{"id":796,"date":"2018-03-04T20:47:38","date_gmt":"2018-03-04T19:47:38","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=796"},"modified":"2018-03-05T06:38:15","modified_gmt":"2018-03-05T05:38:15","slug":"eifelsuechtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fernwehkinder.de\/?p=796","title":{"rendered":"Eifels\u00fcchtig"},"content":{"rendered":"<p>Oh, wie habe ich sie vermisst auf all den wundersch\u00f6nen Touren auf Mallorca und im Bergischen Land.<\/p>\n<p>Meine Eifel!<\/p>\n<p>Ich muss mir eingestehen, dass ich eifels\u00fcchtig bin.<\/p>\n<p>Selbst traumhaftes Wetter und gr\u00f6\u00dftes Gipfelgl\u00fcck auf der Mittelmeerinsel waren oft mit Gedanken an die Eifel gepaart.<\/p>\n<p>Jede Wegmarkierung des Sauerl\u00e4ndischen Gebirgsvereins wurde mit den Wegzeichen des Eifelvereins verglichen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4451\" aria-describedby=\"caption-attachment-4451\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4451 size-medium\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1641-Toscana-Feeling-bei-1-Grad-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1641-Toscana-Feeling-bei-1-Grad-300x225.jpg 300w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1641-Toscana-Feeling-bei-1-Grad-768x576.jpg 768w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1641-Toscana-Feeling-bei-1-Grad.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4451\" class=\"wp-caption-text\">Toskana-Feeling bei Minusgraden<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei der \u00dcberarbeitung der Via Francigena habe ich im Toskana-Kapitel immer an die Wacholderheiden bei Adendorf denken m\u00fcssen, wo mir bei der Recherche zur Erstauflage des Eifelsteigs bei Minus 2 Grad, Ostwind und knietiefem eiskaltem Wasser in den Auen des Lampertstals zwei Mitwanderer ins Ort riefen &#8222;Wie inne Toskana! WIE INNE TOSKANA! NEE, SCH\u00d6NER ALS INNE TOSKANA!!!&#8220;<\/p>\n<p>Nun kann ich endlich wieder in die Eifel, um vor Ort die Tracks aufzuzeichnen, Fotos zu schie\u00dfen und Eindr\u00fccke einzufangen, die ich brauche, um meinen Manuskripten den letzten Schliff zu geben. Obwohl meine Familie aus der Eifel stammt und ich seit fr\u00fchester Kindheit dort unterwegs bin, gibt es noch so viel Neues f\u00fcr mich zu entdecken.<\/p>\n<h4>Die Eifel: ein offenes Geschichtsbuch<\/h4>\n<p>Vorgestern zum Beispiel war ich in Nideggen-Schmidt, weil ich feststellte, dass ich noch nie ein Foto von Sankt Mokka gemacht hatte. Dabei entdeckte ich in der ehemaligen Taufkapelle der Kirche einen Infopunkt des Nationalparks Eifel. Er ist sehr sch\u00f6n angelegt, mit Infotafeln, Prospektst\u00e4ndern, Sitzgelegenheiten und zwei Videosystemen. Nur die Lehne auf der Sitzbank ist f\u00fcr mich zu niedrig. Ich schaute mir n\u00e4mlich einen Film \u00fcber die Schlacht im H\u00fcrtgenwald an und nach sechs der zw\u00f6lf Minuten schmerzte das Kreuz, also schaute ich den Rest im Stehen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Schlacht im H\u00fcrtgenwald hatte ich bei einem unserer Naturfreunde-Paddelwochenenden geh\u00f6rt. Das sollte mir im Ersten Staatsexamen den Hals retten. Denn es ging in dem Zivilrechtsfall um einen Mann aus Kreuzau, der Anfang November 1944 ein Dreizeugentestament errichtete. Wie durch ein Wunder \u00fcberlebt er und stirbt erst 1990. Nu stritten die Hinterbliebenen \u00fcber die G\u00fcltigkeit des Testaments. Fieberhaft dachte ich dar\u00fcber nach, was ich \u00fcber Dreizeugentestamente wusste, denn ich sa\u00df an zweiter Stelle. Der Pr\u00fcfling neben mir disqualifizierte sich mit der Aussage &#8222;Kreuzberg ist ein Stadtteil von Berlin&#8230;&#8220; und machte den Fehler, den Pr\u00fcfer gegen sich aufzubringen, indem er dessen Einwand &#8222;Aber das Testament wurde in Kreuzau errichtet!