Kein Schönwetterfoto

Oft gehen Wunsch und Wirklichkeit bei mir ganz unterschiedliche Wege. Mein Anspruch ist es, mindestens zweimal in der Woche etwas Neues in diesem Blog zu schreiben. Die harte Realität lässt es aber nicht zu. Wenn ich – wie in den vergangenen Wochen – einen COPD-Schub habe und nach einem mit Kindern, Haushalt und Manuskripten gefüllten Tag schon um 21 Uhr einschlafe, geht es einfach nicht. Andere Blogger haben einen Veröffentlichungsplan, den sie stur einhalten und für den sie immer schon einige fertige Artikel terminiert haben. Davon bin ich weit entfernt. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich etwas und klicke sofort auf „veröffentlichen“. Da entsteht schon ‚mal eine längere Lücke, die mir nicht gefällt, die mich aber auch nicht in eine Krise stürzt. Meine Verleger wollen am liebsten Fotos mit blauem Himmel, ich wandere aber bei jedem Wetter, also gibt es manche Motive eben in grau statt blau. Ich bin nicht perfekt und will es auch gar nicht sein.

Juristen

„Auch wenn ihr nach eurem Studium nichts Juristisches macht, wird euch dieses Studium gut tun. Es gibt keine besseren Universaldilettanten als uns Juristen.“

Diesen Spruch eines Professors an der Uni Augsburg in meinem ersten Semester werde ich nie vergessen. Er meinte damit, dass wir von allen Rechtsgebieten zwar die Grundlagen lernten, aber nichts richtig wussten und uns nach dem Examen erst einmal spezialisieren mussten, um in einem Gebiet richtig gute Juristen zu werden.

Jugendsprache

Vor einigen Tagen hörte ich den Begriff „Universaldilettant“ in einem Zusammenhang, in dem es nur „Totalversager“ heißen konnte: An der Bushaltestelle lästerten zwei etwa 16-jährige Schüler über einen dritten: „Der ist noch zu blöd, um das hässlichste Mädchen der Schule aufzureißen. Und in welchen Klamotten der ‚rumläuft!“ – „Ach, der ist doch ohnehin der totale Universaldilettant!“

Nein, ich konnte mich nicht darüber freuen, dass die Jugend von heute noch das eine oder andere Fremdwort kennt. Denn der Zusammenhang und die Auslegung des Begriffs trifft überhaupt nicht die Bedeutung, die ich ihm zuordne.

Noch bis in die 1930er Jahre war „Universaldilettant“ ein positiv gefärbter Begriff: jemand, der auch in jedem Fach außer seinem eigenen immerhin noch etwas weiß – also kein Universalgenie oder Universalgelehrter, aber immerhin jemand mit einem weiten Blick über alle Seiten seines Tellerrands. Oder in der Sprache jener Zeit gesagt: einer, der in fast allen Gebieten ein echter Amateur (also Liebhaber!) ist, der dort sogar mit Fachleuten mithalten kann.

Von allem etwas

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich von allem etwas – aber nichts wirklich sehr gut kann. Die meisten Handarbeits- und Handwerkstechniken sind mir in der Basisversion ebenso vertraut wie die Grundschritte der Standardtänze, die Orientierung im Gelände, das Fotografieren, Offroad-Fahren, Schwimmen, Tauchen, Segeln, Skifahren, Rodeln, Radfahren, Inlineskaten, Basketballspielen, Schlittschuhlaufen, Yoga, Autogenes Training, Tai Chi,… Aber eben nur die Grundlagen und Grundschritte. Nix Besonderes. Auch als Mutter bin ich nichts Besonderes. Es gibt entspanntere und angespanntere, großzügigere und strengere, ängstlichere und wagemutigere Mütter als mich.

Universaldilletant ist dafür vielleicht sogar der richtige Begriff – zumindest nach vermittelnder Lesart zwischen der ursprünglichen Bedeutung und dem Schimpfwort der heutigen Jugend…

Nachdem mir dies bewusst geworden ist, lebe ich entspannter. Ich muss nicht die beste Mutter, beste Hausfrau, beste Autofahrerin, beste Autorin, beste Handarbeiterin, beste Fotografin, beste Sportlerin, beste Hobbybäckerin, beste Bloggerin, beste Flohmarktverkäuferin, … sein. Wenn ich dies alles jeweils nur so gut mache, wie ich es kann, ist das vollkommen in Ordnung.

Anfangs habe ich mir jeden Leserbrief sehr zu Herzen genommen. Inzwischen weiß ich, dass ich es nicht jedem Recht machen kann. Wenn ich weiterhin einen ausgewogenen Mix an Kritik über zu dicke und zu dünne Bücher bekomme, in denen der Weg zu knapp bzw. zu ausführlich beschrieben wird und ich zu viel bzw. zu wenig über Kultur / Geologie / Flora und Fauna / Infrastruktur / … geschrieben habe, habe ich wohl alles so gut und richtig gemacht, wie es mir möglich war.

Nun, meine Lieben, hier sitze ich und freue mich an dieser Selbsterkenntnis: Ich bin eine Universaldilletantin.

Auf viele wichtige Themen der letzten Wochen müsst ich noch weiter warten. Meine Teetasse ist leer und ich gehe wühlen. Am Samstag gehen mein Tapeziertisch und ich nämlich zum Kölner Zwillingsflohmarkt, dafür suche ich jetzt meine Ware zusammen, sortiere und verpacke sie.

3 Gedanken zu „Ich bin eine Universal-Dilettantin

  1. Ja, geht mir auch so. Und mir sind Universaldilettanten, die den breit gestreuten überblick behalten, sehr viel lieber als Fachidioten oder Menschen mit „Spezialinteressen“ die ihre eingeengte Sichtweise für die einzig mögliche Lebensart halten.

  2. Ich habe auch aufgegeben, -naja an vielen Stellen versuche ich es noch-, alles „richtig“ zu machen. Das fängt schon mit dem Lernen von NEIN sagen an, privat wie beruflich. Das braucht aber auch Mut, besonders bei Letzterem. Oft sind es ja nicht mal die wirklich eigenen Ansprüche die ich versuche zu befriedigen sondern oft die Anderer oder das was ich meine was die Ansprücher anderer sein könnten.

    Ich mach Dinge besonders ungern wenn ich „muss“. Das geht mir zZt genauso mit dem Wandern. LAG will immer raus, höher weiter…. aber dasmacht es dann bei mir Click…und ein Hebel fällt um. Aber wie schwer ist es dennoch zu sagen: „geh alleine ich will heute nicht“. Oft gehe ich dann doch…und ja es ist am Ende auch immer schön…

    Nein, ich muss nicht immer ….und das ist gut so.

    Homus imperfectus

  3. Du bist so richtig wie du bist!!!wenn ich om Blog lange nix gelesen habe,freue ich mich umso mehr auf das nächste „Futter“!
    Euch ein schönes Wochenende und maximale Erfolge beim Flohmarkt!
    Sabrina

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