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Als Kindergartenkind hatte ich immer meinen Teddy Jürgen dabei (hier im Schwarzwald)
  • schon immer mein liebstes Hobby, selbst als Kleinkind
  • die beste Medizin gegen Depression, Himmelaufdenkopffallen und Faulfieber
  • die alleinige Möglichkeit, wirklich abzuschalten. Dazu brauche ich nicht lange, manchmal reicht schon der erste Schritt vom Startpunkt hin zu einem schönen Zwischenziel.
  • Erholung pur – selbst wenn ich den Berg hinauf keuche oder über einen steilen Abstieg fluche.
  • der einzig wahre Weg, eine Gegend kennen zu lernen. Jede andere Fortbewegungsart ist viel zu schnell, um Details zu erfassen.
  • eine Sportart, die ich trotz meiner kaputten Gesundheit problemlos ausüben kann
  • so selbstverständlich wie Essen, Trinken, Atmen, Schlafen. (Okay, okay, wer mich kennt, weiß um mein inzwischen 5 1/2 Jahre andauerndes Schlafdefizit. Dennoch gehören Wandern und Schlaf ebenso selbstverständlich mit zu meinem Leben wie alle anderen Grundbedürfnisse.)

Warum schreibe ich euch diese Liste an Liebeserklärungen ans Wandern? Das hat mehrere Gründe.

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Solche Erinnerungen wiegen alle Anstrengungen auf

Zum einen fragte mich eine andere Kindergartenmutter am Freitag, ob ich für meine Wanderführer denn wirklich alle beschriebenen Wege laufe. Sie hatte gehört, dass viele Wanderführer nur vom Schreibtisch aus entstehen oder allenfalls mit den Quad abgefahren werden. Das kann ich bestätigen, ich habe vor Jahren einen Autor kennengelernt, der das so macht – aber seine Verleger damit auch so verärgert hat, dass er sich neue Verlage suchen musste. Eine Verlagsvertreterin, die mir ein Wanderbuchprojekt vorschlug, das ich aber schon 6 Wochen später hätte abgeben müssen, schlug mir sogar selbst vor, ich solle doch einfach mit Google Earth ein paar Touren erfinden – und wunderte sich über mein schlagartig vollkommen erlahmendes Interesse an dem Projekt.

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Vor Ort wandernd (!) recherchieren dauert lange – in Begleitung eines wissbegierigen Kindes sogar sehr lange

Nein, ich bin gewissenhaft – oder naiv – genug, um anzunehmen, dass ein guter Wanderführer nur dann entstehen kann, wenn ich die Strecke selbst gelaufen bin – im Idealfall sogar mehrfach. Das kostet zwar mehr Zeit, Geld und Körperkraft, bringt mir aber auch erst die Freude an dem Projekt, die mich im Anschluss beim Niederschreiben still sitzen lässt. Denn ich wandere wirklich gerne. Ich kann mich noch nach Jahren über schöne Wanderungen freuen.

Seit meine Töchter mitwandern, dauert es zwar noch viel länger, es macht mir aber große Freude, sie mit der Lupe vor einer Raupe zu beobachten oder hübsche Schneckenhäuser, Steinchen und Zweigchen in ihre Sammeltaschen zu sortieren.

Und damit bin ich beim zweiten Grund für mein Plädoyer fürs Wandern. Elke hat eine Blogparade ins Leben gerufen mit der Überschrift „Wandern ist für mich……..“. Diesem Thema kann ich echt nicht widerstehen.

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Die Naturfreunde-Motorwandergruppe 1970 oder 1971 im Hohen Venn

Wann und wo ich das erste Mal wandern war, kann ich gar nicht sagen. Ich war schon auf unzähligen Wanderungen der Naturfreunde-Ortsgruppe Kendenich getragen und geschoben worden, bevor ich überhaupt laufen konnte. Wir Kinder waren immer mit dabei. Wurden wir müde, lockten uns die Großen mit Spielen und Wettrennen. War auch damit endgültig nichts mehr zu reißen, nahmen uns die Männer der Wandergruppe reihum auf die Schultern und trugen uns den Rest des Weges.

