Seit der vorletzten Woche nähe ich Behelfsmasken. Wie der Name schon sagt, sind sie ein Behelf. Ein Behelf für Menschen, die gerne eine OP-Maske tragen würden oder sogar tragen müssten, aber nirgendwo eine kaufen können.

Flinke Helfer Finger Erftstadt

Vor zwei Wochen gründete sich in meiner DRK-Heimat Erftstadt spontan eine Gruppe, die sich Flinke Helfer Finger nennt. Ziel der Gruppe ist es, den Helfern zu helfen. Innerhalb von 15 Tagen wurde 1600 x ‚Behelfs-Mund-Nasen Schutz‘ an unsere Helden verteilt. Weitere 1250 Stück sind fertig und es sind noch unzählige Rohlinge in Fertigstellung!

Sie werden an alle Helfer verteilt, die Schutz bei ihrer Arbeit brauchen: Krankenhaus, Altenheim, Osteopathen, Physiotherapeuten, Pflegedienste, Lebensmitteleinzelhändler, Apotheken, Gesundheitszentrum, Frauenhaus, AWO Tafel,… Alle zeigen sich sehr dankbar, das örtliche Gewerbe dankt den freiwilligen Nähern, Drahtbiegern und Shuttlefahrern mit Geschenken, die z.B. heute Abend verlost wurden. Bei so etwas mache ich gerne mit.

Kurzanleitung

Bevor ich mich etwas zu Pro & Contra auslasse, hier kurz eine Anleitung für den Typ, den wir nähen:

Helfen macht Freude

Angefangen habe ich mit eigenem Stoff und von Diana geschenktem Schrägband für drei Masken. Zwei Brüder, FC Fans in Aurelias Alter, bekamen aus einem zu klein gewordenen FC-Hemd und einer FC-Shorts aus unserer Nachbarschaft eine kleine Hennes-Kollektion genäht:

Danach ging es weiter mit Masken für unsere besten Freunde, danach nähten wir Schrägbänder an ganze Berge von Maskenrohlingen, denn es hat sich als praktisch herausgestellt, das Ganze arbeitsteilig duchzuführen.

Faszinierend für mich ist, dass sich alle drei Kinder dafür interessieren. Sie beraten sich zu Farbkombinationen, diskutieren die Art der Naht (ja, unsere Maschine kann sogar Blümchen) und wollen mithelfen: also dürfen sie mit der Zange den Draht biegen, Schablonen erstellen und damit den Stoff zurecht schneiden, das Schrägband nähen, einfädeln, Untergarn spulen, den Rückwärtsgang einlegen und aufs Gaspedal treten. Das Führen einer Strichliste war ohnehin Unterrichtsstoff der Großen, also ist sie für die Strichliste und die Kleinen für das Zählen der fertigen Masken zuständig.

Kritik

Mir ist bekannt, dass die Meinungen zu diesen Masken auseinander gehen. Hier meine ganz private Meinung zu den Äußerungen, die ich gegen diese Behelfsmasken gelesen habe und mir anhören musste:

