Der Winter hat gestern begonnen…

…und zwar mit Schneebällen.

Einige haben wir morgens aus dem ersten Schnee geformt, einen anderen warf uns eine zweijährige Nachbarin, bzw. ihre Mutter zu:

Nele erhielt einen Kettenbrief, in dem wir aufgefordert wurden, diesen Brief an sechs weitere Kindern zu schreiben und einem Kind aus einer beigefügten Liste kleines Buch zu schicken. Wenn jedes dieser sechs Kinder erneut sechs Kindern schreibt, stehen wir innerhalb von wenigen Tagen bei 36 Kindern ganz vorne auf der Liste und können – zumindest theoretisch – ein Plus von 35 Kinderbüchern machen. Klingt verlockend, denn wir lesen ja alle sehr gerne, aber…

Ja, hier kommt das unvermeidliche aber. Dieser angeblich von Erziehern ins Leben gerufene Kettenbrief scheint schon einige Jahre unterwegs zu sein, denn schon vor mehr als vier Jahren wurde er in den verschiedensten Mama-Foren diskutiert. Die Meinungen gehen ziemlich auseinander. Einige halte es für eine prima Idee, andere haben Angst davor, dass die Adressen Ihrer Kinder verkauft werden könnten. Wieder andere beschweren sich darüber, dass sie zwar ein Buch verschickt haben, aber vergeblich auf die in Aussicht gestellten 36 Bücher warten. Und dann gibt es noch die, naja, ich nenne sie mal Helikoptermütter 2.0, die sich sogar darüber ereifern können, dass sie ja dann von wildfremden Menschen irgendwelche Bücher geschickt bekommen, die vielleicht gar nicht in ihr pädagogisches Konzept oder zu den bevorzugten Themen ihrer Kinder passen.

Meine Einstellung zu Kettenbriefen und Schneeballsystemen ist eindeutig. Voriges Jahr hatte ich mir sogar den Spaß gegönnt und alle solchen Briefe, Mails und WhatsApps aufzulisten: Todesmutiger Rückblick auf 158 unterbrochene Kettenbriefe im Jahr 2017. In diesem Jahr zähle ich zwar nicht, habe aber den Eindruck, dass es noch mehr geworden sind. Mein diesjähriger Höhepunkt (!) war eine E-Mail, in der ich von einer Person, die ich bis dato sieze, dazu aufgefordert wurde, ein Nacktfoto von mir an die erste Adresse zu schicken. Im Falle einer Kettenbriefunterbrechung würde ich meine Erektionsfähigkeit verlieren! Na gut, damit kann ich leben.

Auch dieser Kettenbrief an Nele ist ein typisches Schneeballsystem. Es funktioniert nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann findet sich niemand mehr, dem man diesen Brief weiter reichen kann. Die Rechnung ist einfach: wenn ich nur 1 Buch investiere, wie kann ich 36 Bücher erhalten, ohne dass jemand Schaden nimmt? Wo sollen denn die anderen 35 Bücher herkommen? Fallen die vom Himmel? Was bei Geld sogar als Betrugsdelikt unter Strafe gestellt wird, ist zwar bei Kinderbüchern legal, aber mit Gewissheit ebenso erfolglos. Das ist vielen Eltern aber gar nicht bewusst, die sich dann in Elternforen darüber ausheulen, dass sie soooo viel Geld für ein Pixibuch und das Porto investiert haben. Au weia, sooo viel Geld! 99 Cent für ein Pixi, das wahrscheinlich dutzendfach zuhause rumliegt und nochmal 85 Cent für de Briefmarke. Das wird natürlich auf dem direkten Weg in den wirtschaftlichen Ruin führen.

