{"id":4790,"date":"2018-06-18T09:42:56","date_gmt":"2018-06-18T07:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=4790"},"modified":"2018-06-22T14:32:58","modified_gmt":"2018-06-22T12:32:58","slug":"as-far-as-you-dare","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=4790","title":{"rendered":"As far as you dare"},"content":{"rendered":"<p>Seit unserer Heimkehr habe ich mich nicht mehr gemeldet. Nun h\u00e4ufen sich die Fragen, ob es in Wales soooo schlimm war und ob ich es vielleicht gar nicht ins Ziel geschafft habe. Bitte nicht b\u00f6se sein, ich ertrinke in Arbeit.<\/p>\n<p>Zu eurer Frage:\u00a0Ich habe es &#8211; und bin &#8211; geschafft. Vom Bristol Channel bei Chepstow bis zur Irischen See in Prestatyn, den gesamten Offa&#8217;s Dyke Path. Netto 284 km, plus einige zus\u00e4tzliche Strecken f\u00fcr Diversions, Streckenalternativen und schlichtes Verirren.<\/p>\n<p>15 x bin ich auf dem Offa&#8217;s Dyke Path nach Norden gewandert, mit dem Fahrrad wieder zum Startpunkt geradelt und mit dem Auto zum Wohnwagen gefahren. Also irgendwie eine besondere Art von Triathlon.<\/p>\n<p>Am letzten Tag war es bew\u00f6lkt. Das ist perfektes Wanderwetter, war aber bei dieser Tour rar. An einem Tag hatte ich kurz etwas Spr\u00fchregen, den mag ich auch gerne, weil er mich runterk\u00fchlt. Ein Gewittertag war eine Akkordbremse. Die Gewitter hielten mich bei ungesch\u00fctzten Streckenabschnitten auf und die ganzt\u00e4gig triefnassen F\u00fc\u00dfe quollen auf. Nicht einmal die guten Wrightsocks konnten verhindern, dass ich nun mit drei gro\u00dfen Compeeds durch die Landschaft eiere. Meist war es sonnig und &#8211; f\u00fcr meinen Geschmack &#8211; viel zu hei\u00df zum wandern. Aber ideal f\u00fcr die Kinder zum Spielen \u00a0auf dem Campingplatz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4858 alignright\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1379-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1379-300x200.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1379-768x512.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1379.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Wir blicken auf eine intensive Zeit zur\u00fcck, in der wir viel erlebt haben, die aber alles andere als ein typischer Erholungsurlaub war. Am besten l\u00e4sst sich diese Reise mit den Worten <em>Disziplin<\/em>, <em>Mut<\/em> und <em>Anerkennung<\/em> zusammenfassen.<\/p>\n<p><strong>Disziplin<\/strong><\/p>\n<p>Das t\u00e4gliche Wanderprogramm, die erforderlichen Standortwechsel und die von der Schule mitgegebenen Aufgaben verlangten uns einiges an Disziplin ab.<\/p>\n<p>Allen!<\/p>\n<p>Denn wenn ich vor oder nach meiner Wanderung mit Aurelia las oder sie Aufgaben im Deutscharbeitsheft l\u00f6ste, mussten die Zwillinge sich leiser besch\u00e4ftigen als sonst.<\/p>\n<p>Fuhren wir mit dem Gespann auf Nebenstra\u00dfen, hatte Aurelia auf dem Beifahrersitz den Blickwinkel eines britischen Autofahrers. Sie sah ja jedes entgegenkommende Fahrzeug viel fr\u00fcher als ich und warnte mich sofort. Ich musste mich darauf verlassen, dass sie mir beim Auffahren auf eine Autobahn zuverl\u00e4ssig sagte, ob die linke Fahrspur frei ist.<\/p>\n<p>Nach dem Benutzen einer Toilette im Wohnwagen m\u00fcssen auch kleine Kloanf\u00e4ngerinnen immer (!) daran denken, abzuziehen und den Deckel zu schlie\u00dfen. Sie korrigierten sich schon ab dem zweiten Tag selbst, wenn sie es vergessen hatten und ihnen eine Erinnerung in das kleine N\u00e4schen stieg.