  • Diese Masken schützen den Träger nicht gegen Covid-19. Stimmt! Das tun die normalen Masken aus Fließ („OP-Masken“) auch nicht. Das ist allen Beteiligten auch bewusst. Keine Pflegekraft, Apothekerin oder Physiotherapeutin wird jubeln „Hurra, eine selbstgenähte FFP Maske!“ und dann verzweifelt das Ventil suchen. Ich (als Mitglied einer Risikogruppe) weiß sehr gut, dass mich meine Nähkunst nicht vor Ansteckung schützt. Aber vielleicht hält sie ja genau den einen Virenträger auf Abstand, bei dem ich mich sonst angesteckt hätte.
  • Diese Masken sind nicht tröpfchendicht. Stimmt! Aber das eine oder andere Tröpfchen bleibt doch darin hängen, was ohne sie ungebremst in das Gesicht deines Gegenübers geatmet, gehustet, geniest oder gesabbert worden wäre.
  • Die Brille beschlägt und man schwitzt darunter. Stimmt manchmal. Also mir beschlägt die Brille damit eine Spur schneller als ohne, aber das ist nicht der Rede wert. Außerdem du musst sie ja nicht 18 Stunden am Tag tragen, sondern nur im Kontakt mit anderen Menschen.
  • Das Atmen fällt damit schwer. Stimmt nicht! Trotz eingeschränkter Lungenfunktion habe ich keine Probleme mit dem Atmen durch die zwei Lagen Stoff, selbst bei körperlicher Anstrengung wie Gartenabfall & Sperrmüll verladen oder Fahrradfahren. Vielleicht solltest du das Rauchen aufhören oder nicht gleich drei Behelfsmasken auf einmal tragen oder dich nicht so empfindlich anstellen…
  • Die Masken geben ein falsches Gefühl der Sicherheit. Stimmt nicht! Wenn die Pflegenden virussichere Masken hätten, würden sie lieber diese tragen, aber ihnen stehen inzwischen ja nicht einmal mehr die einfachen Masken zur Verfügung, weil sie von irgendwelchen Idioten im Keller gehortet, auf dem Schwarzmarkt verschachert und aus Krankenhauslagern geklaut werden.
  • Wer eine Maske trägt, will die Distanzregeln unterlaufen. Stimmt nicht! Im Gegenteil: Wenn wir ohne Maske einkaufen gehen, werden meine Kinder zum Teil sogar angefasst, um sie vor einem Regal beiseite zu schieben. Seit wir (beim ersten Mal in rein angeberischer Absicht, weil wir so stolz auf unsere Werke waren) mit Masken einkaufen, haben wir Platz am Leergutautomaten, in allen Gängen, vor allen Regalen und auch an der Kasse. Uns ist dabei egal, ob die Leute Angst davor haben, sich bei uns anzustecken oder einfach durch die Masken an die Abstandregeln erinnert werden. Hauptsache, sie bleiben uns vom Leib. Nele hat schon gesagt, dass sie ihre Maske jetzt immer anziehen will, wenn es ihr irgendwo zu eng wird…
  • Was hilft es denn, wenn ich eine Maske trage, aber sonst keiner? Vielleicht viel! Es hilft den anderen, wenn du Covid-19 positiv bis, es aber noch nicht weißt. Du bist schon ansteckend, bevor du die ersten Symptome zeigst.
  • Die Patienten fürchten sich vor Pflegenden mit Masken. Stimmt und stimmt nicht. Bei selbst genähten Masken sollte vielleicht der Stoff mit den Totenköpfen und Monstern vom letzten Halloween-Kostüm ausgespart bleiben. Aber warum sollte sich irgendjemand vor einer unserer kunterbunten Behelfs-Masken fürchten? Das kann doch nur in Situationen sein, in denen ein Mensch sich ohnehin sehr unsicher fühlt und dann sein Gegenüber nicht erkennt. Dann hilft Sprechen! Denn dann erkennt der Patient dich ja an deiner Stimme. Meine drei Kinder haben KEINE Angst vor der Zahnärztin, obwohl sie bei jeder Behandlung Mund und Nase bedeckt. Meine Mutter fühlte sich sehr viel sicherer, als die Friseurin beim letzten Haarschnitt zu ihrem Schutz eine OP-Maske anzog.
  • Das Nähen ist ein viel zu großer Aufwand für ein Einmalprodukt. Stimmt nicht! Die Behelfsmasken sie wiederverwendbar. Sie können in die Waschmaschine (besser in einen Wäschebeutel, damit die Bänder nicht verzwirbeln) und werden mit ordentlich Dampf gebügelt wieder so keimarm wie vorher. OP Masken sind ja auch nicht keimfrei, wenn sie offen in einer Praxis in ihrer Box herum liegen.
  • Was sollen die paar Masken denn ausrichten? Das bringt doch nichts. Stimmt nicht! Wenn einer sich traut, trauen sich bald auch mehr. Und irgendwann ist es selbstverständlich, Leute mit Mund-Nasen-Schutz zu sehen. Ich gehe seit gut einer Woche bei jedem Einkauf mit meiner Behelfsmaske in den Laden. Mehrfach bin ich drauf angesprochen worden, wo ich denn das schicke Teil her habe. Man wolle eigentlich auch gerne Maske tragen, aber habe sich noch nicht getraut oder könne nirgendwo welche kaufen. Wir Vermummten grüßen uns in der Warteschlange vor der Sparkasse, in der Schlange an der Supermarktkasse und beim Grünabfallausladen auf dem Bauhof. So wie sich auch Motorradfahrer grüßen. Man versteht sich. Da ist noch jemand, der auch so tickt wie ich.

Meine private Meinung, unabhängig von den täglich neu in den Medien publizierten Argumenten für und gegen eine Maskenpflicht.

3 thoughts on “Behelfsmasken

  1. Oh wie toll ihr das macht. Ich Nähe auch. Nur sehr viel aufwendiger. Das mit dem Schrägband fand ich zu aufwendig und nahm dann Gummi. Schrägband ist auch teuer oder macht ihr das selber.? Nur der Gummi geht mir immer wieder aus.
    Nun überlege ich mir euer Schnittmuster aus zu probieren.
    Super was ihr da leistet. Ein riesiges Lob eurer ganzen Truppe.

    1. Danke für deine netten Worte, gebe ich gerne weiter.

      Wir haben fast nur Helfer, die das Band haben wollen, weil die Gummis hinter dem Ohr kneifen, wenn man sie den ganzen Tag trägt, besonders bei Brillenträgern ist das wohl ein Problem. Ja, Schrägband ist teuer, das wird über Spenden finanziert und selbst gemacht.

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