Angeregt durch Bibos gestrigen Kommentar, in dem sie vermutete, dass es deshalb so viele Brennereien im Nistertal gab und gibt, weil auch dort der Wind so kalt wehte, möchte ich es nicht versäumen, euch meine Gedanken zum bekannten Westerwaldlied aufzuschreiben.

Bevor es zu dem Buchprojekt kam, wusste ich nichts über den Westerwald. Naja, fast nichts. Ich wusste, dass

  • der Westerwald zwischen Sieg, Dill, Lahn und Rhein liegt,
  • ganz im Norden und ganz im Süden zwei ziemlich nette Menschen wohnen
  • über dessen Höhen der Wind kalt pfeift…

Und schon sind wir beim Thema. In meiner Kindheit wurde das Westerwaldlied sogar bei Naturfreunde-Wanderungen gesungen. Später, während meiner Referendarzeit bei der Bundeswehr, bei Zivilschutzlehrgängen und Katastrophenschutzübungen, hörte ich es bei Märschen, Wanderungen und Lagerfeuerrunden aus den Kehlen der Soldaten, Reservisten und Verweigerern gleichermaßen. In meinem Bücherregal weiß ich genau, in welchem Sammelband ich Der Sohn des Asterix finde, in dem die verhohnepiepelte Version mit dem Eukalyptusbonbon (na ja, fast) von einem verkleideten römischen Legionär als Wiegenlied gesungen wird: „O DU SCHÖ-HÖ-HÖNER WÄ-HÄ-HESTERWALD, EUKALYPTUSBONUM“

Als ich nun vor einigen Wochen bei einem Gespräch mit den Westerwald-Touristikern die Sprache auf das Lied brachte („Weht denn auf den Höhen des Westerwaldes wirklich der Wind so kalt, wie es im Westerwaldlied besungen wird?“) , druckste meine Ansprechpartnerin ziemlich herum und wechselte so schnell das Thema, dass man meinen konnte, sie habe meine Frage gar nicht gehört.

Aha. Das macht mich da dann ziemlich neugierig.

Und siehe da. Eine Nachfrage bei einem Fachmann (Exsoldat, im Westerwald lebend) brachte es ans Licht: Das Westerwaldlied verstößt neuerdings gegen die Political Correctness.

Der befragte Soldat erklärt mir, dass das Westerwaldlied bei den Wehrmachtssoldaten gerne gesungen wurde und deshalb im Zweiten Weltkrieg in ganz Europa gesungen wurde. Die Deutschen in der französichen Fremdenlegion trugen das Lied dann sogar weit über die Grenzen Europas hinaus.

Auch in der Bundeswehr und in Reservistenverbänden wurde es weiter gesungen, der Text war sogar bis vor zwei Jahren noch im Liederbuch der Bundeswehr enthalten. Darin gab es zwar einen Kommentar, der auf den historischen Kontext hinwies, aber es freute sich weiter ziemlicher Beliebtheit. Davon geht man nun ab.

Ob man den heutigen Soldaten die Abwägung nicht mehr zutraut, ob Zeit und Ort für das Absingen dieses Liedes ausgewählt sind? Oder man sich nun deutlicher von allen Überbleibseln aus der Wehrmacht distanzieren will? Ich weiß es nicht.

Es ändert allerdings nichts am Inhalt des Liedes. Wenn ich im Refrain höre/lese:

  • Oh, du schöner Westerwald: kann ich das unterschreiben. Dort ist es wirklich schön!
  • Über deine Höhen weht der Wind so kalt: entspricht dies auch den Tatsachen. Dort ist es immer 3-4 Grad kälter als im Rheinland. Selbst wenn ich zuhause bei Windstille starte, weht es dort in ungeschützten Lagen und auf Aussichtspunkten immer herrlich kühl.

Davon wollen sich die Westerwälder Touristiker auch gar nicht distanzieren, schätze ich. Denn auf der Infomappe, die ich in Montabaur erhielt, wirbt man sogar mit Frisch wie der Wind:

Alles klar.

Inhaltlich ist das Westerwaldlied also weiterhin in Ordnung. Ich finde es gut, dass man es dennoch wegen seiner Wehrmachtsvergangenheit nicht mehr singt. Schade nur, dass mir dies die beiden Damen in Montabaur nicht in dieser Eindeutigkeit sagen konnten oder wollten.

Das wäre doch so einfach gewesen:

Frage: „Weht denn auf den Höhen des Westerwaldes wirklich der Wind so kalt, wie es im Westerwaldlied besungen wird?“ – Antwort: „Ja, es geht immer ein frischer Wind. Aber das Lied soll wegen seiner Vergangenheit nicht mehr erwähnt oder gesungen werden.“

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