{"id":10161,"date":"2022-01-15T10:01:00","date_gmt":"2022-01-15T09:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=10161"},"modified":"2022-01-22T13:52:37","modified_gmt":"2022-01-22T12:52:37","slug":"ich-bin-ein-verschickungskind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fernwehkinder.de\/?p=10161","title":{"rendered":"Ich bin ein Verschickungskind"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Freundin Maria hatte vor einiger Zeit bei Facebook einen Beitrag \u00fcber Verschickungskinder geteilt. Zuerst dachte ich, dass mich dieses Thema nichts angeht, weil ich diesen Begriff zeitlich im Krieg einordnete, denn meine Mutter war 1939 Opfer der Kinderlandverschickung.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Es geht mich durchaus etwas an. Denn ich bin ein Verschickungskind. <\/p>\n\n\n\n<p>Bewusst schreibe ich &#8222;Ich bin&#8230;&#8220; und nicht &#8222;Ich war&#8230;&#8220;. Denn obwohl das alles mehrere Jahrzehnte zur\u00fcck liegt, wirkt es bis heute fort und beeinflusst mein Leben in erschreckendem Umfang bis zum heutigen Tag. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe sehr lange gebraucht, um dies zu verstehen, denn ich hatte die beiden Verschickungen komplett aus meinem Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht. Es gibt keine Fotos, Postkarten oder anderen Unterlagen aus der Zeit. Manchmal war mir so, als habe es diese Verschickungen gar nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich den von Maria geteilten Artikel gelesen hatte, wachte ich fast jede Nacht schwei\u00dfgebadet auf. Einmal sa\u00df Nele neben mir, strich mir \u00fcber die Haare und beruhigte mich: &#8222;Mama, es ist nur ein Traum! Wach auf!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde klar, dass da etwas in mir schlummert, das nach so langer Zeit endlich raus darf. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist vier Monate lang gewachsen. Immer wieder kamen mir neue Erinnerungsfetzen ins Ged\u00e4chtnis. Be\u00e4ngstigende Flashbacks, in der Regel Standbilder in schwarz-wei\u00df. Manchmal war es ein besonderer Anblick, mitunter ein Ger\u00e4usch, aber besonders oft war es ein bestimmter Geruch, der meine Erinnerungen weckte. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Hilfe einer kompetenten Hypnotherapeutin und durch den Kontakt mit anderen Verschickungskindern von <a href=\"http:\/\/www.verschickungsheime.org\">www.verschickungsheime.de<\/a> bin ich nun dazu in der Lage, mich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wieder zu erinnern und dar\u00fcber zu sprechen. Denn sie baten mich darum, alles aufzuschreiben, was mir einf\u00e4llt. Einen richtigen Schub bekamen meine Erinnerungen, als ich in uralten Unterlagen meiner Mutter ein Schreiben der Knappschaft an die Gemeinde H\u00fcrth fand, in der die Kostentr\u00e4gerschaft geregelt wurde. Das war bislang der erste und einzige Urkundenbeweis f\u00fcr meine Kuraufenthalte, das ist ganz wichtig f\u00fcr mich als Juristin und tut mir gut, denn nun l\u00e4sst es nicht mehr verdr\u00e4ngen und ich kann mich mit offenen Augen damit auseinandersetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr ich aufschreibe, desto mehr kommt mir in Erinnerung. Es scheint mir so, als h\u00e4tte ich es mit einem verstopften Rohr zu tun, in dem ich mit einer Stricknadel herumstochere. Anfangs sickerten nur erste kleine Tropfen, dann ein floss Rinnsal und am Ende ist das Rohr vielleicht sogar vollkommen frei. Das wird ein langer Weg, ich wei\u00df. Aber ich will ihn gehen, um mich besser zu verstehen. Besonders in Situationen, in denen mein Kopf mir sagt, dass mein Verhalten eigentlich gar nicht nicht zur Situation passt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1973<\/h4>\n\n\n\n<p>Irgendwann nach meiner Einschulung kam der Amtsarzt (Schularzt?) auf die Idee, mir eine Kinderkur zu verordnen. Als Anderthalbj\u00e4hrige hatte ich ja eine Herz-OP erdulden m\u00fcssen und mir stand deshalb wohl ab der Einschulung alle drei Jahre eine Kur zu, wurde meiner Mutter erl\u00e4utert. Er entschied vermutlich nach Aktenlage, denn meine Mutter hat nicht in Erinnerung, dass es in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Reihenuntersuchung der Erstkl\u00e4ssler stand. Die Einw\u00e4nde meiner Mutter wurden \u00fcbergangen. Sie war als Kind selbst ein Verschickungskind und hatte auf Sylt eine wahrhaft schlimme Zeit erlebt. Das wollte sie mir ersparen, wurde aber von allen Seiten beruhigt, dass sie ja nicht mehr in Nazideutschland lebe und man inzwischen anders mit den Kurkindern umgehe.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Sommerferien zwischen dem 2. und 3. Schuljahr war es so weit. Ich war acht Jahre alt. Sechs Wochen Kinderkur standen mir bevor. Meine Mutter erz\u00e4hlt, dass ich vorher gar keine S\u00fc\u00dfigkeiten mochte. Als ich in dem Vorbereitungsbrief las, dass in dem Heim keine S\u00fc\u00dfigkeiten erlaubt sind, muss ich mit einem gelassenen &#8222;Na und?&#8220; reagiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass meine Mutter mit mir nach Bad Nauheim f\u00e4hrt und mich pers\u00f6nlich in dem Kurheim abgibt. Sie fuhr mit mir aber nur bis zum Bahnhof in K\u00f6ln Deutz und \u00fcbergab mich dort einer strengen Frau mit Damenbart, die mir ein Schild mit meinem Namen um den Hals h\u00e4ngte und mich in ein Zugabteil schob. Sie erlaubt nicht einmal, dass ich mich mit Kuss und Umarmung von meiner Mutter verabschiede, l\u00e4chelte sie an und beruhigte sie mit &#8222;Wir passen gut auf sie auf!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Im Zug weinte ich und wollte meiner Mutter zum Abschied winken. Sie fauchte mich an: &#8222;Damit machst du es nur noch schlimmer!&#8220; Sie dr\u00fcckte mich in den Sitz, bis der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Dann verschwand sie irgendwo im Zug und kam wieder, um mich an irgendeinem Bahnhof  in einen anderen Zug zu setzen. In diesem Zug fuhr sie nicht mit und sch\u00e4rfte mir ein, ich m\u00fcsse mir &#8222;Bad Nauheim&#8220; merken. Dort solle ich aussteigen, mein Schild hochhalten und warten, bis mich jemand abholt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchlte mich vollkommen verloren. Was, wenn ich den Ortsnamen vergesse?! Ich bat eine \u00e4ltere Frau um den Kugelschreiber und schrieb mir Bad Nauheim in die Handfl\u00e4che. Auch in diesem zweiten Zug weinte ich haltlos und hatte f\u00fcrchterliche Angst. Gleichzeitig war ich aufgebracht: Mama hatte mich verschickt, wie einen Brief oder ein Paket. Das Schild um meinen Hals war der Paketaufkleber oder die Briefmarke!