Wie es sich für eine echte Rheinländerin gehört, bin ich katholisch getauft. Fast immer fiel die Liebe aber auf einen protestantischen Lebenspartner. Das sorgt mitunter zu Spannungen, so sind meine Töchter entgegen meiner Überzeugung nicht getauft. Aber das lässt sich ja nachholen, wenn sie alt genug sind und es selbst wollen.

Meine Nähe zu einer protestantischen Familie sorgte aber vor gefühlten hundert Jahren dafür, dass ich mir Gedanken über die Fastenzeit machte. Sie amüsierten sich über „meinen“ fleischlosen Freitag und fragten mich zu den Bräuchen der Katholiken während der Fastenzeit aus.

In den vielen Religionen und Kulturen gibt es eine Fastenzeit. Vielleicht stellten die Menschen fest, dass es ihnen gar nicht schadete, wenn gegen Ende des Winters die Vorräte knapp wurden, bevor im Frühling neue Nahrung gefunden werden konnte. Bestimmt aber suchten sie in der Nahrungsmittelverknappung einen göttlichen Fingerzeig, aus dem sich später das Fastengebot ergab. Es verwundert mich also nicht, dass die Fastenzeit der Christen im Winter beginnt und im Frühjahr endet. Ich hatte als Studentin Kontakt zu Aleviten, die im Februar zu einem Fest namens Hizir fasteten. Aus dem Quizduell weiß ich, dass die Bahai die ersten drei Wochen im März eine Fastenzeit haben.

Auch andere Religionen wie das Judentum und der Islam kennen Zeiten, in denen sie auf Essen – zum Teil auch auf Getränke – verzichten. Da können Fastentage wie Jom Kippur oder Fastenmonate wie der Ramadan sein.

Mir fällt auf, wie nah sich die Religionen beim Thema Fasten sind.

Traditionell meinte die katholische Kirche beim Fasten nicht irgendein Opfer, sondern ging vom gezielten Verzicht auf Nahrung aus. Es gab Fastentage mit völliger Abstinenz, andere Tage, an denen bescheiden gegessen werden sollte und der Sonntag durfte zum Fastenbrechen genutzt werden. Nach aktueller Fastenordnung soll auf etwas verzichtet werden, das der Fastende für essenziell für sein alltägliches Leben hält. Menschen unter 18 und über 60 Jahre, Kranke, Schwangere und Reisende brauchen nicht beim Essen fasten. Na, kommt euch das bekannt vor? Richtig!

Im islamischen Ramadan sind genau diese Personengruppen vom Fastengebot ausgenommen. Wie schön es doch ist, zu sehen, dass alle Religionen Rücksicht auf die schwächeren nehmen, die durch ein strenges Fastengebot zu Schaden kommen könnten.

Als die evangelischen Kirche ihre Aktion „Sieben Wochen ohne“ anpries, waren die Familie meines damaligen Freundes und ich mit Feuereifer dabei. Vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag, also fast sieben Wochen lang, sollte Verzicht geübt werden. Das erschien mir sowohl unter spirituellen, als auch unter medizinischen Aspekten sehr sinnvoll.

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Mein Saftvorrat für die nächsten Tage

Seit inzwischen über dreißig Jahren starte ich (Ausnahmen: Schwangerschaft & Stillzeit) in die Fastenzeit mit einer Fastenwoche nach Buchinger. Das bedeutet, ich verzichte komplett auf feste Nahrung. Mein Verdauungstrakt freut sich eine Woche lang über Säfte, Tees und Gemüsebrühe. Hungergefühle gibt es keine, obwohl ich ansonsten ja chronisch gefräßig und stets hungrig bin. Also reine Kopfsache. Das macht den Kopf frei und entschlackt, danach schmeckt alles viel intensiver und besser als vorher. Die restliche Zeit bis Ostern verzichte ich auf jede Art von Süßigkeiten, Chips, Kuchen, Eis,…, also sogar auf mein rituelles Nutellabrot am Morgen.

