Auf Instagram und Facebook habe ich gestern über unseren „Homelearning Tag 100“ geschrieben.

100 Tage Homelearning !!!

Das waren:

  • 100 Tage, an denen meine Mädels viel zu viel Screentime hatten
  • 100 Tage, an denen wir uns lieber mit Freunden getroffen hätten
  • 100 Tage, an denen die Kinder mich als Hilfslehrerin erleben mussten
  • 100 Tage, an denen ich mir meiner Arbeit nicht weiter kam
  • 100 Tage, an denen unser Tagesablauf fremdbestimmt war
  • 100 Tage, an denen ich der Verzweiflung nahe war
  • 100 Tage, an denen wir alle an unsere Grenzen gegangen sind

Irgendwie klappt das alles. Die Große schafft mit etwas Nachdruck von Oma und Mama 100 % der Aufgaben, die Kleinen etwa 40-50 %, ich liege bei etwa 10-20 % meiner Wunschleistung, das Chaos im Haushalt ist (nur!) auf etwa 150-200 % angewachsen.

Aber das geht nur, weil wir alle zusammenhalten und alle weit über unsere Grenzen hinaus gehen. Bis an die Grenze der Selbstaufgabe – und an vielen Tagen deutlich darüber hinaus – arbeiten meine Mutter und ich alles ab, was uns Tag für Tag überfordert. Aus unseren Zeiten in Jugendherberge, DRK und Katastrophenschutz sind wir das Arbeiten am Limit gewöhnt. Bei all dem lächeln wir und sind uns bewusst, dass es anderen Menschen in dieser Zeit viel schlechter geht. Wir leiden keine finanzielle Not, haben keine lebensbedrohlichen Krankheiten und zu fünft vereinsamt es sich nicht so leicht.

Dennoch leben wir nun seit einem Kalenderjahr und hundert Homelearningtagen – also viel zu lange – im Katastrophenmodus. Der zerrt am Nervenkostüm und kostet unfassbar viel Kraft.

Ich bin abgesoffen und habe vor der Vielzahl der unerledigten Aufgaben kapituliert, kann nichts priorisieren und erledige, was mir in den Sinn kommt. Oft kann ich gar nicht mehr einschätzen, was wichtig ist und was nicht. Die Steuererklärungen von zwei Jahren müssen noch erledigt werden, aber ich Jeck antwortete tatsächlich auf die Erinnerungsmail des Impfzentrums, in der meine Mutter an ihren Impftermin erinnert wird. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein paar Minuten blogge, statt ununterbrochen durchzuarbeiten. Die Meisenhäuser hätten schon nach der Brutsaison gesäubert werden müssen und nicht erst jetzt, wenn ich sie schon wieder miteinander flirten höre. Mir fliegen wichtige Fristen um die Ohren, wir verpassen Arzttermine und abends im Bett schwirrt der Kopf so sehr vor lauter unerledigter Aufgaben, dass ich nicht in den Schlaf finde. Die Konzentration reicht allenfalls zum spielen, nicht aber zum arbeiten. Viel zu oft schicke ich eins der Mädchen weg oder lasse es zu lange vor Aufgaben sitzen, die es allein gar nicht lösen KANN, weil die Zahnarztpraxis für Oma anruft, Druckerpapier nachgefüllt werden muss oder ich einer ihrer Schwestern helfe.

Meine Mutter wird dieses Jahr 90 Jahre alt, aber sie geht morgens mit dem Hund, damit ich es schaffe, dass meine Mädels nicht nur pünktlich, sondern auch noch angezogen, gekämmt und mit geputzten Zähnen in ihren Meetings sitzen. Sie kümmert sich um regelmäßige Mahlzeiten für die Familie, koordiniert die Ströme schmutziger und sauberer Wäsche, die ich durch alle Etagen des Hauses trage, macht kuschelige Kaminfeuer, hilft bei Deutsch- oder Matheaufgaben, tröstet, ermuntert und liest vor.

Permanent habe ich ein schlechtes Gewissen, sobald ich etwas entspannendes mache. Alles muss sinnvoll sein, nützlich, hilfreich, zielführend. Mitunter beneide ich die Leute, die einsam zuhause sitzen und vor Langeweile vergehen. Dann halte ich mir wieder vor Augen, dass ich es ja selbst so gewollt habe. Und dann ist es wieder da, das schlechte Gewissen. Obwohl ich das meiste zwar gewollt habe, aber eben nicht SO!

