{"id":6803,"date":"2020-03-18T15:57:15","date_gmt":"2020-03-18T14:57:15","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=6803"},"modified":"2020-03-18T16:50:36","modified_gmt":"2020-03-18T15:50:36","slug":"vollkommen-unvollkommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=6803","title":{"rendered":"Vollkommen unvollkommen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin keine Supermutti.  <\/p>\n\n\n\n<p>Auch keine Supermama, wie wir hier im Rheinland eher sagen w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einmal &#8211; kindunabh\u00e4ngig &#8211; ein Superwoman.<br><br>Mir ist das bewusst. Und ich kann damit leben.<br><br>Manchmal schleicht sich ein Gef\u00fchl von Hochachtung und Neid ein, wenn ich den &#8211; zum Teil ziemlich selbstgef\u00e4lligen &#8211; Erz\u00e4hlungen anderer M\u00fctter in der Schule lausche. Auch viele Blog- und  Instagram-Beitr\u00e4ge mit ihren Selbstbeweihr\u00e4ucherungen lese ich und werde ganz still. <\/p>\n\n\n\n<p>Geradezu unheimlich sind mir M\u00fctter, die mehrere Stunden mit der Gestaltung von Obstplatten f\u00fcr das Halloween- oder Karnevalsfr\u00fchst\u00fcck der Schulklasse ihres Kindes zubrachten und die Kinder nicht einmal helfen lie\u00dfen. Dass genau diese Kinder dann bei dem Fr\u00fchst\u00fcck lieber Chips gegessen haben, wundert mich nicht besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Wochen vor Ausbruch des Corona-Virus habe ich mehrfach dar\u00fcber gestaunt, dass es M\u00fctter (und V\u00e4ter!) gibt, die Geburtstagsfeiern zum 4. bzw. 5. Geburtstag mehr als ein halbes Jahr im Voraus bis ins letzte farbliche Detail durchplanen und dann noch ungl\u00fccklich sind, dass nicht alles genau so ist, wie sie es sich vorgestellt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell gibt es M\u00fctter, die es schaffen, alle Homelearning-Aufgaben f\u00fcr ihre Kinder zu begleiten, ihre Kleinkinder zu betreuen, dabei ihre eigene Arbeit im Homeoffice gewissenhaft zu erledigen und zu allem \u00dcberfluss fesch angezogen und geschminkt im Rewe an der Europalette Mehl anzustehen.<br><br>Ich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Geburtstage meiner Kinder sind garantiert zu mindestens 50 % improvisiert. Das hat aber den Vorteil, dass ich nicht daran verzweifele, wenn die eigens bestellten Elfen-Schnickschnack-Details sich auf ihrem Weg von China um drei Wochen versp\u00e4ten. Ich plane die Improvisation gleich ein und verwende mehr Zeit auf die Auswahl der &#8222;Location&#8220;, als auf die farblich zu den Einladungskarten passenden Servietten (Neun von zehn Kindern in diesem Alter wischen sich doch ohnehin die H\u00e4nde an der Hose oder am Shirt ab&#8230;). <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Instagram las ich vor einiger Zeit von einer befreundeten Mutter: &#8222;Ich bereue gar nichts in meinem Leben. Nicht einen einzige Entscheidung w\u00fcrde ich heute anders w\u00e4hlen, weil ich mich immer ganz bewusst entscheide&#8230;&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann nicht von mir sein. Ich bereue immer wieder eine meiner Entscheidungen, obwohl ich sie damals bewusst getroffen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber oft versteht man erst Jahre sp\u00e4ter, welche Folgen eine Entscheidung hat. Das ist auch nicht schlimm. