Was wir aktuell wegen der Schulschließungen machen, in der Theorie normaler Lehrbetrieb, nur ohne Schulbetrieb. Weiterhin gibt es einen Lehrplan und Lehrer, die den Schülern konkrete Inhalte vermitteln, Aufgaben stellen und diese auch auswerten.

Trotzdem wird mir schnell klar, warum unsere Gesellschaft arbeitsteilig organisiert ist. Und soll ich euch mal etwas sagen? Ich bin froh darüber.

Wegen meiner Reisen flackerte hin und wieder in mir die Idee auf, einen Weg ins Homeschooling zu finden. Das sehe ich nach einem einzigen Tag „Lernen Zuhause“ ganz anders – obwohl ich mir nicht einmal Gedanken über die Inhalte machen musste. Deshalb will ich euch mal den ersten Schultag nach der Schulschließung bei uns schildern. Natürlich wird sich das in den folgenden Tagen noch besser einspielen, und natürlich wird in jeder Schule anders sein. Aber eins ist klar: es sind keine Ferien!

Mein heutiger Tag:

4:13 – Mein Hund muss Pippi. Ich lasse ihn in den Garten und rolle mich glückselig wieder im Bett zusammen. Wir können ja ausschlafen.

6:00 – Der Idiot von Smartphonewecker klingelt. Hat wohl nicht kapiert, dass ich die Kinder nicht zu Schule fahren muss. Ich drehe mich um und will weiter schlafen.

6:05 – Nele rüttelt mich unsanft. „Mama, du musst aufstehen! Dein Wecker hat geklingelt und ich will endlich lernen!“

6:15 – WC, Dusche, Zähneputzen, Anziehen muss ich im Eiltempo erledigen, weil das Kind „ENDLICH LERNEN“ will. Wir haben ja noch keinen Lernplan, also nehmen wir nach dem Lesenüben einen Beschäftigungsblock, auf dem sie Dreiecke, Kreise und Quadrate ausmalt, Punkte verbindet, Fehler sucht und Gegenstände zählt.

6:55 – Die Große wird wach, kommt die Treppe runter, setzt sich zu uns, gähnt, geht wieder hoch.

6:56 – Der Hund kommt in die Küche, gähnt mich an, legt mir die Pfote aufs Knie und versucht einen Kuss mit Zunge. Ich drehe mich in letzter Hunderstelsekunde zur Seite. Das Kind erlaubt mir, eine Lernpause zu machen, um eine Hunderunde zu laufen. „Aber eine KURZE, Mama!“, konstatiert sie, „Ich muss noch Zahlen machen und das Workbook!“ Himmel hilf, das Mädchen ist vier Jahre alt. Wo soll das enden???

7:15 – Als ich am Ende der Hunderunde in den Hof einbiege, stehen meine drei Töchter mit Schürzen und Kochmützen vor der Haustür und wollen Muffins backen. Na gut, hilft den kleinen vielleicht bei der Feinmotorik und der Großen bei Deutsch (Lesen) und Mathe (Maße & Gewichte)

8:00 – Frühstück. Zum Zeitunglesen fehlt mir die Ruhe, denn ich will noch schnell ein paar Überweisungen erledigen und die Spülmaschine ausräumen, bevor um 9:00 die Arbeitsaufträge aus der Schule geschickt werden.

9:09 – Aurelias Klassenlehrerin schickt die Tagesaufgaben: Eine Doppelseite Mathe (Tabellen, Strichlisten, Textaufgaben), ein zweiseitiger Text über ein Reptil mit Leseverständnisaufgaben, eine Seite Schreibschriftübungen, eine Doppelseite Grammatik (phonemes). Ich drucke alles aus und erkläre Aurelia, was getan werden muss.

9:15 – Aurelia setzt sich brummend an die erste Aufgabe. Hach, ich kann sie gut verstehen. Handwriting war für mich auch immer der Horror. Noch dazu hätte sie gerne länger geschlafen.

9:30 – Neles Lehrerin schickt die Tagesaufgaben. Endlich! Das Kind ist schon vollkommen hibbelig. Ich drucke die Aufgaben doppelt aus, denn Caris Lehrerin war schon letzte Woche krank und ich gehe davon aus, dass sie auch diese Woche krank ist und beim e-learning zumindest am ersten Tag niemand an Vertretungsunterricht denkt.

