Wer den Trubel der verkaufsoffenen Samstage im Advent schon am Heiligabend vermisst, sollte sich den Vormittag des 24. Dezember und den Nachmittag des 25. Dezember für einen Ausflug ins Fichtelgebirge vormerken. Seit drei Jahren feiert das Team des Wildparks Waldhaus bei Mehlmeisel im Fichtelgebirge nun schon die Tierweihnacht im Wildpark in Mehlmeisel.

Im Hotel wurde uns empfohlen, an dieser Tierweihnacht teilzunehmen, weil (1) Nele und Cari zu klein für die Schneeschuhwanderung waren, die im Kidsclub auf dem Programm stand, (2) Aurelia keine Lust auf eine Schneeschuhwanderung hatte, (3) Nele ja Tiere so sehr liebt und (4) wir uns damit das Warten auf das Christkind verkürzen könnten. Okay, einer solchen Übermacht an Argumenten mussten wir Folge leisten.

Warteschleife im Café

In meinem Bulli war noch Platz, also nahmen wir Albert und seine Mutter mit. Auf dem Tierparkparkplatz trafen wir drei weitere Familien aus dem Hotel. Schon an der Kasse stauten sich die Menschen, alle wurden erst einmal ins Café geschickt (Bathida und ich begutachteten derweil die Hundetankstelle). Plötzlich stand der Weihnachtsmann vor dem Streichelzoo und alle Besucher verließen das Café in einer Eile und Lautstärke, die durchaus auch zur Synchronisation des Verkaufsstarts eines neuen iPhones verwendet werden könnte.

Während der Weihnachtsmann eine Weihnachtsgeschichte vorzutragen versuchte, weinten Kinder, bellten Hunde, riefen auseinander gerissene Familien einander und stritten Erwachsene darüber, wessen Kinder kleiner sind und deshalb weiter vorne stehen dürfen.

Das ist ganz am Rand der Veranstaltung

Wir hatten an diesem Wettrennen nicht teilnehmen können, denn den Zwillingen war es während der Wartezeit im Café zu warm geworden und sie hatten Stiefel, Schneeanzüge und Pullover ausgezogen. Als sie endlich angezogen waren, kamen uns schon die ersten Eltern mit weinenden Kindern entgegen, die in den Schnee geschubst worden waren oder sich darüber aufregten, dass der Weihnachtsmann den Kindern gar nichts geschenkt hatte. „Und dafür der teure Eintritt!“, echauffierte sich eine Mutter. Ich weiß nicht, was sie zahlen musste, aber ich fand 5 Euro pro Erwachsenem und freien Eintritt für die Kinder sehr günstig.

Derweil formierte der Wildparkleiter aus den Besuchern die Fütterbrigarde. Denn nun begann die groß angekündigte Wildtier-Weihnachts-Fütterung. Der Leiter erklärte die Fressgewohnheiten, keiner hörte zu, alle redeten durcheinander und der Weihnachtsmann stand etwas verloren daneben. Die Kinder dürfen bei der Fütterung aktiv mithelfen und die Tiere mit besonderen Leckereien verwöhnen. So steht es in der Ankündigung. Eine Handvoll Kinder durfte auch tatsächlich den von der Menschenmenge verschreckten Schneehasen ein paar Karotten reichen und sich auch an den anderen (nach meinem Geschmack ziemlich kleinen) Käfigen beim Füttern nützlich machen.

Immerhin sah ich meine große Tochter noch aus der Ferne am Zaun hängen

Leider funktioniert eine solche Fütterungs-Führung wahrscheinlich nur mit zwei bis drei Dutzend Menschen. Ob die Verantwortlichen mit einem größeren Ansturm nicht gerechnet hatten oder diesem gleichgültig gegenüber standen, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls hatten wir keine Chance, etwas von der Fütterung zu sehen. Die Menschenmassen schoben sich durch den tauenden Schnee. Die Tiere zogen sich in die letzten Winkel ihrer Käfige und Gehege zurück.

Aurelia wurde von uns getrennt und merkte schnell, dass sie weder zurück zu uns – noch wir zu ihr gelangen konnten. Ich steuerte die Rückseite des aktuell besuchten Geheges an und wir gaben uns Zeichen, dass sie einfach mit dem Strom der anderen größeren Kinder schwimmen soll und wir uns am Ausgang treffen. Ich nahm meiner Mutter den Hund ab und ließ mich mit Cari ganz ans Ende des Treks zurück fallen. Wir sahen auf diese Weise zwar nicht die Fütterung, aber viele zufrieden kauende Tiere.

