Ich sitze am Schreibtisch, tippe an den Änderungen für die Via Coloniensis und wundere mich über das ewig lange, ziemlich nervige Piepen eines zurücksetzenden LKW.

Da mischen sich Schreie zwischen die Pieptöne: „Hilfe!“ und „Feuer!“. Eine Passantin, eigentlich auf dem Weg zur Bahn, rennt durch unsere Einfahrt auf das Gartentor unserer Nachbarn zu.

Da sehe ich es: Aus unserem Nachbarhaus qualmt es. Ein Griff zum Feuerlöscher – hoffentlich funktioniert das alte Ding noch! – und schnell über den Hof geflitzt. Die Zwillinge sind allein zuhause und haben sich im Garten in Sicherheit gebracht. Die Haustür steht offen.

Die Passantin redet beruhigend auf die Mädchen ein, Sophia telefoniert mit der Rettungsleitstelle. Ich stürme mit dem Feuerlöscher ins Haus, ziehe mir den Rollkragen über Mund und Nase, ziehe die Sicherung und starte meinen Angriff. Leider ist ein Sechsliterlöscher viel schneller leer, als man denkt.

Zwar renne ich zurück ins Haus, um die anderen beiden Löscher zu holen, doch als ich wieder ankomme, merke ich, dass es zu spät ist. Dicker, beißender Rauch kommt mir schon an der Eingangstür entgegen.

Also schaue ich nach den Mädchen. Sie haben rußige Gesichter, die eine eine Brandwunde am Handgelenk. Sie beben vor Angst. Aber nicht vor dem Feuer. Sondern vor der Mutter. Und sie sind unruhig, weil sie hinter dem Gartentor eingesperrt sind. Immerhin können sie mir sagen, wo der Schlüssel zu diesem Tor ist. Nur noch einmal mache ich zwei Schritte ins Haus und habe schon die Schale mit den Schlüssel in der Hand.

Als ich aufschließe, fallen sie mir erleichtert um den Hals. Zeitgleich trifft die Feuerwehr ein. Sie fragen mich nach dem Weg zum Brandherd und erkundigen sich, ob alle Bewohner (auch Tiere) in Sicherheit sind.

Ich leihe dem einen Zwilling ein Paar Schuhe, dem anderen eine Jacke. Nun hat die Polizei Fragen an mich als Zeugin. Bei der Antwort mache ich den Fehler, zweimal kurz zu husten.

Mist, damit ist mein Tag gelaufen, denn sofort werde ich von einer Polizistin zum Rettungswagen geführt. Dort sitzen schon die Zwillinge und die Rettungsdienstler diskutieren nun, ob sie auch drei Verletzte sitzend/liegend transportieren können.

Halt! Nein! Ich will doch gar nicht mitfahren! Ich muss doch meine Pänz in der Schule abholen. Oma hat doch das Auto in der Werkstatt und ich huste doch immer!

Egal, die Maschinerie ist einmal ins Rollen gekommen und kann ohne Weiteres nicht wieder gestoppt werden. Also muss ich auf den nachrückenden zweiten Rettungswagen warten, weil dort meine Vitalwerte gemessen werden müssen, vorher aber noch im ersten RTW unterschreiben, dass ich gegen ausdrücklichen Rat der Feuerwehr die Mitfahrt verweigere. Ich werde über die Symptome eines toxischen Lungenödems belehrt und soll mich möglichst nach dem Abholen der Mäuse in der Klinik vorstellen.

Die Mutter der Zwillinge (Ärztin) trifft ein, bedankt sich für meine Hilfe und bietet an, mich bei Bedarf heute Abend zu untersuchen. Ihr Haus ist nun stromlos, der Smartphoneakku leer. Sie bittet mich unter 1000 Entschuldigungen um einen Ladeplatz in einer meiner Steckdosen und freut sich wie jeck, als ich ihr meine Powerbank gebe. Nun kann sie weiter mit Versicherung, Klinik und Elektriker telefonieren, ohne das Gefühl zu haben, mir lästig zu fallen.

Wie es oft bei solchen Einsätzen geht, ist auf den ersten Blick der durch Löschwasser verursachte Schaden größer als der Brandschaden. Der Holzfußboden im gesamten Erdgeschoss steht knöchelhoch unter schmierig-rußigem Wasser.

Nun sitze ich hier vor dem Rechner und denke darüber nach, wie wichtig Feuerlöscher sind. Hätten die Mädels direkt neben dem Herd oder im Flur einen solchen stehen gehabt, hätten sie dann vielleicht frühzeitig selbst löschen können? Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber genau, dass ich mir noch innerhalb der nächsten 24 Stunden einen Ersatz beschaffen werde – metallisch, kniehoch und rot.

P.S. Mein VW-Bus will nun Feuerwehrauto werden. Was ratet ihr ihm? Die Farbe passt ja…

7 thoughts on “Brandeinsatz

  1. Du Superheldin! Wow, ich bewu dere Menschen, die sofort handeln können und nicht in Schockstarre verfallen.
    Ich frage mich bei deiner Schilderung, ob die Kinder alleine zu Hause waren? Wie alt sind sie? Und obneben der Benutzung des Feuerlöschers (steht drauf, wie oft der gewartet werden sollte) Kindern auch das Anrufen der Notnummerschon früh beigebracht und eingeübt werden sollte?
    Vielen Dank für deine Hilfe!

    1. Nix Superheldin, ich war jahrelang im Katastrophenschutz aktiv. Wenn es da immer nur Küchenbrände gewesen wären…

      Schockstarre habe ich zum Glück nicht, bei mir ist es andersherum: Im Einsatz funktioniere ich, mache genau das, was ich in Ausbildungen, Fortbildungen und Übungen gelernt habe. Die weichen Knie kommen hinterher :O

      Die „Kinder“ sind schon 20 Jahre alt. Aber sie sind manchmal hilflos wie kleine Welpen. Sie hatten auch gar keinen Feuerlöscher im Haus und wussten wenig über Feuer…

    1. Ja, der Begriff Zwillingskolonie trifft es gut. Diese Zwillinge waren zuerst da, dann kamen meine, letzten Sommer ist dann noch eine junge Familie mit neugeborenen Zwillingsmädchen auf der anderen Straßenseite eingezogen…

      Ach, dafür brauche ich keine Belohnung. Ich freue mich ja, dass ich helfen konnte.

      Die positive Rückmeldung gebe ich an meinen Bully weiter, der freut sich bestimmt 😉

  2. Renate
    Ja ich fand Deinen Einsatz auch super, sich selber trotz Ausbildung in Gefahr bringen hat was.
    Wenn ich eher was davon mitbekommen hätte, wäre meine Hilfe natürlich auch da gewesen,
    Nachbarschaft muss eben zusammen halten…….

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