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bebte vor Angst, denn meine Mutter hatte mir ja immer eingesch\u00e4rft, mich von Fremden nicht ansprechen zu lassen und keinesfalls mit einem Fremden zu gehen. Aber welche Wahl hatte ich denn? Also stieg ich am richtigen Bahnhof aus und wartete. Ich sah andere Kinder mit Schildern, die auch weinend auf dem Bahnsteig standen. Aber ich traute mich nicht, zu ihnen zu gehen. Ein Mann mit lauter Stimme rief: &#8222;Alle Kurkinder zu mir!&#8220; Wir folgten ihm aus dem Bahnhof durch einige Stra\u00dfen zum Kurheim.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein gro\u00dfer Altbau. Von der Stra\u00dfe aus gesehen lag der Eingang auf der linken Hausseite. Eine &#8222;Tante&#8220; nahm uns in Empfang. Hinter der Eingangst\u00fcr f\u00fchrte rechts eine gro\u00dfe Treppe in die oberen Stockwerke. Ich dachte: &#8222;Oh wie sch\u00f6n, ein Gel\u00e4nder, auf dem ich herunterrutschen kann!&#8220; Ich hatte den Namen der &#8222;Tante&#8220; bei der Vorstellung nicht verstanden und fragte nach. Meine Frage wurde mit einer Backpfeife beantwortet, begleitet von der Anweisung &#8222;Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!&#8220; Das war die erste k\u00f6rperliche Strafe in meinem Leben. Ich war geschockt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden in den Speisesaal gebracht. Am Fenster, sch\u00f6n im Hellen, sa\u00dfen bereits Kinder vor Tellern, auf denen Obst und Gem\u00fcse lag. Ich war selig! Meine geliebten M\u00f6hren und Kohlrabi wurden auch hier roh angeboten. K\u00f6stlich! <\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde ein Platz an einem langen Tisch direkt vor der Durchreiche der K\u00fcche zugewiesen. Ich war sehr entt\u00e4uscht, dass ich weder Obst noch Gem\u00fcse essen durfte. &#8222;Das ist nur f\u00fcr die fetten Schweine da dr\u00fcben, die abnehmen m\u00fcssen!&#8220;, sagte mir eine &#8222;Tante&#8220; mit s\u00fc\u00dfester Miene. &#8222;Du bist ja viel zu d\u00fcnn, du bekommst viel besseres Essen, damit du am Ende der Kur mindestens f\u00fcnf Kilo mehr drauf hast!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das hatte Mama auch schon angedeutet. Sie sagte immer, dass mein Kommunionkleid an mir ausgesehen hatte, als hinge es auf einem Kleiderb\u00fcgel. Aber sie zwang mich nie zum Essen. Ich liebte eben meine Rohkost und meine Haferflocken. Was sie kochte, musste ich zwar alles probieren, aber eben nur probieren und nicht aufessen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das sollte hier anders werden. Eine undefinierbare Suppe wurde vor mir auf den Tisch gestellt. In W\u00fcrfel geschnittener fetter Speck schwamm darin herum. Dazu gab es Brot. Aber nicht einfach nur ein St\u00fcck trockenes Brot, wie ich es von Zuhause zur Suppe kannte. Die Butterschicht darauf war genauso dick wie das Brot selbst. Ich probierte einen L\u00f6ffel Suppe, biss einmal von dem Brot ab und sagte der &#8222;Tante&#8220;, dass es mir nicht schmeckt und ich es nicht essen wolle. So kannte ich es ja von Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du WIRST es essen!&#8220;, teilte sie mir mit. &#8222;Du bleibst so lange vor dem Teller sitzen, bis du alles gegessen hast!&#8220;, f\u00fcgte sie an. Ich a\u00df es nicht. Denn zwischenzeitlich hatte sich eine Tischnachbarin weinend dazu \u00fcberwunden, die Suppe zu essen und w\u00fcrgte sie wieder heraus. Wir machten darauf aufmerksam und dachten, sie w\u00fcrde nun getr\u00f6stet. Doch statt das Kind zu tr\u00f6sten, wurde noch mehr Druck auf sie aufgebaut und sie musste ihre Suppe mit dem Erbrochenen weiter essen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte das nicht essen! Und selbst wenn es mir gel\u00e4nge: wie lang sind sechs Wochen? Konnte ich \u00fcberhaupt in sechs Wochen f\u00fcnf Kilo zunehmen, oder stand im Grunde jetzt schon fest, dass ich l\u00e4nger bleiben musste? Mir sank das Herz in die Hose.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange ich da vor dem Teller sitzen musste, wei\u00df nicht nicht mehr. Immer wieder wurde ich mit &#8222;Aufessen!&#8220; angeschnauzt. Bei der n\u00e4chsten Mahlzeit wurde der unangetastete Teller weggezogen und eine neue Ekligkeit vor mir abgestellt. Es waren mindestens drei Tage. Die Teller waren immer so voll, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Mehrfach bekam ich mit Gewalt das Besteck in die Hand gedr\u00fcckt, dann einen Schlag in den Nacken. Einmal war er so heftig, dass ich mit dem Gesicht in dem Teller landete. Ausgerechnet im Sauerkraut, dass brannte ziemlich fies in den Augen. Ich sa\u00df Stunde um Stunde vor meinem Teller. Nur zum Schlafen und f\u00fcr die Toilette durfte ich aufstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am ersten Abend wurde ich kurz vor der Schlafenszeit in ein Zimmer mit gro\u00dfen Jungs geschoben. Mir wurde ein Bett zugeteilt und klar gemacht, dass ich mich die ganze Nacht nicht r\u00fchren darf. Ich weinte leise, weil ich Angst hatte, dass es jemand merkt. Bis mir irgendwann auffiel, dass auch einige der Jungs weinten. Gro\u00dfe Jungs! Das machte meine Verzweiflung perfekt. Denn ich wusste ja, dass gro\u00dfe Jungs frech sind und niemals weinen. Nun war ich sicher, dass ich niemals wieder aus dem Heim heraus komme und meine Mutter nie wieder sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann schlief ich vollkommen ersch\u00f6pft und entmutigt ein. Mitten in der Nacht wurde ich unsanft geweckt. Das Licht blieb aus. Eine harte Hand zog mich am Handgelenk aus dem Bett und zischte mir zu: &#8222;Wir haben dich \u00fcberall gesucht. Du hast hier nichts zu suchen. Du bist doch kein Flittchen?&#8220; Ich fragte, was ich falsch gemacht h\u00e4tte. Denn ich hatte mir dieses Zimmer ja nicht ausgesucht. &#8222;Egal, komm endlich!&#8220;, war die Antwort. Meine n\u00e4chste Frage, was denn ein Flittchen sei, kam gar nicht gut an, denn ich wurde angeherrscht: &#8222;Sei nicht so frech! Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Tante&#8220; schob mich in den Erste-Hilfe-Raum und wies mich an, auf der Untersuchungsliege zu schlafen. &#8222;In dem Zimmer, in dem du schlafen sollst, werde ich keinen wecken wegen sowas wie dir!