In den letzten Tagen vor den Ferien und aktuell in den extended weeks der Nursery wurde ich immer wieder nach Ausflugstipps für die Ferien gefragt. Ich gab Tipps zur Fährüberfahrt über den Ärmelkanal mit Hund, schlug schattige Wanderungen auf Mallorca vor, nannte meine Lieblingsetappen auf dem Eifelsteig und schlug Tagesausflüge ins Bergische vor. Ich mailte Links zu guten Campingplätzen, beriet eine Radiomoderatorin zur Streckenlänge für erstmals wandernde Kinder und prüfte telefonisch die Französischkenntnisse einer unsicheren Kindergartenmutter, die nicht sicher war, ob ihr Survivalfranzösich für eine dreiwöchige Busreise zu den Schlössern an der Loire ausreicht.

So muss sich ein Arzt vorkommen, der bei jeder Fete jeden seiner Gesprächspartner und dessen Angehörige diagnostizieren soll – und am besten gleich im Anschluss auch therapieren.

So habe ich es in Erinnerung, als ich mit dem gelernten Physiotherapeuten Paul zwei Wochen pilgerte und jeder andere Pilger sich Massagen von ihm wünschte.

So ging es mir direkt nach meinem Jura-Examen mit juristischen Fragen. Je länger mein Examen zurück liegt und je länger ich aus dem Beruf bin, desto seltener werden solche Anfragen zum Glück.

Stets erwartet der Gesprächspartner umfängliches Detailwissen, das er dann kostenlos abruft. Es muss verbindlich sein, wenn etwas schief geht, wird man gescholten. Ein „Du, das weiß ich nicht!“ wird nicht akzeptiert. Bekäme ich für jeden Einwand „Du hast doch Jura studiert!“ oder „Aber du schreibst doch Reisebücher!“ einen Euro, könnte ich mir inzwischen eine Seychellenreise leisten.

Versteht mich Recht: Ich mache das gerne! Ich freue mich, wenn ich jemandem zu einem schönen Ausflug, einem erholsamen Urlaub oder einer reibungslosen Reise verhelfen kann. Aber meine Tipps sind subjektiv und unverbindlich. Selbst wenn ich dort schon einmal war und es mir gut gefallen hat, muss es anderen nicht auch so gehen. Ich kenne die aktuelle Situation vor Ort nicht und weiß nicht, ob mein Gesprächspartner und ich die gleichen Interessen, Neigungen und Bedürfnisse haben. Ich versuche immer umfassend zu beraten und Bedenken zu äußern.

Ich erwarte keine Gegenleistung, nicht einmal Dank. Das ist lange her und führte nur zu Enttäuschungen. Selbst wenn ich auf die Frage nach Wandertipps auf Mallorca oder Offroadtipps meine Bücher verliehen oder gar verschenkt habe, konnte ich damit nur in gut 2/3 aller Fälle ein „Danke“ erwirken.

Ich erwarte nur eins: Hört mir zu!

Wenn ich früher sagte: „Du, ich kenne mich mit Steuerrecht nicht aus! Aber was du da vorhast, ist strafrechtlich gesehen Urkundenfälschung!“, dann meinte ich, dass ich mich mit Steuerrecht nicht auskenne, aber von dem Vorhaben abrate. Genau diese Aussage wurde mir aber ‚mal von einem entfernten Bekannten zum Vorwurf gemacht, der wegen Steuerhinterziehung belangt wurde und es tatsächlich fertig brachte, diese beiden Sätze als Entlastungsbeweis vorzubringen, was allerdings beim zuständigen Richter zu größerer Belustigung führte.

Wenn ich sage: „Ich spreche selbst nur Survivalfranzösisch und hätte bei solch einer Reise mehr Schiss davor, mit einem dreijährigen Kind edle Schlösser anzusehen, als vor der Sprachbarriere.“, dann muss ich mir nach der Hälfte der Reisezeit abends um 23:30 Uhr kein Gejammer am Telefon anhören, dass es total furchtbar ist, mit einem Kleinkind den ganzen Tag in einem heißen, stickigen Bus zu sitzen.

