Bei unserer gemeinsamen Recherche auf Schloss Burg an der Wupper wurden Freddy und ich albern – und auch leicht größenwahnsinnig. Wir dachten über mehrere Fortsetzungen nach, die spätestens im dritten Band aus der Burg heraus in die Ferne führen. Oje, kaum geschlüpft, schon wird unser Engelbert flügge und bekommt Fernweh!

Basislager

Tja, und genau an diesem Punkt wurden wir beide auch schnell wieder ernst. Fernweh ist ja für mich ein zentrales Thema und prägt auch sein Leben. Er sagte ganz treffend: „Wir brauchen unser Zuhause doch nur, damit wir eine Stelle für den Beginn der Reise haben!“

Recht hat er, denn was ist mein Haus denn für mich?

Ein Basislager für meine Reisen – bestimmt!

Ein Lagergebäude für all meinen Krempel – unbedingt!

Mehr aber auch nicht.

Es ist definitiv kein Zuhause im Sinne von „Make a house a home“.

Haus ./. Zuhause

Ich war noch nie imstande, mein Haus gemütlich einzurichten. Ich bewundere Menschen, die ein Händchen für Innenarchitektur und Dekoration haben. Ich stelle zwar auch überall Möbel und Dekokrams hin, aber nie mit dem Gefühl „hach, jetzt ist es aber schön und ich fühle mich zuhause!“ Egal, wie viel Mühe ich mir gebe, das ist ein Haus, aber kein Zuhause.

Mein Haus ist nicht einmal als Arbeitsplatz wichtig für mich. Denn auf Reisen kann ich dank Smartphone und Klapprechner all das erledigen, was ich hier mache: Manuskripte, Blogbeiträge und Überweisungen schreiben, Kontakt mit Freunden und Verlagen halten. Aurelia macht sogar ihre Matheaufgaben online, seit vor einigen Wochen die Lehrerin alle Kinder aus der Klasse bei mathletics angemeldet hat.

Einerseits finde ich es schade für die Kinder, denen ich ein Hier-fühle-ich-mich-zuhause-Gefühl gar nicht weitergeben kann, weil ich es selbst nie hatte. Andererseits fremdeln sie in keiner neuen Umgebung und wir alle würden wahrscheinlich nicht einmal mit den Schultern zucken, wenn wir hier ausziehen würden. Und das, obwohl mein Vater beim Bau, meine Mutter bei den verschiedensten Renovierungen und ich bei der großen Sanierung unendlich viel Schweiß und Nerven an dieses Gebäude verloren haben!

Fernweh und seine Vererblichkeit

An einem der letzten trübsinnig-grauen Tage überlegte ich, wie es zu meinem Fernweh kam und ob es vererblich ist. Naturwissenschaftlich betrachtet sicherlich nicht, bestimmt aber aus dem sozialen Kontext heraus.

Mein Vater arbeitete das ganze Jahr täglich hart und lange, um jedes Wochenende in der Eifel und jeden Urlaubstag in Frankreich zu verbringen. Meine Mutter arbeitete ehrenamtlich im Villehaus, um Lebenshaltungskosten zu sparen, damit wir trotz ihrer Mini-Witwenrente an allen Naturfreundefahrten teilnehmen konnten, einmal im Jahr in die DDR und zweimal im Jahr in die Alpen fahren konnten. Stets reichte ihr Geld auch für meine Klassenfahrten, Ferienfreizeiten und den Schüleraustausch.

Für mich war es vollkommen normal, an Arbeits- und Schultagen hier zu sein und an allen anderen Tagen unterwegs. Und genau so erlebe ich es nun auch bei meinen Kindern. Sie sind zufrieden, so lange ich auf die Frage „Was machen wir morgen?“ mit „Ihr geht zur Schule und ich arbeite am XY-Buch.“ antworte. Wenn ich aber „Wir machen es uns hier gemütlich.“ oder „Wir spielen im Garten.“ oder „Wie wär’s mit Schwimmbad?“ oder „Wir bleiben zuhause.“ antworte, kann ich erleben, (1) wie die Gesichter lang werden, (2) wie „LAAAAAANGweilig!“ gemault wird, (3) wie mit mir verhandelt wird, doch zumindest bis in die Eifel zu fahren, (4) wie gefragt wird „Haben wir denn gar nichts mehr zu recherchieren?“ oder (5) sogar ganz konkret gefordert wird „Wir wollen aber wegfahren! Egal wohin! Am liebsten irgendwo, wo wir noch nicht waren!“

Okay, ich habe es verkackt! Diese Kinder werden wahrscheinlich Zeit ihres Lebens ebenso vom Fernweh getrieben sein, wie ich es bin.

3 thoughts on “Fernweh ist vererblich

  1. Doch, naturwissenschaftlich betrachtet ist das erblich. Das Novelty seeking Gen sorgt für Fernweh, Abenteuerlust, sowie eine Vorliebe für bekloppte Sportarten und scharfes Essen. BINGO, Bibo!
    Die Schattenseite: Kannst Du das nicht ausleben, läufst Du Gefahr, süchtig zu werden.
    Ich kann es nicht nachweisen, aber ich vermute, mein Alkohol-Nikotin-Valium süchtelnder Vater hat es mir hinterlassen. Im Urlaub war der ein ganz anderer Mensch und ich brauche auch regelmäßig Auslauf.
    Was hat das „Risikogen“ aber evolutionsbiologisch für einen Sinn? Ganz einfach: Ohne Novelty Seeker wie Dich und mich wäre die gesamte Menschheit nicht über das gemütlich warme Heim in Ostafrika hinaus gekommen.

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