Ihr Lieben, die ersten beiden März-Wochen habe ich in der bibberkalten Tiefgarage unseres Rathauses verbracht. Freiwillig, angstfrei, sitt und satt. Also kein Vergleich zu den Menschen, die in diesen beiden Wochen in den bibberkalten U-Bahn-Schächten in der Ukraine verbringen mussten. Und genau um diese Menschen, allgemein in der Ukraine und ganz besonders in der Hürther Partnerstadt Peremyschljany, ging es all den Helfern hier in Hürth.

Belohnt wurden wir mit unfassbar vielen Gefühlen:

Liebe: zu meiner Mutter, die selbst als junges Mädchen vor Soldaten geflohen ist und mich darum bat, ihre Dankbarkeit über die damals erhaltenen heißen Suppen und warmen Decken an die neuen Flüchtlinge weiter zu geben. Liebe zu meinen Töchtern, die mich spontan baten, bei dieser Hilfsaktion mitzuhelfen und alle drei ganz tief in ihr Sparschwein griffen, um einen Karton voller nützlicher Dinge als Spende zu kaufen. Natürlich reichte ihr Geld nicht, aber ich hatte ja Plastikgeld dabei ;o)

Sorge: um die Bewohner unserer Partnerstadt und alle anderen vom Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine. Aber auch um die vielen Russen, die hier in Deutschland zu Unrecht angefeindet werden oder in Russland verhaftet werden.

Erstaunen: über die unfassbar vielen Spender, die uns an einigen Tagen geradezu mit Spenden zubauten, bis wir nur noch Trampelpfade durch diese riesige Tiefgarage hatten. Lieferwagen und LKW mit Hilfsgütern kamen aus den örtlichen Kindergärten, Schulen, Firmen, Rettungswachen und Fabriken, aber auch aus Nachbarstädten und sogar aus Aachen angefahren. Der Vorsitzende des Hürther Basketball Clubs besuchte eine Woche lang das Training aller Mannschaften bis runter zur U8 und zu den Turnkindern, um die Spieler und deren Eltern zu Geldspenden zu motivieren. Ein ganzer Stapel Babyschlafsäcke wurde uns von der Neugeborenenstation einer Kölner Klinik gebracht. Liebevoll gepackte Fertigsets mit Hygieneartikeln oder ein Karton mit Gaskocher, Gas, Nudeln, Tomatensoße, Nachtisch, Tellern und Besteck waren dabei. Sooo viele gut durchdachte Spenden!

Verbundenheit: „Eigentlich hätte ich gar keine Zeit für diesen Einsatz.“ Das sage nicht nur ich, sondern es geht den meisten Helfern so. Sie schieben die eigene Arbeit in die Abendstunden, nehmen Urlaubstage und verschieben Arzttermine, um anpacken zu können. Sie nehmen Anfahrten aus Erftstadt, Pulheim und Köln auf sich, kommen 8 km mit dem Fahrrad oder müssen mit Bus & Bahn dreimal umsteigen. Eine Helferin verabschiedete sich gestern ganz traurig bei mir, weil sie aus dem Kölner Norden kommt und sich angesichts der steigenden Dieselpreise die nächste Tankfüllung nicht leisten kann, um weiter helfen zu können.

Dankbarkeit: Während wir uns um das Wohlergehen der Menschen in Peremyschljany kümmern, gibt es stets Menschen, die sich um uns Helfer kümmern. Wir wurden privat mit Süßigkeiten, Pizzaschnecken und russisch-orthodoxem Segen versorgt. Die Vertreter des Partnerschaftsverein und der Stadt Hürth sorgten sich auch sehr gut um die Helfer. Kaffee und Wasser stand vom ersten Tag an bereit. Später gab es sogar Apfelschorle, Cola und warmes Mittagessen. Dazu wurde jedem Helfer ein Zwanziger-Corona-Schnelltest-Set in die Hand gedrückt. Sogar außerhalb der Rathausöffnungszeiten war der Zugang zu den Toiletten jederzeit sichergestellt.