<\/p>\n<p>Ich konnte mir bei der Wanderung keine Schw\u00e4chen erlauben. Der Zeitplan war eng, der Weg lang und durch die Radelei zeitaufw\u00e4ndiger als bei einer blo\u00dfen Wanderung Chepstow &#8211; Prestatyn. Herumtr\u00f6deln gab es nicht. Fand ich einen f\u00fcr das Manuskript brauchbaren Geocache nicht innerhalb der ersten Minute, musste ich eben ohne den entsprechenden Punkt f\u00fcr meine Cacherstatistik weiterwandern. Auch das spannendste Gespr\u00e4ch mit Einheimischen musste der Vernunft weichen, um zu einer annehmbaren Zeit wieder am Campingplatz zu sein.<\/p>\n<p>Jammern war auch keine Option. Meine Mutter war durch ihr schmerzendes Bein viel mehr beeintr\u00e4chtigt als ich, wie h\u00e4tte ich mich wagen k\u00f6nnen, ihr etwas von wehen F\u00fc\u00dfen vom langen Wandern vorzust\u00f6hnen?<\/p>\n<p><strong>Mut<\/strong><\/p>\n<p>Seid ihr schon einmal mit einem insgesamt 13 Meter langen Gespann gefahren? Allein, ohne Ersatzfahrer, auf eine F\u00e4hre, im Linksverkehr, auf Single Track Roads with Passing Places? Ja: Dann wisst ihr, welchen Mut ich f\u00fcr diese Tour aufbringen musste (oder seid absolut coole Knochen!) Nein: Sicherlich ahnt ihr den Grund daf\u00fcr. Aber man w\u00e4chst mit seinen Aufgaben und ich konnte am Montag sogar einen unfallfreien Wohnwagen zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Mut kostete es auch meine Mutter, wenn sie auf den Campingpl\u00e4tzen mit den Kindern Fish&#8217;n Chips oder Eis essen ging. Sie musste sich auf Kommunikation mit H\u00e4nden &amp; F\u00fc\u00dfen verlassen, auf geduldige Briten und eine zwar perfekt englischsprachige, aber in solchen Situationen f\u00fcrchterlich sch\u00fcchterne Enkelin. Das ist n\u00e4mlich ein Ph\u00e4nomen, was wir seit etwa zwei Monaten beobachten. Aurelia ging ja fr\u00fcher sehr offen auf Fremde zu und sprach mit jedem. Nun aber ist sie oft sehr scheu, traut sich nicht zu sprechen &#8211; weder in Deutsch noch in Englisch. Selbst wenn sie bei einer Kinderstadtf\u00fchrung nur nach dem Namen gefragt wird, kann es passieren, dass sie sich hinter mir versteckt. Sie musste also auch gro\u00dfen Mut aufbringen, um f\u00fcr die Oma die Bestellung zu \u00fcbersetzen, Fragen zum Alter der Schwester und zur Rasse des Hundes zu beantworten und um die Rechnung zu bitten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4857 alignright\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0624-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0624-300x200.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0624-768x512.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0624.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Bei einem Ausflug zum Pistyll Rhaedr Wasserfall lief Cari mit Aurelia ganz mutig \u00fcber die nassen Felsen bis zum Wasserfall. Noch viel mutiger fand ich es aber von Nele, mir zu sagen: &#8222;Mama, der Wasserfaller ist sch\u00f6n, aber ich bleibe hier. Da wo Cari und Aurelia stehen habe ich Angst.&#8220; Der Mut, eine Angst einzugestehen, ist ganz wichtig. Besonders wenn alle anderen diese Angst nicht haben (oder zeigen?). Denn erst vorne am Wasserfall bekam es Aurelia mit der Angst zu tun und sie traute sich weder vor noch zur\u00fcck. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich aus ihrer Angststarre l\u00f6ste und sich von mir an der Hand auf den Weg f\u00fchren lie\u00df.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4859 alignleft\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1509-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1509-300x200.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1509-768x512.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_1509.