{"id":8666,"date":"2021-11-21T19:43:10","date_gmt":"2021-11-21T18:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/fernwehkinder.de\/?p=8666"},"modified":"2021-11-21T19:43:10","modified_gmt":"2021-11-21T18:43:10","slug":"traurigkeit-optimismus-positives-denken-positivitaet-gluecklichsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fernwehkinder.de\/?p=8666","title":{"rendered":"Traurigkeit &#8211; Optimismus &#8211; Positives Denken &#8211; Positivit\u00e4t &#8211; Gl\u00fccklichsein"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute ist Totensonntag. In der evangelischen Kirche wird er Ewigkeitssonntag genannt. Ein Stiller Feiertag, an dem sogar die Weihnachtsm\u00e4rkte nicht \u00f6ffnen d\u00fcrfen. Melaten ist das Ziel meiner Radtour im Regen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Gedenktag f\u00fcr die Toten bin ich traurig. Ich denke an viele Menschen, die mir vorausgegangen sind. An meinen Vater und meine Gro\u00dfeltern, an die ich keine Erinnerung mehr habe. An gute Freunde, die ich vermisse, wenn ein bestimmtes Lied im Radio l\u00e4uft. An Sterbende, die ich als Hospizhelferin begleiten durfte. An DRK-Kollegen, deren guten Rat ich noch k\u00f6rperlich sp\u00fcre, wann immer ich einen Verband wickle, einen Leitungsroller abwickle oder ein Martinshorn h\u00f6re. Ich denke sogar an meine bereits gestorbenen Hunde und ein krankes Wildkaninchen, das ich auf dem Weg zur Uni auflas und lieber zum Tierarzt brachte, als p\u00fcnktlich zur Vorlesung zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei bin ich froh, heute allein zu sein. Ich kann diese Trauer kommen und gehen lassen. Das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Mir macht eine Entwicklung einige Sorgen: Sobald es mir oder meinem Kind schlecht geht, kommt von irgendwo jemand angesprungen und erteilt die Anweisung: &#8222;Du muss es positiv sehen!&#8220; oder &#8222;Bestimmt hat es auch sein Gutes!&#8220;. \u00dcberall ist nur noch von Positivem Denken und Positivit\u00e4t die Rede. Alles muss gl\u00fccklich machen. Unfassbar viele gedruckte Ratgeber, Blogs und Homepages wollen mir das f\u00fcr mich aufschwatzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich nenne es mal ganz ins Unreine &#8222;<strong><em>Negative Positivit\u00e4t<\/em><\/strong>&#8222;, denn sie zieht uns noch tiefer runter und macht uns manchmal sogar krank. Das klingt nach einem Widerspruch, aber folgendes geht mir dabei durch den Kopf:<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Optimisten<\/h4>\n\n\n\n<p>Schon in meiner Schulzeit gab es Optimisten. Oft wurden sie gegen\u00fcber Pessimisten und Realisten abgegrenzt. Ein Optimist hat eine positive <strong>Grundhaltung<\/strong>, die sich in die <strong>Zukunft <\/strong>richtet: Eine bestimmte Situation oder eine Entwicklung wird gut ausgehen. Das entspricht dem rheinischen &#8222;Et h\u00e4tt noch immer jot jejange&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben im Psychologieunterricht gelernt, dass es ein <strong>unver\u00e4nderlicher Teil der Pers\u00f6nlichkeit<\/strong> ist, ob man eher pessimistisch oder optimistisch durch das Leben geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles klar! Also gibt es einfach Leute, die in einer Situation mit ungewissem Ausgang optimistisch oder pessimistisch reagieren. Beides ist normal und okay. Sitzen beide das erste Mal in einem Kanu und paddeln die Wupper hinab, wird der Optimist jede Stromschnelle mit einem fr\u00f6hlichen &#8222;Juchu! Et h\u00e4tt noch immer jot jejange!&#8220; begr\u00fc\u00dfen, w\u00e4hrend der Pessimist mit einem &#8222;Ogottogottogott! Wir werden darin kentern!&#8220; auf sie zu paddelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beides nicht schlimm. Der fr\u00f6hliche Optimismus kann zu Leichtfertigkeit f\u00fchren, w\u00e4hrend der Pessimist die Risiken sieht und mit aller Macht gegensteuert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Positives Denken<\/h4>\n\n\n\n<p>Wir sprachen in der Schule auch \u00fcber das positive Denken. Und zwar &#8211; das finde ich interessant &#8211; im Zusammenhang mit self fulfilling prophecies (sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiungen) und war eher im Bereich des Glaubens und der Esoterik angesiedelt. Wenn ich mir nur lange genug einrede, dass etwas passiert, wird es passieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Kann klappen, muss aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses positive Denken begegnete mir immer wieder. Mit den richtigen Visualisierungen und Affirmationen soll sich mein Denken zum Positiven ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich bin nicht daf\u00fcr gemacht, mich selbst zu ver\u00e4ppeln. Hier drei Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Im Abiturjahr traf ich nach einer langen Verletzungspause beim Basketballtraining den Korb nicht mehr. Der Sportlehrer riet mir, ich solle mir vorstellen und visualisieren, dass mein Ball in den Korb f\u00e4llt. Passierte aber nicht! Ich konnte den Ball hundertmal im Korb sehen, er prallte daneben ab. Bei mir half nur \u00fcben, \u00fcben, \u00fcben bis ich wieder traf.