{"id":5790,"date":"2019-02-11T12:40:20","date_gmt":"2019-02-11T11:40:20","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=5790"},"modified":"2019-02-11T14:13:48","modified_gmt":"2019-02-11T13:13:48","slug":"krebs-respekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fernwehkinder.de\/?p=5790","title":{"rendered":"Krebs &#038; Respekt"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwischen ihrer Nachricht &#8222;Ingrid, ich habe Krebs!&#8220; und ihrem Tod lagen nur 19 Tage. Einmal mehr hat mir der Krebs einen Menschen genommen. Einen Menschen, der so gerne seine Kinder weiter durchs Leben begleitet h\u00e4tte. Einen Menschen, der in seinem Leben noch so viel vorhatte. Einen Menschen, der zornig starb. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn dieser liebe Mensch starb in einer Zeit, in der ein deutscher Gesundheitsminister bei Twitter nicht nur \u00fcberoptimistisch verk\u00fcndet,&nbsp;dass&nbsp;Krebs&nbsp;in zehn bis zwanzig Jahren heilbar sei, sondern &#8222;Tipps im pers\u00f6nlichen Kampf gegen Krebs&#8220; gibt, deren Naivit\u00e4t schon fast strafbar ist: &#8222;Nicht (mehr) rauchen, sich mehr bewegen, gesund ern\u00e4hren und die Haut vor UV-Strahlung sch\u00fctzen (Sonnencreme)&#8220;, schrieb Spahn. <\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das lieber Herr Spahn, mag vielleicht gegen Lungenkrebs und Hautkrebs sch\u00fctzen, aber bei weitem nicht gegen jeden Krebs.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe keine Einw\u00e4nde dagegen, dass ein Gesundheitsminister jede Gelegenheit ergreift, die Bev\u00f6lkerung zu gesunder Lebensweise zu animieren. Was die Verstorbene und mich so fuchsig gemacht hat war das unzul\u00e4ssige Herunterbrechen auf die Formel &#8222;Lebe gesund und du bekommst keinen Krebs!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist respektlos, \u00fcbergriffig und falsch! Von einem Minister ist eine differenzierendere Sichtweise zu erwarten. Zum Beispiel in einem dritten Tweet Hinweise auf die zahlreichen erforschten und vermuteten  krebserregenden Substanzen, krebsf\u00f6rderliche Verhaltensweisen und &#8211; ganz wichtig &#8211; Vorsorgeuntersuchungen !!! Ich kann noch so gesund leben. Wenn ich zu keiner Vorsorgeuntersuchung gehe, kann ein Krebs nicht fr\u00fch genug erkannt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt sogar Studien, die ein erh\u00f6htes Krebsrisiko bei Schichtarbeit erkannt haben wollen. Alles klar, meine lieben Polizisten, Chemikanten, Not\u00e4rzte, Altenpfleger, Stewardessen, Hebammen, Amazonlagerarbeiter, Feuerwehrleute? Ab sofort bitte nur noch nine-to-five. Ihr seid ja zus\u00e4tzlich auch noch Stress, Strahlung und Chemikalien ausgesetzt. Dann bleiben eben Verbrechensopfer, Schwerverletzte, Kranke, Geb\u00e4hrende, Pflegebed\u00fcrftige, Reisende und Zusp\u00e4tbesteller unversorgt. (Wobei die letzten beiden Personengruppen bestimmt eher ein Einsehen haben als die ersteren)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mensch (wie die Verstorbene) kann noch so genau darauf achten, keine karzinogenen Stoffe zu sich zu nehmen und trotzdem an Krebs sterben: Sie war zeitlebens Nichtraucherin, war normalgewichtig, ging zu den \u00fcblichen Kontrolluntersuchungen, war erst Anfang 40 und a\u00df seit ihrer Jugend kein Fleisch mehr. Sie mied Alkohol, Koffein, rohe Champignons, China-Reis, Fritten und Chips. Sie achtete sogar bei ihrem geliebten Matetee darauf, dass er nicht hei\u00dfer als 65\u00b0C war, weil er er bei h\u00f6heren Temperaturen in einigen Studien als &#8222;wahrscheinlich krebserregend&#8220; eingestuft wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie passte in keine Risikogruppe und ist trotzdem tot. Wie kann das sein, Herr Spahn?