Meine Freunde haben mich schon immer als etwas verschroben angesehen. Ich schenke sehr gerne, auch wenn ich nicht damit rechnen kann, dass der Beschenkte mir jemals auch etwas schenken wird. Wenn ich die Wahl habe, etwas zu tauschen oder zu verkaufen, wähle ich den Tausch. Und lange bevor es einen Namen hatte*, war ich ein Fan von „Pay it forward“.

„Pay it forward“ beschreibt es ganz gut. Da ist jemand nett zu einem anderen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Aber er geht fest davon aus, dass er damit eine Vorauszahlung an Nettigkeiten an das Universum geleistet hat. Anders herum geht es auch: der Nutznießers einer guten Tat zahlt die Freundlichkeit gegenüber anderen anstelle des ursprünglichen Wohltäters zurück.

Meine Beobachtungen in der Coronazeit

Bei einem Rückblick auf die vergangenen neun Monate fällt mir auf, dass für mich „Pay it forward“ großartig funktioniert. Das Universum, der liebe Gott, eine höhere Gerechtigkeit oder der blanke Zufall scheinen genau zu beobachten, dass ich gerne gebe – und schickt mir reichlich nette Leute, die es mir quasi heimzahlen:

  • Ich hatte morgens für eine befreundete Seniorin eingekauft. Nachmittags bekam Aurelia von einer Nachbarin ein Fahrrad geschenkt. (woher wusste die höhere Macht, dass sie mit ihrem nicht mehr klar kommt?)
  • Kaum hatte ich zu Beginn der Coronazeit ein Laufrad an ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft verschenkt, stellte ein Bekannter eine Packung Toilettenpapier vor die Tür (er wusste nicht, dass wir auf der letzten Rolle liefen)
  • In einer (!) Woche habe ich meinen Trost bei drei (!) Todesfällen angeboten, bei denen mein Gesprächspartner nicht an der Trauerfeier teilnehmen durfte, weil (1) es im Ausland war, (2) er „nur“ der Enkel war, (3) sie „nur“ die beste Freundin war. Ich war fertig. Und genau in diese Woche rief ein lieber Freund an, mit dem ich seit einem halben Jahr nicht mehr telefoniert hatte.
  • Wochenlang nähte ich Behelfsmasken für mir andere Leute. Endlich hatte ich auch die Zeit, mir aus einem Lieblingskopfkissen eine eigene zu nähen. Beim Einkaufen sprach mich eine Fremde auf die hübsche Maske an. Ich erzählte von dem Nähprojekt und sie bat mich um meine Telefonnummer, weil sie mir dafür eine Spende zukommen lassen wollte.

So ging es weiter.

Wir unterstützten Restaurants, Buchhandlungen, Verlage und unser Lieblingshotel mit Bestellungen auf Distanz. Wir verschenkten Sandspielzeug, Bücher, einen Hochstuhl, Kinderkleidung, Autokindersitze und vieles mehr. An einem Sonntag habe ich als Elternvertreterin 5 1/2 Stunden die Anrufe und Textnachrichten anderer Eltern beantwortet, die mit den Inhalten der Schulmails überfordert waren.

Wir halfen, trösteten, lobten, erklärten, vermittelten Kontakte und kauften ein. Das machen wir ja eigentlich immer, aber in der Coronazeit besonders oft.

Das Schicksal dankte es uns mit einer unerwartet großen Zahl netter Menschen, die uns Kinderkleidung, Brettspiele, Pralinen, Rollschuhe, einen Tretroller, Blümchen, Kaninchengrünzeug, Gummibären, weitere Stoffspenden, eine Zwillingsschaukel, bemalte Steine, ein Planschbecken, Lernhefte, eine riesigen Steinsammlung, selbstgemachte Konfitüre, einen Drachen, Malpapier, Puzzle und einen großen Eimer Trauben aus dem eigenen Garten zukommen ließen.

Uns begegnete Kulanz und Großzügigkeit bei der Stornierung unserer Recherchereisen. Mir wurde ungefragt Hilfe bei einem Computerproblem angeboten.

Uns wird des nach der Coronazeit finanziell schlechter gehen als vorher. Aber wir gehören nicht zu den Verlierern der Coronazeit, denn wir spüren, dass es da etwas gibt, was wichtiger ist als Geld.