<\/li><li>In der Mutter-Kind-Kur riet mir die Psychologin zu positivem Denken, wenn ich mit meinem Aussehen unzufrieden bin. Wenn ich mich morgens im Bad sehe und mit meinem Spiegelbild ungl\u00fccklich bin, kann mich mir 999.999 x sagen &#8222;Ich bin sch\u00f6n!&#8220; &#8211; &#8222;Sch\u00f6nheit liegt im Auge des Betrachters&#8220; &#8211; &#8222;Wahre Sch\u00f6nheit kommt von innen&#8220;. Aber ich glaube es mir nicht. Zudem denke ich dann den ganzen Tag immer wieder an das d\u00e4mliche Thema, wenn ich mir mein &#8222;Ich bin sch\u00f6n&#8220;-Mantra aufsage und bin dann auch noch sauer mit mir, weil ich noch zu bl\u00f6d f\u00fcr positives Denken bin.<\/li><li>Eine Bekannte, die das positive Denken geradezu lebt, ist der festen \u00dcberzeugung, sie m\u00fcsse nur an einen Parkplatz denken, um einen zu bekommen. Selbst zur Rushhour in der Innenstadt. Ich hingegen hasse die innerst\u00e4dtische Parkplatzsuche und meide sie, wo es nur geht. Ist es unvermeidbar, plane ich viel Zeit f\u00fcr die Suche ein und bin angenehm \u00fcberrascht, wenn es schneller geht. Meine negative Energie scheint st\u00e4rker zu sein als ihr positives Denken. Denn immer, wenn wir gemeinsam mit dem Auto unterwegs sind, brauchen wir ewig, bis das Auto endlich steht. Und jedes Mal betont sie, dass ihr das noch nie passiert sei&#8230;<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Auf mich wirkt positives Denken verlogen, denn es funktioniert nur bei ohnehin schon robusten Pers\u00f6nlichkeiten, den es nichts ausmacht, aus ihren Fehlern zu lernen. Unsicher Menschen gehen daran kaputt, denn sie wissen ja: wenn ich scheitere, macht es alles noch schlimmer. Wenn ich keinen Erfolg habe, dann bin ich auch noch selber schuld, weil ich es mir nicht gut genug suggeriert und visualisiert habe und ganz offensichtlich nicht richtig probiert habe. Weder der Trainer noch die Rahmenbedingungen werden dabei betrachtet, wenn ich scheitere, lag es allein an mir. <\/p>\n\n\n\n<p>In der <strong>Erziehung <\/strong>kann das ganz fatale Folgen haben: Meine Zwillinge standen im Sommer 2021 traurig im Pool, weil sie alles aus dem Schwimmkurs (Februar 2020) verlernt hatten. Beide trauten sich anfangs nicht einmal, das Kinn unter Wasser zu tauchen. Von Mund &#8211; Nase &#8211; Augen &#8211; ganzem Kopf ganz zu schweigen! <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde ich ihnen nun Mantras wie &#8222;Ich kann das!&#8220; &#8211; &#8222;Das habe ich vorletzten Winter gekonnt, das geht immer noch!&#8220; &#8211; &#8222;Das ist ganz einfach, ich schaffe das!&#8220; vorbeten, w\u00fcrden beide mich nur irritiert ansehen. Cari w\u00fcrde sagen: &#8222;Nein, ich kann das nicht! Aber ich \u00fcbe das so lange, bis ich es kann!&#8220; Nele w\u00fcrde sich mit einem &#8222;Nee, kann ich nicht!&#8220; bockig umdrehen, w\u00fctend zu unserem Liegeplatz stampfen, sich anziehen und am Auto warten, bis wir nach Hause fahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit positiven Denken w\u00fcrde ich sie dazu anhalten, Negatives (16 Monate ohne Schwimmunterricht) zu verleugnen und negative Emotionen (Angst vor dem Untertauchen) zu verdr\u00e4ngen, was besonders bei labilen Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen zu ernsthaften Schwierigkeiten f\u00fchren kann. