Nach unserer Heimkehr am Karfreitag wollten meine Mutter und ich am Samstagvormittag im Hürth-Park noch schnell einige Besorgungen machen. Sie hatte auf Mallorca ihr Eau de Toilette aufgebraucht, die Minimäuse benötigen für ihre flott wachsenden Beinchen neue Hosen, wir wollten noch einige Osterleckereien kaufen und auf Mallorca gemachte Fotos ausdrucken lassen.

Dieser Ausflug endete nach dem Kauf des Duftwassers. Meine Mutter sank bewusstlos hinter dem Buggy zusammen, nachdem sie vorher kurz über einen starken Druck am unteren Rippenbogen geklagt hatte.

Zwar stand ich (als Tochter) ziemlich unter Schock, doch 30 Jahre DRK-Erfahrung gaben mir (als Ersthelferin) die nötige Gelassenheit und Übersicht, um schnell alle nötigen Schritte zu veranlassen. Ruckzuck war der Notruf abgesetzt und die Zwillinge in der Obhut einer sympathischen Passantin. Die beiden Herren, die mir beim Tragen halfen, schauten sich staunend an, als sie sahen, dass ich allein mit dem richtigen Griff den Oberkörper meiner Mutter ohne Anstrengung getragen bekam, obwohl sie sich zu zweit damit vergebens abgemüht hatten.

Die Patientin kam zu sich, wünschte sich Schocklage und klagte über Übelkeit und Drehschwindel. Sie war zeitlich und örtlich vollkommen desorientiert, konnte sich nicht einmal daran erinnern, dass wir vorher im Drogeriemarkt gewesen waren. Dem zwischenzeitlich eingetroffenen Notarzt konnte sie leider auch nicht alle Medikamente aufzählen, die sie einnimmt.

Also trennten sich unsere Wege. Sie fuhr mit dem Blaulichttaxi ins Dorfkrankenhaus, ich mit den Minimäusen nach Hause. Dort durfte ich sie bei der besten Nachbarin der Welt abgeben, während ich mit Mamas Medikamentenliste wieder in die Klinik eilte. Dort traf ich sie im Schockraum an, wo sie immer wieder eintrübte und erst nach einer ganzen Weile so stabil war, dass sie auf die Intensivstation verlegt werden konnte. Dort schlief sie gut verkabelt und am Tropf sofort wieder ein, hatte mich schon vor die Tür gesetzt, als der Oberarzt mich aufhielt, weil er schon unterwegs zur ersten Visite war. Einen Befund hatte er noch nicht für uns.

20170415_130311_resizedWie fast immer, wenn ich in einem Krankenhaus bin, führte mich mein Weg in die Krankenhauskapelle. Eigentlich nur kurz bei Jesus vorbeischauen und ihm danken, dass er gestern für uns gestorben ist, heute meine Mutter vor dem Schlimmsten bewahrt hat und morgen für uns auferstehen wird. Doch ein Infoblatt ließ mich etwas länger verweilen. Darauf stand nämlich:

Liebe Mitchristen,
Sie befinden sich vor der Kreuzdarstellung unserer Krankenhauskapelle. Sie stammt aus der alten Kapelle, als das Krankenhaus noch von Ordensfrauen geführt wurde. Tausende von Hürthern empfingen unter diesem Kreuz die Taufe…

Daneben gab es vorgefertigte Täfelchen, auf denen die Standardanliegen „Für meine Mutter“, „Für einen Kranken“, „Bitte um Genesung“, „Bitte um Trost“, … schon bereit lagen und man sie dem Gekreuzigten nur noch vor die Füße legen brauchte. Zuerst musste ich schmunzeln. Ist das ein erster Schritt zur Digitalisierung des Betens? Gibt es bald in Klinikkapellen sogar Touchscreens, auf denen man seinen Gebetswunsch anklicken kann? Ach, wieso eigentlich nicht? Wenn das eine Möglichkeit ist, den Menschen näher zu kommen, die sich nicht trauen, einen Gebetswunsch in das große Buch auf dem Altar einzutragen, ist das doch perfekte Seelsorge!

20170415_130301_resizedEine zweite Figur zog meine Blicke auf sich: Die Muttergottes, davor ein Schälchen mit Salz und ein Gefäß mit Wasser. Dazu die Aufforderung, eine Prise des geweihten Salzes mit meinem Gebetsanliegen in das Wasser zu geben. Denn es gibt im Leben Momente, die sind für die Seele so ungenießbar, wie für den Magen eine versalzene Speise. Mit dieser symbolischen Handlung besteht vielleicht die Möglichkeit, diesen versalzenen Bissen zum Guten zu wenden. Okay, noch eine nette Idee der Betreuer dieser Krankenhauskapelle, die mich aber schon etwas an Voodoo erinnert.

Das Kruzifix und die Gebetstäfelchen gefallen mir besser. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich unter diesem Kruzifix an meinem dritten Lebenstag getauft wurde. Damals war es ja noch üblich, die Kinder erst aus der Klinik zu entlassen, wenn sie schon getauft waren, damit ihnen auf dem Weg nach Hause nichts passieren konnte.