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn nur wenn ich mir ehrlich eingestehe, dass eine bestimmte Entscheidung f\u00fcr jemanden oder gegen etwas aus der damaligen Sicht vielleicht richtig war, aktuell aber \u00fcberdacht werden muss, bleibe ich handlungsf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Wohnung kann nicht f\u00fcr &#8222;Sch\u00f6ner Wohnen&#8220; fotografiert werden. Ich vermute eher, dass die Kripo nach einem Einbruch notieren w\u00fcrde &#8222;Alle Schr\u00e4nke in allen Zimmer durchw\u00fchlt&#8220;, auch wenn der Einbrecher nicht einmal den Flur betreten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ich den Anspruch an mich, die perfekte Hausfrau zu sein, d\u00fcrfte ich meinen Kindern, meinem Hund und mir nicht so viele Freiheiten erlauben. Ja, es ist eine Sauerei, wenn die Kinder allein mit Schere, Farbe und Kleber hantieren. Ja, es ist ein Chaos, wenn ich ein halb aufgebautes M\u00f6belst\u00fcck stehen lasse, um meiner Tochter bei den Hausaufgaben zu helfen. Ja, es ist eine Sauerei, wenn ich benutzte Pinsel einfach in die Sp\u00fcle werfen lasse, weil ich lieber erst in Ruhe mit meinem Besuch Tee trinke. Ja, es ist ein Chaos, wenn ich die W\u00e4schek\u00f6rbe mit B\u00fcgelw\u00e4sche erst ewig sp\u00e4ter ausr\u00e4ume, weil ich lieber mit den Kindern unsere Quitten ernte oder den ersten Marienk\u00e4fer des Jahres bestaune. Ja, es ist eine Sauerei, wenn Bathida im Winter aus dem kuschelig warmen (aus ihrer Sicht: vollkommen \u00fcberheizten) Kaminzimmer in den Garten fl\u00fcchtet, sich im Regen auf die Wiese legt und nach einer halben Stunde zum Sch\u00fctteln zur\u00fcck in die K\u00fcche kommt. Und nat\u00fcrlich ist es ein Chaos, wenn drei Kinder gleichzeitig ihre Schulschlie\u00dfungsaufgaben erledigen, zu denen auch das Vorlesen, Singen, Blumenbasteln, Blumens\u00e4hen und gegenseitige Zeichnen geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass die Kinder in 20 Jahren nicht voller Begeisterung von einer aufger\u00e4umten oder unordentlichen Wohnung sprechen werden, wenn sie an ihre Kindheit zur\u00fcck denken. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie werden sich an Kastaniensammeln, Kaninchenkuscheln und Kerzenscheinvorlesestunden erinnern. Oder von lackierten Hundekrallen, Zweiminutensaunagangversuchen und gegen Mamas Willen heimlich bemalten Arbeitszimmerw\u00e4nden berichten. Bestimmt sind sie auch als Erwachsene noch stolz darauf, dass sie schon im Kindergarten- und Grundschulalter Fliesen legen, tapezieren, malern, schneidern, Blumen pflanzen, M\u00f6bel aufbauen und Heizk\u00f6rper entl\u00fcften (bitte zudrehen, wenn Wasser kommt. Zudrehen, Cari, schnell zudrehen! Iiiiieh!) durften. Vielleicht gefallen ihnen die Kunstwerke ihrer Kindheit auch noch in 20 Jahren, denn ich verwahre sie alle f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere wenn wir uns sp\u00e4ter an den Shutdown im Jahr 2020 erinnern, m\u00f6chte ich lieber \u00fcber gemeinsames Yoga am Morgen und gemeinsam zubereitete Mahlzeiten schmunzeln, als an perfekte Erledigung aller Aufgaben f\u00fcr die Schule und eine penibel saubere Wohnung. Auch beim Backen k\u00f6nnen die Kinder sogar etwas \u00fcber Ma\u00dfe und Gewichte lernen, und beim Kaninchenf\u00fcttern \u00fcber Biologie&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Also meine Lieben, seid wie ihr seid! Versucht gar nicht erst einmal vollkommen zu sein. Schon gar nicht jetzt in der Corona-Krise. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer alles kann, muss auch alles machen. Wer f\u00fcr alles Zeit hat, bekommt immer noch mehr aufgebrummt. Konzentriert euch auf das, was euch wichtig ist. Ob es die richtige Wahl war, erkennt ihr wahrscheinlich ohnehin erst viel sp\u00e4ter &#8211; oder gar nicht.<br><br>Solltest GENAU DU allerdings wirklich vollkommen sein, finde ich das auch vollkommen okay. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn alle Menschen sind vollkommen anders.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin keine Supermutti. Auch keine Supermama, wie wir hier im Rheinland eher sagen w\u00fcrden. Nicht einmal &#8211; kindunabh\u00e4ngig &#8211; ein Superwoman. 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