&#8220;, betonte sie. Nachdem ich wieder den ganzen Tag vor meinen Mahlzeiten gesessen hatte, wurde mir am zweiten Abend ein Bett in einem Schlafsaal mit 3-5-j\u00e4hrigen Kindern zugewiesen. Sie schrien laut nach ihren M\u00fcttern. Ich konnte kein Auge zutun und schlief fast den ganzen Tag neben meinen wechselnden Tellern mit dem Kopf auf dem Tisch. Erst in der 3. Nacht wurde mir ein Bett in einem Zimmer mit Gleichaltrigen zugewiesen und ich bekam erstmals Zugang zu meinem Koffer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort wollte ich mir frische Unterw\u00e4sche herausholen, wurde aber dar\u00fcber belehrt, dass sie nicht so oft gewechselt werden k\u00f6nne, man wolle f\u00fcr uns nicht st\u00e4ndig waschen. Ich durfte ihn aber \u00f6ffnen, damit \u00fcberpr\u00fcft werden konnte, ob ich verbotene Dinge ins Kurheim einschmuggeln wollte. &#8222;Das h\u00e4tten wir eigentlich ohne dich gemacht, aber deine dusselige Mutter hat ihn ja abgeschlossen!&#8220;, bekam ich vorgehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts durften wir nicht auf die Toilette gehen. Als ich bei einem n\u00e4chtlichen Toilettengang erwischt wurde, bekam ich eine Backpfeife und musste mit meinem Kopfkissen und meiner Decke im Flur schlafen. Es gab ein eskalierendes Stufensystem von Strafen, im Wiederholungsfall w\u00e4ren gefolgt: Flur ohne Kissen und Decke &#8211; Duschraum ohne Kissen und Decke &#8211; Duschraum nur in Unterhose &#8211; Sitzen im Speisesaal. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich Angst vor diesen Strafen in die Hose &#8211; oder gar ins Bett &#8211; machte, musste in den nassen Sachen schlafen und bekam keine frische Bettw\u00e4sche. Ich lernte schnell, dass ich wenig trinken musste, um seltener auf die Toilette zu m\u00fcssen. Alles, was ich vor dem Mittagessen trank, kam rechtzeitig vor der Zubettgehzeit in der Blase an. Also trank ich nur zum Fr\u00fchst\u00fcck. War der Durst sehr schlimm, nahm ich abends beim Z\u00e4hneputzen einen Schluck Wasser. Ich war soooo stolz auf mich, denn ich schaffte es, kein einziges Mal einzun\u00e4ssen! Nacht f\u00fcr Nacht erlebte ich vor Harndrang und Angst weinende und einn\u00e4ssende M\u00e4dchen, die geschlagen und aus dem Zimmer gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich an unerkl\u00e4rlich viele Untersuchungen durch einen Arzt erinnern, der nie mit mir direkt sprach. Es sprach immer nur mit einer der Schwestern \u00fcber mich. Er bestimmte, welche Tabletten wir zum Fr\u00fchst\u00fcck schlucken mussten. Deshalb waren die &#8222;Tanten&#8220; auch besonders aufgebracht, wenn jemand sich beim Fr\u00fchst\u00fcck erbrach. Wie viele Tabletten es waren und wof\u00fcr\/wogegen sie waren, wei\u00df ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine kleine wei\u00dfe Pille die leicht zu schlucken war. Eine gr\u00f6\u00dfere nannte ich immer &#8222;meine Perle&#8220;, weil sie ganz rund war und gelblich gl\u00e4nzte. Die konnte ich auch recht gut schlucken, weil sie s sch\u00f6n glatt war. Eine dritte hingegen war sehr gro\u00df und scheu\u00dflich. Kaum war sie im Mund, gab sie einen widerlichen bitteren Geschmack ab und trocknete mir den Mund aus. Das verhinderte nat\u00fcrlich, dass ich sie ganz leicht schlucken konnte. Ich fand zum Gl\u00fcck heraus, dass es leichter ging, wenn ich sie in die eklig s\u00fc\u00dfe Vielfruchtmarmelade tauchte oder mit Wurst ummantelte, die ich dann nat\u00fcrlich nicht kauen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr unangenehm war immer der Gang in den Waschraum. Wir mussten uns nackt ausziehen und im Flur warten, bis wir an der Reihe waren. Dann wurden wir gewaschen und gek\u00e4mmt, obwohl wir das doch schon lange allein konnten. Ein Kamm ging durch die Haare aller Kinder. Kein Wunder, dass wir alle Kopfl\u00e4use bekamen und mit einem Mittel behandelt wurden, dass ganz f\u00fcrchterlich in den Augen brannte und so stank, dass ich meinen Brechreiz nur m\u00fchsam zur\u00fcck halten konnte. In gewissen Abst\u00e4nden mussten wir unter die Dusche. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, ob das w\u00f6chentlich, zweimal die Woche oder jeden zweiten Tag war. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlimm fand ich auch die t\u00e4gliche Fingernagelkontrolle. F\u00fcr deren Sauberkeit waren wir dann n\u00e4mlich pl\u00f6tzlich selbst verantwortlich. Alle Kinder mussten die H\u00e4nde nach vorne strecken und eine &#8222;Tante&#8220; ging die Reihe ab. Fand sie auch nur das kleinste Fleckchen Schmutz unter den N\u00e4geln, wurde nicht nur das entsprechende Kind geschlagen. Auch an die daneben stehenden Kinder wurden wahllos Schl\u00e4ge verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Kinder wurden f\u00fcr unerw\u00fcnschtes Verhalten bestraft, indem sie angezogen unter die eiskalte Dusche gestellt wurden. Ich war nie betroffen, vielleicht war das eine Strafe f\u00fcr heimliches Naschen bei den Abnehmkindern, denn ich erinnere mich daran, dass es immer hie\u00df: &#8222;&#8230;und du darfst erst wieder an den Mahlzeiten teilnehmen, wenn deine Sachen wieder trocken sind!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte den Duschraum kennen, als ich nachts einmal weinte. Ich hatte ja keinen Kontakt zu meiner Mutter und glaubte, ich komme dort niemals wieder heraus. Ich wollte tot sein, lieber heute als morgen. Was k\u00f6nnte denn am Sterben schlimmer sein als hier an diesem Heim? Als Strafe f\u00fcr das Weinen sollte ich auf dem Flur schlafen, doch dort lagen schon an den beiden Stirnw\u00e4nden zwei andere Kinder zusammengekauert auf dem Boden. Also zog mich die &#8222;Tante&#8220; in den Duschraum und ich musste mich dort zum Schlafen auf den Boden legen. Ich bekam kein Auge zu. Ich hatte Angst im Dunklen. Ich fror. Ich f\u00fcrchtete, dass jemand den Kaltwasserhahn aufdrehte, w\u00e4hrend ich schlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann begann ich dann doch, zumindest einige Gerichte zu essen. \u00dcber mir schwebte der Satz: &#8222;Wenn du nicht zunimmst, musst du l\u00e4nger hier bleiben!