Trotzdem mache ich genau bei diesem einzigen Kettenbrief mit und ich will euch verraten, warum ich für diesen eine Ausnahme mache:

  • Es geht um Bücher! Die verschicke ich auch an Bookcrosser, ohne mir Gedanken über Porto zu machen. Ich freue mich an jedem, der gerne liest und damit eine Leidenschaft mit mir teilt.
  • Uns wurde keine Konsequenz angedroht, für den Fall, dass wir die Kette unterbrechen. Damit hebt sich dieser Kettenbrief ganz angenehm von all diesen Drohungen mit Unglück, Armut und Siechtum ab, die sonst immer als Folge genannt werden.
  • Mich hat der Einwand der Helikoptermutter 2.0 geradezu elektrisiert. Ist es nicht eben genau das Reizvolle an diesem Brief, dass man von dem Buch überrascht wird. Es kann doch sehr anregend sein, etwas ganz anderes zu lesen, als man sonst immer kauft und ausleiht.
  • Ich mag das kleine Mädchen, von dem der Brief kommt und ihre Mutter, die schon ihre liebe Not damit hatte, sechs Personen für die Weitergabe zu finden. Ja, jedes Schneeballsystem muss über kurz oder lang zusammenbrechen. Wenn ich aber nur ein einziges kleines Mädchen mit einem unerwarteten Buch überraschen kann, ist es mir den Aufwand wert.
  • Ich kann wegen der Kürze der Kette sogar sicherstellen, dass dieses Mädchen zumindest ein Buch erhält (denn sie hatte den Brief an Nele adressiert. Wenn diese einen ihrer Briefe nun an Cari adressiert, ist Cari schon diejenige, die unserer kleinen Nachbarin ein Buch geben soll!)
  • Ich will es einfach wissen. Wie groß sind die Chancen auf Bücher in unserem persönlichen Umfeld? Wird unsere kleine Nachbarin außer von Cari noch weitere Bücher erhalten? Und Nele? (schon unwahrscheinlich) Und Cari? (nahezu ausgeschlossen!)
  • Ich werde die Rechnung insofern ad absurdum führen, als dass ich jedem, dem ich diesen Brief weiter gebe, auch schon gleich ein kleines Buch beilege. Wir haben soooooo viele Bücher, dass es uns nicht weh tut. Und der Empfänger hat dann die Möglichkeit, das Buch selbst zu behalten, an die neue Nummer 1 in der Liste zu schicken oder ebenfalls weiter zu reichen. Dann müssen nicht mehr 35 Bücher, sondern nur noch 29 Bücher vom Himmel fallen. Und – wer weiß – so kurz vor Weihnachten, da klettern ja sogar dicke bärtige Männer durch den Kamin. Nicht dass tatsächlich noch Bücher vom Himmel fallen.
  • Mir ist vollkommen bewusst, dass wir nicht ernsthaft auf Bücher hoffen können. Sollte sich dann doch versehentlich eins zu uns verirren, freuen wir uns wie jeck! Ich schicke das auch einfach los, ohne die Kinder über das Spiel zu informieren. Falls etwas kommt, ist die Überraschung größer.

Wie steht ihr zu Kettenbriefen mit Schneeballsystem? Macht ihr jeden mit? Keinen? Nur manche? Falls ja: welche?

Wenn ihr ein Kind im passenden Alter habt und auch gerne euer Glück versuchen wollt, schicke ich euch gerne den Brief weiter. Denn für Nele bin ich zwar komplett, aber für Cari fehlen mir noch 4 Mitspieler. Kurze Mail genügt.

11 thoughts on “Schneebälle

  1. Liebe Ingrid,
    ich fühle mich ertappt. Auch ich ignoriere gekonnt jeden Kettenbrief, der mich erreicht und – oh Wunder – mich hat weder der Schlag getroffen, noch bin ich vom Pech verfolgt.
    Diesen einen, eben einen echten Brief! fand ich so besonders, dass ich ihn weiter verbreiten wollte. Trotz des übliche weihnachtlichen Trubels.
    Ja, du hast recht. Das System funktioniert nicht für alle und nicht bis zum Ende. Aber jedes Kind, dass sich über ein kleines Büchlein und eigene Post freuen kann, war es Wert. Natürlich: unsere geliebten Adressen. In DSGVO Zeiten sind wir alle sensibilisiert dafür. Aber Hey, wir haben unterbrochene, schreckliche Kettenbriefe überlebt. Dann schaffen wir das ja wohl auch 😉
    Liebste Grüße