Freude: Aktiv etwas tun zu können liegt mir wesentlich besser, als ängstlich und abwartend vor dem Fernseher zu sitzen und mir den Kopf zu zerbrechen, was als nächstes passieren könnte. Als ich mich zum Helfen meldete, war ich nicht davon ausgegangen, dass das Annehmen, Sortieren und Versenden von Hilfsgütern in einer lausekalten und zugigen Tiefgarage mir sogar echte Freude machen könnte. Unverhofft kommt oft: ich habe so nette, humorvolle und liebenswerte Menschen kennengelernt, dass ich immer bester Laune nach Hause fuhr, obwohl ich jeden Muskel spürte und zum Auftauen erst einmal in die Wanne oder Sauna musste (immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es mir soooo gut geht, weil ich ja im Warmen entspannen kann).

Wiedersehensfreude: Unter den Spendern und Helfern waren viele Menschen, die ich seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Naturfreunde, Rotkreuzler, Katastrophenschützer, Mitschülerinnen, mein Musiklehrer, Babyschwimmmütter, ehemalige Nachbarn, eine Trödelfreundin und mein Jugendschwarm (pssst, das weiß er bis heute nicht!)

Anerkennung: Ohne langes Zögern boten sich die Firmen Talke* und Rewe* an, ihre Lastzüge zu beladen und ihre Lager für alle Paletten zu nutzen, was wir fertig gepackt hatten. Feuerwehr und Stadtwerke Hürth* pendelten zu den Lagern, alles ging Hand in Hand. Etliche Männer stellten sich uns als Berufskraftfahrer vor und boten an, eine der nächsten Fuhren an die Polnische Grenze zu übernehmen. Freiwillig, kostenlos und in ihrer Freizeit.

Verwirrung: über eine Mutter, die ihre achtjährige Tochter als Helferin mitbrachte. Stets wurde darauf hingewiesen, dass die Helfer volljährig sein sollen. Denn dort fahren Autos, Ameisen und Gabelstapler und wir hantieren mit gefährlichen Stoffen (Gasbrenner, Feuerzeuge, starke Schmerzmittel und andere Medikamente). Diese Achtjährige stand sofort an jedem ankommenden Spenderfahrzeug, zerrte die schwersten Konservenkisten heraus und meinte dann auch noch, sie könnte die erwachsenen Helfer herumscheuchen und belehren. Die Mutter stand stolz daneben und griff nicht ein, obwohl sie von mehreren Helfern auf das übereifrige Verhalten ihrer Tochter hingewiesen wurde. Als es mir selbst zu doof wurde, ging ich lieber nach Hause Ich war ohnehin schon vier Stunden länger geblieben, als ich eigentlich wollte. Streit in einer solchen Situation ist nicht mein Ding, denn alle meinen es ja gut.

Hoffnung: Dass es vielleicht die nächste Generation endlich ohne Krieg hinbekommt. Statt im Park in der Sonne zu liegen, packten viele junge Leute bei uns an. Ein gutes Dutzend Gesamtschüler verbrachte einen ganzen Nachmittag damit, Kissen, Bettdecken und Hygieneprodukte zu sortieren. Eine russische Studentin, die in Odessa Ukrainisch gelernt hatte, beschriftete alle Kartons in Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch und hinterlegte den nachfolgenden Schichten eine Übersetzungstabelle. Vier männliche Pubertiere rissen stundenlang mit stoischer Gelassenheit und obercoolen Sprüchen die nicht mehr benötigten Kartons klein. Die Oberstufenschüler des benachbarten Gymnasiums opferten ihre Pause, um ihre Spenden anzuliefern und sofort auf die Paletten zu verteilen.

Zufriedenheit: auch in meinem Alter kann man noch etwas lernen. Ich weiß jetzt, wie Paletten bestückt, foliiert und mit der Ameise bewegt werden. Und ich weiß sogar, dass das Ding korrekt „Handhubwagen“ heißt! Lacht ruhig, ich finde das spannend.

Rührung: Ein etwa dreijähriges Mädchen stemmte uns eine große Tüte Windeln entgegen und rief: „Die brauch ich nicht mehr. Schickt ihr sie an ein Mädchen in der U-Keine?!“ Die Mutter erklärte, dass sie vor ein paar Tagen schon einmal hier war. Vorher hatte sie mit ihren Kindern für die Spendenaktion eingekauft und den Grund für den vollen Einkaufswagen erklären müssen. Darauf hatte sich ihre Jüngste von Heute auf Morgen entschieden, sauber und trocken zu werden. Nachdem das nun tatsächlich vier Tage und Nächte fantastisch geklappt hatte, durfte die Kleine ihre Spende auch persönlich abgeben und sogar in die große Box auf der Palette einräumen.

