{"id":10395,"date":"2022-01-26T13:19:49","date_gmt":"2022-01-26T12:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=10395"},"modified":"2022-01-26T13:19:49","modified_gmt":"2022-01-26T12:19:49","slug":"weisse-fahne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=10395","title":{"rendered":"Wei\u00dfe Fahne"},"content":{"rendered":"\n<p>Januar 2022. Pandemie. In den ersten Schulen wehen wei\u00dfe Fahnen aus dem Fenstern. Ich kann die Schulleiter, Lehrer und Sch\u00fcler gut verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute morgen auf dem Schulweg sprachen wir dar\u00fcber, wie lange die Pandemie nun schon dauert. Die Kinder sind mutlos. Sie gehen davon aus, dass sie bis zu ihrem letzten Schultag ihre Mitsch\u00fcler und Lehrer nur mit Maske sehen werden und sich mehrmals pro Woche St\u00e4bchen in den Mund und in die Nase stecken m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erinnern uns an den M\u00e4rz vor zwei Jahren. Wir waren optimistisch und wollten alles tun, um dem Virus die Stirn zu bieten. Wir lachten \u00fcber leere Seifen- und Klopapierregale. An hundertfach gesungene H\u00e4ndewaschlieder, verl\u00e4ngerte Osterferien, Homelearning, Lockdown, Abstand, Maske. Keine Schule, kein Schwimmen, keine Geburtstagsfeiern. Nix! Selbst die Spielpl\u00e4tze waren abgesperrt, vollkommen grotesk waren zum Teil sogar Flatterb\u00e4nder und Ketten angebracht worden, um die Kinder vom Spielen an der frischen Luft abzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Seniorenheimen  und Kliniken starben die Alten und Vorerkrankten lautlos und einsam. Zuhause litten die Kinder, denn von ihnen ging ja eine enorme Gefahr aus. Sie waren unkontollierbar in ihrem Wunsch, andere Menschen zu umarmen. Zum Schutz ihrer Gro\u00dfeltern ertrugen sie alle Ma\u00dfnahmen. Meine Kinder haben das Gl\u00fcck, ihre Oma im Haushalt wohnen zu haben. Andere Enkel und Gro\u00dfeltern hatten dieses Gl\u00fcck nicht und sahen einander monatelang gar nicht, konnten sich bei deren Tod nicht einmal verabschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Kinder sind leidensf\u00e4hig geworden. Was aber auch hei\u00dft, dass sie auch wirklich <strong><em>gelitten <\/em><\/strong>haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie trugen alles mit Fassung. So wirkte es \u00e4u\u00dferlich. Aber ich konnte sie nicht davor besch\u00fctzen, innerlich zu leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine T\u00f6chter ertrugen den unfassbar schlechten Distanzunterricht, der weder organisatorisch noch inhaltlich brauchbar war. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen meine Wutausbr\u00fcche und meine Tr\u00e4nen, wenn ich ihnen nicht erkl\u00e4ren konnte, warum das alles so war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen es, monatelang ihre besten Freundinnen nicht sehen zu d\u00fcrfen und ihre Geburtstage nicht feiern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen abgesagte Wochenendausfl\u00fcge, Urlaube und Recherchereisen, auf die sie sich schon gefreut hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen meine besorgte Miene, wenn es in Gespr\u00e4chen um Zahlen, Schul\u00f6ffnung, 3G, 2G, 2G+, Freitesten und Quarant\u00e4ne ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen es, dass ich ihnen immer h\u00e4ufiger aus finanziellen Gr\u00fcnden einen Wunsch ausschlagen musste. