Meine Freundin Maria hatte vor einiger Zeit bei Facebook einen Beitrag über Verschickungskinder geteilt. Zuerst dachte ich, dass mich dieses Thema nichts angeht, weil ich diesen Begriff zeitlich im Krieg einordnete, denn meine Mutter war 1939 Opfer der Kinderlandverschickung.

Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Es geht mich durchaus etwas an. Denn ich bin ein Verschickungskind.

Bewusst schreibe ich „Ich bin…“ und nicht „Ich war…“. Denn obwohl das alles mehrere Jahrzehnte zurück liegt, wirkt es bis heute fort und beeinflusst mein Leben in erschreckendem Umfang bis zum heutigen Tag.

Ich habe sehr lange gebraucht, um dies zu verstehen, denn ich hatte die beiden Verschickungen komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht. Es gibt keine Fotos, Postkarten oder anderen Unterlagen aus der Zeit. Manchmal war mir so, als habe es diese Verschickungen gar nicht gegeben.

Nachdem ich den von Maria geteilten Artikel gelesen hatte, wachte ich fast jede Nacht schweißgebadet auf. Einmal saß Nele neben mir, strich mir über die Haare und beruhigte mich: „Mama, es ist nur ein Traum! Wach auf!“

Mir wurde klar, dass da etwas in mir schlummert, das nach so langer Zeit endlich raus darf.

Dieser Text ist vier Monate lang gewachsen. Immer wieder kamen mir neue Erinnerungsfetzen ins Gedächtnis. Beängstigende Flashbacks, in der Regel Standbilder in schwarz-weiß. Manchmal war es ein besonderer Anblick, mitunter ein Geräusch, aber besonders oft war es ein bestimmter Geruch, der meine Erinnerungen weckte.

Mit der Hilfe einer kompetenten Hypnotherapeutin und durch den Kontakt mit anderen Verschickungskindern von www.verschickungsheime.de bin ich nun dazu in der Lage, mich Stück für Stück wieder zu erinnern und darüber zu sprechen. Denn sie baten mich darum, alles aufzuschreiben, was mir einfällt. Einen richtigen Schub bekamen meine Erinnerungen, als ich in uralten Unterlagen meiner Mutter ein Schreiben der Knappschaft an die Gemeinde Hürth fand, in der die Kostenträgerschaft geregelt wurde. Das war bislang der erste und einzige Urkundenbeweis für meine Kuraufenthalte, das ist ganz wichtig für mich als Juristin und tut mir gut, denn nun lässt es nicht mehr verdrängen und ich kann mich mit offenen Augen damit auseinandersetzen.

Je mehr ich aufschreibe, desto mehr kommt mir in Erinnerung. Es scheint mir so, als hätte ich es mit einem verstopften Rohr zu tun, in dem ich mit einer Stricknadel herumstochere. Anfangs sickerten nur erste kleine Tropfen, dann ein floss Rinnsal und am Ende ist das Rohr vielleicht sogar vollkommen frei. Das wird ein langer Weg, ich weiß. Aber ich will ihn gehen, um mich besser zu verstehen. Besonders in Situationen, in denen mein Kopf mir sagt, dass mein Verhalten eigentlich gar nicht nicht zur Situation passt.

1973

Irgendwann nach meiner Einschulung kam der Amtsarzt (Schularzt?) auf die Idee, mir eine Kinderkur zu verordnen. Als Anderthalbjährige hatte ich ja eine Herz-OP erdulden müssen und mir stand deshalb wohl ab der Einschulung alle drei Jahre eine Kur zu, wurde meiner Mutter erläutert. Er entschied vermutlich nach Aktenlage, denn meine Mutter hat nicht in Erinnerung, dass es in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Reihenuntersuchung der Erstklässler stand. Die Einwände meiner Mutter wurden übergangen. Sie war als Kind selbst ein Verschickungskind und hatte auf Sylt eine wahrhaft schlimme Zeit erlebt. Das wollte sie mir ersparen, wurde aber von allen Seiten beruhigt, dass sie ja nicht mehr in Nazideutschland lebe und man inzwischen anders mit den Kurkindern umgehe.

In den Sommerferien zwischen dem 2. und 3. Schuljahr war es so weit. Ich war acht Jahre alt. Sechs Wochen Kinderkur standen mir bevor. Meine Mutter erzählt, dass ich vorher gar keine Süßigkeiten mochte. Als ich in dem Vorbereitungsbrief las, dass in dem Heim keine Süßigkeiten erlaubt sind, muss ich mit einem gelassenen „Na und?“ reagiert haben.

Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass meine Mutter mit mir nach Bad Nauheim fährt und mich persönlich in dem Kurheim abgibt. Sie fuhr mit mir aber nur bis zum Bahnhof in Köln Deutz und übergab mich dort einer strengen Frau mit Damenbart, die mir ein Schild mit meinem Namen um den Hals hängte und mich in ein Zugabteil schob. Sie erlaubt nicht einmal, dass ich mich mit Kuss und Umarmung von meiner Mutter verabschiede, lächelte sie an und beruhigte sie mit „Wir passen gut auf sie auf!“

Im Zug weinte ich und wollte meiner Mutter zum Abschied winken. Sie fauchte mich an: „Damit machst du es nur noch schlimmer!“ Sie drückte mich in den Sitz, bis der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Dann verschwand sie irgendwo im Zug und kam wieder, um mich an irgendeinem Bahnhof in einen anderen Zug zu setzen. In diesem Zug fuhr sie nicht mit und schärfte mir ein, ich müsse mir „Bad Nauheim“ merken. Dort solle ich aussteigen, mein Schild hochhalten und warten, bis mich jemand abholt.

Ich fühlte mich vollkommen verloren. Was, wenn ich den Ortsnamen vergesse?! Ich bat eine ältere Frau um den Kugelschreiber und schrieb mir Bad Nauheim in die Handfläche. Auch in diesem zweiten Zug weinte ich haltlos und hatte fürchterliche Angst. Gleichzeitig war ich aufgebracht: Mama hatte mich verschickt, wie einen Brief oder ein Paket. Das Schild um meinen Hals war der Paketaufkleber oder die Briefmarke!

Ich bebte vor Angst, denn meine Mutter hatte mir ja immer eingeschärft, mich von Fremden nicht ansprechen zu lassen und keinesfalls mit einem Fremden zu gehen. Aber welche Wahl hatte ich denn? Also stieg ich am richtigen Bahnhof aus und wartete. Ich sah andere Kinder mit Schildern, die auch weinend auf dem Bahnsteig standen. Aber ich traute mich nicht, zu ihnen zu gehen. Ein Mann mit lauter Stimme rief: „Alle Kurkinder zu mir!“ Wir folgten ihm aus dem Bahnhof durch einige Straßen zum Kurheim.

Es war ein großer Altbau. Von der Straße aus gesehen lag der Eingang auf der linken Hausseite. Eine „Tante“ nahm uns in Empfang. Hinter der Eingangstür führte rechts eine große Treppe in die oberen Stockwerke. Ich dachte: „Oh wie schön, ein Geländer, auf dem ich herunterrutschen kann!“ Ich hatte den Namen der „Tante“ bei der Vorstellung nicht verstanden und fragte nach. Meine Frage wurde mit einer Backpfeife beantwortet, begleitet von der Anweisung „Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!“ Das war die erste körperliche Strafe in meinem Leben. Ich war geschockt.

Wir wurden in den Speisesaal gebracht. Am Fenster, schön im Hellen, saßen bereits Kinder vor Tellern, auf denen Obst und Gemüse lag. Ich war selig! Meine geliebten Möhren und Kohlrabi wurden auch hier roh angeboten. Köstlich!