Belustigung: An einem der ersten Tage war ntv* vor Ort. Die Helferschaft teilte sich in zwei Lager: die einen setzten ihre Arbeit ungebremst fort, die anderen mussten nun ganz dringend etwas im vorderen Bereich und an der Einfahrt erledigen (wo das Interview gefilmt wurde). Ach, es waren mehr als zwei Lager: Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass ein Kamerateam da war und erfuhr es erst nach deren Abfahrt aus den Gesprächen der anderen Helfer…

Hochachtung: Eine ältere Dame mit Rollator kam ziemlich erschöpft in der Tiefgarage an und spendete Hilfsgüter im Wert von etwa 10-12 Euro. Wir boten ihr erst einmal ein Wasser an und sie erzählte, dass sie zu Fuß von Gleuel gekommen sei. Der Grund: „Meine Rente ist so schmal, dass ich sie nicht für Bustickets vergeuden wollte. Dann hätte ich ja nichts mehr spenden können!“

Respekt: Eine etwa 60-jährige Frau brachte uns ein ganzes Auto voll mit Kartons und Tüten. Ihre Mutter war am Vortag gestorben und hatte sie auf dem Sterbebett darum gebeten, alle noch nicht angebrochen Pakete mit Pflegehilfsmitteln, Verbandstoffen, Schmerzmitteln und allen haltbaren Lebensmitteln schnellstmöglich zu uns zu bringen.

Neid: Ja, ich gebe zu, ich wurde für ein paar Sekunden neidisch, als ich einer Frau half, ihre Spenden aus dem Auto zu laden, die sie für knapp 3000 Euro spontan gekauft hatte. Solch einen finanziellen Spielraum hätte ich auch gerne. Diese Frau hat für diesen Betrag doch tatsächlich Schmerzmittel, Braunülen und andere Hilfen für die ukrainischen Ärzte beschafft. Beraten von einer Apotheke und durchdacht bis hin zur Stomaversorgung!

Ekel: Leider werde ich nie erfahren, welcher „Spender“ uns die Kiste mit den ungespülten Töpfen/Pfannen, das nach Urin stinkende Federbett, die beiden bereits benutzten Zahnbürsten und die Berge von löchrigen, fleckigen Kleidungsstücken vor die Sammelstelle gekippt hat.

Verwunderung: Vielen Spendern war gar nicht klar, in welcher Lage sich die Ukrainer befinden. Anders kann ich mir einige „Spenden“ nicht erklären. Wir können keine Schwimmwindeln weiterleiten, denn die sind nicht dicht, sondern halten nur den Kot davon ab, durch das Schwimmbecken zu dümpeln. Wir wollen keine Haarfärbemittel weiterleiten, weil wir uns keinen Menschen auf der Flucht vorstellen können, der die Mitfahrt im rettenden Bus ablehnt, weil er erst noch schnell die Ansätze in Kastanienbraun nachtönen möchte. Ergibt sich in einem U-Bahn-Schacht oder in einer Massenunterkunft wirklich die Gelegenheit, Kondome (mit Noppen und dreierlei Geschmacksrichtugnen – Erdbeer/Vanille/Banane) zu verwenden? Was geht in einem Spender vor, der uns ein Holzschild mit der Aufschrift „Welcome at the Beach“ überlässt, während wir im Fernsehen zerbombte Städte im Schnee sehen? Ganz besonders wichtig ist natürlich ein kleines Holzschränkchen mit Kosmetikfirlefanz aus einer Zeit, aus der bei uns die Postleitzahlen noch dreistellig waren, oder?. Was machen Flüchtlinge mit Blumentöpfen, TV-Fernbedienungen, Lockenstäben, 1970er-Jahre-Fotoapparaten (ohne Film!), Brockhausbänden (3-5), Jugendlexika, Schlittschuhen, Stoffsäckchen-Adventskalendern und Schneekugeln?

Euphorie: als der erste Hilfstransport schon zwei Tage früher, als ursprünglich gedacht, vollgepackt starten konnte.