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen den Unterricht mit Maske und bei Minustemperaturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ertrugen Schnelltests, Gurgelstest, Spucktests, Popeltests und Hirnkitzel-PCR-Tests.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unsicherheit wird zum t\u00e4glichen Begleiter und macht meine Kinder fix und fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist die Schule auf oder zu? Ist Pr\u00e4senzpflicht, Wechselunterricht, Distanzunterricht oder gar keiner der dann &#8222;vorgezogene Ferien&#8220; hei\u00dft? Mit wem komme ich im Wechselunterricht in eine Gruppe? Darf ich diese Woche die Maske am Sitzplatz abnehmen oder war das letzte Woche? Und beim Mittagessen? Sportunterricht mit oder ohne Maske, drinnen oder drau\u00dfen? Darf ich zum Geburtstag Kuchen mitbringen oder nur einzelne Leckereien? D\u00fcrfen diese von Mama selbst gebacken und einget\u00fctet sein oder vertraut die Schule unbekannten Fabrikarbeitern mehr als meiner Mama? Warum m\u00fcssen wir bei der St. Martinsfeier zwei Stunden in der K\u00e4lte sitzen und d\u00fcrfen trotzdem die Eltern nicht dabei haben? Warum werden drau\u00dfen Kirmes, Weihnachtsmarkt und Karnevalsz\u00fcge abgesagt? Ist das denn gef\u00e4hrlicher als Einkaufen? <\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule lutschen sie f\u00fcr den Pooltest auf Wattest\u00e4bchen herum und schieben sich f\u00fcr die Schnelltests ein St\u00e4bchen in die Nase. Das machen sie mit einer unfassbaren Selbstverst\u00e4ndlichkeit, denn sie wollen die anderen Kinder in der Klasse zu sch\u00fctzen. Aber sie haben mir heute morgen erz\u00e4hlt, dass sie meistens beim Schnelltest Angst haben. Sie haben Angst vor dem zweiten Strich. Was ist denn dann? Schimpft die Lehrerin mit mir? Kann Mama jetzt gar keine Recherchen mehr einplanen, weil sie ja jederzeit aus der Schule angerufen werden k\u00f6nnte, dass sie mich abholen muss. Und wenn sie grade beim Arzt ist? Muss ich dann allein nach Hause gehen? Geht das \u00fcberhaupt? Wenn ich positiv bin, darf ich doch gar nicht mehr drau\u00dfen herumlaufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Angst ist ein stetiger Begleiter meiner Kinder geworden. Sie haben Angst vor der Quarant\u00e4ne, Angst von der Krankheit, Angst vor Long Covid. Ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen. Ich suche seit zwei Jahren nach fr\u00f6hlicheren Themen und Aktivit\u00e4ten. Versuche durch sachliche Information den Schrecken der m\u00f6glichen Erkrankung zu nehmen. Aber es holt uns immer wieder ein. Wenn ich nicht mit ihnen dar\u00fcber spreche, machen es die Lehrer und Kinder in der Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>An manchen Tagen verfolgt es sie bis in den Schlaf. Sie erz\u00e4hlen morgens von Tr\u00e4umen mit riesigen Viren, die mit einem Haps die ganze Schule aufessen. Sie wachen nachts auf und greifen mit einem erleichterten &#8222;Du lebst noch!&#8220; nach meiner Hand. Morgens sind sie unausgeruht und den ganzen Tag angespannt und angestrengt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Klassenlehrerin hielt mir vorgestern in einem Vieraugengespr\u00e4ch vor, Nele sei vorlaut und Cari vertr\u00e4umt. Das mag stimmen. Beide h\u00e4tten nach dem Testen keine Lust auf Unterricht. Das stimmt nicht. Die M\u00e4dchen sind 6 Jahre alt. Seit sie vier Jahre alt sind &#8211; also den Gro\u00dfteil ihres bewussten, aktiven Lebens &#8211; , besteht ihr Leben aus Angst vor einer im dem Verstand kaum fassbaren Bedrohung, aus tausend Regeln und der st\u00e4ndigen Ungewissheit. Da wird es doch wohl zul\u00e4ssig sein, unmittelbar nach dem Test ein paar Minuten je nach Naturell die Anspannung durch vorlautes Verhalten oder durch das Tr\u00e4umen von besseren Zeiten abzusch\u00fctteln?!