Bathida schnüffelte an einem kleinen Hund, der sich über diese Begegnung auch sehr freute. Rüde raunzte mich sein Frauchen an: „Wie oft soll ich Ihnen denn noch sagen, dass mein Hund sich nicht mit anderen Hunden verträgt?!“, sie steigerte die Tonlage um eine Oktave und fuhr fort: „Nehmen sie sofort IHRE TÖLE DA WEG ODER ICH SCHREIE!!!“ – „Die Arme! Der Druck dieser Masse war zu groß für sie!“ dachte ich und sagte: „Oh, dann haben Sie bestimmt mit meiner Mutter gesprochen. Ich sehe Sie und Ihren Hund das erste Mal. Bitte entschuldigen Sie, ich vermochte nicht zu erkennen, dass Ihr Hund sich jeden Moment zähnefletschend auf meinen stürzen wird, wenn die beiden so lieb aneinander schnuppern. Ich bringe mein Bärchen schnell in Sicherheit. Frohe Weihnachten wünsche ich Ihnen!“ Sie stand kurz davor, zu explodieren. Das tat dann ihr Mann für sie und lachte schallend los. Nun richtete sich ihr Zorn auf ihn und ich konnte mit Cari und Bathida schnell das Weite suchen.

Aus der Ferne sah ich meine Mutter mit Nele auf dem Arm. Sie wurde von den Besuchern, die von hinten nachdrängten, durch eine Pfütze geschoben, die sie eigentlich hatte umgehen wollen. Für sie war die Tierweihnacht an dieser Stelle beendet, denn ihr lief das knöchelhohe Tauwasser von oben in die Schuhe. Sie nahm eine Abkürzung zurück ins Café und erwartete uns dort – entspannt neben einem behaglich knisternden Kaminfeuer sitzend – mit einer schlafenden Nele auf dem Schoß.

Aurelia hatte bei der Wildschweinfütterung genug von dem Trubel und kam auch zu uns. Ich ließ die schlafende Nele noch bei meiner Mutter und brachte Cari, Aurelia und Bathida zum Auto. Als ich wieder zurück kam, traf auch der Weihnachtsmann mit seinem Gefolge wieder am Streichelzoo ein und verteilte nun doch Geschenke an die Kinder. Nein, ich holte die beiden Mädchen nicht wieder aus dem Auto für ein paar Süßigkeiten. Nur mit der inzwischen ausgeschlafenen Nele stellte ich mich in die Schlange, weil sie es sich so sehr wünschte. Als der Weihnachtsmann ihr die Tüte reichte und dafür lobte, dass sie ihm ins Gesicht sah und nicht sofort nach dem Geschenktütchen grabschte, lehnte sie sogar ab und sagte: „Dann sind Cari und Aurelia traurig!“ Er hinterfragte diesen Satz und ich erklärte, dass es den beiden Schwestern zu viel geworden war und sie schon im Auto warten. Der liebe, gute Weihnachtsmann schmolz nun dahin und überreichte Nele drei Tüten, damit keiner traurig sein musste. Dieses wohlig-warme Weihnachtsgefühl währte aber nur wenige Sekunden, bevor mir die Mutter hinter mir ihren Ellbogen in den Rücken knuffte und drängend fragte, warum es denn mit meinem Kind nicht weiter geht und was denn mit uns nicht in Ordnung sei. Alles ist in Ordnung mit diesem Kind. Aber leider nicht mit den Besuchern dieser Veranstaltung.

 

Abends im Bett dachte ich lange über dieses Massenphänomen nach. Mir fielen viele Ähnlichkeiten mit frühen Phasen einer Massenpanik auf, wie ich sie beim DRK gelehrt hatte. Die Angst, den Anschluss zu verpassen, war bei vielen größer als menschliche Rücksichtnahme auf Familien mit kleineren Kindern, Hunden, Buggys oder Großeltern mit Gehstock. Alle strömten in eine Richtung, ohne den Kopf einzuschalten. Wie gut, dass es nur eine Tierfütterung am Heiligabend war. Man stelle sich vor, wir seien Loveparadebesucher in Duisburg oder Bürgerkriegsflüchtlinge auf dem Weg zum letzten Seelenverkäuferboot übers Mittelmeer gewesen.

 

Also unbedingt vormerken: am 24.12. ab 10.30 Uhr und 25.12. ab 13:30 Uhr steigt dieses Spektakel alljährlich. Euch erwartet große Nähe zu den anderen Besuchern, irgendwie Adventssamstagsshopping, Openairkonzertenge und Rosenmontagszuggedrängel in einem.

3 thoughts on “Tierweihnacht im Wildpark Waldhaus

  1. Ich bin noch nie ein Mensch für Massen gewesen….deshalb mag ich nicht so gern ins Kino oder Theater gehen oder auf Konzerte (da kommt noch das lange Stillsitzen dazu) auch das Bereichsmeeting im Dezember mit über 100, seeeehr netten, Kollegen wurde mir phasenweise zuviel und ich habe mich dann auch einfach zurückgezogen.

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