Meine Tochter kam in der vergangenen Woche aus der Schule und fragte mich nach der Bedeutung des Wortes „nett„. Wir schauten in den Duden* und staunten:

  • freundlich und liebenswert, im Wesen angenehm („Du bist ein nettes Mädchen.“)
  • hübsch und ansprechend, sodass es jemandem gefällt („ein nettes Kleid“)
  • ziemlich groß, beträchtlich („ein netter Batzen Geld“)
  • sehr, ziemlich
  • unangenehm, wenig erfreulich („Das kann ja nett werden!“
  • leicht zu durchschauen; abzulehnen („Netter Versuch, aber…“)

Eigentlich ein netter Begriff, dieses Nett.

Warum fühlte sich mein Kind also angegriffen, als die Jungen bei ihrem aktuellen Lieblingsspiel Wir-ziehen-die-Mädchen-mit-ihren-Namen-auf mit „Nett – Netter – Netterath“ bezeichnet wurde?

Die erste Antwort liegt auf der Hand: Weil sie spürt, dass die Jungs das machen, um die Mädchen zu ärgern.

Ich habe aber noch eine zweite Vermutung: zwar sind die ersten vier Definitionen im Duden eigentlich positiv besetzt und nur die letzten beiden ironisch zu sehen, aber im Alltag hört es sich doch oft ganz anders an:

Nett hat einfach einen schlechten Ruf.

Wer nett ist, gilt als langweilig oder uncool. Er ist harmlos und hilfsbereit, Ein netter Mensch wird nicht besonders ernst genommen – aber gerne ausgenutzt.

Ein netter Mensch wartet eine halbe Stunde am Treffpunkt und redet sich das auch noch schön: Bestimmt hat der andere keinen Parkplatz gefunden, sich verfahren, im Stau gestanden, …

Selbst wenn der andere trotz präziser Verabredung gar nicht kommt, gibt es dafür bestimmt einen guten Grund, vielleicht ein wichtiger Termin oder ein Unfall. Bloß nicht Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit vermuten!

Noch schlimmer finde ich das kleine Nett, wenn es mit seinem Kumpel Ganz unterwegs ist, denn wenn ich in einem Satz „ganz nett“ höre, weiß ich, dass in mehr als 80 % aller Fälle der Dritte im Bunde, das Aber folgt.

Was ist denn noch nett an dem Satz „Naja, das Theaterstück war ganz nett.“? Das kann ich mir doch sofort mit „Naja, das Theaterstück war nichts Besonderes.“ übersetzen!

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, in Zukunft netter mit dem Wort Nett umzugehen.

Deshalb werde ich nun viel öfter ein richtig oder sehr vor das Nett packen. Denn es ist eben einfach ein Unterschied, ob ich sage „Die XY ist ganz nett.“, „Die XY ist nett.“ oder „Die XY ist sehr nett!“

P.S. ich finde es übrigens total nett, dass Aurelia für den Nikolausstandl ihrer Deutschlehrerinnen einen leckeren Kuchen gebacken hat. Und weil ich sonst kein passendes Beitragsfoto gehabt hätte, seht ihr mein supernettes Mädchen in der Küche, bevor die Kleinen hinzu kamen und mit dem Teig eine nette Sauerei machten 😉

*Werbung? Ja, durch Nennung von Produkten und Marken. Und zwar aus voller Überzeugung!

3 thoughts on “Nett

    1. Hm. Aber was glaubst du denn, wer dir dieses „ganz nett“ glaubt und wie es ihm geht, weil er/sie genau weiß, dass du das „ganz nett“ als Tarnumhang für ein „grauslig“ oder „hässlich“ oder „scheußlich“ verwendest?

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