Ich mag meine Leser und Leserinnen. Ehrlich! Sonst würde ich mich nicht mit anstrengenden Recherchen bei Wind und Wetter, Sturm und Schnee, Hitze und Mücken abplagen.

Ich helfe meinen Lesern und Leserinnen gerne. Ehrlich! Sonst würde ich nicht jeden Leserbrief so schnell wie möglich beantworten und auf Sonderwünsche eingehen. Diese Woche z.B. habe ich die Überarbeitung der Via Francigena ab Lucca allen anderen laufenden Arbeiten vorgezogen, weil eine nette Leserin fragte, welche Änderungen es gegenüber der Ersten Auflage gebe. Sie startet morgen in Lucca und läuft bis Rom. Ich hoffe, ich kann ihr meinen Manuskriptentwurf rechtzeitig zukommen lassen. Drückt mir die Daumen, dass die Mäuse trotz der Hitze schnell einschlafen und gut durchschlafen!

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Schreibtisch-Stillleben

Manchmal fällt es mir aber sehr schwer, meine Leser und Leserinnen zu mögen bzw. ihnen zu helfen. Wie auch sonst im Leben macht sich auch bei Buchkäufern und Pilgern eine Entwicklung bemerkbar, die ich für mich mit „7/7 & 24/24“ bezeichne. In den ersten Jahren als Reisebuchautorin bekam ich alle paar Monate einen Stapel Leserbriefe aus dem Verlag geschickt. Meist enthielten sie Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen, die die Schreiber während einer Reise mit meinem Buch notiert hatten. Seit einigen Jahren kommen dieser Rückmeldungen nicht mehr als Snailmail, sondern als sofort aus dem Verlag weitergeleitete e-Mail. Auch gut, so konnte ich veränderte Wegführungen, geschlossene Hotels oder neue Herbergen viel schneller in die Updates aufnehmen lassen.

Irritiert bin ich hingegen von immer öfters bei mir eingehenden e-Mails und Anrufen, in denen ich in Echtzeit reagieren muss. Drei Beispiele aus dieser Woche:

1.) Am Montag bekam ich eine Mail, in der mich ein Pilger fragte „Ich stehe aktuell an der Römerstraße vor Galleno. Werde ich es auf der markierten Route bis 15 Uhr nach San Miniato schaffen? Können Sie mir einen Tipp für eine Abkürzung geben?“

2.) Ebenfalls am Montag meldete sich ein Leser per Mail und fragte nach der Wettervorhersage und Tidentabelle für Südwestwales. Es sei mit meinem Buch auf dem Pembrokeschire Coast Path unterwegs, spreche aber nicht gut genug Englisch, um seine B&B Zimmerwirtin zu fragen.

3.) Gestern Abend um 19:32 Uhr rief eine Frau bei mir an: „Ich habe Ihnen doch schon um 18:55 Uhr gemailt, haben Sie meine Mail nicht bekommen?!“, war die vorwurfsvolle Eingangsfrage, nachdem ich meinen Namen genannt hatte. Erst einige Vorwürfe und Maulereien später stellte sich heraus, dass sie Jakobspilgerin ist und mit meinem Buch auf dem Weg nach Le Puy-en-Velay in Toul eine Wanderpause einlegt. Die erste Nacht hatte sie in einem Hotel übernachtet, das ich im Buch empfohlen hatte, wollte aber in der zweiten Nacht woanders schlafen. Leider hatte sie sich erst am späten Nachmittag um eine Unterkunft gekümmert und stellte nun fest, dass keine andere von mir genannte Unterkunft ein Bett für sie frei hat und ihr Zimmer im letzte Hotel nun auch wieder vergeben war. „Warum schreiben Sie denn da nur Unterkünfte rein, die am Ende nicht genutzt werden können?“, war eine der Fragen. „Die sind alle belegt, also suchen Sie mir BITTE eine freie!“, hieß es dann.

Pilger und Wanderer scheinen aus meinem subjektiven Empfinden heraus immer unselbständiger zu werden. Wanderführer und Pilgerführer sind heute ohne GPS Track unverkäuflich. Mich wundert nicht, dass so viele Leute bei Pokemon Go Unfälle bauen. Ich sehe selbst oft genug Wanderer durch den Wald tapsen, die den Blick weder auf den Weg, noch in die Landschaft richten, sondern mit starrem Blick wie ferngesteuert über Wurzeln stolpern, in Pfützen latschen oder ihren Wanderpartner anrempeln. Diese GPS-Track-Zombies empfinde ich durch das ständige Gepiepse ihrer Geräte auch nicht eben als angenehme Laufpartner, während ich ansonsten schon ‚mal gerne mit einem anderen Wanderer oder Pilger ein Stück des Weges gemeinsam gehe.

