Meine Kinder basteln gerne. Heute auch schon wieder seit Stunden. Das kontinuierliche Interesse daran haben sie von der Oma, die in jüngeren Jahren wochenlang Tag und Nacht für die Adventsbazare im Naturfreundehaus, in der Kirche und beim DRK gebastelt hat. Es wird gemalt, geschnipselt, geklebt, geformt,…

Ich habe eher schon ‚mal einen Bastel-Flash, bei dem ich eine Sache bastele. Ich komme danach aber wieder lange ohne solch einen Frickelskram aus. Neuestes Ergebnis eines solchen Anfalls ist die Einladung zu Aurelias Kindergeburtstag.

Basteln geht gar nicht!

Beim Basteln unterhielten wir uns über Aurelias letzten Piratengeburtstag und mir fiel – etliche Monate später – ein besonderer Satz auf, den die Museumspädagogin gesagt hatte: „Oh, bitte formulieren Sie anders, Basteln geht gar nicht. Das ist ein verbotenes Wort bei uns Museumspädagogen!“ Wir waren grade von der Museumserkundung zurück gekommen, hatten den Piratenschmaus zu uns genommen und waren im Programmpunkt namens „Schatztruhen“ angekommen. Ich hatte mich zusammen mit einer anderen Mutter daran gefreut, wie konzentriert unsere Kinder diese kleinen Kästchen bastelten. Die Pädagogin führte aus, dass Basteln von Kindern als uncool empfunden wird und deshalb von formen, entwickeln, bauen, herstellen, tüfteln oder gestalten gesprochen werde. Bastelstunden seien durch Kreativwerkstatt bzw. Kreativtraining ersetzt worden. Bevor ich mir dazu Gedanken machen konnte, wurde ich von einem Kind abgelenkt.

Nun fällt mir aber auf, wie blödsinnig das doch ist. Die meisten dieser vermeintlichen Synonyme treffen die Tätigkeit gar nicht genau genug, eventuell vielleicht „gestalten“. Meine Kinder basteln gerne und ich weiß aus meiner Erfahrung als Betreuerin in der Kinder- und Jugendarbeit, dass es den Kindern vollkommen egal war, wie wir die Tätigkeit nannten. Hauptsache, am Ende hatten sie eine selbstgemachte Sache in der Hand, mit der sie zufrieden waren und die sie stolz ihren Eltern zeigen konnten.

Dabei war das Alter nicht ausschlaggebend. Ich habe mit 6-8-Jährigen eine Wandzeitung gebastelt, mit 9-12-Jährigen Stockpuppen gebastelt, mit 14-16-Jährigen Motivationswände gebastelt und mit 18-20-jährigen eine Infotafel für unsere selbst gebaute Brücke gebastelt. Nie hat sich einer der Bastler über dieses Wort beschwert. Im Gegenteil, am Ende sprachen wir sogar liebevoll von unserer selbstgebastelten Brücke.

Kreativtraining muss es sein!

Daran seht ihr, wie alt ich bin. Wir durften als Kinder einfach spielen, basteln – und dabei auch noch zu allem Überfluss Spaß haben. Das entspricht aber nicht mehr dem Zeitgeist. Wenn ich in der Zeitung von gestern lese, dass es grob fahrlässig ist, wenn man seinen Kindern nicht schon in den ersten Lebensmonaten vorliest, weil man ihnen damit eine Frühförderung nimmt, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wir hatten Kinder in Aurelias Krabbelgruppe, die täglich 1-2 Programmpunkte hatten: Spielgruppe nach Pickler, Babyyoga, Krabbelgruppe in Chinesisch, Babymassage, Babyschwimmen, Pekip, Musikwichtelchen, Babyhandzeichen, Babyturnen,… Die gestressten Mütter hetzten von einem Termin zum nächsten und waren kreuzunglücklich, wenn das Baby beim Schwimmen einschlief oder in der Musikgruppe lieber krabbelten als klatschten.

Entsprechend muss bei dieser Sorte Mutter (das ist kein Sexismus, aber die paar Väter, die ich dort traf, waren herrlich unaufgeregt) jedes Spiel ein Lernziel haben und jedes Malen/Schneiden/Kleben ein Training für die spätere Kreativlaufbahn sein.

In der Schule bot ich zusammen mit einer anderen Mutter an, mit den Kindern Laternen für den Schul-Sankt-Martins-Zug zu basteln, weil wir es traurig fanden, wie viele Kinder im vergangenen Jahr ganz ohne Laterne oder mit gekauften Exemplaren teilnahmen. Wir blitzten ab, weil sich nach Auffassung der Verantwortlichen nicht genügend Interessenten für ein Bastelprogramm fänden. Die Mütter sprächen nur auf Förderangebote wie Fremdsprachen, Musikunterricht und Ballett an.

