Tür 5 ist der Schrank in meinem Arbeitszimmer.

Nach meinem ersten Staatsexamen Ende 1990 hatte ich gut einen Monat frei, bis das Referendariat begann. In dieser Zeit baute ich mir einen Raum zum Arbeitszimmer um. Von meinen ersten beiden Referendarbezügen kaufte ich mir einen Schreibtisch, einen Schrank und zwei Regale aus massivem Kirschholz. Bis heute sind diese Möbel in Gebrauch, der Schreibtisch kennt inzwischen jeden Quadratzentimeter meines Arbeitszimmers. So oft habe ich ihn schon hin und her geschoben.

Penpals wanted! Any Language

Hinter der einen Tür des dazugehörigen Schranks stapelt sich Briefpapier. Ich habe nämlich schon als Kind gerne Briefe und Postkarten geschrieben und erhalten. Als Elfjährige tauschte ich mich mit Brieffreunden über unseren Schulalltag aus: Julie in Middleton bei Manchester, Claire in Bath bei Bristol, Nikos in Griechenland, Petra in Koblenz. Später kamen Brieffreunde in Indien, Italien, Frankreich, Südkorea, Eritrea und Thüringen hinzu. Wilde Mischung, oder? Ich empfand es immer als sehr spannend, Einblick in das Leben Gleichaltriger zu bekommen, die weit weg leben.

Leider schliefen diese Kontakte nach und nach ein, nur Nicoletta ist geblieben. Sie war 1991 sogar zu meiner Hochzeit eingeladen. Diese treue Seele hat mir immer wieder geholfen, wenn ich bei italienischen Projekten in Schwierigkeiten kam.

Vor einigen Jahren hatte ich versucht, neue Brieffreunde zu finden. Doch die Zeit unbeschwerter Brieffreundschaften ist unwiederbringlich vorbei. Die Frauen wollten Kochrezepte austauschen, die Männer ein Techtelmechtel anbahnen. Briefschreiber beiderlei Geschlechts wollten mich zum Veganismus, Mormonentum, Auswandern überreden. Mehrfach kamen schon im zweiten oder dritten Brief jammervolle Berichte über schwer kranke Familienangehörige, die ich bitte finanziell unterstützen solle. Ein junger Mann wollte sich gar von mir adoptieren lassen, um einer Zwangsheirat mit einer Cousine zu entgehen. Ein anderer Versuch war die Mitgliedschaft bei Postcrossing, das dann aber zu sehr in einen Wettbewerb abglitt, wer die meisten Postkarten schickt und wo die anderen Teilnehmer gar nicht am Austausch über den Lebensalltag interessiert waren.

So ganz habe ich aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Warum sonst ist mir das 1986 mit selbst geschnitzten Stempeln bedruckte Papier oder das 1987 gekaufte Umweltschutzpapier noch heute zu schade, um es als Schmierpapier zu verwenden?

Ökodörthe

Entweder ich hoffe doch immer noch auf Brieffreunde. Oder ich bin eine schlimmere Ökodörthe, als mir je vorgeworfen wurde. Ja, dieser Begriff wurde mir ‚mal als Schimpfwort an den Kopf geworfen – und ich fühlte mich geadelt. Auch, als mich im Zorn jemand „militante Mülltrennerin“ nannte.

Ich liebe meine Umwelt. Von meiner Geburt an war ich Naturfreundemitglied und habe meine Kindheit (abgesehen von Schule und Schlafen) fast ausschließlich draußen verbracht. Als Grundschülerin trennte ich den Müll, als Gymnasiastin benutzte ich nur Recyclingpapier, als 15-jährige wollte ich KEIN Mofa fahren, obwohl meine Mutter mir eins kaufen wollte.

Später machte ich in etlichen Umweltschutzbereichen Kompromisse, bin eben keine Dogmtikerin. Nach sexuellen Übergriffen auf dem Radweg zur Uni kaufte ich mir für den Winter ein Motorrad. Nachdem ich einen viel zu heißen Sommer und einen bibberkalten Winter in vollkommen überfüllten Zügen nach Thüringen gependelt war und dabei mehrfach eine Nacht in einem zugigen Bahnhof verbringen musste, weil ein Anschlusszug nicht auf einen verspäteten Zug wartete, kaufte ich mir ein Auto.

