{"id":7453,"date":"2020-11-28T08:30:39","date_gmt":"2020-11-28T07:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=7453"},"modified":"2020-11-28T08:34:15","modified_gmt":"2020-11-28T07:34:15","slug":"geben-statt-fordern-pay-it-forward","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fernwehkinder.de\/?p=7453","title":{"rendered":"Geben statt fordern (Pay it forward)"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Freunde haben mich schon immer als etwas verschroben angesehen. Ich schenke sehr gerne, auch wenn ich nicht damit rechnen kann, dass der Beschenkte mir jemals auch etwas schenken wird. Wenn ich die Wahl habe, etwas zu tauschen oder zu verkaufen, w\u00e4hle ich den Tausch. Und lange bevor es einen Namen hatte*, war ich ein Fan von &#8222;Pay it forward&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Pay it forward&#8220; beschreibt es ganz gut. Da ist jemand nett zu einem anderen, ohne daf\u00fcr eine Gegenleistung zu erwarten. Aber er geht fest davon aus, dass er damit eine Vorauszahlung an Nettigkeiten an das Universum geleistet hat. Anders herum geht es auch: der Nutznie\u00dfers einer guten Tat zahlt die Freundlichkeit gegen\u00fcber anderen anstelle des urspr\u00fcnglichen Wohlt\u00e4ters zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Beobachtungen in der Coronazeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem R\u00fcckblick auf die vergangenen neun Monate f\u00e4llt mir auf, dass f\u00fcr mich  &#8222;Pay it forward&#8220; gro\u00dfartig funktioniert. Das Universum, der liebe Gott, eine h\u00f6here Gerechtigkeit oder der blanke Zufall scheinen genau zu beobachten, dass ich gerne gebe &#8211; und schickt mir reichlich nette Leute, die es mir quasi heimzahlen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ich hatte morgens f\u00fcr eine befreundete Seniorin eingekauft. Nachmittags bekam Aurelia von einer Nachbarin ein Fahrrad geschenkt. (woher wusste die h\u00f6here Macht, dass sie mit ihrem nicht mehr klar kommt?)<\/li><li>Kaum hatte ich zu Beginn der Coronazeit ein Laufrad an ein kleines M\u00e4dchen in der Nachbarschaft verschenkt, stellte ein Bekannter eine Packung Toilettenpapier vor die T\u00fcr (er wusste nicht, dass wir auf der letzten Rolle liefen)<\/li><li>In einer (!) Woche habe ich meinen Trost bei drei (!) Todesf\u00e4llen angeboten, bei denen mein Gespr\u00e4chspartner nicht an der Trauerfeier teilnehmen durfte, weil (1) es im Ausland war, (2) er &#8222;nur&#8220; der Enkel war, (3) sie &#8222;nur&#8220; die beste Freundin war. Ich war fertig. Und genau in diese Woche rief ein lieber Freund an, mit dem ich seit einem halben Jahr nicht mehr telefoniert hatte.<\/li><li>Wochenlang n\u00e4hte ich Behelfsmasken f\u00fcr mir andere Leute. Endlich hatte ich auch die Zeit, mir aus einem Lieblingskopfkissen eine eigene zu n\u00e4hen. Beim Einkaufen sprach mich eine Fremde auf die h\u00fcbsche Maske an. Ich erz\u00e4hlte von dem N\u00e4hprojekt und sie bat mich um meine Telefonnummer, weil sie mir daf\u00fcr eine Spende zukommen lassen wollte.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>So ging es weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterst\u00fctzten Restaurants, Buchhandlungen, Verlage und unser Lieblingshotel mit Bestellungen auf Distanz. Wir verschenkten Sandspielzeug, B\u00fccher, einen Hochstuhl, Kinderkleidung, Autokindersitze und vieles mehr.  An einem Sonntag habe ich als Elternvertreterin 5 1\/2 Stunden die Anrufe und Textnachrichten anderer Eltern beantwortet, die mit den Inhalten der Schulmails \u00fcberfordert waren.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wir halfen, tr\u00f6steten, lobten, erkl\u00e4rten, vermittelten Kontakte und kauften ein. Das machen wir ja eigentlich immer, aber in der Coronazeit besonders oft. