{"id":4971,"date":"2018-08-15T08:18:18","date_gmt":"2018-08-15T06:18:18","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=4971"},"modified":"2018-08-15T08:18:18","modified_gmt":"2018-08-15T06:18:18","slug":"tee-verzaellcher-einweg-waesche-mit-bumerang-effekt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=4971","title":{"rendered":"Tee-Verz\u00e4llcher: Einweg-W\u00e4sche mit Bumerang-Effekt"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir auf Reisen gehen, ist eine der schwierigsten Fragen stets &#8222;Welche Kleidung nehmen wir mit?&#8220;. Und zwar nicht erst, seit die Kinder da sind. Insbesondere auf langen Reisen stellte sich f\u00fcr mich immer die Frage, was in den Koffer oder Rucksack gepackt werden sollte.<\/p>\n<p>Ich kenne mich leider zu gut und wei\u00df, dass ich auf Reisen viel lieber Bekleidung kaufe als zuhause. Unterwegs wei\u00df ich genau, was ich ben\u00f6tige. Es gibt sehr gut sortierte Outdoorl\u00e4den f\u00fcr mich und wundersch\u00f6ne Kleidung f\u00fcr meine T\u00f6chter. Meine <a href=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/?page_id=1043\">Lieblingsweste<\/a> kaufte ich im August 1998 bei einer Reise durch Kanada und wir sind immer noch beste Freunde. Auch die im selben Laden gekauften Wandersandalen sind noch in Betrieb. In Frankreich, Italien und Wales gekaufte Kinderkleidung geh\u00f6rt zu den Lieblingsst\u00fccken meiner Kinder.<\/p>\n<h4>Einweg-W\u00e4sche ist gl\u00fcckliche W\u00e4sche<\/h4>\n<p>Damit auf dem Heimweg das Gep\u00e4ck nicht \u00fcberhand nimmt, haben wir uns schon vor einigen Jahrzehnten ein Einwegw\u00e4sche-System zu Eigen gemacht, dass auch &#8211; und gerade &#8211; mit Kindern fantastisch funktioniert. Wenn\u00a0 Kleidungsst\u00fccke nicht mehr ganz nach unserem Geschmack sind, leichte Verschlei\u00dferscheinungen zeigen, einfach nur \u00fcberz\u00e4hlig sind oder auch dem kleinsten M\u00e4del bald zu klein sein werden, erhalten sie einen bevorzugten Platz im Gep\u00e4ck. Gleiches gilt f\u00fcr B\u00fccher, Campinggeschirr und viele andere Dinge.<\/p>\n<p>Wir sagen der Hose oder dem Thermosbecher also quasi &#8222;Lebewohl&#8220; mit einer letzten gemeinsamen Reise. Das empfinde ich bei lang gedienten ehemaligen Lieblingsst\u00fccken als wichtig. So ein Wanderstiefel ist auch nur ein Mensch &#8211; und kein noch funktionstauglicher Esbitkocher will einfach so zum alten Eisen geworfen werden!<\/p>\n<p>Je nachdem, wohin uns unsere Reise f\u00fchrt, lassen wir diese Sachen nach dem letzten Gebrauch neben dem Abfalleimer im Hotel oder auf dem Campingplatz liegen. Besonders bei den Touren nach Afrika und Asien freuten sich die Zimmerm\u00e4dchen und Hausdamen \u00fcber fast volle Flacons mit Parfum (Geschenk, nicht so richtig mein Duft), Blusen (deren Farbe zu keiner der aktuell passenden Hosen passte) oder Mini-USB-Kabel (von denen ich f\u00fcr jedes Ger\u00e4t ein neues in der Verpackung habe, aber letztendlich im ganzen Haus nur zwei Ladestationen f\u00fcr alle habe).<\/p>\n<h4>Anonyme Geschenke mit hohem Fernweh-Potential<\/h4>\n<p>Wenn ihr nun \u00fcberlegt, ob es nicht herablassend ist, so etwas zu tun: Nein, ist es nicht.