Vor einigen Monaten lud eine andere Mutter einen wunderschönen Vergleich in eine WhatsApp-Gruppe, in der ich wegen der Kinder gelandet bin:

Was ein Vater auf der Toilette sitzend sieht (sein Smartphone mit einem Spiel)

Was eine Mutter auf der Toilette sitzend sieht (ihre Kinder)

 

Sah witzig aus, war es aber nicht. Es ist einfach nur alltäglicher Wahnsinn. Ich bin es gewöhnt, bei allen Erledigungen Publikum zu haben, auch im Badezimmer. Meistens nehme ich es ganz locker, aber eben nur meistens.

Die Badewanne suche ich üblicherweise nur auf, wenn alle Kinder in der Schule bzw. im Kindergarten sind. Nun ergab es sich aber, dass ich nach unserem Vormittag in der Eishalle ziemliche Rückenschmerzen hatte (Muskelkater? Verkühlt? Fehlhaltung beim Stützen der Schlittschuhanfänger?

Egal. Ich brauche ein Wannenbad, schön heiß mit einem starken Badesalz zur Muskelentspannung. Meine Mutter rät mir auch dazu und nimmt sich Zeit für die Kinder, sucht schönes Papier zum Malen und Basteln heraus, legt Kleber, Scheren,… bereit, schiebt eine Pizza für die Kinder in den Ofen und schaltet im Fernsehen einen Kindersender ein. Alle Kinder sitzen tiefenentspannt auf dem Sofa. Ich informiere die Runde: „Ich gehe jetzt in die Badewanne und bin etwa in einer Stunde wieder hier.“ Keines der Kinder schaut auf, etwa zwei von ihnen brummen kurz, das werte ich als „Okay, verstanden. Kein Problem!“

Ich verlasse die Wohnung meiner Mutter. Aurelia sieht dies aus dem Augenwinkel und fragt: „Wohin gehst du?“ – „In die Badewanne!“ – „Nimm mich mit!“ – „Nein, ich möchte allein baden!“ – „Ich bin auch ganz ruhig!“ – „Süße, ich möchte allein baden!“ – „Oben in deiner Badewanne?“ – „Ja, sicher! Warum sollte ich in Omas Badewanne baden?“ – „Weil ich in deiner Badewanne Angst habe!“ – „Ja, ich möchte dich doch auch gar nicht mitnehmen.“ – „In deine Badewanne gehe ich sowieso nicht!“ – „Prima, dann bis nachher!“

Auf der vierten Treppenstufe werde ich von Nele gestoppt: „Mama, was machst du?“ – „Ich gehe in die Badewanne und möchte nicht gestört werden.“ – „Nimm mich mit!“ – „Nein, Schatz, ich möchte allein baden!“ – „Okay!“

Zwei Stufen weiter ruft sie: „Mama?!“ – „Ja?!“ – „Wohin gehst du?“ – „In die Badewanne.“ – „Ach so!“

Ich erreiche Omas Haustür. Nele ruft: „Mama, wohin gehst du?“ – „Ich gehe in die Badewanne.“ – „Ach, weiß ich doch!“

In meiner Wohnung gehe ich die Treppe hoch, lasse Wasser ein, ziehe mich aus und steige mit dem ersten Fuß in die Wanne. Ohne Klopfen wird die Badezimmertür aufgerissen. Alle drei Kinder stehen vor der Badewanne. Nele und Cari streifen die ersten Kleidungsstücke ab – genau die, bei denen sie sonst immer behaupten, sie könnten allein nicht ausziehen und ich müsse ihnen helfen. Ich lächele sie an und erkläre: „Ich möchte allein baden.“ Cari lächelt mich lieb an und sagt: „Nur ein Bisschen!“ – „Nein, zieh dich bitte wieder an, ich möchte allein baden!“ Nele fragt, warum ich keinen Eisköniginnen-Badeschaum genommen habe. Ich erkläre ihr, dass ich Schmerzen im Rücken habe und deshalb dieses Badesalz besser ist. Aurelia mault: „Das Schaumbad gehört im Übrigen mir, das darf die Mama gar nicht benutzen.“

Gut, dass das geklärt ist. Ich erinnere die Mädels daran, dass die Pizza nun fertig sein müsste. Alle verlassen das Badezimmer.

Ich steige in die Wanne strecke mich aus und genieße die Ruhe. Keine drei Minuten sind vergangen, da steht Aurelia vor der Wanne. „Ich finde das so gemein, dass du allein baden willst,“ nörgelt sie, „wir wissen gar nicht, was wir tun sollen. Mir ist sooo langweilig!“ – „Pizza essen? Shaun das Schaf schauen? Mit deinen Schwestern spielen? Hausaufgaben machen?“ – „Menno!“ ruft sie noch und knallt die Tür.

Eine Minute später kommt Nele und bringt mir ein angefressenes Stück kalte Pizza. Ich freue mich und will grade reinbeißen, da erzählt sie mir „Mama. Bathida ist krank.“ – „Oh, wie kommst du darauf, mein Schatz?“ – „Sie hat die Pizza nur geleckt und will sie nicht essen!“ – „Oh, danke für deine tolle Fürsorge, ich schaue nachher nach Bathida, lass mich aber jetzt bitte baden.“ – „Okay!“

Sie gibt sich mit Cari die Klinke in die Hand. Diese zieht sich wieder aus, setzt sich auf die Toilette, sagt „Da kommt nichts!“, verbraucht dennoch etwa 16 Blatt Toilettenpapier, steigt von der Toilette und pinkelt auf mein Handtuch. Ich bitte sie freundlich: „Ziehst du dich bitte an und gehst zur Oma?! Ich möchte alleine baden!“ – „Du musst mir helfen!“ – Ich steige aus der Wanne, trockne mir die Hände ab, werfe den Bademantel über, helfe ihr beim Anziehen und auf der Treppe. Sie macht es sich auf Omas Schoß gemütlich.