Entsprechend war es für mich vollkommen normal, dass wir in meiner Grundschulzeit stets in die Alpen reisten. In den Winter- und Osterferien zum Skilaufen, in den Sommer- und Herbstferien zum Wandern. Da wir ja schon lesen konnten, überließen die Erwachsenen uns Kindern die Routenplanung, denn schon damals gab es Stempelhefte für Hüttenstempel (wie Silke jetzt für den Harz hat) und wir hatten den Ehrgeiz, aus jedem Urlaub mit der silbernen Tuxertaler Wandernadel oder der goldenen Ötztaler Wandernadel nach Hause zu kommen.Das ging nicht ohne Pannen aus. Einmal hatten wir drei Hütten für einen Tag eingeplant, die zweite und dritte lagen nur 2 km voneinander entfernt. Nicht berücksichtigt hatten wir aber, dass Nummer 3 ganze 850 m höher als Nummer 2 lag. Wir erreichten unsere Pension erst lange nach Einbruch der Dunkelheit und selbst die Erwachsenen jammerten über dicke Füße. So lernten wir früh, dass bei Wanderungen nicht nur die Kilometer sondern auch die Höhenmeter wichtig sind…

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Im Tramuntana-Gebirge, herrlich weit weg von Straßenlärm

Städtereisen haben mich noch nie interessiert, Stadtführungen finde ich ätzend. Egal ob zu Fuß oder im Bus. Lässt man den Dom, den Eifelturm und Tower Bridge weg, unterscheiden sich die Städte doch kaum voneinander.

Aber das Wandern durch die Natur bietet nach wie vor enorme Abwechslung für mich. Da kann ich über ein einzelnes Höhlenhaus länger staunen als andere Menschen über die gesamte Kölner Altstadt. Doch Natur bietet viel mehr als vereinzelte Sehenswürdigkeiten und Fernblicke.

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Wandern mit allen Sinnen – hier an einem Aussichtspunkt bei Betlem auf Mallorca mit BlödSinn und UnSinn

Das Sehen ist mir sehr wichtig, auch beim Wandern. Aber ich wandere mit allen Sinnen (oft sind auch der BlödSinn und der UnSinn dabei!).

Unterwegs fühle ich die Natur viel intensiver als zuhause. Ich genieße Wind, Sonne und Regen auf meiner Haut, ohne mich dagegen zu schützen. Kapuzenpflicht und Sonnencreme gibt es nur für meine Töchter. Ich spüre bei einer Rast lieber einen unebenen Felsblock unter meinem Allerwertesten als eine Rastbank.

Beim Wandern rieche ich frisch gefallenen Regen, würzige Waldluft, ein nicht allzu weit entferntes Wildschwein und – an Aussichtspunkten – den Schweiß von Menschen, die das Werbeversprechen ihres Deoherstellers „72 h Frischeduft“ wirklich glauben. Leider habe ich einmal in der Toskana beim Anlehnen an einen Baum dessen Harz zu spät gerochen, Silke musste mir einige verklebte Strähnen aus den Haaren schneiden.

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Wie schmecken denn Baumerdbeeren?

Ich liebe den Geschmack der frisch gepflückten wilden Baumerdbeeren, Mandeln und übersüßen Johannisbrotschoten bei einer Mallorcawanderung. Aber auch eine vom Vortag im Rucksack übrig gebliebene Leberwurststulle oder ein zerquetschtes Croissant schmecken köstlich, wenn der Hunger nur groß genug ist.

Ich lausche dem Gesang von Waldvögeln, dem Rauschen des Windes, den gegen die Steilküste schlagenden Wellen – und oft genug meinem eigenen Herzschlag, bis sich der Puls am Ende eines Aufstiegs wieder einigermaßen normalisiert hat.

 

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Als Kind immer schweren Lederstiefeln, stets ohne Blasen, aber manchmal im Rock oder mit einer Tasche statt Rucksack

Wanderstrecken waren schon immer sehr unterschiedlich lang. Das hängt von meinem Gesundheitzustand, der Strecke, dem Höhenprofil, dem Gepäck, den Mitwanderern und vielen weiteren Umständen ab. Als 9-jährige lief ich 33 km von Kendenich nach Witterschlick, ein Jahr später waren mir in Südtirol 8 km zu lang. Auf Mallorca war ich nach einer 9,5 km langen Wanderung so fertig, dass ich dachte, ich schaffe es nicht mehr vom Auto zum Hotel (70 m). Dann erinnerte ich mich an Tage auf dem Jakobsweg und der Via Francigena, an denen ich ohne Probleme 42 bzw. 43 km gelaufen war. Schon schaffte ich am nächsten Tag am anderen Ende von Mallorca 24 km.

