In den letzten drei Wochen bekamen die Little Dragons an vielen Vormittagen Besuch von Eltern, die ihnen Minivorträge über ihr Heimatland hielten. Zusammen mit Colins Mama durfte ich Deutschland vertreten. Es ist so niedlich, zweijährigen Kindern mit unterschiedlichen Muttersprachen zuzusehen, wenn man ein Land vorstellt. Egal, ob es ein fremdes oder das eigene Land ist, alle staunen! Denn wenn wir einmal ehrlich sind, wissen die Kinder in dem Alter vielleicht (!), ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind. Aber ob sie Deutsche, Inder, Bolivianer oder Marsianer sind, wissen sie nicht – und es ist ihnen eigentlich auch ziemlich egal. Sie sind Kinder, die gerne mit anderen Kindern spielen. Vollkommen egal, woher diese kommen.

Trotzdem ist es gut, über das eigene Land bzw. das seiner Eltern etwas zu erfahren. Das geht in diesem Alter natürlich nicht mit einem Tafel- oder Powerpoint-Vortrag. Hier wird gesungen, ausgemalt, gebastelt, getanzt oder eine nationale Leckerei gekostet. Nele und Cari kamen mit türkischem Gebäck, peruanischen Ausmalbildern, einem französischen Lied und einem arabischen Tüchlein nach Hause. Was die Eltern der anderen Nationen gemacht haben, weiß ich leider nicht. Zum detaillierten Erzählen sind sie eben noch zu klein.

Den Abschluss dieser International Weeks bildet immer die Nations Parade. Das ist seit Aurelias Zeit bei den Little Dragons immer ein Termin, der mir graue Haare wachsen lässt. Bei dieser Parade der Nationen sollen alle Kinder in der Nationaltracht kommen. Für kleine Peruaner, Letten, Türken, Russen, Spanier, Niederländer und US-Amerikaner gar kein Problem!

Aber für die Deutschen.

Was ist unsere Nationaltracht?

Haben wir überhaupt eine?

Ich käme mir in einem bayrischen Dirndl genauso verkleidet vor wie in einem sorbischen Haubenkleid, einem norddeutschen Matrosenhemd oder einem Schwarzwaldpuschelhut. Haben wir keine Nationaltracht? Oder geht das an uns Rheinländern vorbei, weil wir uns ohnehin das ganze Jahr karnevalistisch verkleiden?

Die meisten deutschen Mütter ziehen sich bei dieser Parade aus der Affäre, indem sie ihren Kindern entweder Fußball-T-Shirts mit schwarz-rot-goldener Flagge anziehen – oder schlecht gelaunt auf Dirndl und Lederhose ausweichen. Haben wir wirklich nur bei diesem asozialen (zu dieser Meinung muss ich ‚mal etwas extra schreiben) Ballsport eine gemeinsame Identität? Wahrscheinlich schon, denn Dirndl gehören ganz bestimmt nicht zu meiner nationalen Identität. So kann und will ich unser Land nicht nach außen vertreten. Geht ihr im Dirndl, wenn ein Nationaldress gefragt ist?

Cari freut sich über die langen Haare, Nele hat mit der Mütze sogar Mittagsschlaf gehalten.

Ich habe diese Frage nun für mich und meine Kinder beantwortet: Wir sind Rheinländer. Im Rheinland gibt es keine Tracht. Also können wir anziehen, was wir wollen. Wir wollen Köln nach außen vertreten, also muss die Kleidung rot-weiß sein wie die Stadtfarben. Wir wollen den rheinischen Frohsinn nach außen vertreten, meiner Meinung nach am besten sogar noch den kölschen Dialekt. Wo wird perfekt Kölsch gesprochen? Im Hänneschen Theater! Und schon ist das Problem keins mehr: Die beiden gehen als Hänneschen und Bärbelchen. Gut gelaunte freche kleine Rheinländerinnen verkleiden sich als gut gelaunte freche kleine Rheinländer. Das passt!

Und ratet ‚mal, welche Maus nachher Omas Spiegel mit Glasreiniger sauber machen musste, nachdem sie mit fettigen Händen davor posiert hat?

 

3 thoughts on “Nationale Identität bei Zweijähigen

  1. Also ich denke wir haben ggf. eine Regionaltracht…wie übrigens viele andere Länder auch. Der so amerkianische Cowboy Hut ist eher im Süden und mittleren Westen üblich, in Peru hat auch jede Region andere Kleidungsstücke, bei den Koreanern weiss ich das verschiedene Farben üblich sind, Holzschuhe sind nicht in allen Regionen der Niederlande üblich. der Bowler Hat ist nur in den Städten üblich, der Schottenrock…naja in Schottland halt. …..

    Ich weiss eh nicht was meine Heimat ist. Bin geboren im Ruhgebiet mit familiären Wurzeln ins bergische und nach Westfalen, aufgewachsen am linken unteren Niederrhein. Leben tue ich, mit kurzer Unterbrechung, seit 1988 in Braunschweig und am wohlsten habe ich mich in Berlin (Unterbrechung) gefühlt

    Ich liebe den Grünkohl mit Pinkel genauso wie mit Bauchfleisch und Mettenden, genauso Himmel än Ääd aber auch an einer Weisswurscht und nem Schäufle“ finde ich gefallen. Bier mag ich nicht aber Cider. Ich mag weder Marmite noch Vegamite aber ich liebe englisches Frühstück dagegen kann man mich mit Haggis nicht hinter dem Ofen vorlocken.

    Wir sollten uns nicht in Schubladen packen lassen, weder mit Essen, Hautfarbe, Kleidung oder Sprache….
    …einfach von allem das Beste und „jeder soll nach seiner Farcon seelig werden“

    1. Ich danke dir für deinen Zuspruch und die Information. Ich habe hier noch nie jemanden in Tracht gesehen, kam also gar nciht auf die Idee, dass die beiden rheinische Bauerntracht tragen.

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