Mir wurde ein Platz an einem langen Tisch direkt vor der Durchreiche der Küche zugewiesen. Ich war sehr enttäuscht, dass ich weder Obst noch Gemüse essen durfte. „Das ist nur für die fetten Schweine da drüben, die abnehmen müssen!“, sagte mir eine „Tante“ mit süßester Miene. „Du bist ja viel zu dünn, du bekommst viel besseres Essen, damit du am Ende der Kur mindestens fünf Kilo mehr drauf hast!“

Ja, das hatte Mama auch schon angedeutet. Sie sagte immer, dass mein Kommunionkleid an mir ausgesehen hatte, als hinge es auf einem Kleiderbügel. Aber sie zwang mich nie zum Essen. Ich liebte eben meine Rohkost und meine Haferflocken. Was sie kochte, musste ich zwar alles probieren, aber eben nur probieren und nicht aufessen.

Das sollte hier anders werden. Eine undefinierbare Suppe wurde vor mir auf den Tisch gestellt. In Würfel geschnittener fetter Speck schwamm darin herum. Dazu gab es Brot. Aber nicht einfach nur ein Stück trockenes Brot, wie ich es von Zuhause zur Suppe kannte. Die Butterschicht darauf war genauso dick wie das Brot selbst. Ich probierte einen Löffel Suppe, biss einmal von dem Brot ab und sagte der „Tante“, dass es mir nicht schmeckt und ich es nicht essen wolle. So kannte ich es ja von Zuhause.

„Du WIRST es essen!“, teilte sie mir mit. „Du bleibst so lange vor dem Teller sitzen, bis du alles gegessen hast!“, fügte sie an. Ich aß es nicht. Denn zwischenzeitlich hatte sich eine Tischnachbarin weinend dazu überwunden, die Suppe zu essen und würgte sie wieder heraus. Wir machten darauf aufmerksam und dachten, sie würde nun getröstet. Doch statt das Kind zu trösten, wurde noch mehr Druck auf sie aufgebaut und sie musste ihre Suppe mit dem Erbrochenen weiter essen.

Ich konnte das nicht essen! Und selbst wenn es mir gelänge: wie lang sind sechs Wochen? Konnte ich überhaupt in sechs Wochen fünf Kilo zunehmen, oder stand im Grunde jetzt schon fest, dass ich länger bleiben musste? Mir sank das Herz in die Hose.

Wie lange ich da vor dem Teller sitzen musste, weiß nicht nicht mehr. Immer wieder wurde ich mit „Aufessen!“ angeschnauzt. Bei der nächsten Mahlzeit wurde der unangetastete Teller weggezogen und eine neue Ekligkeit vor mir abgestellt. Es waren mindestens drei Tage. Die Teller waren immer so voll, dass ich gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Mehrfach bekam ich mit Gewalt das Besteck in die Hand gedrückt, dann einen Schlag in den Nacken. Einmal war er so heftig, dass ich mit dem Gesicht in dem Teller landete. Ausgerechnet im Sauerkraut, dass brannte ziemlich fies in den Augen. Ich saß Stunde um Stunde vor meinem Teller. Nur zum Schlafen und für die Toilette durfte ich aufstehen.

Am ersten Abend wurde ich kurz vor der Schlafenszeit in ein Zimmer mit großen Jungs geschoben. Mir wurde ein Bett zugeteilt und klar gemacht, dass ich mich die ganze Nacht nicht rühren darf. Ich weinte leise, weil ich Angst hatte, dass es jemand merkt. Bis mir irgendwann auffiel, dass auch einige der Jungs weinten. Große Jungs! Das machte meine Verzweiflung perfekt. Denn ich wusste ja, dass große Jungs frech sind und niemals weinen. Nun war ich sicher, dass ich niemals wieder aus dem Heim heraus komme und meine Mutter nie wieder sehe.

Irgendwann schlief ich vollkommen erschöpft und entmutigt ein. Mitten in der Nacht wurde ich unsanft geweckt. Das Licht blieb aus. Eine harte Hand zog mich am Handgelenk aus dem Bett und zischte mir zu: „Wir haben dich überall gesucht. Du hast hier nichts zu suchen. Du bist doch kein Flittchen?“ Ich fragte, was ich falsch gemacht hätte. Denn ich hatte mir dieses Zimmer ja nicht ausgesucht. „Egal, komm endlich!“, war die Antwort. Meine nächste Frage, was denn ein Flittchen sei, kam gar nicht gut an, denn ich wurde angeherrscht: „Sei nicht so frech! Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!“

Die „Tante“ schob mich in den Erste-Hilfe-Raum und wies mich an, auf der Untersuchungsliege zu schlafen. „In dem Zimmer, in dem du schlafen sollst, werde ich keinen wecken wegen sowas wie dir!“, betonte sie. Nachdem ich wieder den ganzen Tag vor meinen Mahlzeiten gesessen hatte, wurde mir am zweiten Abend ein Bett in einem Schlafsaal mit 3-5-jährigen Kindern zugewiesen. Sie schrien laut nach ihren Müttern. Ich konnte kein Auge zutun und schlief fast den ganzen Tag neben meinen wechselnden Tellern mit dem Kopf auf dem Tisch. Erst in der 3. Nacht wurde mir ein Bett in einem Zimmer mit Gleichaltrigen zugewiesen und ich bekam erstmals Zugang zu meinem Koffer.

Dort wollte ich mir frische Unterwäsche herausholen, wurde aber darüber belehrt, dass sie nicht so oft gewechselt werden könne, man wolle für uns nicht ständig waschen. Ich durfte ihn aber öffnen, damit überprüft werden konnte, ob ich verbotene Dinge ins Kurheim einschmuggeln wollte. „Das hätten wir eigentlich ohne dich gemacht, aber deine dusselige Mutter hat ihn ja abgeschlossen!“, bekam ich vorgehalten.

Nachts durften wir nicht auf die Toilette gehen. Als ich bei einem nächtlichen Toilettengang erwischt wurde, bekam ich eine Backpfeife und musste mit meinem Kopfkissen und meiner Decke im Flur schlafen. Es gab ein eskalierendes Stufensystem von Strafen, im Wiederholungsfall wären gefolgt: Flur ohne Kissen und Decke – Duschraum ohne Kissen und Decke – Duschraum nur in Unterhose – Sitzen im Speisesaal.

Wer sich Angst vor diesen Strafen in die Hose – oder gar ins Bett – machte, musste in den nassen Sachen schlafen und bekam keine frische Bettwäsche. Ich lernte schnell, dass ich wenig trinken musste, um seltener auf die Toilette zu müssen. Alles, was ich vor dem Mittagessen trank, kam rechtzeitig vor der Zubettgehzeit in der Blase an. Also trank ich nur zum Frühstück. War der Durst sehr schlimm, nahm ich abends beim Zähneputzen einen Schluck Wasser. Ich war soooo stolz auf mich, denn ich schaffte es, kein einziges Mal einzunässen! Nacht für Nacht erlebte ich vor Harndrang und Angst weinende und einnässende Mädchen, die geschlagen und aus dem Zimmer geführt wurden.

Ich kann mich an unerklärlich viele Untersuchungen durch einen Arzt erinnern, der nie mit mir direkt sprach. Es sprach immer nur mit einer der Schwestern über mich. Er bestimmte, welche Tabletten wir zum Frühstück schlucken mussten. Deshalb waren die „Tanten“ auch besonders aufgebracht, wenn jemand sich beim Frühstück erbrach. Wie viele Tabletten es waren und wofür/wogegen sie waren, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine kleine weiße Pille die leicht zu schlucken war. Eine größere nannte ich immer „meine Perle“, weil sie ganz rund war und gelblich glänzte. Die konnte ich auch recht gut schlucken, weil sie s schön glatt war. Eine dritte hingegen war sehr groß und scheußlich. Kaum war sie im Mund, gab sie einen widerlichen bitteren Geschmack ab und trocknete mir den Mund aus. Das verhinderte natürlich, dass ich sie ganz leicht schlucken konnte. Ich fand zum Glück heraus, dass es leichter ging, wenn ich sie in die eklig süße Vielfruchtmarmelade tauchte oder mit Wurst ummantelte, die ich dann natürlich nicht kauen konnte.