Meine Zeit rauscht an mir vorbei, während ich mit meinen Schülerinnen (kurze Zusammenfassung eines einzigen Tages in der vergangenen Woche)

  • 14 Arbeitsblätter ausdrucke,
  • die Kinder in Meetings (5)/online-Deutschstunden (2)/online-Sportunterricht (1) scheuche,
  • Synonyme für „essen“ suche,
  • „bossy words“ für eine Anleitung „How to prepare a sausage-toast“ zusammensuche,
  • im Vorbeigehen bestätige, dass alle Aufgaben zur Translation of Shapes (= Parallelverschiebung) richtig gelöst wurden,
  • Fotos für ein Referat über Fairtrade liefere, weil das nur der eine Klapprechner kann,
  • Eisenbahnen/Züge aus Alltagsgegenständen baue und im Testbetrieb filme,
  • mit den Kindern darüber spreche, welche anderen Menschen ihnen zuhause/in der Schule/sonstwo helfen,
  • das sch vertiefe und das ei einführe,
  • schwachsinnige (angeblich kindgerechte) Power-Point-Präsentationen zum Thema Covid-19 vorlese,
  • fliegende Bleistifte beobachte,
  • bei je einer Zeile p – t – b – i – o – sh – qu anfeuere,
  • bei je einer Zeile p – b – x – th – g anfeuere
  • zweistellige Zahlen in Zehner und Einer zerlege,
  • ausführlich das vierte (bzw. fünfte) Mal erkläre, wie man bei den Zahlen bis 100 jeweils 1 abzieht und dann trotzdem bei 12 (bzw. 14) von 22 Zahlen
  • dreimal ein vorlesendes Kind filme,
  • Tränen trockne, weil eine Lehrerin die Aufzeigehand im Meeting übersehen hat,
  • sechsmal ein Video mit vorlesenden Lehrerinnen öffne und nach dem Ansehen bestätige,
  • in einem von mir zusammengestellten Grabbelsäckchen nach harten – weichen – glatten – rauen – starren – biegsamen – dehnbaren – wasserdurchlässigen – wasserundurchlässigen – transparenten – matten – leichten – schweren – saugfähigen – nicht saugfähigen – … Gegenständen suchen lasse. Ob die Lehrerin ahnt, wie lange ich zum Zusammenklauben all dieser Gegenstände benötigt habe?

Merken meine Töchter, wie schwer es mir fällt, strenge Hilfslehrerin statt liebevoller Mutter zu sein? Ich könnte sie den ganzen Tag knuddeln für ihre Bemühungen, Tag für Tag all den kuriosen Themenfeldern zu folgen, von denen sie noch nie gehört haben und die sie auf didaktisch hoch fragwürdige Weise bei viel zu wenig ausgleichender Bewegung erledigen sollen.

Wie werden wir alle auf diese Zeit zurückblicken, wenn die Kinder erwachsen sind?

Am Mittwoch hat meine Mutter den ersten Impftermin. Das ist unser Licht am Ende des Tunnels.

Und ich sage ja auch immer:

Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht
darfst du den Kopf nicht hängen lassen!

9 thoughts on “100 Tage Homelearning – eine (Zwischen-)Bilanz

  1. Was Du zu viel hast, habe ich zu wenig.Ihr seid fünf, ich bin allein. Es ist eigentlich egal ob und was ich mache. Außer durch bloggen und kochen bekomme ich keine Struktur mehr in den Alltag. Und gerade deswegen bleibt hier einiges liegen, was ich längst hätte machen wollen. Sicher aber auch wetterbedingt.

    1. Überforderung durch Unterforderung würde mein damaliger Mathelehrer zu deiner Lage wohl sagen.

      Soll ich dir ein oder zwei Kinder nebst Homelearningaufgaben mailen?

      1. Das wäre es doch. Ein Kollege hat unter der Woche immer die Freundin seiner Tochter. Die Mutter der Freundin ist um ein Kind entlastet und seine Tochter hat jmd, was auch ihn und seine Frau entlastet.
        Entweder die Zwillinge oder Aurelia fahren für ein paar Tage zu „Tante“ Bibo.

    1. Das hängt von der Gesetzeslage ab. Eigentlich würde ich gerne noch bis zu meiner Impfung warten, aber das wird ja noch dauern. Ich kann sie ja nicht bis 2023 daheim halten…

  2. Liebe Ingrid,
    Ich hab schon zu normalen Zeiten den Hut vor Dir und Deinem Pensum gezogen und kann mir vorstellen dass momentan die Grenzen schon lange erreicht sind. Aber was deine 90jährige Mutter noch alles kann und tut das finde ich unglaublich und inspirierend.
    Ganz liebe gleichgesinnte Grüße aus Bayern, Susanne

    1. Liebe Susanne,
      ganz lieben Dank für deine netten Worte. Es tut mir sehr gut, dass es Menschen gibt, die erkennen, dass wir hier nicht faul mit den Kindern zuhause herumgammeln, sondern am Limit arbeiten.

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