Meine „7/7 & 24/24“-Leser wollen mich ständig in ihrer Nähe wissen. Sie beschweren sich schon von unterwegs, spätestens aber nach Ende der Reise über alles, was nicht absolut optimal gelaufen ist. Natürlich freue ich mich über Informationen über den geänderten Wegverlauf, die Schließung eines Hotels oder die Neueröffnung einer Pilgerherberge. Wobei ich mich noch mehr freuen würde, wenn dies nicht so oft als Vorwurf formuliert würde. Aber ich bin eben aus Sicht meiner Leser auch dafür verantwortlich zu machen, wenn in einem 2012 recherchierten Buch eine 2016 neu eingerichtete Stempelstelle für Pilgerpässe nicht vermerkt ist. Außerdem bin ich natürlich auch allein schuldig daran,

  • wenn es zu viel regnet
  • wenn man auf der Anreise schon im Bahnhof des Heimatortes die Geldbörse gestohlen bekommt
  • wenn nach längeren Regenfällen ein Weg matschig ist,
  • wenn im Hochsommer der mitwandernde Hund so viel Wasser säuft, dass das Herrchen Rückenprobleme bekommt
  • wenn der Weg zu sehr abgeschattet ist
  • wenn der Weg zu sonnig ist
  • wenn ein B&B-Gastgeber seine mobile Telefonnummer gewechselt hat
  • wenn im Juli auf dem Großen Sankt Bernhard noch Schnee liegt
  • wenn die Kirchenglocken neben einer von mir genannten Unterkunft schon um 6 Uhr läuten
  • wenn der Kaffee in einer Pilgerherberge nicht schmeckt
  • wenn der Weg durch einen von Touristen überlaufenen Ort führt
  • wenn man sich (im November) als einziger Benutzer eines Campingplatzes nachts gruselt
  • wenn ganze 6 km ohne Wasserstelle zu laufen sind
  • wenn der im Wohnmobil parallel mitreisende Partner sich auf dem Weg zum nächsten Treffpunkt verfährt
  • wenn die Vermieterin zur verabredeten Zeit nicht da ist
  • wenn der Weg zu steil ist
  • wenn der Weg durch ein langweiliges Gewerbegebiet geführt wird
  • wenn der Weg durch ein lautes Gewerbegebiet geführt wird
  • wenn der Weg an einer stinkenden Kompostieranlage entlang führt
  • wenn der Weg an einem stinkenden Klärwerk entlang führt
  • wenn man beim Abkürzen einer Etappe ganze 25 Euro für eine Taxifahrt zahlen muss
  • wenn der Bus wegen Nebel verspätet kommt
  • wenn man nach einem sandigen Wegabschnitt Blasen an den Füßen hat
  • dass in Lausanne keine Pilgerpässe verkauft werden

Diese Aufzählung ist ein kleiner Auszug aus den Leserbriefen der letzten Monate, ich könnte sie noch stundenlang fortsetzen, aber ich will der Dame helfen, die morgen in Lucca startet und ihr habt zumindest eine grobe Vorstellung davon, wie schlecht ich mit meinen Lesern umgehe.

Das Anspruchsdenken der Leser lässt sich nur mit viel Humor ertragen. Ich denke mir dann immer „Deine Reise ist nicht meine Reise!“. Ich helfe anderen gerne bei ihrer Reise. Es bleibt aber ihre Reise, ihre Verantwortung, ihr Glück, ihr Pech.

5 thoughts on “Deine Reise ist nicht meine Reise!

  1. „gefällt mir* ist hier sicher fehl am Platz, aber es soll mehr *wissendes Kopfnicken* bedeuten.

    Ähnliches brichtet mir meine Freundin die auf Thassos lebt, jahrelang in Spanien, Ägypten, Tunesien..und Griechenland als Reiseleiterin gerarbeitet hat und jetzt auf Thassos bei einer Vor-Ort-Reiseagentur deutschsprachige Touristen betreut.
    Auch in der IT gibt es den 24/7 Service, der wir aber teuer bezahlt.
    Ich gebe zu ich nutze auch die Angebote auf TripAdvisor, in Reiseführern und sonstigen Informationsquellen aber ich versuche immer noch „selber zu denken“.
    Es ist, so denke ich, auch ein Zeichen der Konsumgesellschaft: ImmerAllesJetzt.

    Hilft Dir alles nicht, weiss ich, aber vielleicht doch 2 Gedanken

    du bist nicht alleine
    und
    nicht alle Deine Leser sind so

    denke an die 100er Deiner Leser die Dir nicht schreiben, weil es einfach nichts zu bemängel/fragen gab!!!

  2. „gefällt mir* ist hier sicher fehl am Platz, aber es soll mehr *wissendes Kopfnicken* bedeuten.

    Ähnliches brichtet mir meine Freundin die auf Thassos lebt, jahrelang in Spanien, Ost-Afrika, Ägypten, Tunesien..und Griechenland als Reiseleiterin gerarbeitet hat und jetzt auf Thassos bei einer Vor-Ort-Reiseagentur deutschsprachige Touristen betreut.
    Auch in der IT gibt es den 24/7 Service, der wir aber teuer bezahlt.
    Ich gebe zu ich nutze auch die Angebote auf TripAdvisor, in Reiseführern und sonstigen Informationsquellen aber ich versuche immer noch „selber zu denken“.
    Es ist, so denke ich, auch ein Zeichen der Konsumgesellschaft: ImmerAllesJetzt.

    Hilft Dir alles nicht, weiss ich, aber vielleicht doch 2 Gedanken

    du bist nicht alleine
    und
    nicht alle Deine Leser sind so

    denke an die 100er Deiner Leser die Dir nicht schreiben, weil es einfach nichts zu bemängel/fragen gab!!!

  3. Liebe Ingrid,

    Genau diese erfrischend Schreibweise habe ich schon bei Kidsgo geliebt. Mach weiter so,bleib wie du bist und lass dich bloß nicht unterkriegen.

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