<\/p>\n<p>Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich geh\u00f6re zu den Menschen, die solcherart zur\u00fcckgelassenen Dingen ein neues Zuhause schenkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner gesamten Schulzeit leitete meine Mutter ehrenamtlich das Villehaus, das ist das Naturfreundehaus in H\u00fcrth und gleichzeitig eine Jugendherberge. Dort verbrachte ich viele Nachmittage, Abende, Wochenenden und Ferien. Bis vor drei Jahren haben wir dort immer noch sporadisch (manchmal bis zu einem Jahr) Herbergsdienst gemacht. Stets habe ich mich \u00fcber weggeworfene Sachen ge\u00e4rgert, die noch gut waren &#8211; und umso mehr gefreut, wenn ein abreisender Gast diese nicht in den Mischm\u00fcll warf, sondern neben den M\u00fclleimer legte.<\/p>\n<p>Was mir interessant erschien, durfte ich behalten. Das waren englische Krimis, Kassetten mit t\u00fcrkischer Musik und ein Mensch-\u00c4rgere-Dich-Nicht-Spiel mit kyrillischen Schriftzeichen. Ich habe mir mit kanadischen, arabischen und niederl\u00e4ndischen Shampoos die Haare gewaschen, mit Duschgel aus S\u00fcdafrika, Spanien und Taiwan geduscht und Sudokos in einem japanischen R\u00e4tselheft gel\u00f6st, bevor diese in Europa \u00fcberhaupt bekannt waren. Als Teeny hatte ich eine Lieblingsregenjacke mit der kanadischen Flagge und ein Brillenetui, das ein Gast aus Bolivien zur\u00fcck gelassen hatte. Bis heute z\u00e4hlt die neben dem M\u00fclleimer gefundene Bettw\u00e4sche eines Paars aus \u00d6sterreich zu meinen Favoriten (Seither bin ich Uli Stein Fan). Ich h\u00e4tte jederzeit Geld genug f\u00fcr eine neue, volle Schampooflasche gehabt. Aber ich empfand es so als viel spannender. Mit jeder Haarw\u00e4sche wurde mein Fernweh geweckt.<\/p>\n<p>Bei allen Fernreisen haben wir auf dem ersten Campingplatz oder in der Selbstkocherk\u00fcche der ersten Jugendherberge Besteck, Geschirr und Gew\u00fcrze gefunden, die wir w\u00e4hrend unserer Rundreise nutzten. Und nat\u00fcrlich haben wir am letzten Tag Besteck, Geschirr, Gew\u00fcrze, Reis, Nudeln und was sonst f\u00fcr nachfolgende Reisende n\u00fctzlich sein k\u00f6nnte zur\u00fcck gelassen.<\/p>\n<h4>Unerwartetes Wiedersehen<\/h4>\n<p>Dabei passieren lustige Dinge, manchmal gibt es auch ein unerwartetes Wiedersehen.<\/p>\n<p>Bei unserer ersten Recherchefahrt nach Mallorca mussten wir in dem Hotel in Alcudia schon morgens auschecken, unser Flug ging aber erst abends. Das Zimmerm\u00e4dchen entdeckte uns in der Hotelhalle, klatschte in die H\u00e4nde und brachte uns drei Minuten sp\u00e4ter eine T\u00fcte mit Dingen, die wir absichtlich zur\u00fcck gelassen hatten: Sandspielzeug der Kinder, ein definitiv zu klein gewordenes T-Shirt, eine notfallm\u00e4\u00dfig gekaufte und zuhause unn\u00fctze Jacke, Kinderkleidung, Romane&#8230; Sie dachte, wir h\u00e4tten es versehentlich liegen gelassen, denn sie hatte unseren Zettel nicht lesen k\u00f6nnen, auf dem wir in deutsch und englisch klar gestellt hatten, dass wir all dies zur\u00fcck lassen, weil es nicht mehr in den Koffer passt. Ein kurzes Gespr\u00e4ch mit dem Rezeptionisten brachte Klarheit und sie freute sich sehr, besonders \u00fcber die Kindersachen, denn ihre Tochter war exakt ein Jahr j\u00fcnger als die Zwillinge.<\/p>\n<p>Einige Jahre zuvor hatte ich bei der Recherche f\u00fcr den Jakobsweg in einem franz\u00f6sischen Hotel einige Sachen zur\u00fcckgelassen, die mir den Rucksack zu schwer machten. Es war das vierte oder f\u00fcnfte Mal auf dieser Strecke, dass ich mich von Sachen trennte und sie in der Unterkunft lie\u00df oder nach Hause schickte. Die Wetterprognose f\u00fcr meine letzten Etappen bis Le Puy-en-Velay sagte hei\u00dfes und trockenes Wetter voraus, die F\u00fc\u00dfe schmerzten biestig, also musste ich mir ein letztes Mal Erleichterung verschaffen. Am