{"id":700,"date":"2016-08-25T10:46:22","date_gmt":"2016-08-25T08:46:22","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=700"},"modified":"2017-05-11T22:17:36","modified_gmt":"2017-05-11T20:17:36","slug":"deine-reise-ist-nicht-meine-reise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=700","title":{"rendered":"Deine Reise ist nicht meine Reise!"},"content":{"rendered":"<p>Ich mag meine Leser und Leserinnen. Ehrlich! Sonst w\u00fcrde ich mich nicht mit anstrengenden Recherchen bei Wind und Wetter, Sturm und Schnee, Hitze und M\u00fccken abplagen.<\/p>\n<p>Ich helfe meinen Lesern und Leserinnen gerne. Ehrlich! Sonst w\u00fcrde ich nicht jeden Leserbrief so schnell wie m\u00f6glich beantworten und auf Sonderw\u00fcnsche eingehen. Diese Woche\u00a0z.B. habe ich die \u00dcberarbeitung der Via Francigena ab Lucca allen anderen laufenden Arbeiten vorgezogen, weil eine nette Leserin fragte, welche \u00c4nderungen es gegen\u00fcber der Ersten Auflage gebe. Sie startet morgen\u00a0in Lucca und l\u00e4uft bis Rom. Ich hoffe, ich kann ihr meinen Manuskriptentwurf rechtzeitig zukommen lassen. Dr\u00fcckt mir die Daumen, dass die M\u00e4use trotz der Hitze schnell einschlafen und gut durchschlafen!<\/p>\n<figure id=\"attachment_788\" aria-describedby=\"caption-attachment-788\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-788\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/P8251444-300x225.jpg\" alt=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/P8251444-300x225.jpg 300w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/P8251444-768x576.jpg 768w, http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/P8251444-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-788\" class=\"wp-caption-text\">Schreibtisch-Stillleben<\/figcaption><\/figure>\n<p>Manchmal f\u00e4llt es mir\u00a0aber sehr schwer, meine Leser und Leserinnen zu m\u00f6gen bzw. ihnen zu helfen. Wie auch sonst im Leben macht sich auch bei Buchk\u00e4ufern und Pilgern eine Entwicklung bemerkbar, die ich f\u00fcr mich mit &#8222;7\/7 &amp; 24\/24&#8220; bezeichne. In den ersten Jahren als Reisebuchautorin bekam ich alle paar Monate einen Stapel Leserbriefe aus dem Verlag geschickt. Meist enthielten sie Verbesserungsvorschl\u00e4ge und Erg\u00e4nzungen, die die Schreiber w\u00e4hrend einer Reise mit meinem Buch notiert hatten. Seit einigen Jahren kommen dieser R\u00fcckmeldungen nicht mehr als Snailmail, sondern als sofort aus dem Verlag weitergeleitete e-Mail. Auch gut, so konnte ich ver\u00e4nderte Wegf\u00fchrungen, geschlossene Hotels oder neue Herbergen viel schneller in die Updates aufnehmen lassen.<\/p>\n<p>Irritiert bin ich hingegen von immer \u00f6fters bei mir eingehenden e-Mails und Anrufen, in denen ich in Echtzeit reagieren muss. Drei\u00a0Beispiele aus dieser Woche:<\/p>\n<p>1.) Am Montag bekam ich eine Mail, in der mich ein Pilger fragte &#8222;Ich stehe aktuell an der R\u00f6merstra\u00dfe vor Galleno. Werde ich es auf der markierten Route bis 15 Uhr nach San Miniato schaffen? K\u00f6nnen Sie mir einen Tipp f\u00fcr eine Abk\u00fcrzung geben?&#8220;<\/p>\n<p>2.) Ebenfalls am Montag meldete sich ein Leser per Mail und fragte nach der Wettervorhersage und Tidentabelle f\u00fcr S\u00fcdwestwales. Es sei mit meinem Buch auf dem Pembrokeschire Coast Path unterwegs, spreche aber nicht gut genug Englisch, um seine B&amp;B Zimmerwirtin zu fragen.<\/p>\n<p>3.) Gestern Abend um 19:32 Uhr rief eine Frau bei mir\u00a0an: &#8222;Ich habe Ihnen doch schon um 18:55 Uhr gemailt, haben Sie meine Mail nicht bekommen?!&#8220;, war die vorwurfsvolle Eingangsfrage, nachdem ich meinen Namen genannt hatte. Erst einige Vorw\u00fcrfe und Maulereien sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass sie Jakobspilgerin ist und mit meinem Buch auf dem Weg nach Le Puy-en-Velay in Toul\u00a0eine Wanderpause einlegt. Die erste Nacht hatte sie in einem Hotel \u00fcbernachtet, das ich im Buch empfohlen hatte, wollte aber in der zweiten Nacht woanders schlafen. Leider hatte sie sich erst am sp\u00e4ten Nachmittag um eine Unterkunft gek\u00fcmmert und stellte nun fest, dass keine andere von mir genannte Unterkunft ein Bett f\u00fcr sie frei hat und ihr Zimmer im letzte Hotel nun auch wieder vergeben war. &#8222;Warum schreiben Sie denn da nur Unterk\u00fcnfte rein, die am Ende nicht genutzt\u00a0werden k\u00f6nnen?