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Positivit\u00e4t<\/h4>\n\n\n\n<p>Das neue Heilsversprechen ist Positivit\u00e4t. Immer beim Thema Achtsamkeit kommt es bald schon daher. Auch wenn ich Achtsamkeit so verstehe, dass ich alles wertfrei betrachten soll. Doch sobald irgendwo mehr als vier S\u00e4tze \u00fcber Achtsamkeit geschrieben wird, werde ich als Leserin dazu angehalten, meine Aufmerksamkeit auf etwas Positives zu richten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann fatale Folgen haben: Ich verfluche den Positivismus, mit dem wir uns Anfang des Jahres in das Abenteuer &#8222;Welpen&#8220; gest\u00fcrzt haben. Es war ja soooo s\u00fc\u00df! Es lief ja soooooo putzig und wackelte mit dem Hintern wie eine Diva! Es erz\u00e4hlte mit uns und sang f\u00fcr uns! Es holte meine T\u00f6chter aus dem Homeschooling-Lockdown-Frust. Bathida wurde aktiver und fitter durch die kleine Knutschkugel. Ach h\u00e4tten wir uns doch nicht so sehr an das Positive gehalten! Ich h\u00e4tte viel fr\u00fcher erkannt, dass die kleine Blueberry unrund l\u00e4uft. Mir w\u00e4re fr\u00fcher klar geworden, dass sie nicht kommuniziert, sondern vor Schmerzen jammert. Eine OP w\u00e4re fr\u00fcher nicht m\u00f6glich gewesen, aber wir h\u00e4tten fr\u00fcher mit der Schmerztherapie beginnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar richtig giftig wird Positivit\u00e4t, wenn sie uns keinen Raum l\u00e4sst, uns schlecht zu f\u00fchlen. Wenn wir nach au\u00dfen so tun m\u00fcssen, als ginge es uns blendend. Mir wurde so richtig bewusst, dass ich &#8211; ohne es zu wollen &#8211; an dieser krankmachenden Positivit\u00e4t leide, als ich letzte Woche auf ein Zitat von Robin Williams stie\u00df:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;I think, the saddest people always try their hardest to make people happy because they know what it&#8217;s like to feel absolutely worthless and they don&#8217;t want anyone else to feel likek that.&#8220; (Ich denke, die traurigsten Menschen geben sich immer die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, Menschen gl\u00fccklich zu machen. Weil sie wissen, wie es ist, sich absolut wertlos zu f\u00fchlen. Und weil sie nicht m\u00f6chten, dass sich irgendjemand so f\u00fchlt.)<\/p><cite>Robin Williams<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Oh nein, so leicht ist es nicht. Dazu mache ich das schon zu lange und es ist in vielen Situationen in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen. Mir wurde schon als Dreij\u00e4hrige beim Tod meines Vaters von wohlmeinenden Kinderg\u00e4rtnerinnen, Nachbarinnen und Verwandten deutlich gemacht, dass ich nicht traurig sein darf. Denn meine Aufgabe war es ja, meine Mutter in dieser schweren Zeit aufzumuntern! Als Vierj\u00e4hrige war ich 7 Monate von meiner Mutter getrennt und durfte nicht zeigen, dass sie mir fehlte. Bei zwei Kinderkuren als Acht- bzw. Elfj\u00e4hrige wurden Heimweh und Tr\u00e4nen unnachgiebig bestraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir also schon in meiner Kindheit angew\u00f6hnt, auch dann fr\u00f6hlich zu wirken, wenn ich traurig, \u00e4ngstlich oder zornig bin. Erscheint mir Humor unangemessen, schweige ich ganz. Schriftlich f\u00e4llt es mir leichter als im Gespr\u00e4ch, deshalb wussten meine Brieffreundinnen in Koblenz, Wales und Italien immer mehr \u00fcber mich, als alle Menschen, mit denen ich den lieben langen Tag verbrachte. Heute habe ich keine Brieffreunde mehr. Nur ganz wenige Menschen kennen deshalb meine wahren Gef\u00fchle. Zum Gl\u00fcck geh\u00f6ren meine T\u00f6chter dazu. Sie haben ein gutes Gesp\u00fcr f\u00fcr traurige, w\u00fctende oder verzweifelte Momente und k\u00f6nnen mich ohne jedes Wort tr\u00f6sten. Ja: tr\u00f6sten! Nicht aufmuntern und dieses negative Gef\u00fchl in ein positives verwandeln. Wir akzeptieren das Nichtvorhandensein einer positiven Lage &#8211; einer positiven Laune &#8211; eines positiven Gef\u00fchls. Denn so ist das Leben eben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gl\u00fccklichsein<\/h4>\n\n\n\n<p>Und wisst ihr was? Ich bin gl\u00fccklich! Ja, das ist f\u00fcr mich kein Widerspruch. Auch wenn ich einen traurigen Tag habe. Auch wenn ich vor Mitleid mit unserem leidenden Hund vergehe. Auch wenn meine Tochter weinend aus der Schule kommt. Auch wenn nichts gegen die R\u00fcckenschmerzen hilft. Und das alles in Zeiten, in denen ein Virus mein Leben vollkommen umkrempelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass ich endlich verstanden habe, dass Schmerzen, Trauer, Wut, Mitleid, Trennungen, Traurigkeit, Missgeschicke, Fehlentscheidungen, Schicksalsschl\u00e4ge, Depression, Zuf\u00e4lle und meine Gene mich genau zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin. Und das machen sie jeden Tag neu. Egal, ob ich ihnen nur das Positive abzugewinnen versuche oder auch das Negative sehe.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist Totensonntag. In der evangelischen Kirche wird er Ewigkeitssonntag genannt. Ein Stiller Feiertag, an dem sogar die Weihnachtsm\u00e4rkte nicht \u00f6ffnen d\u00fcrfen. 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