Wenn ich sage: „Ich war noch nie in Grafschaft und weiß nicht, ob man die Zuckerrübensirupfabrik besichtigen kann.“, dann meine ich: „Ich war noch nie in Grafschaft und weiß nicht, ob man die Zuckerrübensirupfabrik besichtigen kann.“ Und dann will ich keine Beschwerden darüber hören, dass man dort am Samstagnachmittag um 17 Uhr vor verschlossenen Toren stand.

Und – mein heutiges Highlight – wenn ich sage: „Wenn du bei schönem Wetter zum Wildpark Dünnwald willst, solltest du auf dem Parkplatz im Birkenweg parken, denn der Parkplatz am Waldbad wird überfüllt sein.“ dann meine ich nicht: „Fahre bei 36 Grad im Schatten mitten in den Sommerferien mittags um 13 Uhr zum Waldbadparkplatz. Dort findest du sofort einen Parkplatz, um in den Wildpark zu gehen.“

Nein, sorry, es kann doch wirklich nicht ernst gemeint sein, sich dann auch noch auf meiner Mailbox 8:46 Minuten darüber aufzuregen, dass dort alles überfüllt war, kein Parkplatz zu finden war, die Kinder quengelig wurden und wegen der Hitze keinen Mittagsschlaf bekamen, man nach ewiger vergeblicher Suche rund ums Waldbad erst im Birkenweg einen Parkplatz fand, der Tierfutterautomat leer war und dann auch noch das kleinste Kind in den Bach gefallen ist.

Was mich dann beruhigt hat war ein Gespräch mit einer befreundeten Ärztin. Sie ist seit über 20 Jahren als Arbeitsmedizinerin tätig. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass sie nur mit Erwachsenen zu tun hat. Letzte Woche wurde sie von der Mutter eines fünf Monate alten Babys auf der Straße im Vorbeigehen angesprochen und sollte sagen, warum das Baby so weint und sich die Haut heiß anfühlt. Spontan sagte sie: „Du, ich kenne mich in der Kinderheilkunde nicht aus. Geh bitte zum Kinderarzt für eine Diagnose. Akut kann ich dir nur raten, dem Baby viel Wasser zu geben und es hier aus der prallen Sonne herauszunehmen.“ Dies wiederholte sie gefühlte 100 x in verschiedenen Varianten während die junge Mutter auf eine Diagnose bestand, bis ihr die Nerven flatterten und sie selbst den Kinderwagen aus der Sonne in den Schatten schob. Schon nach kürzester Zeit beruhigte sich das Kind, die Gesichtsfarbe wechselte von rot auf rosa und es schlief ein. Die Ärztin sagte: „Kann sein, dass es einfach nur die Hitze war. Aber geh bitte zum Kinderarzt, um andere Ursachen auszuschließen.“ Am nächsten Tag bekam sie einen erzürnten Anruf, in dem ihr Unfähigkeit vorgeworfen wurde, weil im Blutbild kein Infekt festgestellt wurde und die Kinderärztin von Hitzeerschöpfung ausging. Hätte sie diese Diagnose sofort gestellt, wäre dem armen Baby die schmerzhafte Blutabnahme erspart geblieben. Empfinde nur ich das Verhalten dieser jungen Mutter als unverschämt?

Wie geht es euch in solchen Situationen? Seid ihr auch in solch undankbaren Berufen (Arzt, Jurist, Steuerberater,…) unterwegs, in denen Rat  stets kostenlos und dennoch rechtsverbindlich sein muss – selbst wenn man ihn nicht befolgt? Oder habt ihr „was richtiges“ gelernt und bekommt für Rat und Tat wie freundschaftliches Haareschneiden, Fliesenlegen und Vergasereinstellen zumindest einen Dank, eine Tasse Kaffee bzw. einen Kasten Bier – wenn nicht sogar Geld?!