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Schicksal dankte es uns mit einer unerwartet gro\u00dfen Zahl netter Menschen, die uns Kinderkleidung, Brettspiele, Pralinen, Rollschuhe, einen Tretroller, Bl\u00fcmchen, Kaninchengr\u00fcnzeug, Gummib\u00e4ren, weitere Stoffspenden, eine Zwillingsschaukel, bemalte Steine, ein Planschbecken, Lernhefte, eine riesigen Steinsammlung, selbstgemachte Konfit\u00fcre, einen Drachen, Malpapier, Puzzle und einen gro\u00dfen Eimer Trauben aus dem eigenen Garten zukommen lie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Uns begegnete Kulanz und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit bei der Stornierung unserer Recherchereisen. Mir wurde ungefragt Hilfe bei einem Computerproblem angeboten. <\/p>\n\n\n\n<p>Uns wird des nach der Coronazeit finanziell schlechter gehen als vorher. Aber wir geh\u00f6ren nicht zu den Verlierern der Coronazeit, denn wir sp\u00fcren, dass es da etwas gibt, was wichtiger ist als Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich bin sicher, dass das Pay-it-forward-Schicksal auch andersherum funktioniert und sich irgendeine Gemeinheit f\u00fcr die Leute einfallen l\u00e4sst, die sich aktuell bereichern. Sei es an den staatlichen Leistungen, sei es an der Not der anderen. Meine Oma sagte dazu immer: &#8222;Den soll der Blitz beim Schei\u00dfen holen!&#8220;. Nein, finde ich nicht. Denn das ist f\u00fcr die Ersthelfer echt eklig. Da gibt es sicherlich andere L\u00f6sungen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00fcckblick<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>*Ein Beispiel aus der fernen Vergangenheit gef\u00e4llig? Mit meinem damaligen Freund fuhr ich als 20-j\u00e4hrige auf der Autobahn und sah auf der Standspur eine Frau nerv\u00f6s von einem St\u00f6ckelschuh auf den anderen hibbelnd hinter ihrem Auto stehen. Sie war auch ansonsten ziemlich aufgebrezelt und J\u00f6rg konnte es sich nicht verkneifen, durch die Z\u00e4hne zu pfeifen. Wir hingegen kamen dreckig und stinkend von einem Rotkreuzeinsatz. Nat\u00fcrlich stoppte ich und bot der Frau unsere Hilfe an. W\u00e4hrend J\u00f6rg sie beruhigte, ersetzte ich ihr den Plattfu\u00df gegen das Reserverad. Es stellte sich heraus, dass sie auf dem Weg zur Verlobung ihrer besten Freundin war. Sie war so dankbar, dass sie uns Geld f\u00fcr ihre Hilfe geben wollte. Das lehnten wir ab und baten darum, dass sie einfach bei n\u00e4chster Gelegenheit einem anderen Menschen hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke war ihr zun\u00e4chst fremd, doch nach kurzem \u00dcberlegen fiel ihr die Nachbarin ein, die seit Monaten nicht mehr zu ihr in den Friseurs Salon gekommen war, weil sie nicht mehr gut laufen konnte. Dieser wollte sie gleich am n\u00e4chsten Tag einen \u00dcberraschungsbesuch abstatten. Alles klar. System verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Zufall es wollte, waren wir einige Tage sp\u00e4ter Ersthelfer bei einem Autounfall. Ich hatte mich ziemlich mit dem Blut der Ungl\u00fccksfahrerin eingesaut und wusch mir grade mir Mineralwasser das Schlimmste ab, da klopfte mir eine Unfallzeugin auf die Schulter und schenkte mir eins ihrer T-Shirts, die sie immer als Ersatz im Auto hatte. Wir hatten trotz aller mit dem Unfall verbundenen Schrecken ein lustiges Gespr\u00e4ch \u00fcber Zufallsgeschenke. Das T-Shirt habe ich immer noch:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"533\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/DSC_0414.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7507\" srcset=\"https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/DSC_0414.jpg 800w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/DSC_0414-300x200.jpg 300w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/DSC_0414-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Freunde haben mich schon immer als etwas verschroben angesehen. 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