{"id":3285,"date":"2017-08-19T23:38:35","date_gmt":"2017-08-19T21:38:35","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=3285"},"modified":"2017-08-19T23:38:35","modified_gmt":"2017-08-19T21:38:35","slug":"religionen-aus-kindersicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=3285","title":{"rendered":"Religionen aus Kindersicht"},"content":{"rendered":"<p>Eine Wanderung im Regen.<\/p>\n<p>Wie so oft in diesem Sommer.<\/p>\n<p>Meine Verleger und Layouter werden mich heimlich verfluchen, aber ich mag Wanderungen im Regen.<\/p>\n<p>Schon immer, weil mich der Regen beim Wandern immer so sch\u00f6n herunterk\u00fchlt, wenn ich nach einem Anstieg hei\u00df gelaufen bin.<\/p>\n<p>Aber besonders, seit Aurelia an Regentagen eher zum Mitwandern zu \u00fcberreden ist als an Sonnentagen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3286 alignleft\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/P8184885-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/P8184885-300x225.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/P8184885-768x576.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/P8184885.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Alles ist ruhiger, fast besinnlich. Nicht so quietschig bunt und laut. Wir m\u00fcssen nicht so viele Fotos machen und haben mehr Zeit zum reden.<\/p>\n<p>In Kyllburg wandern wir am j\u00fcdischen Friedhof entlang. Aurelia bleibt stehen, seufzt und betrachtet den Davidstern am Eingangstor. Sie sagt &#8222;Das ist ein sch\u00f6ner Stern. Die Regentropfen funkeln so sch\u00f6n, bevor sie sich von der oberen Zacke auf die untere Zacke fallen lassen.&#8220; Noch w\u00e4hrend ich ein best\u00e4tigendes &#8222;Mmmh&#8220; beendet habe, folgt die Frage: &#8222;Ist das ein Friedhof?&#8220; &#8211; &#8222;Ja,&#8230;&#8220; &#8211; &#8222;Wenig Grabsteine hier. Darf ich sie mir ansehen?&#8220; &#8211; &#8222;Ach, bestimmt hat keiner etwas dagegen.&#8220; Behutsam und and\u00e4chtig betreten wir den Friedhof. Ich bin froh, meiner Tochter keine Erkl\u00e4rung zu dem gro\u00dfen, relativ neuen Stein abgeben zu m\u00fcssen, der 1958 zur Erinnerung an die in der NS-Zeit umgekommenen Juden aufgestellt wurde. Wie erkl\u00e4re ich das einer F\u00fcnfj\u00e4hrigen? Aber sie fragt nicht danach. Sie geht zielstrebig auf einen anderen Stein zu und stoppelt Buchstabe f\u00fcr Buchstabe zusammen. Bei den alten Schreibweisen von L und S muss ich helfen, das \u00df kennt sie noch gar nicht, aber sie bleibt am Ball, bis sie sagen kann, dass es das Grab von Lisa Nussbaum ist. &#8222;Zwei Jahre alt ist dieses kleine M\u00e4dchen geworden.&#8220;, seufzt sie traurig, nachdem sie die Jahreszahlen 1902 und 1904 miteinander verglichen hat. Ich erkl\u00e4re, dass von November 1902 bis Februar 1904 sogar nur ein Jahr und 3 Monate vergangen waren und dass in der damaligen Zeit viele Kinder so fr\u00fch starben. Dann strahlt sie mich an und sagt: &#8222;Danke Mama, dass du uns jetzt erst geboren hast und nicht vor hundert Jahren. Deshalb sind wir alle drei schon \u00e4lter geworden als das kleine M\u00e4dchen!&#8220; Mir kommen die Tr\u00e4nen und meine Tochter umarmt mich zum Trost. Ich erkl\u00e4re, dass ich gar nicht aus Traurigkeit, sondern aus R\u00fchrung weine, werde noch einmal gedr\u00fcckt und muss dann das Wort &#8222;R\u00fchrung&#8220; erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>So sch\u00f6n sind Regenwanderungen mit meiner Tochter.<\/p>\n<p>Beim Weiterwandern\u00a0gehen Ihr die Grabsteine nicht aus dem Kopf. &#8222;Da waren ja gar keine Kreuze drauf!&#8220; &#8211; &#8222;Stimmt. Kreuze haben nur Christen auf ihren Gr\u00e4bern. Das ist ein j\u00fcdischer Friedhof. Deren Symbol ist ein Stern.&#8220; &#8211; &#8222;Kein Mond?&#8220; &#8211; &#8222;Nein. Der Halbmond geh\u00f6rt zum Islam, so wie der Stern zum Judentum und das Kreuz zum Christentum.&#8220; &#8211; &#8222;Aha.&#8220; &#8211; wir gehen schweigend ein paar Minuten nebeneinander her &#8211; &#8222;Mama? Kenne ich Juden oder Islamer?&#8220; &#8211; Ich nenne ihr zwei j\u00fcdische und drei muslimische Mitsch\u00fcler(innen) &#8211; &#8222;Ach?! Die glauben anders als wir? Aber wir (sie z\u00e4hlt alle f\u00fcnf und sich selbst auf) sind doch total gleich!&#8220;<\/p>\n<p>Wir sprechen \u00fcber einige Unterschiede wie Feste, Fastenregeln, Schweinefleisch, Gebete und das Kopftuch einer Mutter, die ihr morgens auf dem Schulparkplatz mehrfach aufgefallen ist. Viel l\u00e4nger aber sprechen wir \u00fcber die Gemeinsamkeiten. Am Ende fasst sie zusammen: &#8222;Alle glauben an einen Gott, alle m\u00fcssen Regeln befolgen und alle lieben ihre Kinder so sehr, dass sie sehr traurig sind, wenn sie schon sterben, bevor sie zwei Jahre alt werden konnten.&#8220;<\/p>\n<p>Okay, Begriffe wie &#8222;Abrahamische Religionen&#8220;, &#8222;Monotheismus&#8220;, &#8222;Fremderl\u00f6sung&#8220; und &#8222;Propheten&#8220; brauche ich mir wohl hoffentlich f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre noch nicht zurecht legen. Aber ich werde mich wohl in absehbarer Zeit einmal ausf\u00fchrlicher mit den fern\u00f6stlichen Religionen besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. Mein Grundwissen stammt noch aus der Schulzeit und aus meiner Zeit in Indien, ist also schon ziemlich verstaubt. Da Aurelia schon Schulkollegen aus Japan, China und Indien hatte, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auch \u00fcber die dortigen Religionen sprechen werden. Aktuell bin ich mir nicht einmal sicher, ob Hinduismus und Buddhismus sich als mono- oder polytheistische Religionen verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Wanderung im Regen. Wie so oft in diesem Sommer. 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