Die letzte Woche hatte es in sich. Ich hetzte von einem Arzttermin zum nächsten, die vielen Auftritte und Events stecken den Kindern in den Knochen, meine Mutter war wegen des Kupplungsschadens schon wieder vier Tage ohne Auto.

Wir sind froh, dass jetzt Ferien sind. Keiner schlief mehr richtig durch, alle waren morgens wie gerädert, sogar der Hund gähnt mich an – obwohl allein viermal Aufwachen in der letzten Nacht auf das Konto dieses blasenschwachen Viechs gehen.

Keiner hat Lust auf Schwimmbad, Streichelzoo oder Kino. Wir dümpeln also vor uns hin, nehmen uns Zeit zum Spielen und freuen uns auf den Weihnachtsurlaub. Morgens eine Mini-Schneeballschlacht im Bademantel und mittags noch im Schlafanzug herumlaufen hat auch seinen Reiz!

Die Kinder mussten auch ihre Kräfte schonen, denn heute Nachmittag trafen sie sich für ein paar Stunden mit ihrem Vater, ihrem großen Bruder und dessen Freundin auf dem großen Weihnachtsmarkt am Dom.

Frechheit oder Jugend Forscht? (von dem zweiten Experiment erspare ich euch ein Foto)

Das heißt nicht, dass wir an einem solchen Tag untätig sind. Nein, im Gegenteil. Wir beantworten uns selbst die spannendsten Fragen, z.B. Wie sieht es hinter den Kulissen eines TipToi-Kalenders aus? oder Was passiert, wenn ich die komplette Klorolle abwickele und inklusive Pappröllchen ins Klo stecke?

Und wir haben nun den ganzen Tag Zeit für kreative Ideen (wobei manchmal unsere Meinungen ziemlich auseinander gehen, wo Kreativität aufhört und Chaos anfängt…).

Die Schnur für die Weihnachtsgrüße ist gespannt und mit den ersten sechs Karten gespickt, alle Weihnachtsgeschenke sind eingepackt und selbst die letzen Weihnachtskarten frankiert.

Advent in der Tüte

Einen besonderen Clou haben wir uns für die Nachbarn einfallen lassen. Ihr erinnert euch: Die Kinder waren so glücklich über die vielen netten Menschen, die ihnen zu Halloween, Sankt Martin und Nikolaus etwas Süßes geschenkt haben. Wir haben überlegt, ob wir das auf uns sitzen lassen und heraus kam eine nette Idee: Alle Nachbarn in unserer Siedlung bekommen von uns einen Weihnachtsgruß. Ein paar nette Zeilen, ein selbst gemaltes und dekoriertes Bild für alle. Gut ein Dutzend Lieblingsnachbarn bekommt außerdem noch eine nett gefüllte Tüte. Die will ich euch genauer beschreiben:

  • Eine einfache Tüte aus braunem Packpapier (wir haben alle Tüten genommen, die von Aurelias Geburtstag übrig waren, außerdem einige Musterbeutel), darauf zwei Aufkleber: Eine Viertelstunde Weihnachten in der Tüte und eine Anleitung zum Gebrauch des Tüteninhalts (1. Smartphone ausschalten – 2.) Tee aufbrühen – 3.) Kerze anzünden – 4.) Tee und Leckerei genießen – 5.) Geschichte lesen – 6.) Entspannen)
  • Ein Teebeutel
  • Ein Teelicht (einige davon mit Vanilleduft oder Weihnachtsmotiv)
  • Keks, Schokolädchen oder Lebkuchen
  • Folgende Weihnachtsgeschichte, weil die besonders gut zum Thema Nachbarn passt:

Schlüsselerlebnis

Nach dem Besuch des Weihnachtsmarkts in Monschau kamen Sandra und Thomas mit ihren Söhnen Max und Tim gut gelaunt nach Hause. Noch eine letzte Runde durch die schneebedeckte Altstadt und ein Besuch der „lebenden Krippe“, bevor sie morgen in den zweiwöchigen Badeurlaub im sonnigen Süden starten würden.

Die Kinder liebten die „lebende Krippe“ ebenso wie Sandra, die in Monschau groß geworden war und schon als Kleinkind die erste Aufführung im Jahr 1985 angesehen hatte. Seither hatte sie kein einziges Jahr versäumt, sich die Weihnachtsgeschichte anzusehen, die von Laiendarstellern mit großer Konzentration und Leidenschaft präsentiert wurde. Nun schon zum dreißigsten Mal war sie berührt von der Ruhe, die von diesem Auftritt ausging. Egal, wie viele Zuschauer anwesend waren; egal wie turbulent es unten auf dem Weihnachtsmarkt in der Altstadt und oben in Imgenbroich in den Geschäften zuging: Hier oben auf dem Burggelände in dem Stall mit Ochs und Esel war stets eine ruhige und besinnliche Stimmung. Entspannt und guten Mutes konnten Sie nun ihre Koffer für die Reise packen.

Wie immer klemmte der Schlüssel für die Haustür, als Sandra ihn im Schloss drehen wollte. Normalerweise reichte es, die Tür am Knauf zu sich heranzuziehen. Diesmal aber nicht.

