„Ist das alles?“

Diesen Satz hörte ich am letzten Tag im Familotel dreimal:

„Ist das alles?“ fragte Nele, als ich ihr die sechs Clown-Tattoos gab, die sich die Kinder erarbeitet hatten, indem sie jeden Abend ihren Teller leer aßen und sich dies von der Bedienung in einem Stempelheft bestätigen ließen.

„Ist das alles?“ fragte Aurelia, als uns beim Auschecken ein Umschlag von Amigo* mit der Aufschrift „Familienpost“ und für jedes Kind ein Schaumbad mit Miniheft von Tetesept* in die Hand gedrückt wurden.

„Ist das alles?“ fragte Oma, als sie während der Fahrt den Inhalt des Umschlags anschaute.

Zunächst war ich entsetzt darüber, wie unbescheiden sich meine Familie zeigte. Da bekamen wir schon etwas geschenkt, aber es war uns nicht genug. Was ist denn los mit uns? In anderen Hotels bekommt man doch bei der Abreise gar nichts geschenkt und ist zufrieden. Und sollte es nicht sogar selbstverständlich sein, sich nur so viel auf den Teller zu nehmen, wie man am Ende auch isst, sodass es dafür eigentlich gar keiner Belohnung bedarf?!

Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber für mich ein anderes Bild: Hier wurden Erwartungen enttäuscht. Entspricht etwas nicht meinen Erwartungen, bin ich enttäuscht. Ent-täuscht, das Thema hatte ich ja schon einmal vor etwa drei Jahren, also von meiner Täuschung getrennt, denn ich habe mich ja selbst darüber getäuscht, dass es so sein wird, wie ich es erwarte.

Wenn man nichts erwartet, kann man nur angenehm überrascht werden.

So ging es uns bei unserer ersten Abreise in diesem Hotel. Beim Auschecken überreichte die Rezeptionistin jedem Kind ein großes Buch und uns Erwachsenen ein Glas hausgemachte Konfitüre. Wir strahlten vor Glück, weil wir dies von all unseren vielen anderen Hotelaufenthalten nicht kannten.

Beim zweiten Aufenthalt lag schon bei der Anreise eine herrlich duftende handgesiedete Seife als Willkommensgruß für Stammgäste auf unserem Bett. Meine Mutter und ich waren begeistert. Als wir dann beim Abschied trotzdem alle fünf wieder Geschenke bekamen, konnten wir unser Glück kaum fassen.

In einem Gespräch mit einer Freundin, die mit ihren Kindern auch seit Jahren in Familotels* Urlaub macht, erfuhr ich dann, dass ich als Happy-Card-Inhaberin meine Kinder ohnehin ein Begrüßungs- oder Abschiedsgeschenk erhalten müssen, weil das so in den Familotel-Regeln für die Happy-Card festgelegt ist. Da war ich schon wieder um eine Täuschung ärmer. Bis dahin hatte ich noch gedacht, die Geschenke seien etwas absolut einmaliges in diesem Hotel und nun erfuhr ich, dass die Kinder in allen Hotels dieser Kette ein Geschenk erhalten.

Ich hielt auch bei weiteren Aufenthalten daran fest, mich über alle Nettigkeiten und Präsente zu freuen, denn sie waren liebevoll ausgewählt und trafen (fast immer) genau den Geschmack meiner Kinder. Nur einmal hatte Aurelia gesehen, was ein anderes Mädchen bei der Abreise erhielt und war sehr enttäuscht, als sie etwas anderes bekam, weil sie sich schon sehr auf das andere Teil gefreut hatte.

Wenn ich nun das aktuelle Abschiedsgeschenk betrachte, kann ich verstehen, dass meine Weiber enttäuscht sind. Die Seife bei der Anreise ist schon zur Gewohnheit geworden. Dass ich dann auch noch eine zweite Seife zum Abschied geschenkt bekam, nahmen die anderen vier gar nicht richtig wahr, weil sie nicht über die Rezeptionstheke gereicht wurde, sondern mir von der vielbeschäftigten Seniorchefin im Vorbeigehen in die Hand gedrückt wurde. So hatte also meine Mutter irgendwie das Gefühl, leer ausgegangen zu sein.

Denn in dem Umschlag „Familienpost“ fanden sich Schnupperspiele und Werbung für den Amigo-Spielverlag*, die sie im Grunde allein an Aurelias Altersgruppe richten. Das Anschreiben liest sich so, als hätten wir den Umschlag bei der Anreise erhalten sollen, denn es wird auf Amigo-Spoiele aufmerksam gemacht, die wir uns während unseres Aufenthalts am Empfang ausleihen können. Für das Knobelheft und das Kartenspiel sind die Zwillinge noch zu klein, auch mit dem Rest können sie nicht viel anfangen. Allein das Schaumbad wird ihnen eine schöne Plantschparty bescheren.