Sehr unangenehm war immer der Gang in den Waschraum. Wir mussten uns nackt ausziehen und im Flur warten, bis wir an der Reihe waren. Dann wurden wir gewaschen und gekämmt, obwohl wir das doch schon lange allein konnten. Ein Kamm ging durch die Haare aller Kinder. Kein Wunder, dass wir alle Kopfläuse bekamen und mit einem Mittel behandelt wurden, dass ganz fürchterlich in den Augen brannte und so stank, dass ich meinen Brechreiz nur mühsam zurück halten konnte. In gewissen Abständen mussten wir unter die Dusche. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, ob das wöchentlich, zweimal die Woche oder jeden zweiten Tag war.

Schlimm fand ich auch die tägliche Fingernagelkontrolle. Für deren Sauberkeit waren wir dann nämlich plötzlich selbst verantwortlich. Alle Kinder mussten die Hände nach vorne strecken und eine „Tante“ ging die Reihe ab. Fand sie auch nur das kleinste Fleckchen Schmutz unter den Nägeln, wurde nicht nur das entsprechende Kind geschlagen. Auch an die daneben stehenden Kinder wurden wahllos Schläge verteilt.

Einige Kinder wurden für unerwünschtes Verhalten bestraft, indem sie angezogen unter die eiskalte Dusche gestellt wurden. Ich war nie betroffen, vielleicht war das eine Strafe für heimliches Naschen bei den Abnehmkindern, denn ich erinnere mich daran, dass es immer hieß: „…und du darfst erst wieder an den Mahlzeiten teilnehmen, wenn deine Sachen wieder trocken sind!“

Ich lernte den Duschraum kennen, als ich nachts einmal weinte. Ich hatte ja keinen Kontakt zu meiner Mutter und glaubte, ich komme dort niemals wieder heraus. Ich wollte tot sein, lieber heute als morgen. Was könnte denn am Sterben schlimmer sein als hier an diesem Heim? Als Strafe für das Weinen sollte ich auf dem Flur schlafen, doch dort lagen schon an den beiden Stirnwänden zwei andere Kinder zusammengekauert auf dem Boden. Also zog mich die „Tante“ in den Duschraum und ich musste mich dort zum Schlafen auf den Boden legen. Ich bekam kein Auge zu. Ich hatte Angst im Dunklen. Ich fror. Ich fürchtete, dass jemand den Kaltwasserhahn aufdrehte, während ich schlief.

Irgendwann begann ich dann doch, zumindest einige Gerichte zu essen. Über mir schwebte der Satz: „Wenn du nicht zunimmst, musst du länger hier bleiben!“ wie eine schwarze Gewitterwolke. Was immer ich ohne Würgereiz herunter bekam, aß ich in so großen Mengen, dass ich dafür gelobt wurde. Milchreis mit Zimtzucker, Schokopudding, Bratkartoffeln, Leberwurstbrote. Alles süß und/oder fettig. Aber bei diesen Gerichten hatte ich das Fett nicht so deutlich vor Augen wie bei den dick mit Butter beschmierten Broten und den Glibberspeckbröckchen in der Suppe.

Seit meiner frühen Kindheit vertrage ich keine Milch, bin also (mal stärker, mal schwächer) laktoseintolerant. Als Grundschülerin konnte ich Milch und Milchprodukte nur in kleinen Mengen konsumieren, ohne Bauchweh zu bekommen. Das erklärte ich schon bei meiner Ankunft und bat um andere Getränke, wenn uns die heiße Milch vorgesetzt wurde. Wenn sie aus der Küche bei uns ankam, hatte sie schon eine eklige Haut, die ich nicht wegschieben durfte, sondern auch zu mir nehmen musste. Die größte Spinne der Welt hätte so behaarte Beine haben können, dass ich mich mehr vor ihr geekelt hätte, also vor dieser Milchhaut. Ich wusste ja schon beim Anblick der Milch, dass ich in einigen Minuten wieder Bauchweh haben würde.

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob wir gespielt oder gebastelt haben. Vermutlich haben wir das, denn ich habe es nach der ersten Kur bei den Gruppenabenden in der katholischen Jugend und bei den Naturfreunden immer abgelehnt, bei Spielen mitzumachen, bei denen jemand vorgeführt wurde und/oder allein gegen alle anderen stand. Besonders das Plumssack-Spiel habe ich gehasst.

Im Kurheim war alles vollkommen steril und ungemütlich. Ich kann mich an keine Dekoration, kein Bild an der Wand, nichts Schönes erinnern. Alles war zweckmäßig, weiß oder grau. Wir wurden permanent zur Ordnung angehalten. Allerdings mit einem Druckmittel, das mir sympathisch war: „Ihr dürft erst zum Essen gehen, wenn ihr das Zimmer aufgeräumt habt?“ Natürlich haben die Abnehmkinder beim Aufräumen richtig Gas gegeben, während wir Zunehmkinder uns Zeit ließen und die Unordnung zu unserem besten Freund ernannten.

Täglich mussten wir in Zweierreihen einen weiten Umweg durch die gesamte Kurstadt laufen (warum eigentlich? Damit die Bevölkerung uns sah?). Im Anschluss gingen wir eine vorgegebene Zahl an Runden um die Salinen, damit wir die gesunde, salzhaltige Luft einatmeten. Dabei durften wir nicht miteinander reden, sondern mussten uns auf die Atmung konzentrieren. Am Ende hatte ich immer schmerzende Beine und fiel in der Mittagsruhe in einen so tiefen Schlaf, dass ich regelmäßig mit Ohrfeigen oder Schlägen auf den Kopf geweckt werden „musste“.

Einige Kinder hatten Aufgaben aus der Schule mitgebracht, die sie lösen mussten. Wie habe ich sie beneidet! Mein Aufenthalt fiel genau in meine Sommerferien und ich hatte nicht einmal Ablenkung durch Schulaufgaben.

Wir bekamen die Texte für die Karten diktiert, die wir unseren Eltern schrieben. Ich wollte das nicht und fragte: „Aber so ist es doch gar nicht! Warum soll ich das denn schreiben? Wenn ich nicht die Wahrheit schreiben darf, dann möchte ich bitte gar nichts schreiben.“ Zu meiner Verwunderung wurde ich nicht dazu gezwungen, eine Karte zu schreiben. Wenn ich nicht den diktierten Text schreiben wollte, dann durfte ich eben gar nicht an meine Mutter schreiben.

Immer wieder wurde uns deutlich gemacht, dass wir nichts Negatives über das Kurheim erzählen durften. Der Kur-Erfolg hatte höchste Priorität. Ich fragte nach, was „Kur-Erfolg“ und bekam erneut erklärt: „Wenn du nicht zunimmst, musst du länger hier bleiben. Wenn du schlecht über uns sprichst, war die Kur nicht erfolgreich und muss wiederholt werden. Dann muss deine Mutter viele Tausend Mark an die Krankenkasse bezahlen.“ Ich wusste ja, dass meine Mutter nach dem Tod meines Vaters quasi mittellos war, also schwieg ich aus Angst vor den finanziellen Folgen.

Ich kann mich nicht erinnern, in den sechs Wochen etwas Schönes gemacht oder ein liebes Wort gehört zu haben. Alle Schicksalsschläge vor dieser Kur hatten mich eigentlich zu einem Menschen gemacht, der die schönen Momente sammelt. An dieser Kur war dann wohl nichts Schönes, das an das ich mich hätte erinnern können.