&#8220; mit einem &#8222;Ja, sach ich doch!&#8220; abtat. Mir war immer noch nichts zur Gesetzeslage eingefallen, als der ver\u00e4rgerte Pr\u00fcfe sich mit einem gebrummten &#8222;Mal sehen, was f\u00fcr eine bl\u00f6de Antwort mich als n\u00e4chstes erwartet!&#8220; an mich wendete. Also tastete ich mich langsam vor. Kleinlaut begann ich &#8222;Kreuzau ist ein Dorf in der N\u00e4he von Aachen&#8230;&#8220; &#8211; einer der Pr\u00fcfer nickte &#8211;\u00a0 &#8222;&#8230;nicht weit davon entfernt liegt der H\u00fcrtgenwald&#8230;&#8220; &#8211; mehrere Pr\u00fcfer nickten &#8211; &#8222;&#8230;ich erinnere mich an die Schlacht im H\u00fcrtgenwald&#8230;&#8220; (gelogen, ich erinnerte mich an eine absolut geile Motorradtour, bei der wir einem etwa gleichaltigen und sehr gutaussehenden US-Amerikaner den Weg zum Ehrenfriedhof H\u00fcrtgen zeigten und dabei erfuhren, dass die Amis das Schlachtfeld ganz treffend Hurt-genwald nannten) &#8211; der Zivilrechtpr\u00fcfer\u00a0seufzte erleichtert auf &#8211; &#8222;in der es auf beiden Seiten hohe Verluste gab&#8230;&#8220; (keine Ahnung, reiner Bl\u00f6ff, aber irgendwie logisch, wen es einen eigenen Kriegerfriedhof gab) &#8211; &#8222;&#8230;also dachte der Mann sicherlich, dass er auch nicht mehr lange zu leben hatte&#8230;&#8220; &#8211; Der Pr\u00fcfer klatschte kurz in die H\u00e4nde und sprach: &#8222;Da wundern sich die Herren Pr\u00fcflinge, dass die einzige Frau in der Runde sich mit so etwas auskennt, oder? Werden sie es denn wenigstens fertig bringen, den juristischen Teil dieses Falles zu l\u00f6sen ???&#8220; Er gab den Fall an meinen Sitznachbarn ab und ich wurde die komplette Zivilrechts-Pr\u00fcfungsstunde nicht mehr angesprochen. Keine Ahnung von Geschichte, wenig Ahnung von Dreizeugentestamenten, aber am Ende die beste Note in diesem Teil der m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung. Also stimmt es doch: Reisen bildet.<\/p>\n<p>Gestern nun sah ich in Schmidt in dem Film die ganze Grausamkeit dieser Schlacht. Auf deutscher Seite k\u00e4mpften Kinder und Greise. Die Amis waren schlecht vorbereitet und in dem dichten Wald vollkommen verloren, sie schlissen Tausende von Soldaten auf. Einer der Soldaten im Film erz\u00e4hlte davon, dass sie &#8222;drei B\u00e4ume am Tag&#8220; eroberten. In dieser Schlacht erkauften sie sich einen Gel\u00e4ndegewinn von 2,7 km mit 4500 Toten aus den eigenen Reihen und 3200 gefallenen Deutschen. Als der Kraftstoff ausging und die Soldaten keine Kraft mehr hatten, ihre Kameraden zu begraben, verloren viele Soldaten den Verstand. Sie verlie\u00dfen den Wald in kopfloser Flucht oder sa\u00dfen reglos zwischen den Leichen und Leichenteilen.<\/p>\n<p>In der Schule wurde kaum \u00fcber den Krieg gesprochen. All unsere Lehrer bissen sich an den Themen Judenhass, Hitler, Konzentrationslager und Atombomben fest. Privat erfuhr ich immer wieder einzelne Details aus dem Krieg, immerhin hat er das Leben meiner Vorfahren durch Soldatenzeit, Kriegsgefangenschaft, Flucht und Vertreibung komplett ver\u00e4ndert. Als Kind spielten wir noch in alten Bunkern auf dem Spielplatz in unserer Stra\u00dfe. Aus der Eifel kannte ich die Panzersperren, aus der Bretagne\/Normandie gro\u00dfe Bunkeranlagen.<\/p>\n<p>Aber erst jetzt verstehe ich, warum mein Pr\u00fcfer der Auffassung war, dass diese Schlacht zur Allgemeinbildung angehender Juristen geh\u00f6rt. Und ich verstehe, warum mein Vater (Jahrgang 1925 und damit aktiver Kriegsteilnehmer) auf dem Krankenhausflur ein T\u00e4nzchen mit der verdutzten Hebamme machte, als sie ihm die Nachricht \u00fcberbrachte, er sei Vater einer Tochter geworden. Sie war erstaunt, weil die meisten V\u00e4ter sich doch einen Stammhalter w\u00fcnsche und er unterbrach seinen Lachanfall, um ihr zu sagen: &#8222;Ein M\u00e4dchen muss aber nicht in den Krieg ziehen!