So kann es gehen: Wäre dies unsere erste Abreise aus diesem Hotel gewesen, hätten wir uns wie bekloppt über die Seife, das Schaumbad und die Spielproben gefreut. Nun sind wir aber leider in der Vergangenheit von den Buch-, Spiel- und Kinderschmuck-Geschenken so verwöhnt gewesen, dass wir den Umschlag und die Schaumbäder nur als Pröbchen wahrnehmen, die Tetesept* und Amigo* uns per Familotel*-Bote überreichen. Dumm gelaufen. Aber so ist es eben mit zu hohen Erwartungen und den daraus folgenden Ent-Täuschungen.

Schaut selbst: Das sind doch eigentlich (!) schöne Geschenke: Beim nächsten Wannenbad, bei jedem Händewaschen in den kommenden Monaten und der nächsten Runde Halli Galli* werden wir doch bestimmt Erinnerungen an den erholsamen Urlaub haben.

So viel zu den Abschiedsgeschenken. Nun noch kurz zu den Ess-Belohnungen: Bei unseren vorigen Aufenthalten gab es diese Stempelkarten fürs Aufessen noch gar nicht. Den Teller leer zu essen ist für meine Kinder keine Selbstverständlichkeit, insbesondere für Cari war es ein echter Kraftakt, denn sie isst wirklich wie ein kleines Vögelchen. So lange sie sich selbst etwas auf den Teller legen können ist es gar kein Problem, aber wenn das Essen von der Bedienung an den Platz gebracht wird und selbst die für den Koch kleinste denkbare Portion noch zu groß ist, würde ich meine Kinder nie dazu zwingen, den Teller leer zu essen. Und so war es eine echte Challenge für die drei. Sie tauschten untereinander Nudeln, Tomaten und Gurkenscheiben und sie fragten mehrfach „Mama/Oma, willst du mal probieren?“ (schlau, oder?), bis alle drei Teller leer waren. Wenn dann auch noch großartig von „Belohnung“ gesprochen wird, denken die Kinder sicherlich an mehr als ein kleines Blättchen mit Tattoos.

*Werbung? Ja, durch Nennung von Produkten und Marken. Und zwar ohne Vergütung, aber aus voller Überzeugung!

4 thoughts on “Ist das alles? – Gedanken über Erwartungen

  1. Teller leer essen belohnen halte ich trotzdem für kein gelungenes pädagogisches Konzept. Dahinter steckt ja, dass weniger weggeworfen werden muss, und weniger Arbeit in der Spülküche anfällt. Eigentlich lobenswert, aber Kinder wissen meistens instinktiv, wann sie genug haben. Wird das Aufessen belohnt, verlieren sie das Gespür dafür. Bei uns hieß es schon mal: Teller leer essen, damit morgen das Wetter gut wird.
    Bei den kleinen ist der Räuberteller sicher die bessere Vorlage. Aber offensichtlich sind Deine nicht futterneidisch. Das ist schon mal gut so.
    Ich habe als Einzelkind immer völlig fassungslos daneben gestanden, wenn sich Geschwister bis auf die letzte Nudel oder Fritte bekriegt haben. Der jüngere schaffte seine Portion nie, musste aber genauso viele haben.

    1. Du weißt, dass die Belohnung von leer gegessenen Tellern auch nicht in mein pädagogisches Konzept gehört. Aber wenn es im Hotel angeboten wird und die Kinder mich darum bitten, teilnehmen zu dürfen, ist es einen Versuch wert.

      Ich ärgere mich oft über die Mengen, die weggeworfen werden, weil sich die Leute am Buffet viel zu viel aufgeladen haben, statt nur Probiermengen zu nehmen und nochmal zu gehen. Mir geht es nicht darum, eine bestimmte (aus Sicht des Aufdentellerschaufelnden vielleicht sogar angemessene) Menge Essen in ein Kind zu bekommen. Wenn sich Cari nur vier Nudeln nimmt und dann „satt“ ist, ist das für mich genauso okay, wie wenn Nele sich drei Erwachsenenportionen rein schiebt und danach fragt, ob sie sich noch ein Stück Brot vom Vorspeisenbuffet holen darf. Mich hat gefreut, dass die Teller der Kinder leer waren, weil sie eher einen Blick dafür bekommen haben, wie viel Hunger sie haben. Schöner Nebeneffekt: Ich brauchte eine Woche nicht nach dem Motto „Hast du Mama im Haus kann der Mülleimer raus!“ alle Reste essen, die mir auf dem Rückweg in die Küche peinlich gewesen wären.

      1. Ich meinte mit die Kleinen auch nicht unbedingt Deine Kleinen, sondern Kleine im Allgemeinen. Dass Du das richtig machst, weiß ich sicher schon lange.
        Ich hab mich auch am Chinesischen Büffet schon mal aufgeregt, als einem offensichtlich nicht hungrigen Kind ein voller Teller hingestellt wurde und, anstatt dann abzuwarten ob und wieviel es isst, immer neue Häppchen und schließlich noch diverse Desserts aufgetischt wurden.
        Gerade Büffets verführen ja dazu, möglichst viel in sich rein zu schaufeln, damit es sich lohnt.

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