Folgende Situation:

Euer Kind erzählt euch etwas. Die Erzählung ist spannend, farbenfroh und zusammenhängend.

Da!

Plötzlich ein „…ich bin gegangt…“.

Unterbrecht ihr mit „Das heißt ‚gegangen‚, mein Schatz!“ oder hört ihr weiter zu?

Mir ist der Inhalt wichtiger als die Grammatik. Deshalb höre ich erst einmal zu, bis sich im natürlichen Gesprächsfluss eine Gelegenheit ergibt, unauffällig auf die richtige Form hinzuweisen. Das kann eine verstehende Wiederholung sein („Wie mutig, dass du ganz allein in den Keller gegangen bist!“) oder eine Rückfrage („Warum bist du denn dahin gegangen?“).

Natürlich soll das Kind lernen, dass „gehen“ im Perfekt „gegangen“ heißt. Aber muss ich da immer sofort den Zeigefinger heben? Nein, muss ich nicht!

Eine Frage der Höflichkeit

Erwachsene korrigiere ich ja auch nicht mitten im Satz. Und ich empfinde es als äußerst unhöflich, wenn andere das mit mir machen. Ich verliere zuerst den Faden und dann die Lust daran, dieser Person überhaupt etwas zu erzählen.

Wie gerne würde ich jedes Mal aufbegehren, wenn jemand „Eigentum“ und „Besitz“ verwechselt. Eine Nachbarin spricht stets von Luxenburg (mit n). Meine Zehennägel rollen sich auf, wenn jemand „…ich bin größer wie…“ sagt. Rund um Trier werden „holen“ und „nehmen“ zu meiner großen Verwirrung anders verwendet als hier im Rheinland.

Aber ich habe bei anderen Erwachsenen doch keinen Lehrauftrag. Also schweige ich, so lange ich verstehen kann, was gemeint ist. Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir das auch von anderen Erwachsenen.

Kürzlich fiel mir der Mann einer Freundin ins Wort, als ich davon sprach, dass „…die Kinder vor Freude krischen…“ – „Kreischten!“ Zugegeben: in einem schriftlichen Text würde ich auch „kreischten“ verwenden, aber „krischen“ kam mir zuerst in den Sinn, gilt allenfalls als veraltet und ist sogar laut Duden erlaubt. Musste ich dafür wirklich in meiner Erzählung unterbrochen werden? Von jemandem, der andererseits nicht den Unterschied zwischen „Worten“ und „Wörtern“ kennt? Ich meine: nein!

Heute an der Schule eine ähnliche Situation: wir stehen zu drei Müttern zusammen und quatschen über die Pläne für den Rest der Sommerferien. Locker-flockig, ohne Anspruch auf eine Germanistik-Auszeichnung. Die eine Mutter berichtet, dass ihre Tochter wohl endlich die pinke Phase überwunden hat, denn „…sie hat sich gestern im Laden einen orangenen Badeanzug ausgesucht.“ – „Orangen Badeanzug!“ korrigiert die andere Mutter. Die erste Mutter dreht sich um und geht wortlos davon. Schade um das nette Gespräch, ich hätte ihr gerne noch bestätigt, dass mir nach der pinken Phase meiner Töchter auch jede andere Farbe willkommen war. Aber ich kann ihre Reaktion verstehen und verabschiede mich ebenfalls. Die Oberlehrerin macht übrigens keinen Unterschied zwischen „selben“ und „gleichen“ Dingen…

P.S. Das Beitragsbild – eigentlich gewählt, weil es Silke so gut gefiel – passt ja auch irgendwie zum Thema: Hätte ich den Dönermann auf seine Defizite bei der Groß- und Kleinschreibung hinweisen müssen? Nein! Ich verstand, was er meinte und war glücklich darüber, dass er besser kochen als schreiben kann.

1 thought on “Lehrmeister

  1. Ich bin aber auch reflexgesteuert wenn ich etwas höre das nach meiner Ansicht grammatikalisch anders „sein“ müsste. Besonders wenn der Genitiv mit Dativ ersetzt wird…..

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