9:32 – Nele stürzt sich auf ihre Aufgaben in Englisch (6 Seiten zum Sound m, 1 Seite zum Unterschied von Ch und Sh) und Mathe (Zahlenreihenfolge von 1 bis 15). Cari schaut sich den Stapel durch, nimmt sich ihre Milch und kuschelt sich zu Oma aufs Sofa. Was tun? Ihr hinterher gehen? Dann ist das friedvollen ruhige Lernen der beiden anderen vorbei und sie fangen einen ihrer üblichen Streitigkeiten an. Also lasse ich der Kleinen freien Lauf und spüle die Backutensilien.

9:36 – Die Deutschlehrerin schickt den Zwillingen die Tagesaufgabe zum Thema „Blumen & Frühling“ und zum Buchstaben Uu. Im nächsten Absatz finde ich 5 Youtube-Links mit Liedern, Gedichten und einer Bastelanleitung, die zu dem Thema passen.

9:40 – Aurelia schickt ihrer Lehrerin die Handschrift-Aufgabe über Seesaw* und stellt verwundert fest, dass dort 15 unerledigte Aufträge zu warten scheinen, die sie aber nicht findet. Ich schicke der Lehrerin eine Mail dazu.

9:41 – Die Vorschulleiterin schickt eine lange, schwer zu verstehende Mail mit ewig langen Listen, wie wir unsere Kinder zuhause fördern, fordern und beschäftigen können, darunter allein 36 Punkte beim Thema life skills und 28 links zu Lernplattformen und anderen Webseiten. Ich beschließe, diese Mail einfach nicht bekommen zu haben.

9:48 – Die Klassenlehrerin kann sich diese kleine rote ’15‘ auch nicht erklären und bittet darum, sie zu ignorieren.

9:50 – Nele fragt, was denn genau der Unterschied zwischen Bakterien und einem Virus ist? „Ähem, oh, warte, das Teewasser kocht und ich muss noch schnell zur Waschmaschine.“ wäre meine natürliche Reaktion gewesen, ich stelle mich der Herausforderung und wir fragen gemeinsam diverse Suchmaschinen und Webseiten.

10:11 – Die Deutschlehrerin schickt Aurelia ihre Tagesaufgabe

10:15 – Cari schaut kurz vorbei, ignoriert ihren Stapel und geht die Kaninchen füttern. Aurelia brummt: „Na, wenn sie die jetzt zählt, macht sie ja auch irgendwie Mathe.“

10:18 – Cari ist wieder da und möchte Lesen üben. Die gedruckten Bücher sagen ihr nicht zu, also suche ich online bei oxfordowl etwas Passendes. Wir finden ein Sachbuch über Regenkleidung und eine kleine Geschichte mit geheimnisvollen Fußspuren.

10:20 – Aurelia soll ihre Wochenhausaufgabe mündlich vorstellen. Das geht aber neben der lebhaften Nele nicht. Also verkrümelt sie sich mir ihrem Tablet in ihr Zimmer und nimmt ein verblüffend langes Video mit detailliertesten Erläuterungen auf.

10:33 – Die Grundschulleiterin schickt eine umfangreiche Anleitung zum Remote Learning mit minutiösem Stundenplan für die nächsten Tage. Der kommt für heute eindeutig zu spät, aber wir werden ihn morgen einmal ausprobieren.

10:49 – In die WhatsApp Gruppe von Neles Klasse wird ein kindgerechtes Erklärvideo zum Coronavirus gepostet.

11:15 – Ich fordere die Damen zu einer Pause auf. Die Muffins sind nun kalt genug für die Glasur und Dekoration. Während die Mädchen den Tisch und sich selbst einsauen, knöpfe ich mir den Vorratsschrank vor. Alles raus, wischen – nur die noch länger haltbaren Sachen wieder rein – schon steht auf der Arbeitsplatte eine bunte Mischung aus Backzutaten, Popcornmais und Kirschgrütze. Sie grinsen mich geradezu an, weil sie wissen, dass ich mir nun in den nächsten Tagen Rezepte für sie überlegen werde. Aurelia ist als erste fertig mit ihren essbaren Kunstwerken. In ihrer Verzweiflung, sie müsse nun mit der Deutschaufgabe beginnen (ihr habe ihr doch gar keine Reihenfolge vorgegeben…), übernimmt sie das Auswaschen des Vorratsschrankes.

