{"id":7928,"date":"2020-10-28T20:09:40","date_gmt":"2020-10-28T19:09:40","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=7928"},"modified":"2020-10-28T20:09:40","modified_gmt":"2020-10-28T19:09:40","slug":"lockdown-light-alles-andere-als-leicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=7928","title":{"rendered":"Lockdown light &#8211; alles andere als leicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Ihr kennt mich als Reisejournalistin, die gerne unterwegs ist, dar\u00fcber auch berichtet und euch Tipps f\u00fcr eure n\u00e4chste Reise gibt. Ihr kennt mich als brave B\u00fcrgerin, Juristin und Beamtin, die sich an Gesetz und Recht h\u00e4lt und dies auch nach au\u00dfen verteidigt. Ihr kennt mich als Rheinl\u00e4nderin, die &#8222;et is wie et is&#8220; sagt, sich an eine neue Situation anpasst und das Beste daraus macht. Ihr kennt mich wahrscheinlich nicht als verzagtes H\u00e4uflein Elend, das Angst vor der Zukunft hat. Genau das bin ich aktuell &#8211; nach der Pressekonferenz des Corona-Krisengipfels heute Nachmittag.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Frau Bundeskanzlerin Merkel schwer \u00fcber die Lippen kam und wo f\u00fcr sie sich in jedem zweiten Satz bei uns entschuldigte ist schnell zusammengefasst:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ab dem 2. November kommt es zu einem zweiten Lockdown. Sie nimmt das Wort nicht in den Mund und redet mit vielen Bl\u00fcmchen drum herum. In einigen Details unterscheidet er sich vom ersten Lockdown. Aber es ist ein zweiter Lockdown. S\u00f6der nennt ihn in seiner Ansprache dann auch &#8222;milderen Lockdwn&#8220;.<\/li><li>Schulen und Kitas bleiben ge\u00f6ffnet.<\/li><li>Ansonsten wurden massive Kontaktbeschr\u00e4nkungen in allen Lebensbereichen beschlossen.<\/li><li>Allgemeines und bundesweites Beherbergungsverbot f\u00fcr private und touristische Zwecke.<\/li><li>Pers\u00f6nliche Kontakte in der \u00d6ffentlichkeit sollen auf Angeh\u00f6rige des eigenen und eines weiteren Hausstandes mit maximal zehn Personen beschr\u00e4nkt werden.<\/li><li>Gastronomiebetriebe sollen den gesamten November schlie\u00dfen.<\/li><li>Theater, Opern- und Konzerth\u00e4user sollen den gesamten November schlie\u00dfen.<\/li><li>Veranstaltungen, die der Unterhaltung\u00a0und\u00a0der Freizeit dienen, werden untersagt.<\/li><li>Freizeit-\u00a0und\u00a0Amateursport sollen unterbleiben, der Individualsport ist ausgenommen. Profisport ohne Zuschauer.<\/li><li>Dienstleistungsbetriebe im Bereich der K\u00f6rperpflege wie Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo-Studios,&#8230; werden geschlossen, weil in diesem Bereich eine k\u00f6rperliche N\u00e4he unabdingbar ist. Friseure d\u00fcrfen diesmal unter den bestehenden Auflagen weiter arbeiten.<\/li><li>Physiotherapeuten, Podologen, Ergotherapeuten und Logop\u00e4den bieten medizinisch notwendige Behandlungen an und d\u00fcrfen besucht werden.<\/li><li>Gro\u00df- und Einzelhandel bleibt diesmal in allen Bereichen offen. Je Kunde m\u00fcssen mind. 10 m\u00b2 zur Verf\u00fcgung stehen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das wird ab kommendem Montag wieder tief in das Leben aller Menschen eingreifen. Es wird uns nicht leicht fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind sehr dankbar daf\u00fcr, dass die Politiker mit Augenma\u00df beraten haben. Die Schulen und KiTas bleiben ge\u00f6ffnet, um schwere Sch\u00e4den von den Kindern abzuwenden, die im ersten Lockdown mit ihren zum Teil vollkommen \u00fcberforderten Eltern allein gelassen wurden. Es soll weiterhin m\u00f6glich sein, unter strengen Hygieneregeln die Bewohner von Pflegeheimen zu besuchen, die sich im ersten Lockdown eingesperrt und von der Welt vergessen vorkamen. Zu Spielpl\u00e4tzen wurde nichts gesagt, wir hoffen, dass sie weiter ge\u00f6ffnet bleiben. Tags\u00fcber f\u00fcr unsere Kinder, nach Einbruch der Dunkelheit f\u00fcr die Teenies unseres Ortes, die sonst ja gar nicht mehr wissen, wohin sie gehen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich in den November sehe, wird mir dennoch flau: Ich sehe Restaurants schlie\u00dfen, die nie wieder \u00f6ffnen werden, weil sie schon jetzt alle Reserven verbraucht haben. Ich sehe Betreiber von Fitnessstudios, Hotels, Kinos,&#8230; \u00fcber Insolvenzverfahren nachdenken. Ich sehe Kleink\u00fcnstler, Soloselbst\u00e4ndige und Reisebuchautoren \u00fcber Hartz-IV-Formularen br\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe meine Fu\u00dfpflegerin mit unterdr\u00fccktem Weinen bei mir anrufen, wie schon im M\u00e4rz, um mir zu erkl\u00e4ren, dass sie den Termin absagen muss, weil sie keine gepr\u00fcfte Podologin ist. Aber sie ist besser f\u00fcr meine krummen F\u00fc\u00dfe als alle echten Podologen, bei denen ich je war!