{"id":3329,"date":"2017-09-26T10:32:03","date_gmt":"2017-09-26T08:32:03","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=3329"},"modified":"2017-09-26T10:30:58","modified_gmt":"2017-09-26T08:30:58","slug":"nicht-ganz-dicht-lasst-uns-ueber-inkontinenz-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=3329","title":{"rendered":"Nicht ganz dicht &#8211; Lasst uns \u00fcber Inkontinenz sprechen"},"content":{"rendered":"<p>Was in der Gesellschaft oft noch als ein Tabu-Thema gilt, ist in unserer Familie ein Alltagsthema. Und da ich aus den Blog-Statistiken zu <a href=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=2471\">Stuhl-Gang<\/a>\u00a0aus dem Fr\u00fchjahr wei\u00df, dass ihr auch vor solchen Themen nicht Halt macht, will ich euch nun etwas \u00fcber Harn-Inkontinenz erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Wer jetzt &#8222;Too much information!&#8220; denkt, darf nicht weiter lesen und muss eben auf den n\u00e4chsten Blogartikel warten.<\/p>\n<p><strong>Anfang des Lebens<\/strong><\/p>\n<p>Jedes Neugeborene ist inkontinent. Wie lange es dauert, bis es windelfrei wird, h\u00e4ngt von sehr vielen Faktoren ab. Unsere Eltern haben uns ab dem ersten Geburtstag einfach aufs T\u00f6pfchen gesetzt und wir mussten so lange sitzen, bis etwas kam. Ob das nur ein zeitlicher Zufall oder eine bewusste Muskelkontrolle war, konnte unseren M\u00fcttern egal sein. F\u00fcr diese Methode bin ich zu besch\u00e4ftigt, zu weich und zu ungeduldig. Bei mir darf ein Kind deshalb so lange in Windeln herum laufen, wie es will.<\/p>\n<p>Aurelia interessierte sich erst mit 2 1\/2 Jahren \u00fcberhaupt f\u00fcr die Toilette. Als sie dann erkannte, dass sie von den Little Dragons nur dann zu den Caterpillars wechseln kann, wenn sie windelfrei ist, entschied sie von heute auf morgen &#8222;Mama, keine Windel mehr!&#8220;. Wir einigten uns auf Rauf-Runter-Windeln, die meist nach einem Tag trocken entsorgt wurden, also lie\u00df ich sie bald im Schrank. Tags\u00fcber gab es ab dem Tag mit dem Aha-Erlebnis nur ganz wenige Unf\u00e4lle. Dann war sie so in ein Spiel vertieft, dass sie nicht\u00a0an die Toilette dachte. Auch nachts ging es von Anfang an in 95 % aller F\u00e4lle gut.<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr uns herrlich stressfrei und ich hoffe, dass es bei den beiden Kleinen \u00e4hnlich laufen wird. Ich glaube nicht, dass ich mit Hetze und Zwang bei diesen Sturk\u00f6pfchen etwas erreicht h\u00e4tte bzw. erreichen w\u00fcrde. Mehrere Altersgenossen von Aurelia, die schon vor dem zweiten Geburtstag aufs T\u00f6pfchen gezwungen wurden, waren erst mit f\u00fcnf Jahren nachts trocken. Ich kenne ein sechsj\u00e4hriges M\u00e4dchen und zwei Jungs von sieben bzw. acht Jahren, die nachts immer noch gro\u00dfe Probleme haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3439 alignleft\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256336-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256336-300x225.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256336-768x576.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256336.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Cari und Nele interessierten sich schon fr\u00fcher f\u00fcr die Toilette. Beide lieben das Klo-K\u00f6nig-Buch und setzen sich seit ihrem zweiten Geburtstag immer &#8218;mal wieder\u00a0aufs T\u00f6pfchen oder die Toilettenbrillenverkleinerung.<\/p>\n<p>Bei Cari kommt Pipi auf Ansage und sie wird jedes Mal von den beiden Schwestern gefeiert wie ein Rockstar. Schade, dass der alte Kindergarten diesen Entwicklungsschritt nicht f\u00f6rderte, trotz etlicher Hinweise auf das Toilettentraining. Sonst w\u00e4re sie jetzt bestimmt schon viel weiter. Ich bin gespannt, welche Strategie der neue Kindergarten verfolgt.