Ich gehe wieder ins Badezimmer. Das Badewasser ist schon merklich abgekühlt und ich lasse heißes Wasser nachlaufen. Aurelia betritt das Badezimmer und fragt: „Warum badest du denn zweimal?“ – „Tu ich doch gar nicht. Und jetzt lass mich bitte allein!“ – „Ich will ja auch gar nicht mit ins Wasser. Du weißt doch, dass ich in deiner Wanne Angst habe!“ – „Ich möchte auch allein im Badezimmer sein!“

Sie setzt sich im Schneidersitz auf die Badematte und erzählt mir von irgendeinem Cousin von irgendeinem Tashi, der im Fernsehen irgendetwas erlebt hat, was man in der  richtigen Welt gar nicht erleben kann. Ich weise darauf hin, dass mich das gar nicht interessiert und ich allein sein möchte. Nichts passiert, außer dass sie das Thema wechselt. Nun zählt sie mir alle Klassenkameraden auf, die auch Home Lunch mit in die Schule bringen und beschreibt, welche Speisen diese in den letzten Wochen in ihren Warmhaltebehältern hatten. Ich bitte sie darum, das Bad zu verlassen.

Nele und Cari betreten das Bad. Cari sagt „Ich will dir was erzählen:“ und Nele fährt fort „Miss Charlotte ist gefallen und hatte Blut auf der Nase!“ – „Ja, das weiß ich doch. Das habt ihr mir doch schon vor zwei Wochen erzählt, als es passierte! Geht ihr bitte wieder zu Oma“ – „Tut das der Miss Charlotte noch weh?“ – „Nein, bestimmt nicht, das ist schon verheilt! Und jetzt raus aus dem Badezimmer!“

Alle drei Kinder reden durcheinander, Nele und Cari zauseln schon wieder an den T-Shirts herum. „Raus!“ rufe ich. Die Kinder trollen sich. Ich höre sie auf der Treppe mit der Oma reden.

Meine Mutter kommt ins Bad, das Telefon in der Hand und hält die Sprechmuschel zu: „Ich wollte sehen, wo die Kinder sind. Als ich in deinem Flur war, klingelte das Telefon. Ich habe für dich abgehoben. Es ist irgendjemand von einem Museum, in dem du noch recherchieren wolltest.“

Ich frage kurz bei dem Anrufer nach, wer er ist und bis wann ich ihn zurückrufen kann, lege auf und raunze meine Mutter an: „Ich will nicht mit Museumsdirektoren telefonieren, wenn ich in der Badewanne sitze!“ – „Aber er kann doch gar nicht sehen, dass du nackt bist! Und außerdem: warum bist du denn so pampig? Es hat dir doch keiner was getan!“

 

Ich entschuldige mich bei ihr, sie verlässt das Badezimmer und ich verlasse vollkommen unentspannt die Badewanne. Ich stelle mich unter die heiße Dusche, bis die Haut an Kopf, Nacken und Schultern kribbelt und mache mir gedanklich eine Notiz für mich selbst: „Baden nur, wenn alle außer Haus sind!“

8 Gedanken zu „Privatsphäre

  1. 🙂 mein Chiropraktiker sagt immer heiß duschen ist eh besser

    Aber ich geb Dir recht das sind Anlässe an denen könnte man die Kinder verk…..

    • Du willst mir damit also sagen, dass die Kinder das alles nur zu meinem Besten getan haben?! 😀 In Ordnung, also muss ich einfach nur die Perspektive ändern.

  2. Vielleicht ist das eine dumme Nichtmutter-Frage, aber: warum drehst Du nicht einfach von innen den Schlüssel um?????
    Btw: ich bewundere Deine Langmut, ich krieg schon beim lesen Bauchschmerzen….

    • Die Idee ist gut, ich fürchte nur, dass dann zwei oder drei Kinder heulend vor der Tür stehen würden. Das wäre dann auch nicht entspannend. Aber das sollte ich als Plan B in Erwägung ziehen, wenn ich wirklich nochmal baden will, wenn die drei Ferien haben. Ich muss nur vorher ein technisches Problem lösen: Den Schlüssel hat Aurelia nämlich schon vor drei oder vier Jahren beim Spielen abgezogen und verbummelt.

      • *gg* – naja, ein neuer Schlüssel sollte machbar sein. Aber heulende Kinder vor der Tür sind schon doof …. bleibt wohl nur, die Mutter mit Kindern auf einen Ausflug zu schicken, wenn Du mal Ruhe nrauchst, was?
        Ohje….

  3. 😀 Danke für den Lacher am Morgen. Fast so gut, wie Kuchen backen mit Kindern. Ich glaube, spätestens in der Badewanne bin ich froh, dass ich allein lebe.

  4. Ja ich kann das nachvollziehen, auch ohne Kinder. Ich bade nur wenn ich alleine bin, auch Duschen ziehe ich vor, wenn LAG weg ist.
    Ich kann mich noch erinnern als ich mal die (damals 3 jährige) Tochter einer Freundin bei mir hatte. Sie spielte, ich sagte Ihr dass ich eben auf Toilette gehe. Sie wollte mit. Ich habe ihr erklärt das das nicht geht.
    Es gab lautes Geschrei, bei Mama dürfte sie auch mit….. . Ich bin alleine auf Klo gegangen. Nach 2 Minuten liess das Geschrei nach und als ich wieder raus kam spielte sie wieder.

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