Ein Lappenclown auf dem Grab eines Vollblutkarnevalisten

Ein Ziel für den Ausflugsführer mag euch ungewöhnlich vorkommen: ich nehme meine kleinen Leser mit auf einen Friedhof. Damit stehe ich nicht alleine: fast alle Anbieter von Kölner Stadtführungen haben einen Ausflug zum Melaten-Friedhof im Angebot, oft sogar als Kinderführung. Denn hier gibt es für Kinder viel zu sehen, das sie vielleicht gar nicht auf einem Friedhof erwarten würden.

Es ist auch nicht irgendein Friedhof. Es ist einer meiner drei Lieblingsfriedhöfe. Nummer eins befindet sich auf dem Great Ormes Head in Nordwales, Nummer zwei in Mahdia, also beide direkt am Meer.

Seit meinem Studium mag ich Melaten, den großen alten Friedhof an der Öcher Stroß (Aachener Straße). Der kürzeste Weg zu meinem Seminar für Rechtsmedizin führte über das Friedhofsgelände. Unzählige Vögel sangen mir ein Lied, freundliche Schutzengel aus Sandstein schauten mir nach und liebenswerte ältere Damen erwiderten meinen Morgengruß.

Viel Leben auf dem Friedhof

Obwohl ich von Geburt an Naturfreundemitglied war, hatte ich nie eine genaue Ahnung, wer dort für mich sang, aber die Vielfalt der Stimmen wird an keiner mir bekannten Stelle überboten. Nachdem ich oft genug davon geschwärmt hatte, organisierte unser Wandergruppenleiter eine Führung über Melaten. Wir lernten, dass während der französischen Besetzung Kölns Beerdigungen innerhalb der mittelalterlichen Stadt untersagt wurden und der Kölner Universalgelehrte Franz Ferdinand Wallraf das Areal des alten Leprosenheims für die Einrichtung des ersten Kölner Zentralfriedhofs vorschlug. Franzosen und Kölsche sagen „malade“, wenn jemand krank ist, darauf ergab sich in späteren Jahren die Bezeichnung „Melaten“. Neben diesem Ausflug in die Geschichte sprach der Führer von über 30 verschiedenen Vogelarten, die sich in diesem Parkgelände wohl fühlen.

Dieser Vogel wurde vom NABU nicht mitgezählt

Diese Zahl ist inzwischen gestiegen. Unser heutiger Ansprechpartner sprach von über 40 Arten, was wir ihm gerne glauben, denn mit seiner Hilfe konnten wir mehr als ein Dutzend Piepmätze an der Stimme oder am Aussehen spontan auseinander halten: Spatz, Amsel, Blaumeise, Rotkehlchen, Buntspecht, Sperber, Kernbeißer, Taube, Singdrossel, Habicht, Dompfaff, Grünfink, und die fürchterlich lauten Alexandersittiche! Diese Schreihälse wurden dann auch von Aurelia erst einmal zurecht gewiesen: „Auf einem Friedhof darf man nicht schreien!“

Wir sprachen übe Fledermäuse, heimische und zugewanderte Eichhörnchen, Feldmäuse, verwilderte Katzen und die Fuchsfamilien, die sich auf dem Friedhof zuhause fühlen. Aurelia entdeckte zudem auf der Unterseite eines Mülleimerdeckels eine Weinbergschnecke, Nele wies auf einen Blindenhund hin. Ja, es ist wirklich viel Leben auf diesem Friedhof.

Gedanken über den Tod

Doch es ist eben auch ein Friedhof. Nach dem Gespräch spazierten wir noch eine ganze Weile durch die Wege und Grabfelder.

Wir standen nachdenklich vor dem Grab von Guido Westerwelle und fragten uns, wer wohl die kleinen kitschigen Schutzengel auf den Grabstein gestellt haben könnte.

Westerwelle starb sehr jung

Wir waren beeindruckt von den prächtigen Grabstätten und Gruften auf der „Millionenallee“, die ich versehentlich im Gespräch mit einem der Friedhofsgärtner „Melonenallee“ nannte. Da meint man, die Kinder hören nicht zu, aber als wir dann in diesem Weg standen, fragte Nele, wo es denn jetzt die Melonen gibt. Die große Schwester konterte altklug: „Das ist doch hier ein Friedhof, würde hier eine Melone liegen, wäre sie doch schon tot und würde nicht mehr schmecken!“

Wir freuten uns an der Heiterkeit der Gräber von Hans-Gert Kierdorf und Hans-Horst Engels, deren Gräber von einem Karnevalsfunken und einem Lappenclown dominiert werden.

Ist der Mann im Karneval gestorben?

Wir sprachen am Grab der Familie Stollwerck über unsere gestrigen Besuch im Schokoladenmuseum und meinen Studentenjob in der Stollwerck-Fabrik.

Aufrichtiges Gedenken an die Familie StollwerckWir sprachen über Soldaten, Krieg und Kameradschaft, als wir den Ehrenfriedhof erreichten. Meiner Großen erschien es vollkommen logisch, dass die Soldaten, die nebeneinander marschierten, kämpften und starben, auch „neben ihren Freunden“ begraben wurden. Als sie dann nach einem ernsten „Krieg ist unnötig und doof!“ auch noch fragte, ob der „Chef von den Amerikanern“ denn gar nicht weiß, wie gemein es ist, andere Leute in den Krieg zu schicken und sterben zu lassen, wurde mir flau. Welches Weltbild muss ein kleines sechsjähriges Mädchen in der heutigen Zeit bekommen, wenn ein affektgesteuerter US-Präsident per Twitter (!) Kriege androht? Nein, ich lese ihr nicht den Weltpolitikteil der Zeitung vor und binde sie nicht vor der Tagesschau fest, aber das ist es, was sie aufschnappt und hinterfragt, wenn sie mir beim Zeitunglesen über die Schulter sieht.