Als ich die beiden Kleinen bei Diana abholen wollte, saßen sie hoch zufrieden vor zwei großen Schalen mit köstlicher Rindfleisch-Nudel-Suppe. Auch ich bekam sofort einen Teller dampfender Suppe hingestellt. Danke, liebe Diana, du bist eine Heldin des Alltags, ein Engel!

Aurelia hatte von all dem nichts mitbekommen, denn sie war mit Papa im Schwimmbad gewesen. Wir hatten beide keine Lust mehr auf Herberts Geburtstagsfeier. Ich nahm sie aber mit zur Intensivstation und eine nette spanische Schwester erlaubte ihr sogar, der Oma persönlich das „Werde-bald-wieder-gesund“-Gemälde zu überreichen. Die Beschenkte war schon wieder etwas klarer um die Augen und in der Aussprache, aber immer noch sehr müde. Sie bedauerte, am Sonntag nicht mit nach Korschenbroich fahren zu können, um Bathida aus ihrem Urlaubsdomizil abzuholen.

Abends zuhause im Bett nahm ich Aurelia ganz fest in den Arm. Meine Große hatte Angst, dass Oma stirbt, weil sie ja an einem Monitor hing. Ich erzählte ihr ganz offen, dass ich im Hürth Park davor auch große Angst gehabt hatte, als sie bewusstlos in meinen Armen lag. Aber jetzt war sie ja in guten Händen und schon wieder auf dem Weg der Besserung. Vor Erleichterung weinten wir beiden etwas und freuten uns darüber, dass es gut ausgegangen war.

Kurz vor dem Einschlafen fiel ihr ein, dass sie ja sogar die Notruf-Nummer 112 weiß und wir schon einige Male über den Inhalt eines Notrufs gesprochen hatten. Sie bekam doch tatsächlich alle Ws zusammen!

1.) Was ist passiert?
2.) Welche Verletzung/Krankheitszeichen?
3.) Wo ist es passiert?
4.) Wie viele Verletzte/Kranke?
5.) Wer ruft an? (Okay, bei ihrem Nachnamen müssen wir noch üben)
6.) Warten auf Rückfragen der Leitstelle.

Das hatte ich ihr während meiner Zwillingsschwangerschaft beigebracht, weil ich ja durchaus in eine Situation hätte kommen können, in der ich allein mit ihr zuhause war und medizinische Hilfe nicht mehr selbst hätte rufen können. Alle sechs W-Worte hat sie sich zwei Jahre lang gemerkt. Klasse!

Bei unseren Krankenhausbesuchen am Sonntag und Montag waren wir alle natürlich traurig darüber, nun nicht gemeinsam Ostern feiern zu können. Dass sie aber jammerte, weil sie nicht waschen, bügeln, Koffer ausräumen, im Garten arbeiten,… konnte, zeigte mir, dass es ihr wieder besser ging, auch wenn immer noch keine Diagnose gestellt wurde.

Seit Dienstag haben wir so etwas wie Normalität. Eingedeckt mit Rätselheften und einem dicken historischen Roman lässt es sich für sie inzwischen einigermaßen gut im Krankenhaus leben. Nach der reinen Beobachtung an den Feiertagen wird sie nun von einer Untersuchung zur nächsten  gescheucht, trägt ein Langzeit-EKG und weiß zumindest schon einmal, dass ein Großteil ihrer Blutwerte vollkommen daneben waren, sich aber inzwischen den Normalwerten annähern. Sie traf zufällig auf dem Flur Ännchen, eine DRK-Kollegin, hat also jemanden zum Quatschen.

Drückt uns bitte die Daumen, dass der Kollaps eine harmlose Ursache hatte, die auch bald gefunden wird.

Sicher habt ihr Verständnis dafür, dass meine Mallorcaberichte nun mit einiger Verspätung ins Blog kommen. Ich habe alle Hände voll zu tun. Nicht nur, dass die Hilfe und Ruhe meiner Mutter zuhause entfällt, ich bin ja auch 2-3 x am Tag in der Klinik, um nach ihr zu sehen und fehlende Dinge zu bringen.

 

7 thoughts on “Nix mit „Frohe Ostern“ – oder doch?!

  1. Ich habe etwas gezögert „gefällt mir “ zu drücken, aber in Summe passt es.

    Es gefällt mir natürlich erstmal dass es Deiner Mutter wieder besser geht. Dann gefällt es mir aber auch, dass Aurelia auf dem besten Wege ist in die DRK Fußstapfen von Oma und Mama zu treten (schon angemeldet???). Es gefällt mir, dass Du tolle Nachbar hast auf die Du Dich uneingeschränkt verlassen kannst und es gefällt mir, dass wir nun doch bald ein paar der Mallorca-Bilder und-Berichte sehen und lesen werden.
    Falls es eine Möglichkeit gibt das wir uns nächste Woche (ich bin mit dem Auto) Mo/Mi oder Do außerhalb des Hauses treffen können, gib Bescheid, aber ich kann erst nach 18 Uhr.

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