Neugier: In den Gesprächen mit anderen Helfern und Spendern habe ich viel über die Ukraine gelernt. Vorher konnte ich zwar die Position des Landes auf der Weltkarte zeigen, kannte grob die Landesgeschichte, konnte diesem Land den Reaktorunfall in Tschernobyl zuordnen und wusste, dass Lemberg jetzt Lwiw heißt. Ich wusste von dem Wunsch der Ukrainer, alle Welt möge statt „Kiew“ doch bitte „Kyjiw“ sagen und dass einer der Klitschkobrüder dort Bürgermeister ist. Gelernt habe ich zwischenzeitlich, dass es sich in den Karpaten im Westen des Landes ganz fantastisch wandern lässt, EU-Europäer visumfrei einreisen dürfen und man im Donaudelta die seltensten Vögel in freier Natur beobachten kann. Ich wurde darüber belehrt, dass ich „Galicien“ mit c zwar in Spanien, „Galizien“ mit z aber in der Westukraine suchen muss und dort sogar den höchsten Berg der Ukraine finde (falls ihr gefragt werdet: Der Howerla liegt 200 km südlich von Peremyschljany, ist 2060 m hoch, sein Name ist ungarisch und bedeutet Schneeberg). Ich habe neugierige Kinder, also muss ich selbst auch neugierig sein, um die passenden Antworten auf ihre Fragen zu haben. Denn mit dem Kriegsausbruch wollten sie wissen, warum die Flagge unten gelb und oben blau ist – was der Unterschied zwischen ukrainischem und russischem Kyrillisch ist – wie der Name unserer Partnerstadt ausgesprochen wird – ob sie den Kindern dort einen Brief schreiben dürfen – was die Menschen dort gerne essen – wie man überhaupt in einer U-Bahnstation schlafen kann – wie lang der Weg unserer Hilfstransporte ist – ob die Ukrainer die Beipackzettel der gespendeten Medikamente überhaupt lesen können – ob dort Linksverkehr ist – wie oft Flüchtlinge umsteigen müssen, wenn sie von Lwiw nach Kalscheuren reisen – ob es beim Rewe* kein Mehl mehr gibt, weil in der Ukraine Krieg ist – und gefühlte zweitausendsiebenhundertvierundsiebzigeinhalb weitere Fragen.

Fernweh: Eine Ukrainerin zeigte mir Fotos ihrer Hauptstadt und beim Anblick des Höhlenklosters, des Goldenen Tors und der Sophienkathedrale bleibt mir das Herz stehen vor Sorge, diese Gebäude könnten zerstört werden. Ein paar Tage später kam sie wieder und zeigte mir Fotos aus Transkarpatien und von einer Wanderung von Zaroslyak zu den Hoverlyanske Wasserfällen mit dem Howerla im Hintergrund. Also, meine lieben Verleger: wenn Wanderreisen nach dem Krieg wieder möglich sind, melde ich mich mal für ein paar Wochen ab. Diese urwüchsige Landschaft ist genau das, was mein Fernweh sich jetzt wünscht.

Erschrecken: Der Inhaber eines Ladens für Outdoor- und Armeeausrüstung kam zweimal angefahren. Er hatte seinen kompletten Lagerbestand gespendet. Das war an dem Tag, an dem Putin mit dem Wortbestandteil „Atom-“ die Muskeln spielen ließ. Wir freuten uns über die Wasserentkeimungsmittel, Jodtabletten und Atemschutzmasken. Doch am Helfertisch zitterten in der Pause einige Kaffeetassen in den Händen der Helfer, als wir überlegten, was diese Handvoll Masken wohl ausrichten kann und wie nah wir tatsächlich an einem Atomkrieg sind.

Verzweiflung: Während wir eine Palette mit Windeln, Babyschlafsäcken, Feuchttüchern und Stilleinlagen zusammenstellten, erfuhren wir vom Beschuss einer Entbindungsklinik. Da werden Frauen beschossen, die in den Wehen liegen. Da fliehen Mütter mit Neugeborenen, die erst wenige Stunden alt sind. Gibt es etwas Grausameres und Menschenverachtenderes?

Angst: Mehrfach hatte ich Kontakt zu Ukrainerinnen, die unbedingt mithelfen wollten, weil sie sonst vor Angst um ihre Angehörigen durchdrehen würden. Sie schleppten bis zum Hexenschuss, übersetzten ins Ukrainische, telefonierten, dolmetschten für die ersten Ankömmlinge, erklärten Wege und vieles mehr. Nur aktiv ließ sich für sie die Angst um Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen und Freunde ertragen.