    1. Ach, die lieben Adressen. Wir haben Zwillinge und mit denen scheint es schon allein das Einwohnermeldeamt gut zu meinen, indem es die Anschriften genauso gerne heraus gibt wie bei frisch volljährigen, 100-jährigen Einwohnern und Ehejubiläen. Zumindest in drei Fällen bekam ich als Antwort auf meine Frage, woher man die Anschrift meiner Töchter habe, dass man im EMA nach Zwillingen gefragt habe.

      Ja, Jennifer, ich bin ganz sicher, dass dieser Kettenbrief NICHT todbringend ist, egal ob wir mitmachen oder ihn unterbrechen.

  2. Heutzutage mache ich nicht mehr bei Kettenbriefen mit und auch diese Ketten- SMS, die erst einmal mit einem meist wunderschönen wertschätzenden Text daherkommen, kürze ich um den Abschnitt „Schicke diese Nachricht…“ und erfreue Menschen nur mit dem Anfang.
    Als Kind oder Jugendliche war ich noch unaufgeklärt und vor allem neugierig und habe an mehreren teilgenommen. Einmal habe ich eine Postkarte erhalten und einmal eine Tafel Schokolade aus Griechenland. Doof fand ich den „Tipp“ meiner Freundin, zwar mitzumachen und meine Adresse drunter zu setzen, aber an die erste Person nichts zu senden. Dann kann man’s doch gleich seinlassen, oder?

    1. Dieser Kettenbrief mit der Tafel Schokolade von Bibo und dir ist wohl als Kind irgendwie an mir vorbeigerauscht. Ich glaube, ich hätte dabei auch nicht widerstehen können.

      Eine solche Schulkollegin hatte ich auch. Sie machte bei jedem Kettenbrief mit, schickte aber nie etwas und entrüstete sich, wenn sie selbst nichts bekam.

  3. Solltet ihr in Lesestoffmangel geraten, dann genügt ein ensprechendes Posting im ganz neu aufpolierten Bookcrossing Forum. Es würden sich einige freuen, Dich da wieder zu lesen, während viele Dich noch gar nicht kennen.
    Ich halte Kettenbriefe für kriminell und hätte Bedenken, dass mit den Adressen Schindluder getrieben wird, daher würde ich den Brief an die Nachbarin zurück geben und deren Kind mit Bookcrossingkinderbüchern überhäufen.

    1. Hihi, woher weißt du, dass ich es nicht lassen konnte und sich die Nachbarskindmama in den nächsten Tagen wahrscheinlich mit dem Thema Bookcrossing beschäftigen wird?

      Lesestoffmangel dauert bei uns noch eine ganze Weile. Die Kleinen bedienen sich täglich mehrfach am Bücherregal der Großen.

      1. Das wußte ich gar nicht, ich habe nur geschrieben, was ich gemacht hätte…
        Büchermangel hätte mich gewundert. Du wärst die erste Bookcrosserin mit Büchermangel!

  4. Mich überrascht das immer wieder, dass es Schneeballsysteme immer noch gibt und das immer noch Leute darauf hereinfallen. Ja, ich habe auch als Kind treudoof eine Tafel Schokolade und einmal einfach eine Postkarte verschickt. Danach aber nie wieder.
    Das einzige legale Schneeballsystem ist unser Rentensystem. Es basiert darauf, dass sich Menschen auf einem kugelförmigen Planeten in 2 er Potenzen vermehren. Finde den Fehler.

    (falls Cari kein Buch bekommt, sag Bescheid, dann besorge ich eins und schicke es Ihr.)

    1. Liebe Bibo, das Angebot ist sehr nett, aber aktuell versuche ich eher, Bücher abzubauen, damit wir nicht anbauen müssen 🙂

      Tja, du sprichst eine dramatische Wahrheit an. Die nächste, allerspätestens die übernächste Generation wird in die Röhre sehen.

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