An die Rückfahrt und Heimkehr fehlt mir immer noch jede Erinnerung. Wie war die Begrüßung? Hat meine Mutter gefragt, wie es war? Wurde der Kur-Erfolg von einem Arzt oder vom Gesundheitsamt geprüft? Ich weiß es nicht.

Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich einmal spontan erbrach, als mir im folgenden Herbst bei einem Kindergeburtstag die Mutter des Geburtstagskindes einen Kakao mit Haut anreichte.

1976

Als meine Mutter mir eröffnete, dass ich im Sommer wieder nach Bad Nauheim muss, verzog ich keine Miene. Ich durfte ja nicht darüber reden! Das saß immer noch fest in meinem Gedächtnis.

Aber mein Körper reagierte. Plötzlich musste ich jeden Tag auf dem Heimweg vom Gymnasium so nötig auf die Toilette, dass ich es nicht bis zuhause schaffte. Und das, obwohl ich in der Schule noch die Toilette aufsuchte und mein Schulweg mit dem Rad nur zehn Minuten lang war. Manchmal setzte ich mich in die Büsche. Oft kam der Harndrang aber so schnell und stark, dass es mir die Beine hinab lief.

Ich war froh, dass meine Mutter jeweils bei meiner Ankunft nicht zuhause war und ich das Malheur vor ihr verheimlichen konnte. Sie lobte mich als gutes Hausmütterchen. Denn ich machte mir nicht nur mein Mittagessen selbst und spülte das Geschirr, sondern übernahm nun auch auch das Waschen und Trocknen.

Wieder weinte ich auf der gesamten Hinfahrt. Auch wenn ich diesmal wusste, dass man mich nicht für immer von meiner Mutter trennt, war die Vorstellung nicht zu ertragen, all das noch einmal sechs lange Wochen zu überstehen.

Beim Eintreffen in Bad Nauheim musste ich mich ganz nackt ausziehen, wurde untersucht, gewaschen und abgetastet. Ich wurde nach einem Blick in die Akte angeschrien: „Du bist ja immer noch so klapperdürr! Kapierst du es nicht? Jetzt müssen wir wieder von vorne anfangen, bis du genug Gewicht auf die Waage bringst.“

Die „Tante“ suchte mir Kleidung aus dem Koffer, die ich danach anziehen sollte. Ich hatte bei meinem Eintreffen Jeans getragen, das hielt sie für unschicklich und erklärte mir, dass ich das nicht anziehen dürfe, weil das nach dem Krieg nur Besatzerflittchen getragen hatten. Natürlich wagte ich ich nicht, danach zu fragen, was Besatzer und was Flittchen sind. Mir war klar, dass es sich um etwas ganz Schlimmes handelte und ich unter keinen Umständen Jeans tragen durfte.

Ich war bei der Kleidungskontrolle glimpflich davon gekommen, wie sich später herausstellte. Mir wurde ein Bett in einen Schlafsaal für Mädchen von 11 bis 12 Jahren unter dem Dach zugeteilt. Ein Mädchen lag weinend auf dem Bett. Sie wimmerte vor Schmerzen. Ein anderes Mädchen saß daneben und versuchte, sie zu trösten. Als wir sie etwas beruhigt hatten, erzählte sie: Bei ihrer Ankunft hatte sie einen BH getragen. Sie war schon 12 Jahre alt und hatte eine gut entwickelte Brust. Ihre Mutter hatte ihr BHs gekauft. Die „Tante“ von der Aufnahmeuntersuchung hatte nach dem Ausziehen ihre Brustwarzen gepackt und mit aller Kraft daran gezogen. Sie lachte und sagte: „Wenn deine Titten so groß sind, wie ich dir grade zeige, DANN brauchst du einen BH!“ Das Mädchen hatte wochenlang Blutergüsse rund um die Brustwarzen und bis kurz vor unserer Heimreise Schmerzen in der Brust.

Essen war wieder ein großes Thema für mich. Ich landete wieder an dem Zunehmtisch, sogar nur einen Platz weiter als drei Jahre zuvor. Wieder mit Blick auf den Abnehmtisch. Ich verging vor Mitleid und Neid. Die Kinder dort hätten alles dafür gegeben, mit uns zu tauschen. Ich neidete ihnen das Obst, das Gemüse, den Zwieback und die anderen Leckereien. Sie neideten uns die üppigen Portionen nahrhafter Mahlzeiten.

Wieder verbrachte ich manch einem halben Tag vor einem Teller, der erst weggeräumt wurde, wenn die nächste Mahlzeit aufgetischt wurde. Bei fettigem Fleisch bekam ich so starken Würgereiz, dass ich es nicht einmal runter bekam, wenn ich mich dazu zwingen wollte. Also verfiel ich wieder auf das Taktieren mit denjenigen Komponenten, die ich irgendwie zu mir nehmen konnte. War mein Teller leer, half ich manchmal sogar meinen Tischnachbarinnen. Denn ich wollte unbedingt so viel zunehmen, dass ich pünktlich nach sechs Wochen wieder nach Hause durfte. Dazu aß ich heimlich Süßigkeiten, die ich in mein Gepäck geschmuggelt hatte.

Ich hatte großes Mitgefühl mit einem Mädchen, das zur Toilette rannte, um sich zu übergeben. Eine „Tante“ stellte sich ihr in den Weg und alles landete mitten im Speisesaal auf dem Boden und auf den Schuhen der „Tante“. Sie wurde heftig beschimpft und dazu gezwungen, das Erbrochene mit bloßen Händen vom Boden aufzuheben. Ihr Stuhl wurde in die Mitte dieses Ganges gestellt und sie wurde von hinten festgehalten, während sie gefüttert wurde und weiter würgte. Dabei wurde ihre Nase zugehalten. Kein anderes Kind wagte auch nur die kleinste Bewegung. Wir hatten viel zu viel Angst, als nächste die Aufmerksamkeit zu erregen.

Einmal in der Woche durften wir auf dem Rückweg von den Salinen für 15 Minuten in einen Toom Markt gehen und uns etwas von unserem Taschengeld kaufen. Erlaubt waren nur Getränke, Hygieneartikel und Schreibwaren. Ich kaufte immer ein Getränk oder einen Stift als Alibi, den Großteil des Geldes setzte ich aber für Süßigkeiten ein, die ich hastig im Geschäft direkt hinter der Kasse verzehrte, damit es die „Tanten“ nicht merkten. Mein Ziel „Zunehmen“ hatte oberste Priorität in all meinen Gedanken.

Nach einiger Zeit kam eine 13-Jährige aus der „Großen“-Gruppe hinzu. Eine „Tante“ hatte sie als „Bordsteinschwalbe“ bezeichnet und nach Absprache mit der Heimleitung in unsere Gruppe geschickt. Sie erzählte uns, dass ihr das auch lieber war. Ein „Onkel“ aus der Jungenabteilung hatte sich mehrmals nachts zu ihr ins Bett gelegt. Ich war noch ahnungslos und unschuldig genug, um sie darum zu beneiden. Es war doch ganz freundlich von diesem Mann, zu einem der Kinder etwas netter zu sein und sich zu ihr zu legen, während die Frauen alle so herzlos zu uns waren. Und Schwalben sind doch sehr schöne Vögel.

