Heute möchte ich euch von einem Highlight meiner diesjährigen Recherchen erzählen.

Ich hatte die Burgherren angemailt, um nähere Informationen über eine Burg zu erhalten. Zwar könnte ich mir das meiste auch einfach bei Wikipedia abschreiben, aber die Juristin in mir hat manchmal Zweifel an der Zitierfähigkeit dieser Quelle. Die Ebidat-Burgendatenbank ist zuverlässig, viele andere Internetquellen eher dubios. Ich verlasse mich lieber auf die Chronisten der Burgen, die örtlichen Archivare, Fachliteratur und die Burgherren.

Bei einer Burg hätte ich aber fast damit eine Bauchlandung erlitten: Der Empfänger meiner Mail vermittelte mich an seinen Vater, den Senior-Burgherrn. Dieser lud mich in seine Burg ein und reichte mir sogar eine Tasse Kaffee mit Keks.

Zunächst bezweifelte er, dass es Menschen gibt, die das fertige Buch kaufen. Dann lobte er einen vergleichbaren Band, der kürzlich (!) erschienen war (im Jahr 1991). Schließlich fragte er mich nach meiner Qualifikation aus.

Die Antwort fiel wohl nicht zu seiner Zufriedenheit aus, denn nun erzählte er mir zwar aus der Geschichte der Burg, aber einiges kam mir unstimmig vor. Ich sagte nichts, weil ich ja nun wirklich nicht Kunstgeschichte studiert habe.

Beim Niederschreiben meiner Notizen im Manuskript wollte ich einige Details nachschlagen. Dabei stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner er mit vielen seiner Angaben daneben lag. Es gab stets einen wahren Kern, aber dann eine offensichtliche Abweichung.

Der Abriss eines Gebäudes wurde der zweiten statt der dritten Renovierung zugeordnet. Er sprach von Zwiebeltürmen, die in alten Stichen ganz und gar nicht zwiebelig im Sinne der kunsthistorischen Zwiebelturmdefinition aussehen. Den Zeitpunkt, zu dem seine Familie die Burg übernahm, verfehlte er um drei Jahre. Bei einem tragischen Unfall im 9. Jahrhundert brach er dem unglücklichen König einen Knochen mehr als in der offiziellen Geschichtsschreibung. Er schilderte zeitliche Abläufe, die nicht stimmen konnten, weil der Besucher noch gar nicht geboren bzw. schon drei Jahre vorher gestorben war. Eine Berühmtheit war nach seinen Schilderungen mit dem Großvater zu Gast, nach den Geschichtsbüchern aber mit dem Vater. Bei genauem Vergleich seiner Erzählungen und der zitierfähigen Literatur ergaben sich ganze vierzehn Abweichungen. Falls ich alle gefunden habe…

Bin ich irritiert oder sauer? Keineswegs! Dieses Detektivspiel hat mir am Ende sogar richtig Vergnügen bereitet. Wie diese Rätsel mit den zwei Bildern nebeneinander unter der Überschrift „Finde die Fehler“.

Nun stellt für mich nur die eine Frage: Wollte er mich testen oder hatte ich es mit einem sehr vergesslichen Burgherrn zu tun?

2 thoughts on “Der Burgherr erzählt Märchen

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