Heute stand eine Tour von 22 Kilometern auf meiner Rechercheliste. Vor vier Jahren war ich sie schon einmal gewandert und war sicher, dass sie mit ins Buch kommen muss, aber seither gab es einige Änderungen im Wegverlauf und der Verlag benötigt einen GPS-Track.

In einer winzigen Bäckerei in Kerpen (Eifel) deckte ich mich zu Beginn der Tour mit Proviant ein. Von jeder Sorte süße Brötchen gab es nur 2-3 Stück, herzhafte auch nicht mehr als 6-7 Stück und zweierlei Süßgebäck: Nussecken und Schweineohren. Mehr Auswahl brauchte ich nicht, um glücklich zu sein, Ich nahm ein Brötchen und eine Nussecke. Natürlich könnte ich schon zuhause bei Abfahrt alles fertig im Rucksack verpackt haben, aber ich kaufe lieber bei den kleinen Bäckereien und Tante Emma Läden unterwegs, damit es diese noch möglichst lange gibt. Auf Fernwanderungen und Pilgertouren bin ich nämlich heilfroh über jeden Ort, in dem es noch zumindest eine Einkaufsmöglichkeit gibt. Diese Bäckerei in Kerpen scheint allein vom Bäcker und seiner Frau geführt zu sein.

Die Nussecken waren frisch: Der Teig mürbe und die Nüsse noch ein wenig knackig. Nicht wie bei den meisten Bäckern in unserer Nähe, wo die Nussecken und andere „Dauerbackwaren“ auch eine lange Dauer in der Auslage herumliegen, bis sich eines Tages endlich ein Kunde erbarmt und sie kauft. Nach einigen Tagen schmeckt die Nussecke ja ganz anders: Teig und Nussschicht haben die gleiche Konsistenz, auch der Teig schmeckt etwas nussig, aber insgesamt ist es – je nach Ladenklima – eine labbelige oder furztrockene Angelegenheit. Nicht so hier in Kerpen, wo ich beim Bezahlen gar nicht wusste, welcher Genuss mich da erwartet, denn ich aß meine Beute ja erst Stunden später an der Burgruine Neublankenberg.

Der Knaller kam aber noch beim Bezahlen: Die Verkäuferin wies auf die Theke und ermunterte mich, eine Bäckerblume mitzunehmen. Gute Idee, so hatte ich in der Pause auch gleich Lesestoff und konnte ein paar Rätsel lösen.

Hach, die Bäckerblume. Ich wusste gar nicht, dass es sie noch gibt. Bei all den langweiligen Bäckerei-Ketten hier in Hürth und Umgebung jedenfalls nicht! Als Kind habe ich die Bäckerblume geliebt. Im ersten Schuljahr stoppelte ich mühsam die Buchstaben zusammen, bis ich eine der Überschriften entziffern konnte, später las ich meiner Mutter immer das Horoskop vor und freute mich, wenn ich eines der Rätsel geknackt bekam.

Trotz der anstrengenden Tour kam ich bester Laune am Auto an. Und das war auch der Bäckerblume zu verdanken, die mir einen netten kleinen Ausflug in meine Kindheit bescherte.

3 Gedanken zu „Kindheitserinnerungen: Die Bäckerblume

  1. Bäckerblume gab es hier nicht. Aber beim Metzger ein Stückchen Wurst, Beim Bäcker einen kleinen Keks, usw. und in der Apotheke eine Kinderzeitschrift. Wobei ich heute gar nicht weiß ob das noch geht bei den ganzen Nahrungsspezialisierten Eltern.

    • Die Scheibe Fleischwurst für Kinder und die Apothekenzeitschriften gab uns gibt es bei uns auch. Ganz selten auch einen Keks für Kinder in der Bäckerei. Aber die Bäckerblume scheint hier im Rheinland ausgestorben zu sein…

      Und es ist wirklich schwierig: Unser Metzger fixt gnadenlos jedes Kind schon vor Beikoststart mit Fleischwurst an. er berichtet aber auch von immer mehr Müttern, die ihren Kindern die Wurst verweigern. Gleiches gilt in der Bäckerei, in der meine Mutter sonntags hilft: nur etwa die Hälfte aller Kinder darf den angebotenen Keks auch nehmen. Traurig.

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