Das ließ das Mädchen unkommentiert und weinte nur bitterlich. Nach einigen Tagen sprach sie das Thema noch einmal kurz an. Sie riet uns: „Wenn ihr mit einem Jungen oder einem Mann in einem Bett liegt, tut am besten genau das, was er von euch will. Dann wird es nicht so schlimm. Bloß nicht widersprechen oder wehren!“ Sie sagte nichts weiter dazu. Denn auch sie hörte mehrmals am Tag die Drohung, die mich schon in der ersten Kur eingeschüchtert hatte: „Wenn du nicht genau das tust, was das Haus von dir verlangt, muss deine Mutter die ganze Kur selbst bezahlen!“

Es muss etwa in der Mitte der Kur gewesen sein. Was ich falsch gemacht hatte, weiß ich nicht mehr. Bestraft wurde es aber mit dem Schlafen in der Kofferkammer. Das war für die anderen Mädchen aus meiner Gruppe der blanke Horror. Sie fürchteten sich vor dem Alleinsein und den Spinnen. Ich konnte mich noch gut an das Schlafen im Duschraum erinnern, deshalb erschienen mir die Nächte in der Kofferkammer schon fast als Luxus. Immerhin durfte ich das Kissen und die Bettdecke mitnehmen und konnte mir einige Koffer und Taschen so zurecht schieben, dass sie mir ein provisorisches Bett waren.

Drei Jahre zuvor waren wir Achtjährigen etwas neidisch auf „die Großen“ gewesen, die zweimal in der Woche zum Medizinischen Bad geschickt wurden. Sie hatten immer von einer braunen Brühe gesprochen. Wir Kleinen hatten es uns herrlich vorgestellt, in einer Wanne voll mit warmem Schlamm zu sitzen – fast so, als wäre es warme Schokolade. Viel besser als dieses kalte Waschen und Duschen, die wir erdulden mussten.

Doch schnell stellte sich heraus, dass ein solches Bad alles andere als schön war. Wir gingen in kleinen Gruppen ins Kurhaus, mussten uns auf dem Flur ausziehen und wurden auf die riesigen Wannen verteilt. Ich dachte, ich würde komplett darin versinken. Vorher hatte ich mir vorgestellt, dass es normale Wannen waren, aus deren Hähnen statt warmem Wasser warmes Moor kam. Doch die rotbraune Brühe dort in den Wannen war kalt und roch widerlich. Die Wannen waren aus Holz und hatten eklige weiße Ränder. War das Schimmel? Über der Wanne lauerten Monster in der Wand, deren Gesichter schon auf den Fliesen zu erkennen waren. Und in der Wanne? War es überhaupt Moor oder eher ein eisenhaltiges Wasser? Oder hatte das Kind vor mir in der Wanne Durchfall gehabt? Ich weiß natürlich auch nicht, wie oft das gewechselt wurde und wie viele Kinder vor mir schon in der Wanne gesessen hatten. Nach dem zweiten „Moor“bad hatte ich einen stark juckenden Hautausschlag und Durchfall. Nach dem dritten Bad waren es so dicke Pusteln, dass mit für den Rest der Kur diese Bäder erspart blieben.

Der Gang in den Waschraum war immer noch eine Tortur. Wieder dieser eklige Kamm für alle! Nun gab es eine neue Regel, wonach Mädchen ihre Haare nicht hinter die Ohren streichen durften. „Wenn sie dir zu lang sind, mach dir Zöpfe oder ich schneide dir eine Jungenfrisur!“, hieß es dann. Wir durften uns zwar die Zähne selbst putzen, aber eine „Tante“ gab uns die Zahnpasta auf die Zahnbürste und ließ sie uns nach laut gerufenen Anweisungen schrubben (Schneidezähne außen – Schneidezähne innen – jetzt links – Backenzähne unten – außen – drauf – innen – …)

Wir wurden nicht mehr einzeln gewaschen, sondern mussten täglich alle zusammen in eine Gemeinschaftsdusche. Das Wasser kam aus Leitungen, die an der Decke montiert waren und in denen in regelmäßigen Abständen die Wasserdüsen montiert waren. Erst wenn alle aus der Gruppe mit der Seife in der Hand und vor Kälte zitternd unter den Düsen standen, wurde das Wasser aufgedreht. Zuerst kam ein Schwall eiskaltes Wasser, dann kam es brühend heiß, dann blieb es kalt. Zum Einseifen wurde es wieder abgestellt. Wir mussten uns gegenseitig mit der Seife die Haare und den Rücken waschen. Aber mit dem nächsten kalten Wasser ließ sich der Schaum kaum aus den Haaren bekommen!

Ich freundete mich mit einem Mädchen aus Koblenz an. Sie war mit ihren beiden Brüdern hier, wurde aber anders behandelt. Zu ihr sagten die „Tanten“ immer „Bitte!“, sie durfte nachts auf die Toilette gehen, musste nicht aufessen, wurde nicht bestraft und durfte sich einmal in der Woche im Park mit ihren Brüdern treffen. Ich verzweifelte. Was machte ich falsch und sie richtig? Sie versuchte es mir zu erklären, wusste es aber selbst nicht so genau. Sicher waren wir nur darüber, dass es einen Unterschied macht, wenn die Mutter schwer krank ist und der Vater den Kuraufenthalt selber bezahlt. Die Drohung „Wenn du nicht genau das tust, was das Haus von dir verlangt, muss deine Mutter die ganze Kur selbst bezahlen!“ zog bei ihr natürlich auch gar nicht.

An Tabletten habe ich bei der zweiten Kur keine Erinnerung. Auch hier kann ich mich nicht an die Heimfahrt und das Wiedersehen mit meiner Mutter erinnern.

Meine unbewussten Versuche der Aufarbeitung

Beim Roten Kreuz fand ich meinen Weg vom üblichen Sanitätsdienst und den Technischen Dienst zum Betreuungsdienst. In einer Weiterbildung im Bereich Krisenintervention & Notfallseelsorge merkte ich: „Hier bin ich richtig!“ Wann immer die Rede von Trauma, Trigger & Co war wuchs in mir das Gefühl, dass dies genau mein Thema ist. Ich spürte, dass ich anderen nach einem schrecklichen Erlebnis helfen wollte, weil ich selbst irgendwann einmal keine Hilfe erhalten hatte, als ich sie dringend benötigte. Allerdings ich ging davon aus, dass sich dies auf den Unfalltod meines Vaters bezog. Ich konnte mich erinnern, wie ich an der Hand meiner Mutter in die Grube starrte, in der sie soeben meinen tödlich verunglückten Vater entdeckt hatte. Auch an vieles aus den Stunden und Tagen danach erinnere ich mich noch sehr detailreich. Mir war klar, dass dies ein traumatisierendes Ereignis für mich war und war heilfroh, als ich während der Fortbildung merkte, dass es nichts gab, was mich triggerte.

Doch mein Unterbewusstes drängte wohl darauf, weiter in die Tiefe zu gehen. Denn als ich in Meiningen arbeitete, begann ich eine lange Schulung zur Hospizhelferin, Sterbe- und Trauerbegleiterin. Ich traute mir zu, auch die traurigsten Stunden mit Sterbenden und ihren Angehörigen aushalten zu können. Bei allen Übungen, die wir machten, kam ich gut mit meiner Trauer um nahe Angehörige klar. Auch zu meiner eigenen Sterblichkeit schien ich ein normales Verhältnis zu haben. Ich half im stationären Hospiz und besuchte als ambulante Hospizhelferin manche Sterbende oder Trauernde. Das ging ganz gut. Nur einmal bekam ich beim Anblick eines Hospizgastes ganz unerwartet einen Würgereiz, als dieser eine Scheibe Graubrot fingerdick mit Butter bestrich. Ich konnte dies nicht zuordnen und dachte, es liege an dem Geruch, der ihn umgab.