&#8220; wie eine schwarze Gewitterwolke. Was immer ich ohne W\u00fcrgereiz herunter bekam, a\u00df ich in so gro\u00dfen Mengen, dass ich daf\u00fcr gelobt wurde. Milchreis mit Zimtzucker, Schokopudding, Bratkartoffeln, Leberwurstbrote. Alles s\u00fc\u00df und\/oder fettig. Aber bei diesen Gerichten hatte ich das Fett nicht so deutlich vor Augen wie bei den dick mit Butter beschmierten Broten und den Glibberspeckbr\u00f6ckchen in der Suppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit meiner fr\u00fchen Kindheit vertrage ich keine Milch, bin also (mal st\u00e4rker, mal schw\u00e4cher) laktoseintolerant. Als Grundsch\u00fclerin konnte ich Milch und Milchprodukte nur in kleinen Mengen konsumieren, ohne Bauchweh zu bekommen. Das erkl\u00e4rte ich schon bei meiner Ankunft und bat um andere Getr\u00e4nke, wenn uns die hei\u00dfe Milch vorgesetzt wurde. Wenn sie aus der K\u00fcche bei uns ankam, hatte sie schon eine eklige Haut, die ich nicht wegschieben durfte, sondern auch zu mir nehmen musste. Die gr\u00f6\u00dfte Spinne der Welt h\u00e4tte so behaarte Beine haben k\u00f6nnen, dass ich mich mehr vor ihr geekelt h\u00e4tte, also vor dieser Milchhaut. Ich wusste ja schon beim Anblick der Milch, dass ich in einigen Minuten wieder Bauchweh haben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich nicht daran erinnern, ob wir gespielt oder gebastelt haben. Vermutlich haben wir das, denn ich habe es nach der ersten Kur bei den Gruppenabenden in der katholischen Jugend und bei den Naturfreunden immer abgelehnt, bei Spielen mitzumachen, bei denen jemand vorgef\u00fchrt wurde und\/oder allein gegen alle anderen stand. Besonders das Plumssack-Spiel habe ich gehasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kurheim war alles vollkommen steril und ungem\u00fctlich. Ich kann mich an keine Dekoration, kein Bild an der Wand, nichts Sch\u00f6nes erinnern. Alles war zweckm\u00e4\u00dfig, wei\u00df oder grau. Wir wurden permanent zur Ordnung angehalten. Allerdings mit einem Druckmittel, das mir sympathisch war: &#8222;Ihr d\u00fcrft erst zum Essen gehen, wenn ihr das Zimmer aufger\u00e4umt habt?&#8220; Nat\u00fcrlich haben die Abnehmkinder beim Aufr\u00e4umen richtig Gas gegeben, w\u00e4hrend wir Zunehmkinder uns Zeit lie\u00dfen und die Unordnung zu unserem besten Freund ernannten.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich mussten wir in Zweierreihen einen weiten Umweg durch die gesamte Kurstadt laufen (warum eigentlich? Damit die Bev\u00f6lkerung uns sah?). Im Anschluss gingen wir eine vorgegebene Zahl an Runden um die Salinen, damit wir die gesunde, salzhaltige Luft einatmeten. Dabei durften wir nicht miteinander reden, sondern mussten uns auf die Atmung konzentrieren. Am Ende hatte ich immer schmerzende Beine und fiel in der Mittagsruhe in einen so tiefen Schlaf, dass ich regelm\u00e4\u00dfig mit Ohrfeigen oder Schl\u00e4gen auf den Kopf geweckt werden &#8222;musste&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Kinder hatten Aufgaben aus der Schule mitgebracht, die sie l\u00f6sen mussten. Wie habe ich sie beneidet! Mein Aufenthalt fiel genau in meine Sommerferien und ich hatte nicht einmal Ablenkung durch Schulaufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekamen die Texte f\u00fcr die Karten diktiert, die wir unseren Eltern schrieben. Ich wollte das nicht und fragte: &#8222;Aber so ist es doch gar nicht! Warum soll ich das denn schreiben? Wenn ich nicht die Wahrheit schreiben darf, dann m\u00f6chte ich bitte gar nichts schreiben.&#8220; Zu meiner Verwunderung wurde ich nicht dazu gezwungen, eine Karte zu schreiben. Wenn ich nicht den diktierten Text schreiben wollte, dann durfte ich eben gar nicht an meine Mutter schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wurde uns deutlich gemacht, dass wir nichts Negatives \u00fcber das Kurheim erz\u00e4hlen durften. Der Kur-Erfolg hatte h\u00f6chste Priorit\u00e4t. Ich fragte nach, was &#8222;Kur-Erfolg&#8220; und bekam erneut erkl\u00e4rt: &#8222;Wenn du nicht zunimmst, musst du l\u00e4nger hier bleiben. Wenn du schlecht \u00fcber uns sprichst, war die Kur nicht erfolgreich und muss wiederholt werden. Dann muss deine Mutter viele Tausend Mark an die Krankenkasse bezahlen.&#8220; Ich wusste ja, dass meine Mutter nach dem Tod meines Vaters quasi mittellos war, also schwieg ich aus Angst vor den finanziellen Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich nicht erinnern, in den sechs Wochen etwas Sch\u00f6nes gemacht oder ein liebes Wort geh\u00f6rt zu haben. Alle Schicksalsschl\u00e4ge vor dieser Kur hatten mich eigentlich zu einem Menschen gemacht, der die sch\u00f6nen Momente sammelt. An dieser Kur war dann wohl nichts Sch\u00f6nes, das an das ich mich h\u00e4tte erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>An die R\u00fcckfahrt und Heimkehr fehlt mir immer noch jede Erinnerung. Wie war die Begr\u00fc\u00dfung? Hat meine Mutter gefragt, wie es war? Wurde der Kur-Erfolg von einem Arzt oder vom Gesundheitsamt gepr\u00fcft? Ich wei\u00df es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich einmal spontan erbrach, als mir im folgenden Herbst bei einem Kindergeburtstag die Mutter des Geburtstagskindes einen Kakao mit Haut anreichte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1976<\/h4>\n\n\n\n<p>Als meine Mutter mir er\u00f6ffnete, dass ich im Sommer wieder nach Bad Nauheim muss, verzog ich keine Miene. Ich durfte ja nicht dar\u00fcber reden! Das sa\u00df immer noch fest in meinem Ged\u00e4chtnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber mein K\u00f6rper reagierte. Pl\u00f6tzlich musste ich jeden Tag auf dem Heimweg vom Gymnasium so n\u00f6tig auf die Toilette, dass ich es nicht bis zuhause schaffte. Und das, obwohl ich in der Schule noch die Toilette aufsuchte und mein Schulweg mit dem Rad nur zehn Minuten lang war. Manchmal setzte ich mich in die B\u00fcsche. Oft kam der Harndrang aber so schnell und stark, dass es mir die Beine hinab lief. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich war froh, dass meine Mutter jeweils bei meiner Ankunft nicht zuhause war und ich das Malheur vor ihr verheimlichen konnte. Sie lobte mich als gutes Hausm\u00fctterchen. Denn ich machte mir nicht nur mein Mittagessen selbst und sp\u00fclte das Geschirr, sondern \u00fcbernahm nun auch auch das Waschen und Trocknen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder weinte ich auf der gesamten Hinfahrt. Auch wenn ich diesmal wusste, dass man mich nicht f\u00fcr immer von meiner Mutter trennt, war die Vorstellung nicht zu ertragen, all das noch einmal sechs lange Wochen zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Eintreffen in Bad Nauheim musste ich mich ganz nackt ausziehen, wurde untersucht, gewaschen und abgetastet. Ich wurde nach einem Blick in die Akte angeschrien: &#8222;Du bist ja immer noch so klapperd\u00fcrr! Kapierst du es nicht? Jetzt m\u00fcssen wir wieder von vorne anfangen, bis du genug Gewicht auf die Waage bringst.