{"id":5219,"date":"2018-09-26T13:04:59","date_gmt":"2018-09-26T11:04:59","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=5219"},"modified":"2018-09-26T13:04:59","modified_gmt":"2018-09-26T11:04:59","slug":"the-ostrich-effect-oder-wie-viel-strauss-steckt-in-mir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=5219","title":{"rendered":"The Ostrich Effect &#8211; oder: wie viel Strau\u00df steckt in mir?"},"content":{"rendered":"<h4>Der Kopf im Sand<\/h4>\n<p>Mein Kind wollte von mir wissen, was ein <em>Ostrich Effect<\/em> ist. Auf meine Frage, wo sie den Begriff geh\u00f6rt hat, sagt sie: &#8222;In der Schule, zwei Lehrerinnen sprachen dar\u00fcber, als sie auf dem Schulhof auf uns aufpassten &#8211; und ich verstand nicht, worum es ging.&#8220;\u00a0Ein kurzer Blick ins W\u00f6rterbuch best\u00e4tigt meine Vermutung: Es geht um <em>Vogel-Strau\u00df-Politik<\/em>. Ich erkl\u00e4rte ihr dies mit dem Sprichwort <em>Den Kopf in den Sand stecken<\/em>\u00a0und ihr fiel ein, dass wir im letzten Sommer auf der Strau\u00dfenfarm in Emminghausen auch dar\u00fcber gesprochen hatten. Reisen bildet also wirklich, wenn sie sich ein ganzes Jahr lang gemerkt hat, dass der Strau\u00df den Kopf gar nicht wirklich in den Sand steckt, sondern es f\u00fcr den Betrachter nur so aussieht, weil der Strau\u00df den Kopf so nah am Boden hat, dass er in der bodennahen Luftspiegelung oder im Gras verschwindet.<\/p>\n<p>Nun musste ich ihr erkl\u00e4ren, was englische Lehrerinnen in einer K\u00f6lner Schule mit solchen Strau\u00dfen zu tun haben. Mir kamen verschiedene Erkl\u00e4rungen in den Sinn:<\/p>\n<ul>\n<li>Den Tatsachen nicht in die Augen schauen wollen<\/li>\n<li>Die Augen vor unangenehmen oder peinlichen Wahrheiten verschlie\u00dfen<\/li>\n<li>Bestimmte unangenehme Fakten nicht zur Kenntnis nehmen wollen<\/li>\n<li>Eine drohende Gefahr nicht sehen wollen<\/li>\n<li>Eigene Pflichten nicht sehen wollen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das verstand sie und wir verst\u00e4ndigten uns darauf, dass die Lehrerinnen \u00fcber jemanden gesprochen hatte, der nach dem Motto &#8222;Wenn ich den Kopf in den Sand stecke, sehe ich mein Problem nicht und es sieht mich auch nicht!&#8220; lebt. Sie lachte, gab sich damit zufrieden und zog ihres Weges.<\/p>\n<h4>Will ich es wirklich nicht sehen?<\/h4>\n<p>In mir brodelte dieses Thema aber weiter: Es geht also bei allen Definitionen darum, dass ich objektive Fakten &#8211; Wahrheiten &#8211; Tatsachen &#8211; Gefahren &#8211; Pflichten subjektiv ignoriere, wenn ich <em>den Kopf in den Sand stecke.\u00a0<\/em>Dabei spielt es keine Rolle, ob ich diese Fakten gar nicht erst einmal wahrnehmen will oder falsch einsch\u00e4tze oder nicht\/falsch darauf reagiere.<\/p>\n<p>Nun verstand ich den Vorwurf einer Bekannten, ich w\u00fcrde viel zu oft den Kopf in den Sand stecken. Ooooh, in mir stieg ein saures Gef\u00fchl auf. In der Tat muss ich von au\u00dfen diesen Eindruck erwecken: mein Mailordner quillt \u00fcber mit nicht beantworteten Mails. Auf meinem Schreibtisch warten einige Briefe auf eine Antwort. Meine ToDo-Liste wird von Tag zu Tag l\u00e4nger statt k\u00fcrzer. Jeder, der mit seinem Anliegen in einer dieser Warteschleifen h\u00e4ngt, muss den Eindruck haben, ich dr\u00fccke mich vor der Wahrheit.