Verachtung: Für alte Männer in Moskau, die blutjunge Landsleute in die Ukraine schicken, um dort hilflose ukrainische Frauen und Männer, Greise und Kinder zu töten und zu vertreiben.

Mitleid: Mit den ukrainischen Männern, die nicht so freiwillig im Land bleiben wie die Klitschko-Brüder. Sie wollen nicht kämpfen, sind aber auf Grund der Generalmobilmachung gezwungen, im Land zu bleiben. Niemand sollte gegen seinen Willen eine Waffe in die Hand nehmen müssen. Da regt sich mein Herz genauso wie bei den Frauen und Kindern. Sind denn Männer weniger wert? Sind sie nicht schützenswert? Wir schreiben das 21. Jahrhundert! Da sollte doch die Gleichberechtigung bei den Geschlechtern so stark sein, dass es andere Lösungen gibt. Wenn schon Generalmobilmachung, dann doch bitte für alle, vielleicht mit Sonderregelungen, z.B. pro minderjährigem Kind darf ein Elternteil ausreisen. Meine Meinung: Wer sich freiwillig für den Feuerwehr-, Zivilschutz- oder Kampfeinsatz meldet, soll gerne bleiben. Aber alle anderen haben ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, egal ob Männlein, Weiblein oder LGBTQIA+.

Vertrauen: in Gott, dass er es bald richten wird. So viele liebe Russen boten ihre Hilfe bei der Unterbringung der Flüchtlinge an und brachten Spenden. Sie haben einen besseren Draht zu Gott, wie mir scheint. Fast jedes Mal hörte ich: „Wir beten für den Frieden.“ oder „Gott segne Sie für Ihren Einsatz!“. An etlichen dieser Spenden waren mit Kordel kleine Schildchen befestigt, auf denen „God bless you!“ stand. Ich hörte auch Verwünschungen Richtung Putin und Selenskyj und Sätze wie „Abgerechnet wird zum Schluss!“ und „Gott sieht alles und wird die Menschen richten, die dieses Leid heraufbeschworen haben!“

Wehmut: Immer wieder blickte ich auch wehmütig in die Zeit zurück, in der ich Katastrophenschützerin war. Leider werde ich im DRK nicht mehr gebraucht. Doch alles, was ich im Katastrophenschutz gelernt und gelehrt habe, kommt nun wieder hoch. Ich träume nachts vom schweren Rühren in Feldkochherden und in Trinkwasseraufbereitungsbecken, vom Bettenbauen für das Elbehochwasser, Kfz-Märschen, Zivilschutzübungen auf Truppenübungsplätzen und einem Weihnachtsfest auf gepackten Zarges*boxen in Einsatzbekleidung.

Zorn: Da wurde am ersten Märzwochenende in aller Eile eine Notunterkunft für eine ukrainische Großfamilie in Hermülheim eingerichtet, zum Teil mit Spenden, die eigentlich in die Partnerstadt gebracht werden sollten. Alte Frauen, Schwangere und Kleinstkinder. Da helfen doch alle gerne. Eine Woche später hörte ich von meiner Mutter, dass ein DRK-Mitglied herum erzählt, das es sich gar nicht um Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine handelte. Es sei ein Trick einer internationalen Schlepperbande gewesen, die hilfebedürftigen Frauen und Kinder habe es gar nicht gegeben. Die DRK-Leute waren traurig und zornig zugleich. Da gibt man alles, um im Schulterschluss mit der Stadt schnell und unbürokratisch zu helfen – und wird belogen.

Schwindelgefühl: Das Gedankenkarussell dreht sich auch noch lange nach dem Verlassen der Spendenannahmestelle. Mal dreht es sich langsam mit scharfen Bildern, mal dreht es sich so schnell, dass mir ganz schwindelig wird. Dann nehme ich eins der Kinder oder einen der Hunde ganz fest in den Arm, atme tief durch, rufe mir die Mechanismen gegen das Katastrophieren ins Gedächtnis und suche mir eine Tätigkeit, die den Geist so erfüllt, dass das Karussell mangels Mitfahrerin anhält.