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gro\u00dfe hat es noch schlimmer getroffen. Sie ist in ihrem Wesen so ver\u00e4ndert, die Pandemie hat sie geholt und will sie auffressen. Aber noch hat sie eine L\u00f6wenmutter, die ihr Junges besch\u00fctzt. Ich nehme Anspannung und Druck raus, wo es nur geht. Und deshalb darf Aurelia ab Montag noch ein weiteres Schuljahr zur\u00fcck gehen, um bei einer sehr sympathischen Lehrerin all den Stoff der 3. Klasse nachzuholen, den ihr im Homelearning-Distanzunterrichts-Wechselunterrichts-Chaos vor fast zwei Jahren niemand vermittelt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Fest steht aber f\u00fcr mich, dass den Verantwortlichen die Kinder vollkommen egal sind. Statt in den vergangenen zwei Jahren das n\u00f6tige Personal f\u00fcr die ohnehin schon \u00fcberlasteten Menschen in Pflegeheimen, Kliniken und Laboren aus-\/weiterzubilden, wurde immer klein-klein gedacht und gehandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt stellt man fest, dass die Labore nicht mehr klar kommen, wenn sie nach einem positiven Pooltest alle Zweitst\u00e4bchen der Kinder aus dem Pool einzeln testen sollen. Das m\u00fcssen dann die Lehrer und Sch\u00fcler machen. Die Schulleitungen wurden gestern Abend nach 22 Uhr dar\u00fcber informiert, wie das ab heute morgen zu handhaben ist. Das ist eine Unversch\u00e4mtheit! Die Zeit von Lehrern und Sch\u00fclern ist ja nicht so wertvoll wie die von Labormitarbeitern. Damit geht jedes Mal eine ganze Unterrichtsstunde verloren, sagte mir die Klassenlehrerin. Das l\u00e4sst sich ja gar nicht mehr aufholen und wir m\u00fcssen es mit umfangreicheren Hausaufgaben nachholen. Also schieben sich die Kinder wieder einmal voller Angst ein weiteres St\u00e4bchen in die Nase und m\u00fcssen eine Viertelstunde darauf warten, ob sie in der Klasse bleiben d\u00fcrfen oder nach hause geschickt werden. Das ist f\u00fcr Lehrer, Sch\u00fcler und Eltern eine Zumutung und zeigt, dass das ohnehin dilettantische Vorgehen der Politik nun vollkommen gedanken- und r\u00fccksichtslos weiter gef\u00fchrt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Was m\u00f6gen die sich denken? Wahrscheinlich gar nichts. Oder: Immerhin sind ja bald Wahlen. Kinder sind ja zum Gl\u00fcck nicht wahlberechtigt, also k\u00fcmmern wir uns lieber um andere Themen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird von den Verantwortlichen mit den Interessen der Kinder gespielt. Frau Gebauer und die anderen Entscheidungstr\u00e4ger soll doch endlich zugeben, dass sie gar kein Interesse am Wohlergehen der Kinder hat und die Schulen bewusst durchseuchen will. Das wird sich r\u00e4chen. Das Karma wird sie am Allerwertesten packen und sie werden ihr n\u00e4chstes Leben hoffentlich ein Rasenst\u00fcck im Park, auf das jeden Tag ein anderer Hund kackt! <\/p>\n\n\n\n<p>Also: Falls noch jemand Stoff f\u00fcr die wei\u00dfen Fahnen ben\u00f6tigt &#8211; ich helfe gerne und gebe euch alle meine wei\u00dfen Laken, Tischt\u00fccher und T-Shirts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Januar 2022. Pandemie. In den ersten Schulen wehen wei\u00dfe Fahnen aus dem Fenstern. Ich kann die Schulleiter, Lehrer und Sch\u00fcler gut verstehen. 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