<\/p>\n<p>Nele hingegen sitzt da, schaut an sich herab und ruft &#8222;Pipi komm!&#8220;. Nichts passiert, so sehr sie auch wartet und ruft. Wenn sie w\u00e4hrend unseres Urlaubs am Strand &#8222;auslief&#8220;, erschrak sie sogar, lachte dann und stellte schlie\u00dflich sachlich fest &#8222;Nele Pipi gemacht!&#8220;.\u00a0Es scheint bei ihr einfach noch keine Verbindung zwischen Kopf und Schlie\u00dfmuskel zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>OP-Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Bathida kam mit einer schweren Geb\u00e4rmutterentz\u00fcndung aus ihrer Gefangenschaft frei. Sie war nach der Entfernung der Geb\u00e4rmutter inkontinent. Als sie zu uns kam, verlor sie t\u00e4glich Urin, sp\u00e4ter bei \u00fcbervoller Blase, inzwischen nur noch in Stresssituationen. Wie Nele scheint sie den Harnfluss gar nicht zu merken und schaut sich fragend um, wenn sie pl\u00f6tzlich in einer nassen Lache liegt. Wir k\u00f6nnen dies durch regelm\u00e4\u00dfige Hunderunden zwar abmildern, aber nicht vollkommen verhindern. Wie gut, dass wir nirgendwo Teppichboden haben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mitte des Lebens<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten Schwangerschaft machte man mir viel Angst vor Inkontinenz. Brav machte ich schon vor der Entbindung Beckenbodengymnastik war ganz stolz darauf, nach der Geburt keinerlei Symptome zu versp\u00fcren. Puh, Gl\u00fcck gehabt!<\/p>\n<p>Leider aber nur nach der ersten Geburt. Nach der Zwillingsschwangerschaft hinderten mich auch Beckenboden- und R\u00fcckbildungsgymnastik nebst Kanga-Training nicht daran, bei Hustenanf\u00e4llen, Nie\u00dfattacken und Lachsalven kurzzeitig die Kontrolle \u00fcber den Schlie\u00dfmuskel zu verlieren. Ich dachte noch, &#8222;Naja, nicht schlimm, muss ich eben Slipeinlagen tragen und \u00f6fters auf die Toilette gehen, wenn ich erk\u00e4ltet bin, einen COPD-Schub habe oder mit fr\u00f6hlichen Menschen zusammen treffe.&#8220;<\/p>\n<p>Doch es kam schlimmer. Seit ich in den Wechseljahren bin, habe ich Phasen, in denen ich auch ohne Husten, Nie\u00dfen oder Lachen etwas\u00a0Urin verliere, wenn die Blase zu voll ist. Nur leicht tr\u00f6pfelig, nicht viel, aber genug, um mich dar\u00fcber zu \u00e4rgern. Auch regelm\u00e4\u00dfiges und in den letzten Monaten verst\u00e4rktes Beckenbodentraining hilft nicht. Wahrscheinlich wei\u00df ich gar nicht, welchen Muskel ich genau ansprechen soll, bin also nicht wirklich weiter als Nele ;o)<\/p>\n<figure id=\"attachment_3438\" aria-describedby=\"caption-attachment-3438\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3438 size-medium\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256334-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256334-300x225.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256334-768x576.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/P9256334.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3438\" class=\"wp-caption-text\">H\u00fcbsche Osterdeko von Elanee (f\u00fcr diesen Gebrauch aber sicherlich \u00fcberteuert ;o)<\/figcaption><\/figure>\n<p>All die verschiedenen Beckenbodentrainer aus Apotheke und Internet w\u00fcsste ich gar nicht in meinen Alltag zu integrieren. Okay, ihr werdet sagen, dass ich mir einfach mehr Zeit f\u00fcr mich nehmen soll. Die Zeit allein ist es aber nicht. Mir fehlt es auch an Konsequenz und an guten Aufbewahrungspl\u00e4tzen, die f\u00fcr meine M\u00e4use unerreichbar sind, dennoch aber bei mir nicht &#8222;aus den Augen &#8211; aus dem Sinn&#8220; sind. Denn ich hatte da ein Erlebnis, des ich nicht vergessen werde: Nach der Geburt von Aurelia\u00a0schenkte mir meine Hebamme die\u00a0Beckenboden-Trainingshilfen von Elanee. Gut gemeint, damals dachte ich ja noch, dass ich sie gar nicht ben\u00f6tige. Nachdem Aurelia sie kurz vor der Geburt der Zwillinge in meiner Nachttischschublade gefunden\u00a0und an den Osterstrauch im Vorgarten geh\u00e4ngt hatte, wollte ich sie auch nicht mehr f\u00fcr ihren bestimmungsgem\u00e4\u00dfen Gebrauch verwenden.