Und ich bin sicher, dass das Pay-it-forward-Schicksal auch andersherum funktioniert und sich irgendeine Gemeinheit für die Leute einfallen lässt, die sich aktuell bereichern. Sei es an den staatlichen Leistungen, sei es an der Not der anderen. Meine Oma sagte dazu immer: „Den soll der Blitz beim Scheißen holen!“. Nein, finde ich nicht. Denn das ist für die Ersthelfer echt eklig. Da gibt es sicherlich andere Lösungen…

Rückblick

*Ein Beispiel aus der fernen Vergangenheit gefällig? Mit meinem damaligen Freund fuhr ich als 20-jährige auf der Autobahn und sah auf der Standspur eine Frau nervös von einem Stöckelschuh auf den anderen hibbelnd hinter ihrem Auto stehen. Sie war auch ansonsten ziemlich aufgebrezelt und Jörg konnte es sich nicht verkneifen, durch die Zähne zu pfeifen. Wir hingegen kamen dreckig und stinkend von einem Rotkreuzeinsatz. Natürlich stoppte ich und bot der Frau unsere Hilfe an. Während Jörg sie beruhigte, ersetzte ich ihr den Plattfuß gegen das Reserverad. Es stellte sich heraus, dass sie auf dem Weg zur Verlobung ihrer besten Freundin war. Sie war so dankbar, dass sie uns Geld für ihre Hilfe geben wollte. Das lehnten wir ab und baten darum, dass sie einfach bei nächster Gelegenheit einem anderen Menschen hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Der Gedanke war ihr zunächst fremd, doch nach kurzem Überlegen fiel ihr die Nachbarin ein, die seit Monaten nicht mehr zu ihr in den Friseurs Salon gekommen war, weil sie nicht mehr gut laufen konnte. Dieser wollte sie gleich am nächsten Tag einen Überraschungsbesuch abstatten. Alles klar. System verstanden.

Wie der Zufall es wollte, waren wir einige Tage später Ersthelfer bei einem Autounfall. Ich hatte mich ziemlich mit dem Blut der Unglücksfahrerin eingesaut und wusch mir grade mir Mineralwasser das Schlimmste ab, da klopfte mir eine Unfallzeugin auf die Schulter und schenkte mir eins ihrer T-Shirts, die sie immer als Ersatz im Auto hatte. Wir hatten trotz aller mit dem Unfall verbundenen Schrecken ein lustiges Gespräch über Zufallsgeschenke. Das T-Shirt habe ich immer noch:

4 thoughts on “Geben statt fordern (Pay it forward)

  1. Dazu fällt mir natürlich „Gebt, so wird euch gegeben.“ Lukas 6 37,1 (musste ich natrülich erst nachschauen) ein.

    Warum das so ist, weis ich auch nicht und es ist auch keine 1:1 Beziehung, weder inhaltlich noch personell.

    In einer anonymen Stadt ist es schwieriger, aber ich gebe mein Bestes.
    Da ich zu den Begüterten gehöre spende ich oft auch Geld. Ans Tierheim, an die Tafel. Es gibt einiges von dem ich mich, materiell, trennen will, aber einfach wegwerfen ist zu schade. Als ich mal mein Sofa (mit passendem Sessel), Echtholz, gut in Schuss evtl müsste der Bezug etwas aufgemöbelt werden abgeben wollte, kam vom Fair-Kaufhaus nur die Aussage, dass ich es bringen müsse und es müsste einwandfrei sein. So steht es weiter in meinem Arbeitszimmer….

  2. Ich kannte das nicht als „Pay it forward, sondern als „Instant Karma“. Was ich in ein System eingebe, bekomme ich auf anderem Weg wieder raus. Manchmal auch ziemlich schnell.
    Bestellungen beim Universum funktionieren auch, allerdings eingeschränkt. Sich eine Kleine Überraschung bestellen geht gut. Vielleicht schärft das Procedere aber auch nur unseren Blick für die kleinen Überraschungen.
    Lustig: Ich habe Euch einen Stoffbeutel mit Klorollen überlassen und noch auf dem Rückweg einen neuen, leeren Stoffbeutel gefunden.

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