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Bathida hatte vor unserer Reise Angst vor Tieren, die gr\u00f6\u00dfer sind als sie. Das ergab in der N\u00e4he von Schafweiden lustige Szenen: Sie n\u00e4herte sich den Schafen interessiert und wollte sie beschnuppern. Das ging aber nur gut, wenn es eine der kleinen Rassen war. Viele ausgewachsene Schafe sind aber gr\u00f6\u00dfer als sie, merkte sie das bei der Ann\u00e4herung, drehte sie sich abrupt um und zog schneller in die andere Richtung, als der Mensch am anderen Ende der Leine reagieren konnte. Noch schlimmer bei K\u00fchen, Eseln und Pferden: Sah sie ein solch gro\u00dfes Tier, wollte sie bei mir auf den Arm. Drei Wochen sp\u00e4ter waren ihr Schafe jeder Gr\u00f6\u00dfe, K\u00fche und sogar Pferde vollkommen egal. Sie konnte sie vollkommen angstfrei passieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4860 alignright\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0872-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0872-200x300.jpg 200w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/DSC_0872.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Der Offa&#8217;s Dyke verlief in Prestatyn dort, wo heute die Bastion Road liegt und f\u00fchrt an deren Ende der Sage nach \u00fcber die heutige Promenade hinweg bis tief in die Irische See hinein. Jeder Wanderer auf dem Offa&#8217;s Dyke Path soll daher am Ende seiner Wanderung ins Meer laufen, und zwar so weit, wie er sich traut (= &#8222;as far, as you dare&#8220;). Das habe ich schon bei den drei vorangegangenen Wanderungen gemacht, aber noch nie war ich so m\u00fcde, das Wasser so kalt und die Beine so blau gefroren wie bei diesem Mal. Das war eine echte Mutprobe, die nicht durch die Wiederholung leichter wird. Ich wusste ja schon, wie kalt das Wasser Ende Mai noch ist, deshalb erforderte es besonderen Mut.<\/p>\n<p><strong>Anerkennung<\/strong><\/p>\n<p>Der Umgang w\u00e4hrend dieser Reise war gepr\u00e4gt von gegenseitiger Anerkennung. Im Alltag geht dies leider manchmal etwas unter, doch in Wales fiel es mir anders auf. Ich ziehe den Hut vor meiner Mutter, die trotz ihrer Beschwerden und ihres Alters tags\u00fcber nach den Kindern sah. Das sagte ich ihr auch einige Male. Andersherum h\u00f6rte ich mehrfach ein Lob f\u00fcr meine Fahrk\u00fcnste und meinen Durchhaltewillen beim Wandern von ihr.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlte viel von meinem Vater, dessen Willenskraft sie zwar manchmal als Sturheit empfunden hatte, insgesamt aber oft bewundert hatte und nun in mir und den Kindern wiederentdeckt.<\/p>\n<p>Das \u00fcbertrug sich auch auf die Kinder. Sie lobten sich gegenseitig und sogar uns Erwachsene. Einige dieser S\u00e4tze habe ich mir notiert, weil ich sie so s\u00fc\u00df fand:<\/p>\n<ul>\n<li>(Aurelia) Toll, Cari, du hast es ganz allein auf das Kletterger\u00fcst geschafft!<\/li>\n<li>(Nele) Ommma, du hast super gesp\u00fclt!<\/li>\n<li>(Cari) Allein angeschnallt! Super Nele! (naja, aber auf dem Fahrersitz, das beschleunigte die Abfahrt nicht)<\/li>\n<li>(Aurelia) Danke, liebe Mama, dass du an Eis gedacht hast, obwohl du den Einkaufszettel vergessen hast (daf\u00fcr hatte ich Kaffee vergessen, aber was ist schon Kaffee gegen Eis?!)<\/li>\n<li>(Cari) Omma, gut gestuft! (= aus dem Wohnwagen ausgestiegen)<\/li>\n<li>(Nele) Mama hat dir beim Sandwich gar nicht geholfen, prima, Cari! (ICH h\u00e4tte ihr auch kein Brot mit Erdnussbutter und Ketchup gemacht!!!)<\/li>\n<li>(Cari) Bathida, du hast super gewartet! (vor der Dusche)<\/li>\n<li>(Aurelia) Ihr habt euch ja ganz allein angezogen. Klasse, NeleCari!<\/li>\n<li>(Nele) Prima Schuhe angezogen, Nele! (wenn mich schon sonst keiner lobt&#8230;)<\/li>\n<li>(Cari) Mama, du riechst sooooo lecker nach Zahn! (ich hatte mir beim Aufweckk\u00fcsschen noch nicht die Z\u00e4hne geputzt)<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit unserer Heimkehr habe ich mich nicht mehr gemeldet. 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