In den Jahren 2009 und 2010 war ich öfters in Bad Nauheim. Ich recherchierte in der Nähe für ein Buch recherchierte, mein damaliger Freund wohnte dort und meine Mutter leitete eine DRK-Seniorenreise, bei der ihre Gruppe im Kurhotel untergebracht war. Stundenlang wanderte ich durch den Ort und suchte die Kurklinik, in der ich 1973 und 1976 war. Doch keins der Gebäude kam mir bekannt vor. Auch sonst kam mir der Kurort so fremd vor, als sei ich noch nie in meinem Leben dort gewesen. Die Salinen sagten mir nichts, ich erkannte keine Straße, keinen Platz, nicht einmal den Bahnhof. Selbst als ich bei einer Führung durch die Kuranlage die Wannen für die Moorbäder gezeigt bekam, war da nicht der Funke einer Erinnerung. Meine Mutter schüttelte nur den Kopf: „Du warst ein Vierteljahr deines Lebens hier und kannst dich an gar nichts erinnern?! Das kann doch gar nicht sein!“

Mögliche Folgen bis heute

Nein, die Verschickungen allein sind nicht die Ursache für mein eher unkonventionelles Leben.

Aber jetzt, nachdem ich wieder einige Erinnerungen an diese beiden Verschickungen habe, kann ich vieles in meinem Verhalten und meiner Persönlichkeit besser zuordnen.

  • Seit meiner Kindheit beschwert sich meine Mutter darüber, dass ich sie weder umarme noch mit ihr kuschele. Könnte es seine Ursache darin haben, dass mir die Umarmung beim Start in die erste Kur verwehrt wurde?
  • Deutz ist für mich immer noch ein Stadtteil, den ich gerne meide. Besonders um den Bahnhof mache ich einen großen Bogen und bin froh darüber, nun zu wissen, warum es so ist. Es ist also kein plattes „Schäl Sick“-Vorurteil, sondern ein unbewusster Eigenschutz.
  • Ich kann mir keine Namen merken und traue mich bis heute nicht, bei einer Vorstellung nachzufragen, wenn ich den Namen nicht verstanden habe. Ob ich wohl immer noch denke, man würde mich schlagen, wenn ich beim Namen nachfrage?
  • Obwohl ich als Kind Süßigkeiten gar nicht mochte, stopfe ich sie als Erwachsene heimlich und schnell in mich hinein. Ob es wohl an dem Süßigkeitenverbot in der Kur und den heimlichen Naschereien liegt, mit denen ich meine Gewichtszunahme forcieren wollte?
  • Wenn ich einen Pudding selbst koche, rühre ich ihn, bis er kalt ist. Egal, wie lange es dauert. Allein die Vorstellung, er könnte eine Haut bilden, die ich dann entfernen muss, um an den eigentlichen Pudding zu kommen, lässt Übelkeit in mir aufsteigen.
  • Vor ein paar Jahren wollte mir mein Orthopäde gut sein, indem er mir Massagen mit vorheriger Fangoanwendung verschrieb. Das ging gut, so lange meine Physiotherapeutin mir heiße Fangopackungen machte. Eine neue Mitarbeiterin hatte einen meiner Termine wohl vergessen, legte mir schnell einen heißen Wassersack auf die Behandlungsbank und holte eine kalte Fangomatte. Der Geruch des kalten Fangos war mir so unangenehm, dass ich Brechreiz bekam. Mir wollte nicht klar werden, warum mir schlecht wurde und ich vergaß es, nachdem das Wasser die Temperatur an das Fango abgegeben hatte. Dennoch bestand ich danach darauf, eine andere Wärme als Fango zu erhalten, auch wenn mein Verstand mir dazu keine Erklärung liefern konnte. Nun mit Rückkehr meiner Erinnerungen, vermute ich, dass es meine Nase an die Moorbäder erinnerte.
  • Beim Anblick einiger Fotos der Gaskammern in Konzentrations- und Vernichtungslagern bekam ich im Geschichtsunterricht (und bis heute) schwere Bauchkrämpfe. Als Jugendliche dachte ich, dass es mit dem gezeigten unmenschlichen Töten zu tun hatte. Ich konnte aber nicht verstehen, warum alle anderen Bilder der NS-Gräueltaten zwar mein Herz schwer machten, aber nicht meinen Magen belasteten. Nun habe ich wieder Bilder des Duschraums im Kopf und weiß, dass die als Duschräume getarnten KZ-Gaskammern mich an die Dusche im Kurheim erinnerten.
  • Ich leide seit meiner Kindheit unter Schlafstörungen. Mich wecken auch als Erwachsene immer wieder Träume, in denen ich vor einem vollen Teller sitze. Dabei habe ich den Geruch von Erbrochenem in der Nase und sehe die hungrigen Blicke von den Tischen der Abnehmkinder.
  • Ich war als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene immer schlank, hatte aber stets Essstörungen. Leider manifestieren sie sich nach Eintritt der Wechseljahre als Heißhungerattacken, Frustfressen, heimliches Essen und Schlingen. Ich wähle dafür genau die Nahrungsmittel, die ich in der Kur als wirksam kennengelernt habe. Sie enthalten viel Zucker, viel Fett, gerne auch eine Kombination aus beidem: Schokolade, Pudding, Gummibärchen, Traubenzucker, Nüsse, Chips,…
  • Bis heute ist die Unordnung mein bester Freund. Selbst wenn mein Kopf mir das Aufräumen befiehlt, geht es nicht voran und kurz vor dem Ende bleibt selbst nach einem Aufräum-Kraftakt irgendeine Ecke unaufgeräumt.
  • Ich habe vermutlich kein normales Angstverhalten. Einerseits mache ich mir übertriebene Sorgen in objektiv sicheren Situationen. Andererseits verhalte ich mich vollkommen angstfrei, wenn gesunde Menschen natürlich (!) Angst verspüren.
  • Ich lasse mich ausnutzen. Sobald ich das Gefühl habe, jemand könnte meine Hilfe brauchen, bin ich zur Stelle. Ich könnte es nicht ertragen, jemanden in einer solch hilflosen Situation zu sehen, wie ich sie erlebt habe.
  • Ich habe in vielen Situationen kein sicheres Gefühl für „erlaubt“ und „verboten“. Das ist wohl auch ein Grund für mein Jurastudium. Ich wollte immer genau wissen, was Recht und Unrecht ist, um selbst alles richtig zu machen und gegen kein Gesetz zu verstoßen. Bei der Wahl des Studienfachs ging es mir zu keinem Zeitpunkt um den Wunsch, anderen z.B. als Rechtsanwältin zu helfen. Es ging mir immer nur darum, die Regeln verstehen zu wollen. Dabei beobachte ich mich immer wieder dabei, dass ich Regeln, Vorgaben oder Vorschriften übererfülle. Ich traue mich nicht, in einem Parkverbot anzuhalten, weil ich fürchte, die erlaubten drei Minuten zu überschreiten, behandle das Parkverbot also quasi als Halteverbot. Gibt mir der Verlag eine Zeichenzahl von 220.000 für das Manuskript vor, bin ich bei einer Endzahl von 219.986 Zeichen beunruhigt und fürchte, dass es Ärger geben könnte. Meine Angst vor Strafe sitzt zu tief.
  • Bis heute wage ich nicht, aus Angst, Schmerzen oder Erleichterung zu weinen. Das sind Emotionen, für die mir das Weinen abtrainiert wurde. Wenn ihr Tränen bei mir seht, dann bin ich wütend, sorge mich um mein Kind oder sehe einen rührenden Film. Wut, Sorge und Rührung habe ich erst viele Jahre nach den Verschickungen kennengelernt. Sie haben keine negative Verknüpfung mit Tränen.
  • In einem großen Speisesaal, z.B. in einer Jugendherberge, in der Uni-Mensa oder in einer Pilgerherberge kann ich nicht in der Mitte sitzen. Ich bekomme keinen Bissen runter und eine (bislang) unerklärliche Angst steigt in mir auf
  • Einerseits bin ich ein Harmonieschaf, geprägt von Ängsten im Umgang mit anderen Menschen, fehlendem Vertrauen, Selbstwertschäden und einer ausgeprägten Selbstwertschwäche. Wer ICH bin, kann ich gar nicht sagen. Ich war/bin die Tochter von … – die Frau/Partnerin von … – das Frauchen von … – die Mutter von … (so stehe ich auch in den meisten Kontaktlisten anderer Mütter!). Aber wer bin ich?
  • Ich behandle meinen Körper unfreundlich. Das hat nicht mit meinem aktuellen Alter oder meiner aktuellen Figur zu tun. Auch als sportliche Abiturientin und als Volljuristin in Kleidergröße 34/36 konnte ich meinen Körper nicht leiden und lehnte ihn ab. Er war Mittel zum Zweck, weil ich ohne ihn nicht leben kann. Deshalb fand ich z.B. als Jugendliche die Feststellung „Du hast den Kopf ja wohl auch nur, damit es dir nicht in den Hals regnet!“ weder lustig, noch beleidigend. Das war ein Gedanke, wie er mir auch immer wieder kam. Es macht für mich emotional keinen Unterschied, ob ich zum Augenarzt, Gynäkologen oder Reifenwechsel fahre. Da muss etwas geprüft oder repariert werden. Das macht manche in meinem Umfeld fassungslos, z.B. dass ich vollkommen gleichgültig blieb, als mir eröffnet wurde, dass es am Ende der Schwangerschaft auf einen Kaiserschnitt hinaus läuft. Ja, irgendwie musste das Kind eben aus mir heraus. Und wenn das aus Sicht der Fachleute das beste Vorgehen war, dann war es eben so!
  • Ich lasse mir bis heute von keinem anderen den Rücken und die Haare waschen.
  • Ein Kamm kommt für mich nicht in Frage. Die Haare werden bis heute ausschließlich gebürstet. Steht keine Bürste zur Verfügung, entwirre ich meine Haare lieber mit den Fingern, als einen Kamm zu benutzen.
  • Habt ihr mit mir schon einmal Urlaub gemacht? Das hat bei mir nie etwas mit Erholung zu tun – so der Vorwurf eines Expartners. Stimmt! Ich arbeitete schon als Jugendliche als Segelhelferin und Fahrtenleiterin, wenn ich verreiste. Ich füllte etliche Stempelhefte für die bronzene – silberne – goldene Ötztaler Wandernadel in Bronze, Silber und Gold. Immer gab es unterwegs Aufgaben zu erledigen, die ich mir selbst stellte. Zu meiner Freude hatte ich meist Reisepartner, die diese Planung begrüßten, weil sie auf diese Weise sehr viel vom Land sehen konnten. Wir halfen in Entwicklungshilfeprojekten in Indien mit, hakten eine Liste von Nationalparks im Westen Kanadas ab, bestiegen eine vorher festgelegte Anzahl von Monrus in Schottland, suchten alle 13 Geocaches (inzwischen sind es mehr) in Botsuana, sahen Reiseführer als Prüfauftrag an (was in zehnseitigen Leserbriefen endete)… Tja, und dann bot sich die Möglichkeit, selbst Reiseführer zu schreiben. Ja, ich reise gerne, aber ich mache nie Urlaub oder Ferien. Pauschalreisen und Gruppenreisen sind mir ein Gräuel. Da bin ich viel zu fremdbestimmt. Ich vermute, dass es mit meinen Kuren zu tun hat, denn sie fielen beide in meine Sommerferien. Sechs Wochen lang durfte ich nicht in die Schule und war in einer fremdbestimmten, hilflosen Situation. Der Begriff Ferien ist für mich dadurch so negativ besetzt, dass ich nie wieder Ferien haben will.
  • Ich vertraue niemandem und stelle jede zwischenmenschliche Beziehung ständig in Frage. Wenn sogar meine Mutter mich dem Schicksal auslieferte, warum sollten es andere Menschen gut mit mir meinen? Dies führte wahrscheinlich dazu, dass ich nicht in der Lage bin, Freundschaften zu pflegen, Freunde zu halten oder dauerhaft in einer gesunden Beziehung zu leben.