8 thoughts on “Kostenlos und hoch verbindlich: Was Reisebuchautoren, Ärzte und Anwälte eint

  1. Ach, ich liebe diese Leute, die mit ihren Fragen nur ihre Verantwortung loswerden wollen! Wie kann man den auch erwarten, dass die etwas begreifen oder lernen wollen würden?! Ich möchte solche Leute gaanz fest drücken, ganz ganz fest! 😉

    Ich habe eine Kollegin, der man am Computer alles dreimal erklären muss. Beim vierten Mal kann sie es dann zwar auch nicht, aber sie fragt dann jemand anderen. Und sie bemüht sich auch garnicht, die Sachen zu kapieren, sondern hätte gern ein Drehbuch bzw. eine Bedienungsanleitung wann sie wo drücken bzw. klicken muss. Sie ist total lieb und fleißig – drum höre ich mit dem Drücken bei ihr immer vor dem Erdrücken – aber anstrengend ist sie auch.
    Ich sage bei solchen Verantwortungsabschiebefragen seit einiger Zeit, dass ich keine Ahnung hätte und je zudringlicher ich gefragt werde, desto gelassener wiederhole ich meine Antwort und das hilft – zumindest mir!

  2. Tröste dich,da bist du nicht alleine.stephan sollte letzte Woche die Autos unserer Nachbarin reparieren-nummer 1 ging Recht problemlos, Nummer 2 war zu Hause nicht zu machen.das hätte eine Hebebühne erfordert, die wir leider nicht im Vorgarten haben… statt sich über gesparte 400€ für die gelungene Reparatur zu freuen und vielleicht Mal“danke“ zu sagen,war man beleidigt,das die andere Reperatur nicht machbar war…
    Oder: wie du weißt, machen wir viel im tierschutz.seit einer Weile betreuen wir eine alte Dame, die ettliche Katzen im Garten hat,und versorgen sie kostenlos mit futter.neuerdings hat die gute spezielle Wünsche ans Futter-bitte nur das gute,zu 40€ der Sack,das andere mögen die Katzen nicht.dann haben wir ihr Lebendfallen geliehen, damit die Katzen gefangen und kastriert werden können-die fallen sind weg und nicht eine einzige Katze gefangen…

  3. Das war wieder mal total schön geschrieben.
    Ich wundere mich auch manchmal was in meine Aussagen, egal zu was, so reininterpretiert wird. Sogar schriftlich!
    Nein, ich schneide keine Urlaubsfilmchen.
    Und die Zeiten, als ich mir stundenlang schlechte Fotos angucken musste, weil ich ja Foto studiert habe, sind zum Glück vorbei.
    Im Job kam ab und zu die Frage: „Kannst Du das irgendwie verfremden?“ Oder: „Hier hätte ich gern einen Effekt!“ Auf die Rückfrage: „Was hast Du dir denn vorgestellt?“ Kam denn die Explosion: „Wer ist denn hier die Cutterin? Du oder ich?“ Vorzugsweise von solchen Leuten, die keine Ahnung vom Schnitt haben, aber mir jeden Handgriff vorschreiben wollen.
    Was ich jetzt gelernt habe: Diskussionen mit Vegetariern lässt man besser. Nachdem wir uns einig waren, dass PETA eine doofe Sekte ist und Veganismus ein Trugschluss führte ich noch ein paar realistische ökologische Gründe auf, warum vegan nicht überall auf der Welt möglich ist (zu hoch, zu nass, zu trocken, zu kalt, zu steil, zu kurze Vegetationsperiode) plstzte meine Freundin damit heraus: „Du hast ja soo viel Angst, dass man Dir Dein Fleisch wegnimmt, mit Dir kann man gar nicht diskutieren!“ Ungeachtet der Tatsache, dass die Veganersekte ihr auch ihre Eier und Milchprodukte wegnähmen.

  4. Das ist völlig unabhängig vom Beruf. Ich werde nach Pflanzen gefragt obwohl ich Zoologie studiert habe. Obwohl ich immer betone das ich mich nur mit Säugetieren ausgekannt habe, bekomme ich auch schon mal fragen zu Insekten. Dazu kommt dass ich seit 15 Jahren nicht mehr in diesem Beruf arbeite. Seit genau diesen 15 Jahren arbeite ich für ein IT Unternehmen, aber nicht als IT Fuzzy. Dennoch bekomme ich immer wieder Fragen zum Thema: „was muss ich tun wenn“. Sicher habe ich mir mit der Zeit ein paar Kenntnisse angeeignet, aber eine Fachfrau bin ich deswegen nicht. Somit kann ich nur sagen es geht uns allen so. Oder?

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