel-Expedition* von Locked Room* in Düsseldorf. Ich sehe zu, dass ich darüber noch genauer berichte, denn es war ein großartig konzipierter Escape Raum speziell für Kinder von 8-12 Jahre, den ich von ganzem Herzen empfehlen kann.
  • bekocht: Etwa 20 Pilger kamen zwischen Ostern und Ende Juni für Tee, Pippipause, Stempel und Weginfos zu uns.
  • geerntet: Lorbeerblätter, Kräuter, Erdbeeren (diesmal im eigenen Garten, um uns die Enttäuschungen der Vorjahre zu ersparen), Holunderblüten, Himbeeren, Walderdbeeren, Johannisbeeren, Knoblauch und Gänseblümchen (als Salat-Topping)
  • gekocht: Erdbeermarmelade, Johannisbeer- und Holunderblütengelee
  • gebacken: nein, in dieser Zeit habe ich gar nichts gebacken bekommen, die Kraft reichte nur zum Aufbacken von Laugengebäck für die beiden Schulhoftreffs am Schuljahresende.

*Werbung? Ja sicher! Und zwar aus voller Überzeugung, weil ihr ruhig wissen solltet, wer uns das Leben schwer oder schön macht. Ich werde für die Nennung der Namen, Firmen oder Produkte nicht bezahlt.

9 thoughts on “Unser April, Mai und Juni 2022

  1. Nacktschnecken? Bei mir? Und wer hat da Teller und Flaschen auf den Boden gestellt? Die gehören auf den Tisch. Schön dass ihr da wart. Dürft gerne wieder kommen. Habe gar nicht gemerkt, dass Du COVID-Gedöns hattest. Aber ihr habt das Holz vergessen.

  2. Radfahren lernen: Keine Stützräder! Pedale abschrauben und Rad wie Laufrad (Likabike)benutzen. Wenn das gut klappt, Räder wieder anschrauben.

  3. Oh je, aber leider habe ich das schon von vielen gehört. Offiziell kein Corona aber die Symptome weisen deutlich darauf hin. Kann man das überhaupt nachträglich nachweisen? Seit einigen Wochen könnte ich mich schon um 10:00 Uhr wieder hinlegen und würde dann auch einschlafen, schleppe mich dann durch den Tag. Ich kann grundsätzlich gut schlafen, werde oft aber wach schlafe aber meist gut wieder ein. Die Hitze letzten Tage hat mir auch zu schaffen gemacht. Aber die letzten beiden Tage ließ sich recht gut durch lüften. Gut das du Ärzte gefunden hast die das richtige erkennen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Ich werde wohl dieses Jahr keinen großen Sommer Urlaub machen, denn schon eine Woche in Griechenland hat mich sehr gestresst mit der ganzen Organisation und dabei habe ich noch nicht mal drei Kinder im Schlepptau. Liebe Grüße und bis bald

    1. Ja, lässt sich nachweisen, mit Antikörper-Test. Wahrscheinlich bin ich der letzte Mensch auf diesem Planeten, der es noch nicht hatte. Jedenfalls nicht bewusst.
      In den zwei Corona-Jahren, hatte ich nicht mal nen schnupfen.

  4. Liebe Ingrid,
    Schön wieder von Dir zu hören und ich hoffe es geht dir mittlerweile wieder etwas besser.
    Liebe Grüße, Susanne

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