<\/p>\n<h4>Kritikf\u00e4higkeit<\/h4>\n<p>Andersherum wird ein Schuh daraus: eben WEIL ich der Wahrheit ins Auge blicke und auch unangenehmen &#8211; peinlichen &#8211; bedrohlichen Themen in aller Offenheit und mit der angemessenen Sorgfalt widmen will, bleibt meine Reaktion aus. Insofern kann man mich sicherlich als nicht besonders kritikf\u00e4hig bezeichnen. Ich nehme mir Kritik sehr zu Herzen und besch\u00e4ftige mich lange mit allen einzelnen Kritikpunkten. Sch\u00f6n bl\u00f6d, wenn man ein Naturell hat, das in kleinem Karo gekleidet nicht nur Erbsen z\u00e4hlen, sondern hinterher auch noch Korinthen kacken will. Dazu zwei Beispiele:<\/p>\n<p>1.) Ein Leserbrief zu einem Pilgerweg liegt &#8211; bis auf eine Zweizeiler-Eingangsbest\u00e4tigung &#8211; unbearbeitet in meinem Postfach, weil ich einfach nicht die Zeit finde, all den Fragen und Kritikpunkten im Detail nachzugehen. W\u00fcrde ich einfach nur schreiben &#8222;Liebe Leserin, danke f\u00fcr Ihre Hinweise, ich werde sie in Zukunft beherzigen.&#8220;, w\u00e4re die Sache lange vom Tisch. Aber das perfektionistische Harmonieschaf in mir m\u00f6chte ihr zu jedem Stichpunkt auch eine Antwort geben. Aber: f\u00fcr sie muss es so aussehen, als stecke ich den Kopf in den Sand.<\/p>\n<p>2.) Mit meiner Steuererkl\u00e4rung f\u00fcr 2017 bin ich erst Anfang letzter Woche fertig geworden. Nicht etwa, weil ich dieses unangenehme Thema nicht wahrnahm oder aussitzen wollte. Nein, ich suchte noch eine Honorarabrechnung. Ich h\u00e4tte diesen Beleg auch einfach weglassen k\u00f6nnen, dann w\u00e4ren meine Einnahmen geringer gewesen und ich m\u00fcsste weniger Steuern nachzahlen. Aber ich wollte bei der Wahrheit bleiben, also suchte ich Woche um Woche weiter, bat das Finanzamt um Fristverl\u00e4ngerung bzw. den Verlag um ein Ersatzdokument und fand &#8211; just zwei Stunden nach Absenden dieser Bitte &#8211;\u00a0\u00a0auf der <em>R\u00fcckseite<\/em> eines wundersch\u00f6nen Gem\u00e4ldes meiner j\u00fcngsten Tochter eben diese Abrechnung. Fein s\u00e4uberlich zwischen all ihren anderen Kunstwerken abgelegt hatte ich dies und fand es nur aus Zufall, weil ich zwei neue Gem\u00e4lde dahinter legen wollte.<\/p>\n<h4>Selbstwert<\/h4>\n<p>Meine pers\u00f6nliche Vergangenheit machte mich zu einem Menschen mit geringem Selbstwertgef\u00fchl. Die Bed\u00fcrfnisse anderer standen stets im Vordergrund. Meine W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume mussten hintanstehen, fielen oft auch einfach durchs Rost. Ich hatte zu funktionieren und gab keine Widerworte. Ich sehnte mich so sehr nach Anerkennung, nach Respekt, nach Freundschaft und wollte keinem zur Last fallen. Das hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert. Auch das kann wie ein in den Sand gesteckter Kopf aussehen. Beispiele gef\u00e4llig?<\/p>\n<p>1.)\u00a0Jahrelang war ich ja davon ausgegangen, keine Kinder haben zu k\u00f6nnen. Als eine Freundin im Sauerland endlich nach einigen Anstrengungen und Tiefschl\u00e4gen eine kleine Tochter bekam, freute ich mich offen mit ihr \u00fcber dieses kleine Wunder. Doch ich merkte, dass es ihr mir gegen\u00fcber irgendwie unangenehm war, sich \u00fcber ihr Muttergl\u00fcck zu freuen. Jedes Mal, wenn wir uns trafen oder telefonierten, kamen wir an einen Punkt, an dem sie ganz traurig wurde und mich daf\u00fcr bemitleidete, dass es bei mir nicht klappte. So sehr ich betonte, dass ich mich doch mit ihr freue: Die Stimmung war dann hin\u00fcber. Einmal sagte mir ihr Mann, dass sie manchmal noch Tage nach unserem Treffen traurig war und sich nicht richtig an ihrem M\u00e4uschen freuen konnte angesichts der Tatsache, dass mir dieses Gl\u00fcck verwehrt blieb. Ich sprach