Es ist bei mir also eher das traditionelle Fasten. Aber es soll ja auch weh tun. Das wäre ja bei Alkohol, Zigaretten, Fernsehen,… gar nicht der Fall. Ich rauche nicht, habe keinen Fernseher und trinke nur alle paar Wochen überhaupt Alkohol. Ein Verzicht wäre kaum spürbar. In einem der Vorjahre verzichtete ich auf ein Computerspiel. Dort stieg ich gar nicht mehr ein, sodass diese Verzichtsmöglichkeit auch wegfiel. An den Verzicht beim Essen habe ich mich schon gewöhnt, das tut nicht mehr so richtig weh. Also nimmt dieses Jahr ein anderes Thema mein hauptsächliches Augenmerk ein: Konsumverzicht! Komme ich 40 Tage ohne online-Bestellungen aus? Kann ich 40 Tage lang stur nach Einkaufszettel einkaufen? Kann ich innerhalb von 40 Tagen meinen Lebensbereich so weit entrümpeln, dass sich nur noch die Dinge darin befinden, die ich auch wirklich benötige und benutze? Ich bin gespannt!

Bei der evangelischen Fastenaktion Sieben Wochen Ohne steht inzwischen jedes Jahr ein anderes spirituell-psychologisches Thema im Mittelpunkt. In diesem Jahr ist es „Augenblick mal – sieben Wochen ohne sofort“. Damit soll dem immer schneller drehenden Hamsterrad des Alltags entgegen gewirkt werden. Einstieg am Aschermittwoch war das Bibelzitat:

DER PREDIGER SALOMO (KOHELET)
31 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

Sieben Wochen ohne das Wort „Sofort“. Das kann lustig werden. Ich freue mich schon auf viele kuriose Situationen. Ich stelle mir vor, ein Vertreter verlangt eine sofortige Entscheidung für sein Produkt von mir. Meine Kinder wollen sofort eine Tüte Gummibärchen aufgemacht bekommen. Bathida stupst mich nachts um halb drei mit ihrer kalten Hundeschnauze an, weil sie sofort in den Garten muss. Im Laden schreit es aus allen Regalen „kauf mich, und zwar sofort!“ Oder meine Nase erschnüffelt eine sofort zu wechselnde Windel.

Werde ich die wirklich eilbedürftigen Situationen zuverlässig von den nicht so eiligen unterscheiden können? Werde ich den Mut haben, mich gegenüber all den vielen Forderungen von außen abzugrenzen? Dann könnte ich eigentlich ja in vielen Situationen sagen: „Nö, ich faste doch und werde nun erst einmal darüber nachdenken, ob das für mich passt. Vielleicht später.“ Noch besser: Jemand fängt einen Streit an und ich antworte: „Du, ich faste gerade mit dem Wort sofort. Ich möchte deshalb nicht sofort inhaltlich antworten. Vielleicht ein andermal!“ Klingt befreiend, oder? Ich bin gespannt. Schon das zweite Mal in diesem Blogbeitrag. Ihr seht, ich freue mich auf die nächsten 40 Tage.

Fastet ihr auch?

9 thoughts on “Sieben Wochen ohne

  1. Die Ähnlichkeit der Fastengebote sind eigentlich nur ein Zeichen für die Evolution der Religionen. Christentum und Islam stammen ja vom Judentum ab.
    Die Grünen haben vorgeschlagen, 7 Wochen auf das Auto zu verzichten. Betrifft mich nicht, ich habe überhaupt kein Auto.
    Aber die Grünenhasser und Autofetischisten jaulen sofort auf und fühlen sich wieder bevormundet. Hallo? Was hat ein Vorschlag für freiwilligen Verzicht mit Bevormundung zu tun? Als ich noch katholisch war, in katholisch Köln, war das mit dem Fasten alles andere als freiwillig. Da wurden die Karnevalskamellen ganz oben auf den Schrank gelegt, damit man nicht drankam, und nach den 7 Wochen waren sie garantiert verdorben.

    1. Oje, du Arme. Und das, obwohl die rheinisch-katholische Kirche bei weitem nicht so streng ist wie die römisch-katholische im Rest der Welt. Das nenn ich ‚mal ein echtes frühkindliches Trauma, kein Wunder, dass du ausgetreten bist. Für Kinder ist Fasten doch echt eine Quälerei, besonders, wenn sie den Grund dafür nicht verstehen.