Fassungslosigkeit: Krieg ist immer lange her oder weit weg. Zweiter Weltkrieg und Mittlerer Osten. aber doch nicht jetzt und nicht in Europa! 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. So denken wir doch fast alle. Da kommt natürlich eine gewisse Fassungslosigkeit in uns auf, die sich aber gar nicht auf Fakten stützt. Das stimmt nämlich gar nicht. Der Russisch-Ukrainische Krieg begann ja, wenn wir ehrlich sind, mit dem Einmarsch der Russen auf der Krim. Und was war mit den Balkankriegen? In vielen noch laufenden oder kürzlich erst beendeten Kriegen sind sogar deutsche Soldaten involviert, z.B. in Mali und Afghanistan. Wie kommt es zu dieser plötzlichen Fassungslosigkeit und Hilfsbereitschaft? Vermutlich ist es dreierlei: 1.) Wir sind alle dünnhäutig geworden durch zwei Jahre Coronamaßnahmen. 2.) Wir sind im Kalten Krieg aufgewachsen und haben die Angst vor einem atomaren Erstschlag aus Moskau perfekt verinnerlicht. 3.) Der ukrainische Präsident und die Klitschkobrüder sind sehr sympathische und charismatische Menschen, die sich mit medialer Präsenz besser in Szene setzen können als ihre Kollegen in anderen Konfliktregionen.

Erleichterung: als wir hörten, dass unsere erste Hilfslieferung (zwei Sattelzüge mit insgesamt 66 Paletten) wohlbehalten am Ziel angekommen war.

Zuversicht: dass auch die am Freitag gestarteten beiden Sattelzüge ihr Ziel erreichen und unseren ukrainischen Freunden in ihrer Not helfen. Denn diese versorgen seit zwei Wochen auch alle Binnenflüchtlinge, die aus der Hauptstadtregion und aus der Ostukraine kommen. Diese müssen erst einmal essen und schlafen, um am nächsten Tag die rettende Grenze zu Polen erreichen zu können.

Wut: kalte Wut, um genau zu sein. Da kommt der Bürgermeister am Ende der zweiten Woche auch mal hinzu – und hält es nicht einmal für nötig, den sechs dort arbeitenden Freiwilligen kurz „Hallo!“ oder „Danke!“ (idealerweise sogar beides…) zu sagen. Ja, wir sind ein großes Team und helfen arbeitsteilig, indem er nach Skawina fährt und sich dort mit dem Bürgermeister der Partnerstadt fotografieren lässt, während wir Kisten mit Zahnbürsten, Mehl und Inkontinenzeinlagen füllen. Keiner von uns will mit ihm tauschen. Aber ist er sich klar darüber, dass er uns verärgert, wenn er unmittelbar neben zwei Helfern stehend über uns spricht, statt kurz ein paar Worte mit uns zu sprechen? Stoffel!

Wärme: Ich habe da unten in der Tiefgarage so liebenswerte, warmherzige Menschen kennengelernt, das wärmt mir das Herz, wenn mich die Müdigkeit und die Kreuzschmerzen überfallen.

Stolz: ein Teil dieses großartigen Hilfsnetzes sein zu dürfen, das inzwischen ganz Europa überspannt.

Vorfreude: Ja, eigentlich wollte ich nur zwei Tage helfen. Nun liegen zwei Wochen hinter mir und ich freue mich schon auf jeden einzelnen Tag, den ich in den kommenden Wochen anpacken kann. Dann geht es leider nicht mehr jeden Tag, aber ich werde so oft wie möglich dabei sein..

*Werbung? Ja, durch Nennung von Firmennamen. Aber ohne Gegenleistung, nur zum besseren Verständnis.

P.S. Viele dieser Fotos sind von Brigitte Weber, mit der ich mehrfach gemeinsam gearbeitet habe. Vielen Dank dafür.

3 thoughts on “Spenden für Peremyschljany – Ein Wechselbad der Gefühle

  1. Wenn ich das hier lese, sitze ich mit Tränen in den Augen. Ich bin ja nicht so ein Praktiker wie Du, bin auch nicht so vernetzt. Meine Hochachtung für Dich und alle die so aktiv Helfen.
    Und ja, GANZ wichtig. Die Menschen mit russischen Wurzeln und auch viele Russel in Russland sind nicht verantwortlich für diesen Krieg!!!!!

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