n\u00e4chsten Tag fiel mir auf, dass ich meinen Haust\u00fcrschl\u00fcssel schon l\u00e4nger nicht mehr gesehen hatte und fragte zur Sicherheit in den letzten Unterk\u00fcnften nach. Die nette Dame am Telefon sagte, sie habe etwas in meinem Zimmer gefunden. Sie wolle ohnehin ihre Mutter besuchen, die an meiner Pilgerstrecke wohnt und w\u00fcrde mir meine Habe in der benachbarten Herberge hinterlegen. Mein Franz\u00f6sisch ist schlecht genug, um nicht zu stutzen, wenn Plural genutzt wird, obwohl ich Singular nutze. Doch ich musste ziemlich lachen, als ich in der Herberge nicht etwa einen Briefumschlag mit dem Schl\u00fcssel, sondern einen gro\u00dfen Karton mit all meinem Krempel fand, von dem ich mich absichtlich getrennt hatte. Doch Cluny ist eine Pilgerstadt, in der viele Pilger starten. Deshalb fanden schon am Abend in der Herberge der Schlafsack, das Campinggeschirr, das Reservetaschenmesser, zwei T-Shirts, der Regenponcho und die Isokanne ruck-zuck neue Eigent\u00fcmer, mit denen sie weiter pilgern konnten. (Der Haust\u00fcrschl\u00fcssel fand sich Tage sp\u00e4ter im Erste-Hilfe-T\u00e4schlein)<\/p>\n<h4>Lieb gewonnenes Reiseritual<\/h4>\n<figure id=\"attachment_4978\" aria-describedby=\"caption-attachment-4978\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4978 size-medium\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P8121265-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P8121265-200x300.jpg 200w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P8121265.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4978\" class=\"wp-caption-text\">Eine neue, fr\u00f6hliche Lieblingstasse<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mein letzter Tausch war in Wales auf unserem Campingplatz in Llangollen. Bei unserer \u00fcblichen Nach-der-Anreise-Platzerkundung fanden wir zur\u00fcck gelassenes Geschirr im Sp\u00fclraum. Wir konnten die Teel\u00f6ffel gut brauchen und mir gefiel eine der Tassen sehr gut. Den Rest lie\u00dfen wir stehen, der verschwand in den Zelten und Wohnwagen weiterer Neuank\u00f6mmlinge. Bei unserer Anreise lie\u00dfen wir zwei T\u00f6pfe, eine Pfanne, einige Gl\u00e4ser und Besteck zur\u00fcck. Auf dem Weg nach Hause w\u00fcrden wir nicht mehr kochen und konnten unbesorgt Ballast abwerfen, denn es handelte sich um K\u00fcchenutensilien, die wir eigens f\u00fcr diesen Zweck schon in den heimischen K\u00fcchen aussortiert hatten. Die Tasse ist momentan t\u00e4glich in Gebrauch. Wenn ich schon in diesem Sommer nicht ans Meer fahren kann, stille ich mit dieser Tasse mein t\u00e4gliches Fernweh.<\/p>\n<p>Besonders gerne erinnere ich mich an Einweg-M\u00fcslischalen: Wir bekamen auf einem Campingplatz in Namibia M\u00fcslischalen geschenkt, die ein australisches Paar in Sambia gekauft hatte und damit durch Sambia, Simbabwe, S\u00fcdafrika und Namibia gereist war. Wir lie\u00dfen es vor unserem Abflug auf einem Campingplatz in Botswana zur\u00fcck. Ob diese Schalen inzwischen noch andere afrikanische L\u00e4nder bereist haben? Ich w\u00fcsste gerne, wohin all diese Dinge gereist sind. Aber leider gibt es ja nur f\u00fcr B\u00fccher Tracking-Nummern (wenn ich sie bei Bookcrossing mit einer BCID versehe).<\/p>\n<p>In jedem Fall ist es ein Ritual, das ich bei Reisen sehr liebe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir auf Reisen gehen, ist eine der schwierigsten Fragen stets &#8222;Welche Kleidung nehmen wir mit?&#8220;. 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