&#8220;<\/p>\n<h4>Die Eifel: Quelle meiner Erinnerungen<\/h4>\n<p>Ihr k\u00f6nnt fast jedes Thema anschneiden und ich kann euch mindestens eine Erinnerung liefern, die in der Eifel spielt.<\/p>\n<ul>\n<li>Als mein Vater noch lebte, besuchten wir \u00f6fters seine Familie in der Umgebung von Mayen, wo ich auch Laufen lernte.<\/li>\n<li>Meine Oma wollte nach seinem Tod immer von meiner Mutter nach Rieden gefahren werden. Ich dachte lange &#8222;Rieden&#8220; und &#8222;Eifel&#8220; seien zwei Worte f\u00fcr ein Reiseziel.<\/li>\n<li>Wochenendfahrten f\u00fchrten in alle Naturfreundeh\u00e4user der Eifel,<\/li>\n<li>mit der Schule klapperten wir alle Jugendherbergen und Schullandheime ab.<\/li>\n<li>Meine erste gro\u00dfe Radtour f\u00fchrte mit Hans, Werner und Thomas Weil von Zuhause durch die Eifel an die Mosel.<\/li>\n<li>In der Eifel fuhr ich schon als Kind Ski, sp\u00e4ter lernte ich dort Paddeln, Motorradfahren und Segeln.<\/li>\n<li>Allein drei meiner insgesamt sieben F\u00fcllungen in meinem 1-1 Schneidezahn gehen auf die Eifel zur\u00fcck: Rollschuhlaufen auf pl\u00f6tzlichem Rollsplit in Hellenthal, wegflutschender Gummizurrgurt beim Kanadier in Heimbach und eine Halse auf einer Jolle auf der Ruttalsperre.<\/li>\n<li>Schon beim Sch\u00fcleraustausch in der siebten Klasse, dann aber auch bei den seltenen Besuchen unserer DDR-Verwandtschaft fuhren wir immer nach Roetgen, um unseren Besuchern eine Staatengrenze zu zeigen, die man nur bei genauem Hinschauen \u00fcberhaupt wahrnimmt. F\u00fcr mich war dieser Umstand ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie die durch die Vennbahntrasse entstandenen Enklaven und Exklaven, w\u00e4hrend ich als 12-j\u00e4hrige sogar meinem beim Anblick dieser Grenze staunenden und weinenden Onkel erkl\u00e4ren musste, was \u00fcberhaupt eine Enklave ist.<\/li>\n<li>Ein Gro\u00dfteil unserer Jugendgruppenfahrten f\u00fchrte allen damals existierenden Campingpl\u00e4tzen und Jugendzeltpl\u00e4tzen.<\/li>\n<li>Selbst den sp\u00e4teren Nationalpark Eifel kenne ich aus Zeiten, in denen wir dort als DRK-Einheiten und\/oder gemeinsam mit Reservisten und alliierten Soldaten \u00dcbungen machten. Mir war also ausgerechnet in der Eifel der Krieg n\u00e4her gekommen, als sich mein Vater bei meiner Geburt vorstellen konnte. W\u00e4re es zu einem Verteidigungsfall gekommen, h\u00e4tte gewusst, wie ich Verwundete unter Beschuss versorge, zu einem Lazarett bringe und dort bei einer Triage mithelfe. Und ich bin genauso heilfroh wie mein Vater, dass es nie so weit kam.<\/li>\n<li>&#8230; wovon soll ich euch bei Gelegenheit erz\u00e4hlen?<\/li>\n<\/ul>\n<figure id=\"attachment_1291\" aria-describedby=\"caption-attachment-1291\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1291 size-medium\" src=\"http:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/P8130126-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/P8130126-300x225.jpg 300w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/P8130126-768x576.jpg 768w, https:\/\/fernwehkinder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/P8130126-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1291\" class=\"wp-caption-text\">In der Eifel habe ich gelernt, dass Ziegen gerne auf Tischen und B\u00e4nken sonnenbaden<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh, wie habe ich sie vermisst auf all den wundersch\u00f6nen Touren auf Mallorca und im Bergischen Land. 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