Thomas schob sie beiseite. „Lass mich ‚mal“, sagte er, und dann „so ein Mist!“ Der Schlüssel war im Schloss abgebrochen. Immer noch gut gelaunt kramte er in seinen Taschen, um seinen Schlüssel herauszunehmen, bis ihm einfiel, das er ihn ja der Nachbarin gegeben hatte, die sich um Blumen und Briefkasten kümmern sollte. Kurzerhand schickte Thomas seinen Sohn Tim zur Nachbarin, um den Ersatzschlüssel zu holen. Nach einigen Minuten kam Tim mit hängenden Schultern zurück. „Die Frau Schmitz ist nicht Zuhause“, verkündete er, „und mir ist bibberkalt!“ Auch Sandra und Max zitterten in der Kälte. Max maulte: „Papas Schlüssel hätte ja sowieso nicht geholfen. Den kann ja keiner ins Schloss stecken, so lange der Rest von Mamas Schlüssel drin steckt.“ Kluges Kind, leider hatte es Recht.

Also machte sich Thomas auf den Weg zum Nachbarn Heibel schräg gegenüber. Der Rentner hatte einen gut sortierten Werkzeugkeller, bestimmt konnte er ihnen eine Zange leihen, um den Bart aus dem Schloss zu ziehen. Schon während es klingelte, wurde die Tür aufgerissen. Thomas fuhr erschrocken zurück. Herr Heibel entschuldigte sich: „Ich habe gesehen, dass Sie nicht rein kommen. Kann ich Ihnen helfen?“ Im Nullkommanichts hatte er eine Sammlung von Zangen und anderen Werkzeugen in eine Tasche gepackt und lief mit Thomas zu dessen Haustür.

Sie sahen, dass Sandra mit den Kindern hinter der Haustür von Frau Gründel, einer anderen Nachbarin, verschwand. Die alte Dame nahm öfters Pakete für Thomas und Sandra an, sonst wussten sie aber nicht viel voneinander. Frau Gründel kam nach ein paar Minuten mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zu Thomas und Herrn Heibel. „Na? Klappt es?“ fragte sie. „Ihre Frau und Ihre Jungs wärmen sich bei mir auf. Wenn sie fertig sind“, nun schaute sie Herrn Heibel an, „kommen Sie doch bitte auch mit zu mir rein, bis Frau Schmitz zurück ist. Es ist viel schöner, einen Adventssonntag in Gesellschaft zu verbringen.“

Mit allerlei Tricks gelang es Herrn Heibel schließlich, das abgebrochene Stück aus dem Schlüsselloch zu ziehen. Die beiden Männer brachten das Werkzeug zurück, klebten Frau Schmitz einen Zettel an die Tür und machten es sich in Frau Gründels wohlig warmem Wohnzimmer bequem. Während sie Kaffee, Kakao und Weihnachtsplätzchen genossen, erzählten alle durcheinander. Über den Weihnachtsmarkt, den abgebrochenen Schlüssel und viele andere Missgeschicke. Allen war kuschelig warm, sodass der Kaffee durch Bier und der Kakao durch Apfelschorle ersetzt wurden.

Als später Frau Schmitz klingelte und sich mit dem Ersatzschlüssel in der Hand für ihre lange Abwesenheit und die damit verbundene späte Hilfe entschuldigen wollte, wurde auch sie in die fröhliche Runde gebeten. Es war schon lange nach der normalen Schlafenszeit der Jungen, als alle den Heimweg antraten.

Tim nahm die Hand seiner Mutter. „Hast du gewusst, dass die alle immer allein sind?“ brachte er die Gedanken seiner Eltern auf den Punkt. „Ich habe es zumindest geahnt“, erwiderte seine Mutter, „aber das wird sich in Zukunft ändern. So nette Menschen sollten sich viel öfter treffen. Wenn wir aus dem Urlaub zurück sind, laden wir alle drei zu uns ein.“

aus: Ingrid Retterath, Weihnachtsgeschichten aus der Eifel

nach der Erzählung einer Bekannten aus der Nordeifel

4 thoughts on “3. Advent – Weihnachtswerkstatt

    1. Aber klar doch! Wir luden jahrelang zu Weihnachten und Ostern unseren Nachbarn von gegenüber ein, der allein lebte. Leider hielt er die Einsamkeit vor zwei Jahren im Oktober nicht mehr aus. Ich habe es aber auch selbst einmal erlebt, Weihnachten ganz allein sein zu müssen. Wenn ich nicht am Heiligabend bei den Eltern meines Quasi-Patenkindes und am 1. Weihnachtstag bei meiner Freundin Maria in der Eifel eingeladen worden wäre, hätte ich ganz schön durchgehangen.

      1. Merkwürdig. Mich stört es überhaupt nicht, über die Feiertage allein zu sein. Ich fand Weihnachten immer sehr stressig. Was sicher daran lag, dass da immer Leute zusammenhockten, die sich eigentlich nicht mochten und irgendwann wurde gestritten. Als Kind habe ich das schon gespürt.

        1. Das kann ich gut verstehen. Das kenne ich aus dem Rettungsdienst, weil die von dir geschilderten Konstellationen ganz leicht wir Dynamit wirken können (. Am Heiligabend und 1. Weihnachtstag hatten wir so viele Einsätze wegen häuslichen Streits, wie sonst nie (leider aber auch wegen Suizidversuchen der Einsamen).

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