mit ihr dar\u00fcber, dass es wohl besser ist, wenn wir uns nicht mehr treffen, denn ich wollte nicht, dass sie wegen mir traurig ist. Sie sagte, sie komme sich irgendwie als Verr\u00e4terin vor, weil sie nun doch schwanger geworden sei.Meine Beteuerungen, es mache mir nichts aus, wies sie von sich und sie versprach mir, sich wieder bei mir zu melden, wenn sie das Gef\u00fchl h\u00e4tte, mir ohne dieses Schuldgef\u00fchl begegnen zu k\u00f6nnen. Ich warte nun schon seit 1997 darauf, dass sie sich bei mir meldet. Vielleicht wartet sie aber auch immer noch darauf, dass ich mich melde und denkt, ich habe den Kopf in den Sand gesteckt&#8230;<\/p>\n<p>2.) Die letzte Mail eines Freundes lag einen ganzen Monat unbeantwortet in meinem Eingangsordner, die eines guten Bekannten wartet nun schon seit April auf eine Antwort, ebenso erging es meinem Exmann mit einer seit sechs Wochen unbeantworteten SMS. Alles, was ich h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen, w\u00e4re Gejammer gewesen. Ich h\u00e4tte mich ausgeheult \u00fcber je eine geplatzte gemeinsame Tour, \u00fcber meinen hundsmiserablen Gesundheitszustand, meinen Stress, meine psychischen Belastungen, mein unertr\u00e4gliches Schlafdefizit, meine Hilflosigkeit bei Fragen der Erziehung und Betreuung meiner Kinder, und und und. Ich wollte den Kerls aber nicht zur Last fallen. Ich wollte sie nicht mit meiner miesen Verfassung runterziehen. Also schwieg ich und lie\u00df die Mails unbeantwortet. Wieder steckte mein Kopf vermeintlich im Sand, der in Wirklichkeit einfach nur vollkommen ermattet am Boden lag.<\/p>\n<h4>\u00dcberforderung<\/h4>\n<p>Jedes Mal, wenn mir jemand auf die Schulter klopft und sagt: &#8222;Wie DU das schaffst?! Drei Kinder, Hund und Haus. Ich bewundere dich!&#8220; k\u00f6nnte ich losheulen oder schreien. Manchmal folgt dann noch der Satz &#8222;Ich k\u00f6nnte das nicht.&#8220; oder &#8222;Hast du denn dann \u00fcberhaupt noch Zeit f\u00fcr dich?&#8220;, dann ist mir eher nach w\u00fcrgen zumute. Welche Alternativen habe ich denn? Mich einfach um nichts davon mehr k\u00fcmmern? Die Kinder und den Hund ins Heim geben? Das Haus verkommen und den Garten verwildern lassen? (Interessant ist \u00fcbrigens, dass in diesen &#8222;Bewunderungen&#8220; mein Broterwerb nie auftaucht. Das scheint nach au\u00dfen weder zeitlich noch nervlich eine Belastung zu sein.) Ich versuche trotz dieser Vielfachbelastung immer noch alles am Laufen zu halten. T\u00e4tigkeiten wie Sp\u00fclen, W\u00e4sche, Aufr\u00e4umen, Tanken, Lesen\u00fcben mit Aurelia, Einkaufen, Glascontainerbesuche, Hunderunden mit Bathida,&#8230; m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig, oft sogar t\u00e4glich, erledigt werden, egal was au\u00dferdem zu tun ist. Was nicht zur Routine geh\u00f6rt, vergesse ich oft schlichtweg oder finde einfach keine Zeit dazu, weil es keinen fixierten Termin hat. Auch hierzu zwei Beispiele:<\/p>\n<p>1.) Letzte Woche fragte ich nach Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Fotos f\u00fcr die Via Francigena. BiBo war so lieb, sich anzubieten und ich hatte ihr hier in den Kommentaren auch noch freudig gedankt. Erst jetzt, w\u00e4hrend ich dies schreibe, f\u00e4llt mir wieder ein, dass sie auch eine Mail geschrieben hatte, auf die ich noch antworten muss, um Details zu verabreden. Ich habe die Mail gelesen, mich auch dar\u00fcber gefreut, aber war einfach mit meinem Alltag so \u00fcberfordert, dass ich noch keine Antwort zustande gebracht habe.