      Meine Süßen dürfen sich mit der Beute von Karneval voll stopfen, bis es ihnen zu den Ohren heraus kommt. Tun sie aber nicht. Nach wenigen Bonbons oder einer geteilten Mini-Karnevalstüte Chips kommt Aurelia an und fragt nach einem Apfel, den ihr dann die Kleinen wegfuttern.

      Jaja, die Aufregung bei Vorschlägen der Grünen ist immer groß. Man wartet ja gradezu auf den nächsten Aufreger und überliest dann gerne, dass es nur ein Vorschlag ist und keine neue gesetzliche Regelung, die mit Freiheitsstrafe nicht unter 10 Jahren bewehrt ist ;o)

  2. Fasten ist nicht so meins, ich bewundere alle die das durchhalten.

    Manchmal trinke ich tagelang keinen Schluck Limo aber wenn ich vorher gesagt hätte “ ich trinken jetzt x Tage keine Limo“ hätte ich es nicht durchgehalten.
    Mein aktueller Versuch ist „weniger“ und „das Richtige“unabhängig von der Jahreszeit. Das kollidiert weniger mit meiner schwachen Willenskraft.
    Aber auch da muss ich aufpassen, dass ich das weniger an Fleisch nicht durch fetten (und leider auch leckeren) Käse oder Marmelade ersetze.
    Blankes Wasser trinke ich auf Wanderungen, aber ungern so. Säfte haben genausoviel Kalorien und Zucker wie Cola oder andere Limo. Jetzt habe ich ein stilles Wasser mit etwas Geschmack aber nur 1/4 der Kalorien von Limo/Saft gefunden und übe mich in 1,5Litertrinken.
    Dazu will ich, sobald der Infekt abgeklungen ist, wieder mehr zum Sport (habe eine laufende Anmeldung bei einem Fitnessclub der auch gut ist und sogar über eine Sauna verfügt) und auch wieder mehr mit dem Rad erledigen. So ein Auto vor der Türe verführt sehr.
    Ich versuche mir bewusst zu machen WAS ist esse und WIEVIEL. Ich versuche zu reflektieren was NÖTIG ist und was NICHT.
    Ich notiere mir was ich so am Tag esse und versuche bei um die 1800 kcal zu „landen“ aber keinesfalls über 2000. Mithilfe einer Webseite sehe ich auch wieviel Fett und Kohlehydrate das sind. Dazu gehört noch ein kleines Programm an Übungen die ich auch an Tagen machen kann, wenn ich nicht ins Studio komme oder auf Dienstreise bin.
    m Moment weisst die Waage jeden Morgen ein wenig weiter nach unten, mal sehen ob der Effekt anhält insbesondere da wir heute abend mit Freunden aus sind und morgen von unserer Hausgemeinschaft an den Harzrand zum Essen fahren.

    So hat jeder seine Methoden wichtig ist nur, dass es UNSERE Methoden sind und unsere WERTE.

  3. Hallo Ingrid.
    Tatsächlich fasten wir auch.
    Wie jedes Jahr: Süßigkeiten, Chips und dergleichen. Weil wir uns nahezu jeden Abend außerhalb der Fastenzeit vor dem Laptop wieder finden mit diesen Leckereien.
    Alkohol gehört auch zu den Dingen, die wir fasten, allerdings ist der Konsum auch sonst rar, da fällt es kaum auf
    Wir wünschen dir eine gute Zeit – und kommen bald auf den Soonwaldsteig-Wanderführer zurück!

    Liebe Grüße
    Claudia von aktiv-durch-das-leben.de

    (den ersten Kommentar bitte löschen, da klickte ich zu schnell)

    1. Wie schön, dass ihr euch meldet und mit mir fastet. Es fällt mir leichter, wenn ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.

      Soonwald liegt jederzeit bereit für euch.

  4. Huhu Ingrid.
    Nun ist es bald geschafft. Das Schöne ist, dass wir nach der Fastenzeit die Süßigkeiten und Chips und dergleichen ganz anders sehen. Nicht als Selbstverständlichkeit.

    Als Info, wir bauen gerade eine Linkliste auf und auch deinen Blog werden wir darin aufführen.

    Liebe Grüße und ein schönes Osterfest
    Anita und Claudia

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