<\/p>\n<p>Ich muss also h\u00e4ufiger als fr\u00fcher auf die Toilette gehen. Kein Problem. Das ist eben so. M\u00e4nner in meinem Alter haben es an der Prostata und m\u00fcssen auch \u00f6fter flitzen, als 20 Jahre zuvor. F\u00fcr Situationen, in denen ich nicht sicher bin, wann ich wieder auf die Pippibox komme, behelfe ich mir aktuell mit Binden, die ich noch \u00fcbrig hatte.<\/p>\n<p>Ansonsten vertraue ich darauf, dass es nicht noch\u00a0schlimmer wird und hoffe, vielleicht doch noch eine alltagstaugliche L\u00f6sung zu finden. \u00a0So offen inzwischen im Fernsehen f\u00fcr Inkontinenzvorlagen und -H\u00f6schen geworben wird, so gerne w\u00fcrde ich noch bis zu meinem 102. Geburtstag ohne sie auskommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ende des Lebens<\/strong><\/p>\n<p>Der Gro\u00dfvater meiner T\u00f6chter v\u00e4terlicherseits geht f\u00f6rmlich ein, seit er wegen seiner Inkontinenz zun\u00e4chst einen Blasenkatheder und seit einigen Wochen sogar Windeln ertragen muss. Er empfindet dies als derart dem\u00fctigend, dass er die Lust am Leben verloren hat und au\u00dfer seinen leiblichen Kindern keinen Besuch mehr ertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Mein Opa Th\u00f6ne war am Ende seines Lebens harninkontinent und sch\u00e4mte sich so sehr, dass er nach einem Weg suchte, aus dem Leben zu scheiden. Eine ganz liebe Krankenschwester traf den richtigen Ton, in dem sie ihm erkl\u00e4rte, dass ALLE F\u00e4higkeiten, die man am Anfang des Lebens erlangt, am Ende wieder verloren gehen. Das war genau die Sprache, die er verstand. Er war ein humorvoller Mensch und schrieb mir folgendes auf:<\/p>\n<p><em>Sei zufrieden, wenn du<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>mit 3 Jahren keine Windeln mehr brauchst<\/em><\/li>\n<li><em>mit 6 Jahren Fahrrad fahren kannst<\/em><\/li>\n<li><em>mit 12 Jahren gute Freunde hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 18 Jahren schon den F\u00fchrerschein hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 20 Jahren schon einmal Sex hattest<\/em><\/li>\n<li><em>mit 30 Jahren einen Beruf hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 35 Jahren eine Familie hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 55 Jahren noch eine Familie hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 60 Jahren noch einen Beruf hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 65 Jahren noch Sex hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 70 Jahren noch den F\u00fchrerschein hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 75\u00a0Jahren noch gute Freunde hast<\/em><\/li>\n<li><em>mit 80 Jahren noch Fahrrad fahren kannst<\/em><\/li>\n<li><em>mit 85 Jahren noch keine Windeln brauchst.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Diesen Zettel habe ich Jahrzehnte aufgehoben, bis er ziemlich zerfleddert war &#8211; und dann abgeschrieben und mir zu Herzen genommen. Recht hatte er, mein Opa Th\u00f6ne!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was in der Gesellschaft oft noch als ein Tabu-Thema gilt, ist in unserer Familie ein Alltagsthema. 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