Und jetzt?

Alles was jetzt übrig bleibt, ist ein Gefühl der Betrogenheit und die Erkenntnis, dass ich all das nicht ungeschehen machen kann.

Tja, was denkt ihr? Haben diese Erinnerungen und Erkenntnisse nun gravierende Folgen für mein jetziges Leben? Werde ich angesichts dieser Erkenntnisse mein Leben vollkommen umkrempeln? Bleibt alles beim Alten? Ziehe ich meine Lehren bei einigen Aspekten? Werde ich mich engagieren, um auf das Leid der Verschickungskinder aufmerksam zu machen?

Dazu kann ich (noch) nichts sagen und lasse es ganz entspannt auf mich zukommen.

P.S.: Das Foto habe ich nicht selbst aufgenommen, sondern bei Zoonar gekauft. Es zeigt genau die Wanne, an die ich mich erinnern kann. Besonders diese grinsende Fliesenfratze!

17 thoughts on “Ich bin ein Verschickungskind

  1. Meine Mutter sschwärmte bis an ihr Lebensende von der Kinderlandverschickung im Krieg.
    Dabei wurde sie zweimal verschickt: Einmal zu einem Ehepaar namens Gutleber in Gernsbach. Die hatten sie ja sooo verwöhnt, sie hatte es da so gut wie ein Einzelkind, die hatten ihr sogar einen Hund gekauft. Meine Tante, die im selben Ort war, ist gleich wieder nach Hause gefahren.
    Danach nochmal ins KLV-Lager. Das war ja auch sooo toll da! Die Insassen haben sich sogar Jahrzehnte später noch getroffen, um sich gegenseitig davon vorzuschwärmen.
    Mein Ex-Freund hingegen hat ebenso schreckliche Dinge von der Kinderkur berichtet.
    Ich sollte wegen meines Herzklabasterns mit 7 in Kur, aber statt dessen ist meine Mutter mit mir nach Gernsbach gefahren, wo ich auch eben diese Gutlebers kennen gelernt habe.
    Ich fand die gar nicht soo dolle. Es roch komisch in dem Haus, sie hatten zwei uralte, fette Katzen und ich erinnere mich an Schwalben im Flur.
    Jedenfalls bin ich der Kinderkur entgangen.

  2. Langer Bericht. Ja, ich denke, alles was in der Kindheit und Jugend geschieht, hat einen Einfluss auf den Rest des Lebens.
    Bei mir war es die Herzmuskelentzündung, die mich das erste Schuljahr von der Schule fern hielt. Danach über 10 Jahre Schülermobbing und mein süchtelnder Vater und meine narzisstische Mutter. In Kur war ich aber nie. Ich traue auch niemandem und tue mich schwer damit, Hilfe anzunehmen und Freundschaften zu halten. Da können wir uns ja die Hand reichen.

    1. Stimmt. Langer Bericht. Deshalb war es hier im Blog im Herbst auch etwas ruhiger als in anderen Monaten. Du hattest deine Traumata auch schon angedeutet und kannst gut mit mir umgehen, weil du weißt, wie ich ticke.

  3. Ich habe lange gebraucht den Bericht zu lesen. Einmal in überhaupt zu beginnen, nachdem ich die ersten Abschnitte überflogen hatte und dann als ich mich aufgerafft hatte mich dem Inhalt zu stellen, war es schwer zu verkraften.

    Ich kann nicht behaupten davon nicht gewusst zu haben, aber erst seid Kurzem. Als eine Freundin mich darauf ansprach die immer, wegen Astma, JEDEN Somme ein paar Wochen in einem Kinderheim auf einer Nordseeinsel war. Sie war nicht so deutlich in ihren Beschreibungen, aber es muss ähnlich gewesen sein.

