Ich bin keine Supermutti.

Auch keine Supermama, wie wir hier im Rheinland eher sagen würden.

Nicht einmal – kindunabhängig – ein Superwoman.

Mir ist das bewusst. Und ich kann damit leben.

Manchmal schleicht sich ein Gefühl von Hochachtung und Neid ein, wenn ich den – zum Teil ziemlich selbstgefälligen – Erzählungen anderer Mütter in der Schule lausche. Auch viele Blog- und Instagram-Beiträge mit ihren Selbstbeweihräucherungen lese ich und werde ganz still.

Geradezu unheimlich sind mir Mütter, die mehrere Stunden mit der Gestaltung von Obstplatten für das Halloween- oder Karnevalsfrühstück der Schulklasse ihres Kindes zubrachten und die Kinder nicht einmal helfen ließen. Dass genau diese Kinder dann bei dem Frühstück lieber Chips gegessen haben, wundert mich nicht besonders.

In den letzten Wochen vor Ausbruch des Corona-Virus habe ich mehrfach darüber gestaunt, dass es Mütter (und Väter!) gibt, die Geburtstagsfeiern zum 4. bzw. 5. Geburtstag mehr als ein halbes Jahr im Voraus bis ins letzte farbliche Detail durchplanen und dann noch unglücklich sind, dass nicht alles genau so ist, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Aktuell gibt es Mütter, die es schaffen, alle Homelearning-Aufgaben für ihre Kinder zu begleiten, ihre Kleinkinder zu betreuen, dabei ihre eigene Arbeit im Homeoffice gewissenhaft zu erledigen und zu allem Überfluss fesch angezogen und geschminkt im Rewe an der Europalette Mehl anzustehen.

Ich nicht.

Die Geburtstage meiner Kinder sind garantiert zu mindestens 50 % improvisiert. Das hat aber den Vorteil, dass ich nicht daran verzweifele, wenn die eigens bestellten Elfen-Schnickschnack-Details sich auf ihrem Weg von China um drei Wochen verspäten. Ich plane die Improvisation gleich ein und verwende mehr Zeit auf die Auswahl der „Location“, als auf die farblich zu den Einladungskarten passenden Servietten (Neun von zehn Kindern in diesem Alter wischen sich doch ohnehin die Hände an der Hose oder am Shirt ab…).

Bei Instagram las ich vor einiger Zeit von einer befreundeten Mutter: „Ich bereue gar nichts in meinem Leben. Nicht einen einzige Entscheidung würde ich heute anders wählen, weil ich mich immer ganz bewusst entscheide…“.

Kann nicht von mir sein. Ich bereue immer wieder eine meiner Entscheidungen, obwohl ich sie damals bewusst getroffen hatte.

Aber oft versteht man erst Jahre später, welche Folgen eine Entscheidung hat. Das ist auch nicht schlimm.

Denn nur wenn ich mir ehrlich eingestehe, dass eine bestimmte Entscheidung für jemanden oder gegen etwas aus der damaligen Sicht vielleicht richtig war, aktuell aber überdacht werden muss, bleibe ich handlungsfähig.

Unsere Wohnung kann nicht für „Schöner Wohnen“ fotografiert werden. Ich vermute eher, dass die Kripo nach einem Einbruch notieren würde „Alle Schränke in allen Zimmer durchwühlt“, auch wenn der Einbrecher nicht einmal den Flur betreten hat.

Hätte ich den Anspruch an mich, die perfekte Hausfrau zu sein, dürfte ich meinen Kindern, meinem Hund und mir nicht so viele Freiheiten erlauben. Ja, es ist eine Sauerei, wenn die Kinder allein mit Schere, Farbe und Kleber hantieren. Ja, es ist ein Chaos, wenn ich ein halb aufgebautes Möbelstück stehen lasse, um meiner Tochter bei den Hausaufgaben zu helfen. Ja, es ist eine Sauerei, wenn ich benutzte Pinsel einfach in die Spüle werfen lasse, weil ich lieber erst in Ruhe mit meinem Besuch Tee trinke. Ja, es ist ein Chaos, wenn ich die Wäschekörbe mit Bügelwäsche erst ewig später ausräume, weil ich lieber mit den Kindern unsere Quitten ernte oder den ersten Marienkäfer des Jahres bestaune. Ja, es ist eine Sauerei, wenn Bathida im Winter aus dem kuschelig warmen (aus ihrer Sicht: vollkommen überheizten) Kaminzimmer in den Garten flüchtet, sich im Regen auf die Wiese legt und nach einer halben Stunde zum Schütteln zurück in die Küche kommt. Und natürlich ist es ein Chaos, wenn drei Kinder gleichzeitig ihre Schulschließungsaufgaben erledigen, zu denen auch das Vorlesen, Singen, Blumenbasteln, Blumensähen und gegenseitige Zeichnen gehört.