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Tante&#8220; suchte mir Kleidung aus dem Koffer, die ich danach anziehen sollte. Ich hatte bei meinem Eintreffen Jeans getragen, das hielt sie f\u00fcr unschicklich und erkl\u00e4rte mir, dass ich das nicht anziehen d\u00fcrfe, weil das nach dem Krieg nur Besatzerflittchen getragen hatten. Nat\u00fcrlich wagte ich ich nicht, danach zu fragen, was Besatzer und was Flittchen sind. Mir war klar, dass es sich um etwas ganz Schlimmes handelte und ich unter keinen Umst\u00e4nden Jeans tragen durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war bei der Kleidungskontrolle glimpflich davon gekommen, wie sich sp\u00e4ter herausstellte. Mir wurde ein Bett in einen Schlafsaal f\u00fcr M\u00e4dchen von 11 bis 12 Jahren unter dem Dach zugeteilt. Ein M\u00e4dchen lag weinend auf dem Bett. Sie wimmerte vor Schmerzen. Ein anderes M\u00e4dchen sa\u00df daneben und versuchte, sie zu tr\u00f6sten. Als wir sie etwas beruhigt hatten, erz\u00e4hlte sie: Bei ihrer Ankunft hatte sie einen BH getragen. Sie war schon 12 Jahre alt und hatte eine gut entwickelte Brust. Ihre Mutter hatte ihr BHs gekauft. Die &#8222;Tante&#8220; von der Aufnahmeuntersuchung hatte nach dem Ausziehen ihre Brustwarzen gepackt und mit aller Kraft daran gezogen. Sie lachte und sagte: &#8222;Wenn deine Titten so gro\u00df sind, wie ich dir grade zeige, DANN brauchst du einen BH!&#8220; Das M\u00e4dchen hatte wochenlang Bluterg\u00fcsse rund um die Brustwarzen und bis kurz vor unserer Heimreise Schmerzen in der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>Essen war wieder ein gro\u00dfes Thema f\u00fcr mich. Ich landete wieder an dem Zunehmtisch, sogar nur einen Platz weiter als drei Jahre zuvor. Wieder mit Blick auf den Abnehmtisch. Ich verging vor Mitleid und Neid. Die Kinder dort h\u00e4tten alles daf\u00fcr gegeben, mit uns zu tauschen. Ich neidete ihnen das Obst, das Gem\u00fcse, den Zwieback und die anderen Leckereien. Sie neideten uns die \u00fcppigen Portionen nahrhafter Mahlzeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wieder verbrachte ich manch einem halben Tag vor einem Teller, der erst wegger\u00e4umt wurde, wenn die n\u00e4chste Mahlzeit aufgetischt wurde. Bei fettigem Fleisch bekam ich so starken W\u00fcrgereiz, dass ich es nicht einmal runter bekam, wenn ich mich dazu zwingen wollte. Also verfiel ich wieder auf das Taktieren mit denjenigen Komponenten, die ich irgendwie zu mir nehmen konnte. War mein Teller leer, half ich manchmal sogar meinen Tischnachbarinnen. Denn ich wollte unbedingt so viel zunehmen, dass ich p\u00fcnktlich nach sechs Wochen wieder nach Hause durfte. Dazu a\u00df ich heimlich S\u00fc\u00dfigkeiten, die ich in mein Gep\u00e4ck geschmuggelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte gro\u00dfes Mitgef\u00fchl mit einem M\u00e4dchen, das zur Toilette rannte, um sich zu \u00fcbergeben. Eine &#8222;Tante&#8220; stellte sich ihr in den Weg und alles landete mitten im Speisesaal auf dem Boden und auf den Schuhen der &#8222;Tante&#8220;. Sie wurde heftig beschimpft und dazu gezwungen, das Erbrochene mit blo\u00dfen H\u00e4nden vom Boden aufzuheben. Ihr Stuhl wurde in die Mitte dieses Ganges gestellt und sie wurde von hinten festgehalten, w\u00e4hrend sie gef\u00fcttert wurde und weiter w\u00fcrgte. Dabei wurde ihre Nase zugehalten. Kein anderes Kind wagte auch nur die kleinste Bewegung. Wir hatten viel zu viel Angst, als n\u00e4chste die Aufmerksamkeit zu erregen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal in der Woche durften wir auf dem R\u00fcckweg von den Salinen f\u00fcr 15 Minuten in einen Toom Markt gehen und uns etwas von unserem Taschengeld kaufen. Erlaubt waren nur Getr\u00e4nke, Hygieneartikel und Schreibwaren. Ich kaufte immer ein Getr\u00e4nk oder einen Stift als Alibi, den Gro\u00dfteil des Geldes setzte ich aber f\u00fcr S\u00fc\u00dfigkeiten ein, die ich hastig im Gesch\u00e4ft direkt hinter der Kasse verzehrte, damit es die &#8222;Tanten&#8220; nicht merkten. Mein Ziel &#8222;Zunehmen&#8220; hatte oberste Priorit\u00e4t in all meinen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit kam eine 13-J\u00e4hrige aus der &#8222;Gro\u00dfen&#8220;-Gruppe hinzu. Eine &#8222;Tante&#8220; hatte sie als &#8222;Bordsteinschwalbe&#8220; bezeichnet und nach Absprache mit der Heimleitung in unsere Gruppe geschickt. Sie erz\u00e4hlte uns, dass ihr das auch lieber war. Ein &#8222;Onkel&#8220; aus der Jungenabteilung hatte sich mehrmals nachts zu ihr ins Bett gelegt. Ich war noch ahnungslos und unschuldig genug, um sie darum zu beneiden. Es war doch ganz freundlich von diesem Mann, zu einem der Kinder etwas netter zu sein und sich zu ihr zu legen, w\u00e4hrend die Frauen alle so herzlos zu uns waren. Und Schwalben sind doch sehr sch\u00f6ne V\u00f6gel. <\/p>\n\n\n\n<p>Das lie\u00df das M\u00e4dchen unkommentiert und weinte nur bitterlich. Nach einigen Tagen sprach sie das Thema noch einmal kurz an. Sie riet uns: &#8222;Wenn ihr mit einem Jungen oder einem Mann in einem Bett liegt, tut am besten genau das, was er von euch will. Dann wird es nicht so schlimm. Blo\u00df nicht widersprechen oder wehren!&#8220; Sie sagte nichts weiter dazu. Denn auch sie h\u00f6rte mehrmals am Tag die Drohung, die mich schon in der ersten Kur eingesch\u00fcchtert hatte: &#8222;Wenn du nicht genau das tust, was das Haus von dir verlangt, muss deine Mutter die ganze Kur selbst bezahlen!