Aber im Kleinen bleibe ich Ökodörthe und : Ich habe mir noch nie in meinem Leben einen Fernseher oder ein Sofa gekauft. Briefumschläge werden wiederverwendet, neue Umschläge von Direktrecycling bestellt, Rückseiten von nicht mehr benötigtem Papier als Mal- und Schmierpapier verwendet. Bioabfälle wandern auf den Komposthaufen und geben nach einem Jahr als Ruhekompost den perfekten Humus für die Blumenbeete. Nicht mehr benötigte, aber noch essbare Lebensmittel finden ihren Weg ins Tauschregal. Bücher werden verkauft und als Bookcrossingbücher auf den Weg zu neuen Lesern geschickt. Nicht nur aus Kostengründen kaufe ich viele Sachen für meine Mäuse und mich Second Hand. Das ist mir auch aus Umweltschutzgesichtspunkten wichtig – und weil die vielleicht darin enthaltenen Schadstoffe schon vom Erstbesitzer heraus geschwitzt und heraus gewaschen wurden.

Ich weiß, dass ich damit die Welt nicht retten kann. Aber vielleicht geht sie elf Minuten später unter – und das ist doch auch schon ein Gewinn, wenn man weiß, dass die meisten Sachen, die Spaß machen, weniger Zeit benötigen: Eis am Stiel, Achterbahnfahrt, Riesenrutsche im Schwimmbad, Schlittenfahrt, Orgasmus, Fallschirmsprung, Türkischer Mokka,…

Was würdet ihr machen, wenn ihr eure letzten elf Minuten verplanen würdet?

Ich würde mich mit meinen Töchtern und meiner Mutter auf Madeira mit dem Korbschlitten auf der Straße von Monte nach Funchal ins Tal rutschen lassen. Wir würden vor Freude lachen und kreischen – und kämen mit vollkommen zerzausten Haaren in den Himmel!

2 Gedanken zu „Adventskalender 2017 – Tür 5

  1. Ökotusse hat mich auch schon jemand beschimpft. Im Zweifel bloß weil ich zum Brötchenholen das Fahrrad nehme. Neuerdings auch öfter Gutmensch. Ökofaschist ist im kommen.
    Auf der anderen Seite die Veganer, die für Omnivoren wie mich schon sehr spezielle Bezeichnungen haben.
    Dabei meine ich immer, mit einiger Konsequenz könnte ich noch mehr öko, Aber eben jeder so wie er kann.
    Meine letzten 11 Minuten würde ich trotzdem gerne in Costa Rica verbringen, mit Blick auf den Arenal und den Regenwald.

  2. Ich bin nicht ganz so gut wie Du. Ich habe normale Briefumschläge, aber recycle auch alles was geht. Ich tue mich schwer Dinge zu ersetzen bevor sie ganz kaput sind, das kann aber auch schonmal zu so einem Mini-Armageddon wie mit dem Kühlgefrierschrank kommen. Im Frühjahr hatte ich schon überlegt den 18 Jahre alten KG-Schrank auszutauschen…aber er tat es ja noch….und dann fiel er spontan aus. Auch war er, wenn auch beim Kauf A+ mittlerweile nicht mehr „state of the Art“ bezogen auf den Energieverbrauch.
    Ich fahre viel mit dem Rad und bin geradezu froh dass ich dienstlich nicht mehr viel Auto fahre sonder Bahn. Privat habe ich mir, im Jubiläumsmonat Oktober, die Bahncard 25 gegönnt und auch schon einmal eingesetzt.Wir versuchen lokal zu kaufen, meist auf dem Mart und jahreszeitlich abgestimmt, dazu dann auch noch das Fleisch von artgerechter, nicht unbedingt Bio, Haltung zu kaufen.
    Klein klein aber stehter Tropfen höhlt den Stein (reimt sich auch noch)….so hoffe ich auch was zu unseren 11 Minuten beizutragen

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