&#8220;, war eine der Fragen. &#8222;Die sind alle belegt, also suchen Sie mir BITTE eine freie!&#8220;, hie\u00df es dann.<\/p>\n<p>Pilger und Wanderer scheinen\u00a0aus meinem subjektiven Empfinden heraus immer unselbst\u00e4ndiger zu werden. Wanderf\u00fchrer und\u00a0Pilgerf\u00fchrer sind\u00a0heute ohne GPS Track unverk\u00e4uflich. Mich wundert nicht, dass so viele Leute bei Pokemon Go Unf\u00e4lle bauen. Ich sehe selbst oft genug Wanderer durch den Wald tapsen, die den Blick weder auf den Weg, noch in die Landschaft richten, sondern mit starrem Blick wie ferngesteuert \u00fcber Wurzeln stolpern, in Pf\u00fctzen latschen oder ihren Wanderpartner anrempeln. Diese GPS-Track-Zombies empfinde ich durch das\u00a0st\u00e4ndige Gepiepse ihrer Ger\u00e4te\u00a0auch nicht eben als angenehme Laufpartner, w\u00e4hrend ich ansonsten schon &#8218;mal gerne mit einem anderen Wanderer oder Pilger ein St\u00fcck des Weges gemeinsam gehe.<\/p>\n<p>Meine &#8222;7\/7 &amp; 24\/24&#8220;-Leser wollen mich st\u00e4ndig in ihrer N\u00e4he wissen. Sie beschweren sich schon von unterwegs, sp\u00e4testens aber nach Ende der Reise \u00fcber alles, was nicht absolut optimal gelaufen ist. Nat\u00fcrlich freue ich mich \u00fcber Informationen \u00fcber den ge\u00e4nderten Wegverlauf, die Schlie\u00dfung eines Hotels oder die Neuer\u00f6ffnung einer Pilgerherberge. Wobei ich mich noch mehr freuen w\u00fcrde, wenn dies nicht so oft als Vorwurf formuliert\u00a0w\u00fcrde. Aber ich bin eben aus Sicht meiner Leser auch daf\u00fcr verantwortlich zu machen, wenn in einem 2012 recherchierten Buch eine 2016 neu eingerichtete Stempelstelle f\u00fcr Pilgerp\u00e4sse nicht vermerkt ist. Au\u00dferdem bin ich nat\u00fcrlich auch\u00a0allein\u00a0schuldig daran,<\/p>\n<ul>\n<li>wenn es zu viel regnet<\/li>\n<li>wenn man auf der Anreise schon im Bahnhof des Heimatortes die Geldb\u00f6rse gestohlen bekommt<\/li>\n<li>wenn nach l\u00e4ngeren Regenf\u00e4llen ein Weg matschig ist,<\/li>\n<li>wenn im Hochsommer der mitwandernde Hund so viel Wasser s\u00e4uft, dass das Herrchen R\u00fcckenprobleme bekommt<\/li>\n<li>wenn der Weg zu sehr abgeschattet ist<\/li>\n<li>wenn der Weg zu sonnig ist<\/li>\n<li>wenn ein B&amp;B-Gastgeber seine mobile Telefonnummer gewechselt hat<\/li>\n<li>wenn im Juli auf dem Gro\u00dfen Sankt Bernhard noch Schnee liegt<\/li>\n<li>wenn die Kirchenglocken neben einer von mir genannten Unterkunft schon um 6 Uhr l\u00e4uten<\/li>\n<li>wenn der Kaffee in einer Pilgerherberge nicht schmeckt<\/li>\n<li>wenn der Weg durch einen von Touristen \u00fcberlaufenen Ort f\u00fchrt<\/li>\n<li>wenn man sich (im November) als einziger Benutzer eines Campingplatzes nachts gruselt<\/li>\n<li>wenn ganze 6 km ohne Wasserstelle zu laufen sind<\/li>\n<li>wenn der im Wohnmobil parallel mitreisende Partner sich auf dem Weg zum n\u00e4chsten Treffpunkt verf\u00e4hrt<\/li>\n<li>wenn die Vermieterin zur verabredeten Zeit nicht da ist<\/li>\n<li>wenn der Weg zu steil ist<\/li>\n<li>wenn der Weg durch ein langweiliges Gewerbegebiet gef\u00fchrt wird<\/li>\n<li>wenn der Weg durch ein lautes Gewerbegebiet gef\u00fchrt wird<\/li>\n<li>wenn der Weg an einer stinkenden Kompostieranlage entlang f\u00fchrt<\/li>\n<li>wenn der Weg an einem stinkenden Kl\u00e4rwerk\u00a0entlang f\u00fchrt<\/li>\n<li>wenn man beim Abk\u00fcrzen einer Etappe ganze 25 Euro f\u00fcr eine Taxifahrt zahlen muss<\/li>\n<li>wenn der Bus wegen Nebel versp\u00e4tet kommt<\/li>\n<li>wenn man nach einem sandigen Wegabschnitt Blasen an den F\u00fc\u00dfen hat<\/li>\n<li>dass in Lausanne keine Pilgerp\u00e4sse verkauft werden<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Aufz\u00e4hlung ist ein kleiner Auszug aus den Leserbriefen der letzten Monate, ich k\u00f6nnte sie\u00a0noch stundenlang fortsetzen, aber ich will der Dame helfen, die morgen in Lucca startet und ihr habt zumindest eine grobe Vorstellung davon, wie schlecht ich mit meinen Lesern umgehe.<\/p>\n<p>Das Anspruchsdenken der Leser l\u00e4sst sich nur mit viel Humor ertragen. Ich denke mir dann immer &#8222;Deine Reise ist nicht meine Reise!&#8220;. Ich helfe anderen gerne bei ihrer Reise. Es bleibt aber ihre Reise, ihre Verantwortung, ihr Gl\u00fcck, ihr Pech.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich mag meine Leser und Leserinnen. Ehrlich! 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