Hermann oder Franziskus? Kurzbesucher oder Dauergast? Gern gesehen oder lästig? Sicher bin ich mir nicht.

Fest steht, dass unsere Nachbarin am Samstag bei mir ans Fenster klopfte, mit einen Plastikbecher und eine Kopie in die Hand drückte und mit den Worten „Der ist lecker. Und du musst ihn erst am Montag das erste Mal füttern!“ vor der nächsten Regenschauer über den Hof flüchtete,

Da stand ich nun, mit einer ehemaligen Reibekuchenteigdose in der Hand auf der Treppe , überflog die nassgeregnete Kopie und fühlte mich plötzlich 30 Jahre jünger.  Schon ahnend, was es ist, schaute ich vorsichtig in das Gefäß und erblickte einen Blasen schlagenden Glibber. Hermann!

Oh nein!

Eine gefühlte Ewigkeit wohnte er während meines Studiums in der Kellerküche meiner Mutter. Ich fütterte, teilte, verschenkte und buk ihn. Ich suchte nach einem Ferienplatz für ihn, wenn ich verreiste. Ich putzte den klebrigen Schleim von Arbeitsplatte, Schrank und Boden, wenn er übergebrubbelt war. Hermann war das pfegebedürftigste, hilfloseste und lästigste, womit ich jemals zusammengelebt hatte. Aber trennen konnte ich mich auch nicht von ihm. Dazu bedurfte es damals einer Nachbarskatze, die sich wohl vor einem Gewitter in unser Haus gerettet hatte und meinen Freund Hermann als Willkommensgruß angesehen hatte. Wir entdeckten die zufriedene Katze und Hermanns leere Behausung erst am nächsten Tag, als ich ihn füttern wollte. Die Trauer um den Verlust hielt sich in Grenzen, Hermann war von uns gegangen und das war okay für mich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAurelia holte mich am Samstag aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, indem sie fragte: „Wer war das?“ Spontan antwortete ich „Hermann!“ und sie fragte: „Kenn ich den?“ Ich korrigierte mich also und erklärte ihr, dass es eigentlich Annette gewesen war, aber der Teig Hermann heißt.

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Das Kind fand die Idee spannend, einen Teig erst eine Woche zu füttern, bevor er gebacken wird. Also ließ ich meinen Plan fahren, die Dose wieder zurück zu bringen, seufzte und nahm sie mit in die Küche. Zur Sicherheit hatte ich bei Facebook nachgefagt, ob ich ihn am Samstag auch wieder losbekomme. Erstaunlicherweise hatte ich etliche Interessentinnen, also durfte er einziehen.Da stand er nun die ganze Woche, wurde pünktlich gefüttert und brubbelte vor sich hin.

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Inzwischen hatte ich die Beschreibung genauer gelesen und festgestellt, dass dieser Teig gar nicht Hermann heißt, sondern Franziskus. Also, um genau zu sein, ist dies das Franziskusbrot aus dem Vatikan, steht auf dem Zettel. Na prima, dann passt unser neuer Bewohner ja prima zu dem Via Francigena-Manuskript, an dem ich momentan arbeite.  Der einzige für mich erkennbare Unterschied ist, dass Hermann immer so geteilt wurde, dass man einen eigenen neuen Ansatz behielt, während Franziskus ein einmaliger Gast ist. Angeblich ist er ein Glücksbrot, das aber nur Glück bringt, wenn man es in seinem Leben exakt ein einziges Mal backt.

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Das war mir aber erst einmal egal, der Teig wurde am Freitag geteilt, am Samstag mit tatkräftiger Hilfe meiner Mäuse gebacken. Nele wurde Opfer eines Mehlunfalls, nahm es aber gelassen. Teig naschen, matschen und krümeln ist einfach wichtiger als eine gut sitzende Frisur. Und in der Wartezeit gab es ja dann auch eine Belohnung für die noch nicht wieder eingeschlafenen Bäckerinnen: Eis!

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Das Resultat kann sich sehen lassen: Gut gelungen, der Hermann oder Franziskus.

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Er schmeckt sogar sehr gut. Wir haben allerdings die Rosinen weggelassen und nur Zimt, Schokoflocken und Nüsse für den Geschmack beigefügt.
Es ist wohl doch ein Hermann, denn Glück gebracht hat er uns nicht. Heute habe ich beim Entrümpeln im Keller entdeckt, dass es entgegen der Aussage meines Haussitters einen Wassereinbruch während der Starkregenperiode Ende Mai gegeben haben muss, als wir in Italien unterwegs waren. Ich hatte extra aus Italien nachgefragt, nachdem ich von einigen Freunden gehört hatte, dass deren Keller betroffen waren. Zwar stand kein Wasser im Keller, als ich zurück kam. Aber alles, was in unserem Mantakeller (dieser eine Kellerraum wurde nachträglich tiefer gelegt, um Kopffreiheit zu haben) auf dem Boden stand, hatte Wasserschäden. Ich habe heute ganz traurig die Mülltonnen gefüllt: mit meiner Lederhose aus Kindertagen, Aurelias ersten Zeichnungen und Basteleien, den Bauplänen des Hauses und dem Inhalt meiner Osterdekokiste. Deren Boden war im Wasser aufgeweicht und gab nach, als ich die Kiste hochhob. Dass Wasser eingedrungen war, ist einfach Schicksal. Ärgern muss ich mich darüber, dass ich nicht gewarnt war. Dann hätte ich gleich nach meiner Rückkehr die Sachen vorsichtig aus der Kiste geholt und vielleicht noch etwas retten können. Nun aber lagen u.a. meine guten Hutschenreuther Sammelostereier zerbrochen auf dem Boden. Was beim Hochheben der Kiste nicht zerbrach, war verschimmelt.

Nun stellt sich die Frage, ob ich ihn dann doch nochmal als Dauergast ins Haus hole, um jede Woche einen solch leckeren Kuchen essen zu können. Wenn er schon nicht für Glück gut ist, dann immerhin für Wohlbehagen und Hüftgold!

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