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Es muss etwa in der Mitte der Kur gewesen sein. Was ich falsch gemacht hatte, wei\u00df ich nicht mehr. Bestraft wurde es aber mit dem Schlafen in der Kofferkammer. Das war f\u00fcr die anderen M\u00e4dchen aus meiner Gruppe der blanke Horror. Sie f\u00fcrchteten sich vor dem Alleinsein und den Spinnen. Ich konnte mich noch gut an das Schlafen im Duschraum erinnern, deshalb erschienen mir die N\u00e4chte in der Kofferkammer schon fast als Luxus. Immerhin durfte ich das Kissen und die Bettdecke mitnehmen und konnte mir einige Koffer und Taschen so zurecht schieben, dass sie mir ein provisorisches Bett waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre zuvor waren wir Achtj\u00e4hrigen etwas neidisch auf &#8222;die Gro\u00dfen&#8220; gewesen, die zweimal in der Woche zum Medizinischen Bad geschickt wurden. Sie hatten immer von einer braunen Br\u00fche gesprochen. Wir Kleinen hatten es uns herrlich vorgestellt, in einer Wanne voll mit warmem Schlamm zu sitzen &#8211; fast so, als w\u00e4re es warme Schokolade. Viel besser als dieses kalte Waschen und Duschen, die wir erdulden mussten. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch schnell stellte sich heraus, dass ein solches Bad alles andere als sch\u00f6n war. Wir gingen in kleinen Gruppen ins Kurhaus, mussten uns auf dem Flur ausziehen und wurden auf die riesigen Wannen verteilt. Ich dachte, ich w\u00fcrde komplett darin versinken. Vorher hatte ich mir vorgestellt, dass es normale Wannen waren, aus deren H\u00e4hnen statt warmem Wasser warmes Moor kam. Doch die rotbraune Br\u00fche dort in den Wannen war kalt und roch widerlich. Die Wannen waren aus Holz und hatten eklige wei\u00dfe R\u00e4nder. War das Schimmel? \u00dcber der Wanne lauerten Monster in der Wand, deren Gesichter schon auf den Fliesen zu erkennen waren. Und in der Wanne? War es \u00fcberhaupt Moor oder eher ein eisenhaltiges Wasser? Oder hatte das Kind vor mir in der Wanne Durchfall gehabt? Ich wei\u00df nat\u00fcrlich auch nicht, wie oft das gewechselt wurde und wie viele Kinder vor mir schon in der Wanne gesessen hatten. Nach dem zweiten &#8222;Moor&#8220;bad hatte ich einen stark juckenden Hautausschlag und Durchfall. Nach dem dritten Bad waren es so dicke Pusteln, dass mit f\u00fcr den Rest der Kur diese B\u00e4der erspart blieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gang in den Waschraum war immer noch eine Tortur. Wieder dieser eklige Kamm f\u00fcr alle! Nun gab es eine neue Regel, wonach M\u00e4dchen ihre Haare nicht hinter die Ohren streichen durften. &#8222;Wenn sie dir zu lang sind, mach dir Z\u00f6pfe oder ich schneide dir eine Jungenfrisur!&#8220;, hie\u00df es dann. Wir durften uns zwar die Z\u00e4hne selbst putzen, aber eine &#8222;Tante&#8220; gab uns die Zahnpasta auf die Zahnb\u00fcrste und lie\u00df sie uns nach laut gerufenen Anweisungen schrubben (Schneidez\u00e4hne au\u00dfen &#8211; Schneidez\u00e4hne innen &#8211; jetzt links &#8211; Backenz\u00e4hne unten &#8211; au\u00dfen &#8211; drauf &#8211; innen &#8211; &#8230;) <\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden nicht mehr einzeln gewaschen, sondern mussten t\u00e4glich alle zusammen in eine Gemeinschaftsdusche. Das Wasser kam aus Leitungen, die an der Decke montiert waren und in denen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden die Wasserd\u00fcsen montiert waren. Erst wenn alle aus der Gruppe mit der Seife in der Hand und vor K\u00e4lte zitternd unter den D\u00fcsen standen, wurde das Wasser aufgedreht. Zuerst kam ein Schwall eiskaltes Wasser, dann kam es br\u00fchend hei\u00df, dann blieb es kalt. Zum Einseifen wurde es wieder abgestellt. Wir mussten uns gegenseitig mit der Seife die Haare und den R\u00fccken waschen. Aber mit dem n\u00e4chsten kalten Wasser lie\u00df sich der Schaum kaum aus den Haaren bekommen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freundete mich mit einem M\u00e4dchen aus Koblenz an. Sie war mit ihren beiden Br\u00fcdern hier, wurde aber anders behandelt. Zu ihr sagten die &#8222;Tanten&#8220; immer &#8222;Bitte!&#8220;, sie durfte nachts auf die Toilette gehen, musste nicht aufessen, wurde nicht bestraft und durfte sich einmal in der Woche im Park mit ihren Br\u00fcdern treffen. Ich verzweifelte. Was machte ich falsch und sie richtig? Sie versuchte es mir zu erkl\u00e4ren, wusste es aber selbst nicht so genau. Sicher waren wir nur dar\u00fcber, dass es einen Unterschied macht, wenn die Mutter schwer krank ist und der Vater den Kuraufenthalt selber bezahlt. Die Drohung &#8222;Wenn du nicht genau das tust, was das Haus von dir verlangt, muss deine Mutter die ganze Kur selbst bezahlen!&#8220; zog bei ihr nat\u00fcrlich auch gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>An Tabletten habe ich bei der zweiten Kur keine Erinnerung. Auch hier kann ich mich nicht an die Heimfahrt und das Wiedersehen mit meiner Mutter erinnern.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Meine unbewussten Versuche der Aufarbeitung<\/h4>\n\n\n\n<p>Beim Roten Kreuz fand ich meinen Weg vom \u00fcblichen Sanit\u00e4tsdienst und den Technischen Dienst zum Betreuungsdienst. In einer Weiterbildung im Bereich Krisenintervention &amp; Notfallseelsorge merkte ich: &#8222;Hier bin ich richtig!&#8220; Wann immer die Rede von Trauma, Trigger &amp; Co war wuchs in mir das Gef\u00fchl, dass dies genau mein Thema ist. Ich sp\u00fcrte, dass ich anderen nach einem schrecklichen Erlebnis helfen wollte, weil ich selbst irgendwann einmal keine Hilfe erhalten hatte, als ich sie dringend ben\u00f6tigte. Allerdings ich ging davon aus, dass sich dies auf den Unfalltod meines Vaters bezog. Ich konnte mich erinnern, wie ich an der Hand meiner Mutter in die Grube starrte, in der sie soeben meinen t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Vater entdeckt hatte. Auch an vieles aus den Stunden und Tagen danach erinnere ich mich noch sehr detailreich. Mir war klar, dass dies ein traumatisierendes Ereignis f\u00fcr mich war und war heilfroh, als ich w\u00e4hrend der Fortbildung merkte, dass es nichts gab, was mich triggerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mein Unterbewusstes dr\u00e4ngte wohl darauf, weiter in die Tiefe zu gehen. Denn als ich in Meiningen arbeitete, begann ich eine lange Schulung zur Hospizhelferin, Sterbe- und Trauerbegleiterin. Ich traute mir zu, auch die traurigsten Stunden mit Sterbenden und ihren Angeh\u00f6rigen aushalten zu k\u00f6nnen. Bei allen \u00dcbungen, die wir machten, kam ich gut mit meiner Trauer um nahe Angeh\u00f6rige klar. Auch zu meiner eigenen Sterblichkeit schien ich ein normales Verh\u00e4ltnis zu haben. Ich half im station\u00e4ren Hospiz und besuchte als ambulante Hospizhelferin manche Sterbende oder Trauernde. Das ging ganz gut. Nur einmal bekam ich beim Anblick eines Hospizgastes ganz unerwartet einen W\u00fcrgereiz, als dieser eine Scheibe Graubrot fingerdick mit Butter bestrich. Ich konnte dies nicht zuordnen und dachte, es liege an dem Geruch, der ihn umgab.