    Ich selber war auf Kinderfreizeiten der Diakonie. Im ersten Jahr war meine Schwester dabei im Zweiten war ich alleine. Für die Älteren Kinder war Frau Babel zuständig, Marke BDM-Komandantin, aber es war noch ein Ehepaar dabei, die eigentlich für die jüngeren Kinder zuständig waren. Da Frau Babel nicht gut zu Fuss war, gingen die täglichen Wanderungen (Österreich, Wörgel) ohne sie. Sie bestand aber darauf, dass die Jungen und Mädchen getrennt liefen. Das taten wir auch. Ca 2 km hinter der Unterkunft wartete dann der Mann mit den Jungs und dann gings den Tag gemeinsam. So war das Ganze in Summe erträglich und sogar schön.

    Ja, erst in der Therapie ist mir klar geworden wie kleine, unscheinbare Ereignisse uns bin ins Mark prägen. Bei sind es keine Verschickungen, aber Anderes.

    Ich hoffe es ist gut dass Du es jetzt in einer gewissen Form aufarbeiten konntest.

    1. Vielen Dank, dass du dich aufgerafft hast, den Bericht zu lesen und zu kommentieren. Ich weiß, dass ich kein Einzelfall bin. Umso wichtiger ist es mir, davon zu erzählen. Danke fürs Lesen und die netten Wünsche. Ich bin optimistisch.

      Und wenn du deine Freundin nochmal siehst: Es gibt bei Facebook spezielle Gruppen für Verschickungskinder. Vielleicht war sie auf Borkum, die Aufarbeitung für die Heime auf dieser Insel ist voll im Gange, dort gab es im November sogar eine Konferenz. Vielleicht hilft es ihr ja.

  4. Auch mir ist es richtig schwergefallen, das zu lesen – welch unnötige Grausamkeit!!
    Mich wundert überhaupt nicht, daß ein Kind davon Folgen bis ans Lebensende trägt.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich: egal, WAS Dich traumatisiert – es ist immer gut, es zu wissen, um damit umgehen zu können, auch wenn es schwer ist.

    Ja, was nun?
    Du wirst Deine ganz eigenen Konsequenzen ziehen und Deinen ganz eigenen Umgang finden, schätze ich. Es bleibt Dir ja auch garnichts anderes übrig 😉 Ich wünsche Dir, daß Du merken kannst, daß Dir das gut tut!!

    1. Danke für deine Gedanken, die genau ins Schwarze treffen. Es ist wirklich egal, was uns traumatisiert. Sobald wir es kennen, haben wir eine Chance, damit umzugehen.

        1. Ja, das erzählte mir meine Mutter auch. Sie hatte das Buch in der „entnazifizierten Fassung“ auch geschenkt bekommen und wurde immer wieder von ihrer Schwiegermutter gescholten, weil sie mich nicht nach den darin enthaltenen Regeln erzog.

  5. Liebe Ingrid,

    wir kennen uns schon so viele Jahre als Nachbarinnen in Hürth, und nun bekommt unsere Beziehung eine neue Dimension. In dem detaillierten Bericht zu deinen Kuren, finde ich eine Kurfreundin in dir, eine Schwester im Kraftakt des Überlebens. Ich kann alles bestätigen, was du beschreibst, denn es war nicht nur in Bad Nauheim so, auch in Bad Kreuznach oder Bad Tölz. Und ja, die Erfahrungen haben uns an Leib und Seele beschädigt. Und sie haben dich und mich und die Anderen zu unglaublich sozialen, empfindsamen Menschen gemacht, die diese Welt braucht! Wir sind so viele, die Verschickungskinder. Schön, dass es dich gibt! Ich möchte unbedingt bald mal Tee mit dir trinken. herzlich, Maria

  6. Liebe Ingrid,
    Er ist wirklich so sehr zu bedauern das Du diese Erlebnisse erfahren musstest . Sich verloren , verlassen und wertlos zu fühlen ist hart .
    Ja Dein ganzes sein im jetzt ist geprägt durch Erleben wie dieses . Es ist gut das es ans Licht kommt den Du beschreibst ja auch ein beginnendes Verstehen deines eigenen Handelns und Fühlens .
    Auch wenn Du es als gegen Dich gerichteten Terror empfunden hast hatte es mit dem Menschen Ingrid selbst nichts zu tun … … Denn es war Unmenschlich .
    Wenn ein Teil des Wandels wäre einfach mal ohne Arbeiten zu müssen an einem schönen Ort zu sein wäre das doch klasse aber vor dem Wandel kommt ja auch erstmal das verstehen …. Trau Dich weiter hinzuschauen und trau Dich nur Dich mitzuteilen … Sende Liebe Grüße
    Freddy

    1. Lieber Freddy, das ist dir ja auch schon beim gemeinsamen Wandern aufgefallen: Du hältst mir einen Kurzvortrag zum Achtsamen Gehen und ich bleibe einfach stehen, um ein Foto zu schießen oder „…hinter den drei Birken rechts über den Steg…“ zu notieren. Für all diese Situationen in der Vergangenheit und Zukunft entschuldige ich mich in aller Form und Öffentlichkeit bei dir!

      1. Habe die Wanderungen sehr genossen und nichts in Erinnerung das zu Entschuldigen wäre ….Achtsames Gehen versuchen wir beim nächsten Weg noch mal 🙂
        Der Unmenschliche Umgang in diesen Einrichtungen mag in der Tat noch den Ideologien der Nazi zeit entstammen.
        Mir wurde übrigens einmal auf meine Frage wer ich sei geantwortet „Fantastisch“
        Dem hab ich natürlich widersprochen ….. aber in Ruhe bedacht konnte ich es auch annehmen.
        Leichter wurde es mir dadurch gemacht das der Mensch der mich so benannte es auf uns alle ausgeweitet hat .
        So sehr wir uns im weg stehen mögen weil es Ängste gibt , weil Vertrauen fehlt so sehr gibt es auch etwas das uns angenehm , besonders und Liebenswert macht . Etwas das es möglich macht sich zu stellen und zu schauen was war … was es mit uns gemacht hat . So machen wir uns auf die Suche nach uns selbst …. trauen uns immer ein stück weiter vor und wenn es mal wieder leichter und unbeschwerter möglich ist begegnen wir uns …. ein treffen der „Fantastischen“

  7. Liebe Ingrid, danke für diesen langen Bericht, es war das Längste, was ich jemals online gelesen habe. Noch dazu schwere Kost. Und ich fürchte, selbst davon betroffen zu sein. Auch meine Mutter erzählte davon, dass ich nach meiner Kinderkur wieder einnässte und meine Persönlichkeit sich so sehr verändert hatte, dass sie mich kaum wieder erkannte. Ich weiß nicht ob ich es so genau wissen will wie du, aber danke für den Denkanstoß

  8. Danke für deinen eindrucksvollen Bericht, kennst du schon diese Seite: http://www.verschickungsheime .de? Dort gibt es viele Infos für Verschickungskinder und dort haben schon über 5000 Menschen ihre Geschichten eingestellt, herzlich willkommen in der Bewegung Verschickungskinder! Mich hat deine Seite auch sehr angesprochen, schöönnn! Ich bin Anja Röhl, Autorin des Biches: Das Elend der Verschickungskinder und des Buches: Heimweh-Verschickungskinder erzählen, beides Psychosozialverlag : https://anjaroehl.de/

    1. Liebe Anja, ich habe die Seite sogar genannt, schau mal im vorletzten Absatz vor 1973. Danke aber nochmal für den Hinweis, doppelt hält besser.

      Danke auch für deine Bücher, sie sind bestimmt lesenswert.

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