11:45 – Cari ist wieder oben. Da ich weiß, dass meine Mutter um 12 Uhr noch einen Termin beim Kieferchirurg hat, will ich nach meiner Kleinen sehen und finde meine Mutter schlafend auf dem Sofa. „Mama! Du musst doch in einer Viertelstunde beim Arzt sein!“ – „Der hat abgesagt, die Behörden haben ihm wegen Corona die Praxis zu gemacht“ Sie erzählt mir in einem Nebensatz, dass ihr totschlecht ist, weil sie wohl die neuen Antibiotika nicht verträgt. Cari sagt „Arme Oma“, holt ein tropfnasses Handtuch und klatscht es ihr ins Gesicht. Schon ist die Übelkeit vergessen, denn jetzt haben wir beide alle Hände voll zu tun, das Sofa und den Holzfußboden vor einem Wasserschaden zu retten.

12:19 – Ich bin mir mit einer anderen Mutter einig, dass die Aufgaben (und das Herunterladen) ziemlich kernig sind.

12:24 – Der Leiter für die Klassen 3-6 informiert in einer Mail über die drei Kommunikationswege der Schüler/Eltern mit der Schule und fügt 10 Links für Lernplattformen ein, die uns beim Helfen helfen können.

12:30 – Ich werfe schnell ein paar Fritten in die Heißluftfritteuse. Meine Mutter hat keinen Hunger, aber eine Einkaufsliste für mich. Eigentlich will ich sofort starten, aber die Zwillinge brauchen Hilfe bei einem Arbeitsblatt.

13:05 – Aurelia hört den Briefkasten klappern, holt die Post und wir freuen uns über den Jahresbrief unseres indischen Patenkindes. Jetzt muss erst einmal schnell ein Bild für die ferne Freundin gemalt werden und alle überlegen, was ich ihr schreiben soll.

13:42 – Mir fällt auf, dass ich meinen Blogartikel zum Kölschen Grundgesetz gestern gar nicht online gestellt habe und hole es mit zwei Klicks nach. Dabei entscheide ich, für den heutigen ungewöhnlichen Tag einen Lifeticker für mich selbst zu führen (den ihr nun mit dem Abschicken dieses Blogbeitrags auch lesen könnt)

13:58 – Die Schule schickt die Liste mit den Clubs (= AGs) für die Zeit nach Ostern.

14:01 – Alle drei Kinder haben die Club-Auswahl getroffen

14:58 – Die Mutter einer Klassenkameradin von Aurelia bittet mich per WhatsApp um ein Foto der Deutschhausaufgabe (also nicht der Tagesaufgabe, sonder der HAUSaufgabe von letzter Woche).

15:05 – Ich fahre „grad mal eben“ zum Fressnapf* und zum Aldi*, finde dort nur 50 % meines Wunschzettels, stehe auch beim Lidl* und Rewe vor leeren Regalen, obwohl ich doch nur 1 kg Mehl für unseren nächsten Backtag haben wollte, und komme genau rechtzeitig wieder, um von netten Nachbarinnen eine große Tüte mit Kohlrabiblättern in Empfang zu nehmen, die sie beim Penny* für unsere Kaninchen gehamstert haben. Danke sehr!

15:07 – Die Deutschlehrerin schreibt, sie habe für Year 3 das falsche Blatt geschickt und fügt das richtige an.

15:17 – Aurelias Klassenlehrerin schickt eine Übersicht über den Wochenlehrplan, damit wir uns darauf einstellen können. Taäglich stehen uns weiterhin Englisch, Handwriting, Topic, Grammatik, Lesen und Mathe bevor, hinzu kommen Aufgaben für Kunst, Musik und Sport. Das wird spannend!

16:00 – Die Deutschlehrerin stellt in ihrer Mail fest, dass sie die Aufgaben der Kinder nicht über SeeSaw* lesen kann und wir ihr sie bitte scannen und mailen oder auf team* hochladen oder selbst korrigieren können.