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren 2009 und 2010 war ich \u00f6fters in Bad Nauheim. Ich recherchierte in der N\u00e4he f\u00fcr ein Buch recherchierte, mein damaliger Freund wohnte dort und meine Mutter leitete eine DRK-Seniorenreise, bei der ihre Gruppe im Kurhotel untergebracht war. Stundenlang wanderte ich durch den Ort und suchte die Kurklinik, in der ich 1973 und 1976 war. Doch keins der Geb\u00e4ude kam mir bekannt vor. Auch sonst kam mir der Kurort so fremd vor, als sei ich noch nie in meinem Leben dort gewesen. Die Salinen sagten mir nichts, ich erkannte keine Stra\u00dfe, keinen Platz, nicht einmal den Bahnhof. Selbst als ich bei einer F\u00fchrung durch die Kuranlage die Wannen f\u00fcr die Moorb\u00e4der gezeigt bekam, war da nicht der Funke einer Erinnerung. Meine Mutter sch\u00fcttelte nur den Kopf: &#8222;Du warst ein Vierteljahr deines Lebens hier und kannst dich an gar nichts erinnern?! Das kann doch gar nicht sein!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">M\u00f6gliche Folgen bis heute<\/h4>\n\n\n\n<p>Nein, die Verschickungen allein sind nicht die Ursache f\u00fcr mein eher unkonventionelles Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt, nachdem ich wieder einige Erinnerungen an diese beiden Verschickungen habe, kann ich vieles in meinem Verhalten und meiner Pers\u00f6nlichkeit besser zuordnen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Seit meiner Kindheit beschwert sich meine Mutter dar\u00fcber, dass ich sie weder umarme noch mit ihr kuschele. K\u00f6nnte es seine Ursache darin haben, dass mir die Umarmung beim Start in die erste Kur verwehrt wurde?<\/li><li>Deutz ist f\u00fcr mich immer noch ein Stadtteil, den ich gerne meide. Besonders um den Bahnhof mache ich einen gro\u00dfen Bogen und bin froh dar\u00fcber, nun zu wissen, warum es so ist. Es ist also kein plattes &#8222;Sch\u00e4l Sick&#8220;-Vorurteil, sondern ein unbewusster Eigenschutz.<\/li><li>Ich kann mir keine Namen merken und traue mich bis heute nicht, bei einer Vorstellung nachzufragen, wenn ich den Namen nicht verstanden habe. Ob ich wohl immer noch denke, man w\u00fcrde mich schlagen, wenn ich beim Namen nachfrage?<\/li><li>Obwohl ich als Kind S\u00fc\u00dfigkeiten gar nicht mochte, stopfe ich sie als Erwachsene heimlich und schnell in mich hinein. Ob es wohl an dem S\u00fc\u00dfigkeitenverbot in der Kur und den heimlichen Naschereien liegt, mit denen ich meine Gewichtszunahme forcieren wollte?<\/li><li>Wenn ich einen Pudding selbst koche, r\u00fchre ich ihn, bis er kalt ist. Egal, wie lange es dauert. Allein die Vorstellung, er k\u00f6nnte eine Haut bilden, die ich dann entfernen muss, um an den eigentlichen Pudding zu kommen, l\u00e4sst \u00dcbelkeit in mir aufsteigen.<\/li><li>Vor ein paar Jahren wollte mir mein Orthop\u00e4de gut sein, indem er mir Massagen mit vorheriger Fangoanwendung verschrieb. Das ging gut, so lange meine Physiotherapeutin mir hei\u00dfe Fangopackungen machte. Eine neue Mitarbeiterin hatte einen meiner Termine wohl vergessen, legte mir schnell einen hei\u00dfen Wassersack auf die Behandlungsbank und holte eine kalte Fangomatte. Der Geruch des kalten Fangos war mir so unangenehm, dass ich Brechreiz bekam. Mir wollte nicht klar werden, warum mir schlecht wurde und ich verga\u00df es, nachdem das Wasser die Temperatur an das Fango abgegeben hatte. Dennoch bestand ich danach darauf, eine andere W\u00e4rme als Fango zu erhalten, auch wenn mein Verstand mir dazu keine Erkl\u00e4rung liefern konnte. Nun mit R\u00fcckkehr meiner Erinnerungen, vermute ich, dass es meine Nase an die Moorb\u00e4der erinnerte.<\/li><li>Beim Anblick einiger Fotos der Gaskammern in  Konzentrations- und Vernichtungslagern bekam ich im Geschichtsunterricht (und bis heute) schwere Bauchkr\u00e4mpfe. Als Jugendliche dachte ich, dass es mit dem gezeigten unmenschlichen T\u00f6ten zu tun hatte. Ich konnte aber nicht verstehen, warum alle anderen Bilder der NS-Gr\u00e4ueltaten zwar mein Herz schwer machten, aber nicht meinen Magen belasteten. Nun habe ich wieder Bilder des Duschraums im Kopf und wei\u00df, dass die als Duschr\u00e4ume getarnten KZ-Gaskammern mich an die Dusche im Kurheim erinnerten.<\/li><li>Ich leide seit meiner Kindheit unter <span style=\"color: initial;\">Schlafst\u00f6rungen<\/span>. Mich wecken auch als Erwachsene immer wieder Tr\u00e4ume, in denen ich vor einem vollen Teller sitze. Dabei habe ich den Geruch von Erbrochenem in der Nase und sehe die hungrigen Blicke von den Tischen der Abnehmkinder.<\/li><li>Ich war als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene immer schlank, hatte aber stets Essst\u00f6rungen. Leider manifestieren sie sich nach Eintritt der Wechseljahre als Hei\u00dfhungerattacken, Frustfressen, heimliches Essen und Schlingen. Ich w\u00e4hle daf\u00fcr genau die Nahrungsmittel, die ich in der Kur als wirksam kennengelernt habe. Sie enthalten viel Zucker, viel Fett, gerne auch eine Kombination aus beidem: Schokolade, Pudding, Gummib\u00e4rchen, Traubenzucker, N\u00fcsse, Chips,&#8230;<\/li><li>Bis heute ist die Unordnung mein bester Freund. Selbst wenn mein Kopf mir das Aufr\u00e4umen befiehlt, geht es nicht voran und kurz vor dem Ende bleibt selbst nach einem Aufr\u00e4um-Kraftakt irgendeine Ecke unaufger\u00e4umt.<\/li><li>Ich habe vermutlich kein normales Angstverhalten. Einerseits mache ich mir \u00fcbertriebene Sorgen in objektiv sicheren Situationen. Andererseits verhalte ich mich vollkommen angstfrei, wenn gesunde Menschen nat\u00fcrlich (!) Angst versp\u00fcren. <\/li><li>Ich lasse mich ausnutzen. Sobald ich das Gef\u00fchl habe, jemand k\u00f6nnte meine Hilfe brauchen, bin ich zur Stelle. Ich k\u00f6nnte es nicht ertragen, jemanden in einer solch hilflosen Situation zu sehen, wie ich sie erlebt habe.