<\/p>\n<p>2.) Zum Abschluss meiner K\u00f6ln-Recherchen wollte ich Ende Juni oder Anfang Juli alle meine Recherchehelfer auf ein Glas Apfelschorle und ein W\u00fcrstchen in unseren Garten einladen. So hatte ich es mir im April\/Mai vorgestellt. Zum Schuljahresende \u00fcberrollte mich aber eine Woge von Arbeit, die langsam erst abflacht. Als ich nun wieder an meine Idee dachte, schaute ich in einen herbstlichen Regenschauer und stellte fest, dass ich (zumindest f\u00fcr dieses Jahr die Chance vertan hatte, einen sch\u00f6nen warmen Nachmittag im garten zu verbringen.<\/p>\n<h4>Schwerpunktsetzung<\/h4>\n<p>Ich habe einen ungew\u00f6hnlichen Sprachfehler: Ich kann nicht <em>nein<\/em> sagen.\u00a0Das f\u00fchrt zu noch gr\u00f6\u00dferer Zeitnot. Und &#8211; noch schlimmer &#8211; wenn ich \u00fcberfordert bin, neige ich zu falscher Schwerpunktsetzung. Ich kann wichtig und unwichtig oft nicht unterscheiden. Nach dem Motto <em>Jetzt ist doch sowieso alles egal<\/em> schreibe ich grade an einem viel zu langen Blogbeitrag, statt mich um die zeitkritischen Arbeiten f\u00fcr meine Verlage und um dringende Arbeiten im Haus zu k\u00fcmmern. Das l\u00e4sst sich nur sch\u00f6n reden, indem ich mir sage, dass es meiner Psyche gut tut, meine Gedanken zu dem Strau\u00df mit dem Kopf im Sand in Worte zu fassen, um danach klarer zu sehen. Mitunter wirkt es aber auch nur so:<\/p>\n<p>1.) Muss ich wirklich mehrere Tage in Folge in der Schule alte Schuluniform sortieren, obwohl ich dringend neue Arzttermine f\u00fcr Lunge, Knie\/F\u00fc\u00dfe, Z\u00e4hne und j\u00e4hrlichen Gyn-T\u00dcV verabreden m\u00fcsste? K\u00f6nnte das kein anderer machen? Nein, dann w\u00fcrde es nicht gemacht und die gespendeten Uniformteile w\u00fcrden ungepr\u00fcft in S\u00e4cke gestopft und in einem Container landen, der dann erst in einer Schule in Namibia ge\u00f6ffnet w\u00fcrde. Dort w\u00fcsste man schnell, was die Spender von den Empf\u00e4ngern halten. Denn ich sortiere t\u00e4glich etliche l\u00f6chrige, verschlissene, zerrissene und vollkommen verdreckte Uniformteile aus. Mir privat w\u00e4re es peinlich, wenn solche Sachen als <em>Geschenk <\/em>verschifft w\u00fcrden und die &#8211; damit gedem\u00fctigten &#8211; Menschen daf\u00fcr auch noch <em>Dankesch\u00f6n<\/em> sagen m\u00fcssten. Ja, es ist falsche Schwerpunktsetzung, aber nicht aus Faulheit, oder weil ich den Kopf in den Sand stecke, um das Fortschreiten meiner Krankheiten nicht zu sehen, sondern aus humanit\u00e4ren und sozialen Empfindungen heraus.<\/p>\n<p>2.) Muss ich ausgerechnet jetzt Handwerkerangebote einholen, obwohl ich dringend f\u00fcr Recherchen in die Eifel m\u00fcsste? Nein, <em>m\u00fcssen<\/em> muss ich nicht. Aber die durchzuf\u00fchrenden Arbeiten sind auch wichtig und man wei\u00df ja, wie lange man mitunter auf freie Termine bei Handwerkern warten muss. Da ich mir eine Fertigstellung noch in diesem Jahr vorgestellt habe (in drei Monaten ist Weihnachten schon fast vor\u00fcber!), kann ich das auch nicht ewig auf die lange Bank schieben.<\/p>\n<p>In diesem Sinne: seid gn\u00e4dig mit mir, wenn ihr etwas von mir erwartet, was nicht oder nicht zum erwarteten Zeitpunkt passiert. Ich meine es niemals b\u00f6se und stecke auch nicht den Kopf in den Sand, sondern habe ganz andere Sorgen mit der Erledigung dieser Aufgabe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kopf im Sand Mein Kind wollte von mir wissen, was ein Ostrich Effect ist. 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