Kein Wunder also, dass bei einem popeligen Kindergeburtstag in einem Museum nicht einfach gebastelt wird, sondern die Schachteln kreativ gestaltet wurden. Ich kann am Ergebnis keinen Unterschied erkennen. Kinder hantieren nun einmal gerne mit Farbe, Stiften, Pinseln, Scheren, Kleber, Werkzeug und den verschiedensten Materialien.

So ein Quatsch!

Ich bleibe bei meiner Meinung: den Kindern ist es vollkommen egal, ob man es Basteln oder Kreativtraining nennt. Im Gegenteil: in meinen Augen ist das Wort Kreativtraining ein Oxymoron. Kreativität braucht Freiheit, Offenheit, Gelassenheit. Da ist alles fehl am Platze, was ich mit dem Begriff Training verbinde, z.B. Disziplin, Einüben gewünschter Abläufe, Verhaltensänderung. Bei Wikipedia lese ich als Definition für Training: „Der Begriff Training oder das Trainieren steht allgemein für alle Prozesse, die eine verändernde Entwicklung hervorrufen.“ Beim Training steht ein Trainingserfolg im Vordergrund. Das widerspricht doch der Kreativität! Die will doch frei sein, spontan gestalten, von einen ursprünglich gefassten Plan abweichen, überraschen, erfreuen.

Das ist selbst bei unseren kleinen Basteleien der Fall: Mir schwebte ursprünglich ein großes Segel mit einem kompletten gedruckten Einladungstext vor. Nachdem Aurelia einige Fähnchen mit Ihrem Namen beschrieben hatte und mich dazu gebracht hatte, auch das Wort „Invitation“ mit Filzstiften zu schreiben, gefiel es mir viel besser.

Das soll eine Erdbeere sein. Welche Rolle die Pompoms spielen, bleibt ungeklärt.

Bei uns kommt es sogar vor, dass wir vollkommen von unserer ursprünglichen Bastelidee abkommen. Neulich wollten wir ein Häuschen für das Freigehege der Kaninchen basteln. Die Kinder hatten aber so viel Spaß beim Hämmern, dass die Karnickel am Ende leer ausgingen, wir aber mit vielen Nägeln, Wollresten und Pfeifenputzern schöne bunte Nagelbilder gebastelt hatten. Das war bestimmt kein Kreativtraining, denn ich hatte keinerlei Trainingsplan oder Trainingsziel. Die Kinder sollten am Ende weder ihre Grobmotorik durch das Hämmern, noch die Feinmotorik durch das Umwickeln der Nägel, noch ihre Kreativität durch die freie Wahl von Motiv, Farbe und Material trainiert haben. Das war einfach nur Basteln! Und das ist gut so. Kreativ war es trotzdem, aber vollkommen ungeplant.

 

3 Gedanken zu „Kreativtraining ./. Basteln

  1. Das ist superschön geschrieben. Mir tun manchmal die KInder Leid, die so völlig übertrainiert und überwacht aufwachsen, dabei völlig überdreht sind und trotzdem den Eindruck hinterlassen, dass ihnen einfache elterliche Grenzen und Anleitung fehlen. Und die so verplant sind, dass sie keine Zeit für’s Bauen, Basteln und Ausprobieren haben.
    Ich habe immer lieber gebaut und gemalt als gebastelt. Was nicht heißt, dass ich es nicht konnte. Liegt vielleicht daran, was damals unter Basteln verstanden wurde. Ich bekam Bastelkästen geschenkt, die man nach Anleitung abarbeiten musste: Körbchen zum Flechten, Fimo-Ketten, Plastik-Tiere zum Zusammennähen. Alles völlig unkreatives Zeug, das immer in der untersten Ecke liegen blieb, bis mir mal gar nichts einfiel. Da habe ich lieber stundenlang mit Knetgummi gespielt, oder wasauchimmer ich gerade brauchte aus Plastikant gebaut.

  2. Kaum schrieb ich dies, konnte ich mal wieder eine passende Hülle für eine Büchersendung „basteln“.
    Warum sind die Lupos eigentlich immer viel zu klein oder viel zu groß? Der selbst gebastelte und auf weniger als 500g austarierte, passt natürlich nicht durch den Schlitz ohne zu quetschen. Aber ich kenne einen Kasten mit breitem Schlitz.

    • Das kenne ich auch sehr gut. Da bin ich unter 500 g, stecke die Musterbeutelklammer durch und bin bei 501 g. Also wird dann doch wieder ein Stück Umschlag abgesäbelt, damit es passt.

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