<\/li><li>Ich habe in vielen Situationen kein sicheres Gef\u00fchl f\u00fcr &#8222;erlaubt&#8220; und &#8222;verboten&#8220;. Das ist wohl auch ein Grund f\u00fcr mein Jurastudium. Ich wollte immer genau wissen, was Recht und Unrecht ist, um selbst alles richtig zu machen und gegen kein Gesetz zu versto\u00dfen. Bei der Wahl des Studienfachs ging es mir zu keinem Zeitpunkt um den Wunsch, anderen z.B. als Rechtsanw\u00e4ltin zu helfen. Es ging mir immer nur darum, die Regeln verstehen zu wollen. Dabei beobachte ich mich immer wieder dabei, dass ich Regeln, Vorgaben oder Vorschriften \u00fcbererf\u00fclle. Ich traue mich nicht, in einem Parkverbot anzuhalten, weil ich f\u00fcrchte, die erlaubten drei Minuten zu \u00fcberschreiten, behandle das Parkverbot also quasi als Halteverbot. Gibt mir der Verlag eine Zeichenzahl von 220.000 f\u00fcr das Manuskript vor, bin ich bei einer Endzahl von 219.986 Zeichen beunruhigt und f\u00fcrchte, dass es \u00c4rger geben k\u00f6nnte. Meine Angst vor Strafe sitzt zu tief.<\/li><li>Bis heute wage ich nicht, aus Angst, Schmerzen oder Erleichterung zu weinen. Das sind Emotionen, f\u00fcr die mir das Weinen abtrainiert wurde. Wenn ihr Tr\u00e4nen bei mir seht, dann bin ich w\u00fctend, sorge mich um mein Kind oder sehe einen r\u00fchrenden Film. Wut, Sorge und R\u00fchrung habe ich erst viele Jahre nach den Verschickungen kennengelernt. Sie haben keine negative Verkn\u00fcpfung mit Tr\u00e4nen. <\/li><li>In einem gro\u00dfen Speisesaal, z.B. in einer Jugendherberge, in der Uni-Mensa oder in einer Pilgerherberge kann ich nicht in der Mitte sitzen. Ich bekomme keinen Bissen runter und eine (bislang) unerkl\u00e4rliche Angst steigt in mir auf<\/li><li><span style=\"color: initial;\">Einerseits bin ich ein Harmonieschaf, gepr\u00e4gt von \u00c4ngsten im Umgang mit anderen Menschen, fehlendem Vertrauen, Selbstwertsch\u00e4den und einer ausgepr\u00e4gten Selbstwertschw\u00e4che. Wer ICH bin, kann ich gar nicht sagen. Ich war\/bin die Tochter von &#8230; &#8211; die Frau\/Partnerin von &#8230; &#8211; das Frauchen von &#8230; &#8211; die Mutter von &#8230; (so stehe ich auch in den meisten Kontaktlisten anderer M\u00fctter!). Aber wer bin ich?<\/span><\/li><li>Ich behandle meinen K\u00f6rper unfreundlich. Das hat nicht mit meinem aktuellen Alter oder meiner aktuellen Figur zu tun. Auch als sportliche Abiturientin und als Volljuristin in Kleidergr\u00f6\u00dfe 34\/36 konnte ich meinen K\u00f6rper nicht leiden und lehnte ihn ab. Er war Mittel zum Zweck, weil ich ohne ihn nicht leben kann. Deshalb fand ich z.B. als Jugendliche die Feststellung &#8222;Du hast den Kopf ja wohl auch nur, damit es dir nicht in den Hals regnet!&#8220; weder lustig, noch beleidigend. Das war ein Gedanke, wie er mir auch immer wieder kam. Es macht f\u00fcr mich emotional keinen Unterschied, ob ich zum Augenarzt, Gyn\u00e4kologen oder Reifenwechsel fahre. Da muss etwas gepr\u00fcft oder repariert werden. Das macht manche in meinem Umfeld fassungslos, z.B. dass ich vollkommen gleichg\u00fcltig blieb, als mir er\u00f6ffnet wurde, dass es am Ende der Schwangerschaft auf einen Kaiserschnitt hinaus l\u00e4uft. Ja, irgendwie musste das Kind eben aus mir heraus. Und wenn das aus Sicht der Fachleute das beste Vorgehen war, dann war es eben so! <\/li><li>Ich lasse mir bis heute von keinem anderen den R\u00fccken und die Haare waschen.<\/li><li>Ein Kamm kommt f\u00fcr mich nicht in Frage. Die Haare werden bis heute ausschlie\u00dflich geb\u00fcrstet. Steht keine B\u00fcrste zur Verf\u00fcgung, entwirre ich meine Haare lieber mit den Fingern, als einen Kamm zu benutzen.<\/li><li>Habt ihr mit mir schon einmal Urlaub gemacht? Das hat bei mir nie etwas mit Erholung zu tun &#8211; so der Vorwurf eines Expartners. Stimmt! Ich arbeitete schon als Jugendliche als Segelhelferin und Fahrtenleiterin, wenn ich verreiste. Ich f\u00fcllte etliche Stempelhefte f\u00fcr die bronzene &#8211; silberne &#8211; goldene \u00d6tztaler Wandernadel in Bronze, Silber und Gold. Immer gab es unterwegs Aufgaben zu erledigen, die ich mir selbst stellte. Zu meiner Freude hatte ich meist Reisepartner, die diese Planung begr\u00fc\u00dften, weil sie auf diese Weise sehr viel vom Land sehen konnten. Wir halfen in Entwicklungshilfeprojekten in Indien mit, hakten eine Liste von Nationalparks im Westen Kanadas ab, bestiegen eine vorher festgelegte Anzahl von Monrus in Schottland, suchten alle 13 Geocaches (inzwischen sind es mehr) in Botsuana, sahen Reisef\u00fchrer als Pr\u00fcfauftrag an (was in zehnseitigen Leserbriefen endete)&#8230; Tja, und dann bot sich die M\u00f6glichkeit, selbst Reisef\u00fchrer zu schreiben. Ja, ich reise gerne, aber ich mache nie Urlaub oder Ferien. Pauschalreisen und Gruppenreisen sind mir ein Gr\u00e4uel. Da bin ich viel zu fremdbestimmt. Ich vermute, dass es mit meinen Kuren zu tun hat, denn sie fielen beide in meine Sommerferien. Sechs Wochen lang durfte ich nicht in die Schule und war in einer fremdbestimmten, hilflosen Situation. Der Begriff Ferien ist f\u00fcr mich dadurch so negativ besetzt, dass ich nie wieder Ferien haben will.<\/li><li>Ich vertraue niemandem und stelle jede zwischenmenschliche Beziehung st\u00e4ndig in Frage. Wenn sogar meine Mutter mich dem Schicksal auslieferte, warum sollten es andere Menschen gut mit mir meinen? Dies f\u00fchrte wahrscheinlich dazu, dass ich nicht in der Lage bin, Freundschaften zu pflegen, Freunde zu halten oder dauerhaft in einer gesunden Beziehung zu leben.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Und jetzt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alles was jetzt \u00fcbrig bleibt, ist ein Gef\u00fchl der Betrogenheit und die Erkenntnis, dass ich all das nicht ungeschehen machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, was denkt ihr? Haben diese Erinnerungen und Erkenntnisse nun gravierende Folgen f\u00fcr mein jetziges Leben? Werde ich angesichts dieser Erkenntnisse mein Leben vollkommen umkrempeln? Bleibt alles beim Alten? Ziehe ich meine Lehren bei einigen Aspekten? Werde ich mich engagieren, um auf das Leid der Verschickungskinder aufmerksam zu  machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kann ich (noch) nichts sagen und lasse es ganz entspannt auf mich zukommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Das Foto habe ich nicht selbst aufgenommen, sondern bei <a href=\"http:\/\/www.zoonar.de\">Zoonar <\/a>gekauft. Es zeigt genau die Wanne, an die ich mich erinnern kann. Besonders diese grinsende Fliesenfratze!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Freundin Maria hatte vor einiger Zeit bei Facebook einen Beitrag \u00fcber Verschickungskinder geteilt. 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