<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es irgendeinen Ort auf der Erde, an dem sie vor den Dieselabgasen von Autos, Kreuzfahrtschiffen und Containerschiffen sicher gewesen w\u00e4re? Wo niemand in ihrer N\u00e4he gegrillt h\u00e4tte oder am offenen Kamin gesessen h\u00e4tte? Wo im Trinkwasser und in der Luft keine krankmachenden Chemikalien enthalten gewesen w\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p>Voriges Jahr habe ich das Buch &#8222;Br\u00fcste umst\u00e4ndehalber abzugeben&#8220; von Nicole Staudinger gelesen, die hier um die Ecke lebte, als sie genau an ihrem 32. Geburtstag ihren Brustkrebs entdeckte. Sie nannte ihren Krebs Karl Arsch. Ich finde, das ist ein treffender Name.<\/p>\n\n\n\n<p>Krebs ist unfair. Er nahm meiner Mutter noch als Schulm\u00e4dchen die Mutter, sp\u00e4ter ihr selbst mehrere Organe. Auch ich selbst habe mehrere Krebsdiagnosen hinter mir. Wir hatten Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Wir haben \u00fcberlebt. Wenn auch nur knapp. Und es h\u00e4tte auch ganz anders kommen k\u00f6nnen, ohne dass wir uns einen Vorwurf h\u00e4tten machen m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man die Statements von Herrn Spahn liest, muss man glatt meinen, dass sich Krebs vermeiden l\u00e4sst. Nein. Ganz wichtig ist doch, dass niemand Schuld ist an seinem Krebs. Viele Tumorarten sind noch gar nicht genau genug erforscht, um die Ursachen sicher benennen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Krebs ist nicht gleich Krebs. Den&nbsp;<em>einen<\/em>&nbsp;Krebs gibt es nicht. Es gibt so viele verschiedene Krebsarten. Allein bei den Leuk\u00e4mien und den Lungenkrebsen gibt es etliche Arten. Krebs bedeutet nur, dass es sich um eine unkontrollierte Zellteilung handelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich begr\u00fc\u00dfe ich die Entwicklungen in der Forschung, Vorsorge und Behandlung, die auch sicherlich einen verhaltenen Optimismus erlauben. Dennoch bin ich sicher, dass leider auch in 20 Jahren noch Menschen an Krebs sterben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger muss es doch f\u00fcr uns sein, vorher noch zu leben. Gut gelaunt und ohne schlechtes Gewissen. Wenn wir jeden Schritt und jeden Atemzug nur noch in Sorge um die damit verbundenen Risiken verbringen, ist das Leben doch gar nicht mehr lebenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss etwas Augenzwinkerndes aus einem der letzten Gespr\u00e4che mit der oben erw\u00e4hnten Verstorbenen: Die Substanzen aus all den vielen Karzinogen-Tabellen geben ja auch keine Garantie auf einen Krebstod. Wir haben es ja an Helmut Schmidt gesehen. Es ist noch niemand in jungen Jahren gestorben, der bis ins hohe Alter geraucht hat&#8230;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"355\" height=\"260\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/th-18.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5793\" srcset=\"https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/th-18.jpg 355w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/th-18-300x220.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><figcaption>Das letzte Buch, das sie mir geschenkt hat.<br>Soo schlau und lebensklug! <br>Und heute auch tr\u00f6stlich beim Malen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen ihrer Nachricht &#8222;Ingrid, ich habe Krebs!&#8220; und ihrem Tod lagen nur 19 Tage. 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