16:30 – Aurelia stellt erschreckt fest, dass sie erst die Hälfte ihrer Aufgaben fertiggestellt hat und bittet mich darum, in ihrer Nähe zu bleiben. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Sie setzt sich an den Gartentisch, so lange ich den Rasen mähe.

17:15 – Die Kleinen erwachen aus einem fast dreistündigen Mittagsschlaf. Während sie ein Ausmalbild bearbeiten, ausschneiden und Fahrradfahren üben, kämpft sich Aurelia weiter tapfer durch ihre Aufgaben, fotografiert und mailt sie, zwischendrin dreht sie ein Filmchen von den Kaninchen und schaut ein Video bei Youtube (und ich tue so, als merke ich es nicht). Homeoffice für 8-jährige!

18:00 – Aurelia und ich sind in den letzten Zügen bei ihren Aufgaben, da kommen die Zwillinge mit der frohen Kunde, dass Oma Abendessen gekocht hat. Wir essen schnell, dann fotografiert und mailt sie die letzten beiden Aufgaben an ihre Lehrerin.

18:27 – Ich berate mich mit Silke zu unserer für Ende des Monats geplanten Eifelrecherche

19:03 – Aurelias Klassenlehrerin schickt ihre Mail von heute Vormittag noch einmal, weil einige Eltern sie wohl nicht erhalten haben (oder dies beschlossen haben, so wie ich mit der einen Mail)

19:56 – Aurelias Klassenlehrerin kommentiert und korrigiert eine von Aurelias Aufgaben auf Seesaw

20:00 – dito

20:08 – dito

20:09 – dito

20:11 – dito (Uff, was hat die denn für Arbeitszeiten???)

20:12 – Aurelia kommt zu mir und bittet mich, mit ihr gemeinsam die Antworten ihrer Lehrerin zu lesen. Wir besprechen ganz ausführlich, was sie morgen noch überarbeiten und ein weiteres Mal einreichen möchte. Ich gähne und gebe auf. Heute werde ich ins Bett gehen, ohne einen einzigen Blick in mein Manuskript geworfen zu haben.

21:10 – Nele steht neben mit am Schreibtisch und korrigiert die Schreibversuche ihrer Zwillingsschwester, während ich hier so vor mich hin tippe.

21:20 – Nele begleitet mich auf die Hunderunde. Dabei beschäftigt sie sich noch mit der Farblehre, über die wir heute gesprochen haben. Da ging es um den eher leichten Teil der Thematik (blau + gelb = grün, rot + blau = lila). Jetzt fragt sie mich nach rosa + grün, braun + weiß, schwarz + grau, weiß + beige, rot + silber. Puh, das war knapp. Ich konnte auf alles antworten, aber schon nicht mehr im Komfortbereich.

22:00 – Wieder zuhause, geht sie mit den Worten „harter Arbeitstag“ ins Bett.

22:05 – Ich antworte der Mutter wegen der Deutschhausaufgabe.

22:10 – Gerade, als ich das Notebook zuklappen will, kommt Cari auf meinen Schoß, schnappt sich einen Notizblock und übt ihren Namen. Sie will eigentlich danach noch etwas basteln, aber hat Gnade mit mir. Denn ich muss jetzt ins Bett!

Fazit: Die Kinder kommen gut mit dem Zuhauselernen klar, die Lehrer und Eltern müssen ihre Performance noch optimieren.

Aber: Der erste, der mir erzählt, dass sich Schulschließungen mit Homeoffice prima kombinieren lassen, wird an meinem hysterischen Lachen ertauben! Selbst im optimalen Falle hätte ich maximal drei Stunden Zeit für meine berufliche Arbeit gehabt. Dann dürfte ich aber keinen Hund haben und bräuchte eine Haushaltshilfe. Denn Backen erfolgte unter dem Aspekt der Kinderbetreuung, aber Einkaufen, Rasenmähen & Co tun sich nicht von allein.

3 thoughts on “Schule zuhause

  1. Ganz, ganz wunderbarer Text – und echt wichtig, um auf die Nöte der Eltern aufmerksam zu machen. Ich wünsch dir gute Nerven!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.