Ei, sagt einmal, macht ihr das absichtlich, um zu sehen, wann mir der Kragen platzt? Wenn ihr schon gegen Corona–Regeln und den gesunden Menschenverstand verstoßt, müsst ihr es mir echt nicht sagen. Ich will das nicht wissen, weil ich sonst bald niemanden mehr habe, mit dem ich noch gerne spreche!

Die eine Mutter lässt ihre Siebenjährige ohne Maske einkaufen („sie sieht ja noch aus wie 5 Jahre“), die andere fährt mit ihrem Quarantänekind durch die halbe Republik, die nächste beschränkt sich auf ein kleines Grüppchen von „nur“ vier Familien beim feiern, die dritte stöhnt mir die Ohren voll, weil es bei ihrem Glühweinspaziergang durch die Kölner Innenstadt so eng und voll zuging, die vierte trifft sich mit 11 Leuten aus fünf Haushalten „im engsten Familienkreis“. Könnt ihr alle machen. Dürft ihr aber nicht!

Und selbst wenn ihr es dürftet, wäre es unvernünftig und wahrscheinlich auch unnötig. Wenn ich sowas höre oder lese, geht mein Puls hoch und ich könnte ausflippen.

Heute sprach ich mit einer Mittvierzigerin, die Anfang November mit Covid-19 angesteckt wurde. Sie ist Lehrerin und konnte sich der Virenlast nicht entziehen, weil Eltern (nicht Kinder!) sie ungefragt berührten, ohne Maske aus wenigen Zentimetern Nähe ansprechen und ähnliches. Sie hatte laut Auskunft des Arztes nur leichte Symptome, hatte aber zwischendrin so starke Atemnot, dass sie Todesangst bekam und ist auch nach Ende der Krankschreibung vollkommen angeschlagen, kraftlos, vergesslich und immer noch ohne Geruchs-/Geschmacksempfinden.

In unserem Landkreis nehmen vier von sieben Kliniken keine Coronapatienten mehr auf. Pro Tag sterben in Deutschland mehrere Hundert Menschen, die noch leben könnten, wenn ALLE das Virus ernst nehmen würden. Ich kenne bedauerlich viele Menschen, deren finanzielle Existenz grade vollkommen den Bach runter geht. Wie sollen die nächsten Generationen jemals die Neuverschuldungen des Jahres 2020 abgestottert bekommen?

Und – ganz im Kleinen – muss ich meine Große trösten, weil sie eigentlich ihre weiterführende Schule bei lustigen/informativen/spannenden Infotagen aussuchen wollte und wir jetzt online-Infos und Video-Calls beschränkt sind, bei denen die Kinder nicht einmal ausdrücklich erwünscht sind.

Symptome: Erwiesenermaßen (!) typische Erkältungssymptome, weiterhin bei allen.

Stimmung: Graue Wolken am Himmel und in der Wohnung.

Gedanken: Ich mache mir Angst um die Zukunft unserer Gesellschaft. Der Graben wird größer. Wo sind die Menschen, die bereit sind, sich für andere und/oder die Allgemeinheit einzuschränken? Gelten Gesetze für euch nur, wenn sie zu euren Gunsten formuliert sind?

Gefühle: Ich bin heute zornig, genervt und ungehalten. Das spüren auch die Kinder und gehen mir aus dem Weg.

Handlungen: Ich habe alle Treffen abgesagt, die wir bis zum Ende des Jahres verabredet hatten.

Entscheidungen: Natürlich darf meine Süße beim virtuellen Infoabend für ihre neue Schule dabei sein! Bis es los ging haben wir beide Skip-Bo gespielt. Sie genießt solche Premiumzeit so sehr!

Hilfe: Eine liebe Zweiwort-WhatsApp „nicht aufregen“ und drei ebenso nette Facebook-Kommentare bremsen meinen Zorn etwas. Vielen Dank <3

4 thoughts on “Quarantäne Tag 10

  1. Ach, ich dachte auf Eurer Schule kann man auch die Weiterführende besuchen. Und wäre der Wechsel nicht überhaupt erst nächstes Jahr

    1. Dort können Schüler bis zur Volljährigkeit bleiben. (wenn die Eltern die nötigen finanziellen Mittel haben, die hier leider aufgebraucht sind)

      Vom Alter her ist sie ein Kannkind. Ferner ist sie schon im vierten Schuljahr, also wollen wir es wagen.

  2. ich kann dir nur zustimmen, mein Großer feiert heute seinen 18. Geburtstag ohne Besuch, keine Party mit Freunden, es ist zwar bitter aber das kann man alles nachholen, und er versteht es! Das muss man jetzt aushalten und durchhalten, auch wenn es schwer ist und sehr viel Kraft kostet.
    Liebe Grüße
    Biggy

    1. Oje, ausgerechnet der 18. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

      Tröstet es ihn, wenn ich ihm erzähle, dass mein 18. Geburtstag auch eine Katastrophe war: Ausgerechnet am Aschermittwoch wurde ich volljährig. Es gab zwar eine Fete in unserer Jugendgruppe, aber die Gäste waren vom Karnevalfeiern so fertig, dass es alles andere als ein rauschendes Fest war. Um 22 Uhr lag ich traurig im Bett.

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