Doch bin ich der festen Überzeugung, dass die Kinder in 20 Jahren nicht voller Begeisterung von einer aufgeräumten oder unordentlichen Wohnung sprechen werden, wenn sie an ihre Kindheit zurück denken.

Sie werden sich an Kastaniensammeln, Kaninchenkuscheln und Kerzenscheinvorlesestunden erinnern. Oder von lackierten Hundekrallen, Zweiminutensaunagangversuchen und gegen Mamas Willen heimlich bemalten Arbeitszimmerwänden berichten. Bestimmt sind sie auch als Erwachsene noch stolz darauf, dass sie schon im Kindergarten- und Grundschulalter Fliesen legen, tapezieren, malern, schneidern, Blumen pflanzen, Möbel aufbauen und Heizkörper entlüften (bitte zudrehen, wenn Wasser kommt. Zudrehen, Cari, schnell zudrehen! Iiiiieh!) durften. Vielleicht gefallen ihnen die Kunstwerke ihrer Kindheit auch noch in 20 Jahren, denn ich verwahre sie alle für sie.

Insbesondere wenn wir uns später an den Shutdown im Jahr 2020 erinnern, möchte ich lieber über gemeinsames Yoga am Morgen und gemeinsam zubereitete Mahlzeiten schmunzeln, als an perfekte Erledigung aller Aufgaben für die Schule und eine penibel saubere Wohnung. Auch beim Backen können die Kinder sogar etwas über Maße und Gewichte lernen, und beim Kaninchenfüttern über Biologie…

Also meine Lieben, seid wie ihr seid! Versucht gar nicht erst einmal vollkommen zu sein. Schon gar nicht jetzt in der Corona-Krise.

Wer alles kann, muss auch alles machen. Wer für alles Zeit hat, bekommt immer noch mehr aufgebrummt. Konzentriert euch auf das, was euch wichtig ist. Ob es die richtige Wahl war, erkennt ihr wahrscheinlich ohnehin erst viel später – oder gar nicht.

Solltest GENAU DU allerdings wirklich vollkommen sein, finde ich das auch vollkommen okay.

Denn alle Menschen sind vollkommen anders.

5 thoughts on “Vollkommen unvollkommen

  1. Erstens kommt es anders, Zweitens als man denkt.

    Ich bin leider auch ein Vorplaner, weil es mir, vermeintliche, Sicherheit gibt, aber im Gegensatz zu einigen Anderen kann ich dann mit den Änderungen, glaube ich, ganz gut umgehen.

    Viele Entscheidungen oder Lebenswendungen hätte ich gerne anders gehabt….aver et is wie et is….

    1. Du machst das schon ganz richtig. Und wenn ich sehe, wie selbständig Deine Vierjährigen sind, dann lernen sie von Dir auch für’s Leben.

  2. Uiuiui, dieser Instagram-Post, den Du da zitierst, der kann einem Angst machen, oder?
    Da ich naturgemäß wenig mit perfekten Muttis zu tun habe, erinnerte ich mich beim schreiben an die Tanke-KundInnen, die Silvester vormittags kamen, um (am liebsten ganze Rollen!!!!) Zwei-Euro(!!!) stücke (anfangs Fünfmarkstücke…) einzutauschen. Weil sie dabei waren, die Tüten(!!!) für abends zu befüllen, mit Süßis und besagter Münze für jedes Kind, das zum „Fru, mok der Dör op“-singen kommt.
    Bei uns gibts eine Schüssel gemischtes (wenn wir dran denken), aus der jedes Kind sich ein paar Sachen rausfischen darf. Da gibts durchaus solche, die genau gucken, die Stirn runzeln „och, nein, davon will ich nichts“ sagen. Oder fragen „gibts nicht noch Mars?“ (zB). Nein, gibts nicht, Liebe!!!!
    Obwohl ichs immer noch besser finde, als zu horten und später wegzuwerfen ….

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