Soldatenfriedhof

Wir sprachen über den Sensenmann und den Aberglauben der Menschen in früherer Zeit. Nein, wenn unser Tod bevorsteht, klopft kein Knochenmann mit schwarzem Kaputzenmantel an unsere Tür, die Sense in der Hand.

Keine Angst vor dem Sensenmann

Wir sprachen über Schutzengel und den auch darin liegenden Aberglauben. Hier erwischte mich Aurelia: „Aber Mama, du sagst doch immer, dass du nur so schnell fährst, wie dein Schutzengel fliegen kann!“

Wir gingen voller Andacht und Dankbarkeit durch die Reihen der Kindergräber. So viele Kinder mussten früh sterben, wir können dankbar sein für unser Leben. Cari und Nele freuten sich zwar an den Spielzeugen und an der bunten Gestaltung der Gräber, aber spürten schnell, dass dies kein Platz zum Toben ist. Aurelia ließ sich bei jedem Grab vorrechnen, wie alt das Kind geworden war. Sie entdeckte zwei gleich gestaltete Kindergräber mit dem gleichen Nachnamen und erkannte an den Zahlen, dass in dieser Familie zwei Kinder in aufeinander folgenden Jahren gleich nach der Geburt gestorben waren. Wir überlegten, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn die Gräber nicht mehr perfekt gepflegt sind. Haben sie ihr Kind vergessen? Sind sie in eine andere Stadt gezogen? Trauern die Eltern so sehr, dass sie nicht zum Grab kommen können? Haben sie sich mit einem neuen Kind getröstet?

Verwilderte Kindergräber

Wir mutmaßten, dass es einen Code gibt, wenn nur ein Datum da steht: Wenn ein Sternchen * und ein Kreuz neben dem Datum stehen, hat das Kind nach der Geburt gelebt und ist noch am selben Tag gestorben. Ohne Stern und Kreuz wurde es vielleicht tot geboren. Aurelia erzählte von einem Mädchen aus der Schule, dessen kleiner Bruder tot geboren wurde. Davon hätte ich ohne diesen Besuch wohl nie erfahren, obwohl es sie beschäftigt. Wir zogen die Aufmerksamkeit von drei Frauen auf uns, die in diesem Gräberfeld standen und miteinander sprachen. Es stellte sich heraus, dass jede von ihnen hier ein Kind liegen hatte. Sie freuten sich darüber, dass lebende Kinder sich für die Gräber ihrer Kinder interessieren und beantworteten alle Fragen.

Frische Blumen auf dem Kindergrab

Wir sprachen über Aurelias ersten Besuch auf diesem Friedhof, als wir am Geburtstag von Heinz G. Konsalik rund um sein Grab auf allen Ruhebänken bei Bookcrossing registrierte Konsalikbücher ausgewildert hatten.

Wir lachten zum Abschluss noch herzhaft über einen Grabstein mit zwei Hähnen, der zum Gedenken an Siegbert Hahn und Dr. Peter Guckel aufgestellt worden war.

Hahn und Guckel

Dieser Besuch war nicht nur für die Recherche wichtig, sondern auch für uns als Familie. Wir haben viel über den Tod gesprochen. Über den kürzlich verstorbenen Opa Heinz. Über dessen Frau, die Oma Hedi, die nur Aurelia kannte und an die diese sich nicht erinnert. Über den Opa Alois, den keines der Mädchen kennen lernen konnte, weil er starb, als Mama 3 Jahre alt war. Über den inzwischen schon fast zwei Jahre toten Maxim. Über unseren Nachbarn Heinz, der während unserer ersten Mallorcareise beerdigt wurde.

Wir sprachen auch über unterschiedliche Bestattungsarten. Meine Idee, mir im Friedwald Bad Münstereifel oder im Ruheforst Hümmel einen hübschen Baum auszusuchen, den ich dann nach meinem Tod fein dünge (oder mit Schwermetallen belaste?), fanden die Kinder fad. Omas Wunsch nach einer Seebestattung auf der Ostsee vor Niendorf entspricht eher ihren Vorstellungen: Eine Reise ans Meer und dann auch noch eine Schifffahrt! Aurelia schwärmte den Kleinen von Axels Seebestattung in den Niederlanden vor, an die sie sich tatsächlich nach dreieinhalb Jahren noch erinnert. Nun wollen sie mich auch bequatschen, mich den Fischen vorwerfen zu lassen. Überzeugt bin ich noch nicht, das stelle ich mir kälter und ungemütlicher vor als am Fuß einer alten Eifelbuche.

Einig waren wir uns aber, dass wir uns alle noch ganz viel Zeit nehmen wollen mit dem Sterben – und dass wir es genießen wollen, dass wir leben. Logische Konsequenz war, dass wir auf dem Heimweg einen kleinen Stopp für ein leckeres Eis einlegten. So schön kann das Leben sein!

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