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe daneben heimliche Feiern, bei denen sich Dutzende von Studenten oder Gro\u00dffamilien ohne jedes Schutzkonzept treffen. W\u00e4re es da nicht besser, sie in der Gastronomie mit ihren strengen Regeln und Schutzma\u00dfnahmen feiern zu lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe im November gr\u00f6\u00dfere Demos, offenen Protest und geringere Erfolge als im M\u00e4rz. Denn die Zahl der Ungeduldigen, Gleichg\u00fcltigen und Uneinsichtigen w\u00e4chst. Sie machen mit jetzt schon Angst, wie wird es erst im November sein? Immer \u00f6fter h\u00f6re ich Spr\u00fcche, wonach es doch wohl sinnvoller w\u00e4re, die Alten und Kranken zu ihrem eigenen Schutz wegzusperren, statt allen anderen den Spa\u00df zu verderben. Selbst \u00c4rzte erz\u00e4hlen mir detailliert ihre pers\u00f6nliche Version der Verschw\u00f6rungstheorie. Da versteht man nicht einmal meine Bedenken, wenn es um die Durchf\u00fchrung von Flohm\u00e4rkten, Halloween-Beutez\u00fcgen in der Nachbarschaft und Martinsz\u00fcgen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einer Disko und gehe nur sehr selten aus. Ich sage lieber eine Geburtstagseinladung ab, als eine Gefahr einzugehen. Aber ich erlebe in der Nachbarschaft, im Freundeskreis und bei anderen Familien in der Schule meiner Kinder einen solchen Drang, &#8222;jetzt erst recht&#8220; feiern zu wollen, dass ich an dem Erfolg der Ma\u00dfnahmen viel gr\u00f6\u00dfere Zweifel habe als noch im Fr\u00fchjahr. Wir haben im Jahr 2020 in unserer Familie keinen einzigen Geburtstag mit G\u00e4sten au\u00dferhalb des Hausstandes gefeiert. Das geht! Und ich bin sicher, dass keiner von uns einen bleibenden Schaden davon tr\u00e4gt. Nicht von einem ausgefallenen Geburtstag. Selbst dann nicht, wenn wir nun weder Halloween, noch St. Martin, noch Weihnachten, noch Silvester feiern k\u00f6nnten. Aber vielleicht, wenn irgendwann wieder die Schulen schlie\u00dfen oder wenn eine von uns an Covid-19 erkrankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Juristin in mir hat aber noch ein ganz anderes Problem mit der heutigen Entscheidung: Was ist denn dieses 17er-Gremium eigentlich staatsrechtlich? Eine Ministerpr\u00e4sidentenkonferenz plus Kanzlerin wir weder im Grundgesetz, noch in den Landesverfassungen oder anderen rechtlichen Grundlagen als Gesetzgebungsorgan f\u00fcr solch schwerwiegenden Eingriffe in Grundrechte genannt. Im Fr\u00fchjahr h\u00e4tte man sich noch mit &#8222;Eilbed\u00fcrftigkeit&#8220; und &#8222;Gebot der Stunde&#8220; herausreden k\u00f6nnen. Aber diese Stunde ist lange verstrichen. Wo waren denn die Parlamente im Fr\u00fchjahr, Sommer und Fr\u00fchherbst? Jedenfalls nicht bei der Sache. Warum wurden acht Monate vertan, ohne sich von Seiten der legitimen Gesetzgeber Gedanken dar\u00fcber zu machen, was zu tun sei, wenn die Zahlen im Herbst wieder in die H\u00f6he schnellen. Das haben die Medizinm\u00e4nner doch bereits im April vorhergesehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist ein Parlament schwerf\u00e4lliger als kleinere Entscheidungsgruppen. Aber es war doch jetzt Zeit genug, sich damit zu besch\u00e4ftigen. Stattdessen blieb alles der Exekutive \u00fcberlassen. Naja, immerhin werden dann die Juristen nicht arbeitslos, denn die Judikative wird sich in den kommenden Monaten nicht nur mit Alltagsmasken und lokalen Beherbergungsverboten besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche euch allen das Beste f\u00fcr den November. Haltet durch und die Ohren steif.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meinen Teil werde ich versuchen, so &#8222;normal&#8220; wie m\u00f6glich weiter zu leben. Wenn ich keine Vor-Ort-Recherchen machen kann, habe ich mehr Zeit f\u00fcrs Schreiben bereits recherchierter Infos. Wenn niemand mit meinen B\u00fcchern reisen darf, hoffe ich darauf, dass jemand mit einem meiner B\u00fccher eine Gedankenreise auf dem Sofa macht. Einen winzigen Vorteil hat der Quasi-Lockdown ja: Ich verdiene zwar weniger Geld, aber wir haben auch weniger Gelegenheiten, es wieder auszugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie seid ihr von dem neuen Lockdown betroffen? Ver\u00e4ndert dies euren Alltag &#8211; euer Freizeitverhalten &#8211; oder gar euer gesamtes Leben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr kennt mich als Reisejournalistin, die gerne unterwegs ist, dar\u00fcber auch berichtet und euch Tipps f\u00fcr eure n\u00e4chste Reise gibt. 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