Beim Profil und der Beschaffenheit bin ich nicht wählerisch. An heißen Tagen finde ich langes Teertreten ätzend, weil dann die Füße in den Wanderstiefeln kochen. In der regnerischen Jahreszeit finde ich lehmige Wege sehr anstrengend. Wenn der Wanderstiefel plötzlich 8 kg wiegt, weil eine dicke Schicht Lehm darunter klebt könnt ihr von mir viele neue Flüche lernen.

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Am Großen Sankt Bernhard Pass ganz früh morgens, bevor der Touristenrummel uns überrollt

Wenn ich also die freie Wahl habe, ist mir eine gut durchmischte Strecke am liebsten. Es gib viel zu sehen, zu fühlen, zu hören, zu riechen und zu schmecken, wenn sich Wanderwege, schmale Pfade, Wandautobahnen (= Forstwege) und Steige abwechseln, wenn der Weg sowohl durch den Wals als auch über aussichtsreiche Freiflächen führt, wenn Bäche durchwatet und Mauerreste überklettert werden müssen.

Nur eins kann ich gar nicht leiden: überlaufene Wege. Wenn ich mich in einer lautstark erzählenden Kolonne anderer Wanderer einen Berg hoch schieben muss, am Gipfelkreuz warten muss, um ein Foto zu machen und alle schönen Rastmöglichkeiten schon belegt sind, kann ich bei bestem Wetter schlechte Laune haben.

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Meine regenfeste Tochter Aurelia

Apropos Wetter: Elke fragt ja „Wanderst Du auch bei Regen, wenn ja wie empfindest Du Regenwanderungen?“ Ehrlich gesagt wandere ich am allerliebsten bei leichtem Sprühregen. Er kühlt mich so schön runter, wenn ich laufe. Meine Verleger finden natürlich Wanderungen bei strahlend blauem Himmel am besten, weil die dann entstehenden Fotos einen größeren Teil der Leserschaft ansprechen. Aber die schönsten Erinnerungen habe ich an Wandertage, die vollkommen verregnet waren. Das Gefühl, trotz aller meteorologischen Widrigkeiten das Ziel erreicht zu haben, ist an Regentagen viel ausgeprägter. Es sind weniger andere Menschen unterwegs, sodass ich bei Regen schon Gelegenheit hatte, einen Luchs, ein Murmeltier, einen Waschbär, einen Biber und eine Fuchsfamilie ganz aus der Nähe zu sehen. Da Fotos in dem diffusen Licht ohnehin nichts werden, kann ich mir dann auch den Stress sparen, das entsprechende Tier fotografieren zu wollen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine große Tochter meine Liebe zu Regenwanderungen teilt.

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Sehr gerne mit meiner Familie, hier lernt Cari laufen (Oups, ich glaube, ich habe grade Silke einen Heiratsantrag gemacht oder sie adoptiert)

Zuletzt will Elke noch wissen, ob ich lieber in Gruppen oder doch lieber alleine wandere. Hm, darf ich auch „weder-noch“ ankreuzen?

Wandern in Gruppen mag ich nicht besonders, obwohl ich dies in der Vergangenheit sehr oft gemacht habe. Es ist zu laut, ich muss zu oft auf andere warten, fühle mich selbst aber gehetzt, wenn die anderen auf mich warten. Schön daran ist, dass ich mir immer wieder neue Gesprächspartner suchen kann.

Ganz allein wandern ist mein täglich Brot bei Recherchen. Nicht immer finde ich einen wanderfreudigen Recherchehelfer, nicht alle Wege sind für meine Töchter geeignet. Dann muss es eben alleine sein. Das ist schön, weil ich mein eigenes Tempo bestimmen kann und weder Rücksicht nehmen muss, noch auf die Rücksicht anderer angewiesen bin. Ich kann meinen Gedanken nachhängen, Pläne machen, Gottes Natur genießen.

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Wer hätte mich auf dieser Felsbrücke fotografieren sollen, wenn ich allein gewandert wäre? Mein Selbstauslöser wartet nur 12 Sekunden, das schaffe ich nicht bei diesem Motiv

Aber am liebsten wandere ich weder allein noch in großen Gruppen, sondern mit einem oder zwei Wanderpartnern plus dazugehörige Kinder/Hunde. Da ist das Thema Rücksicht noch für alle Seiten in Ordnung, aber ich habe jemanden zum Quatschen und um gemeinsame Erlebnisse zu teilen. Noch Jahre später kann man sich bei einem Treffen mit dem Halbsatz „Weißt du noch…“ und diversen Anekdötchen gemeinsam über schönes freuen und über unschönes den Kopf schütteln.

Ein weiterer Aspekt, wenn ich nicht privat, sondern für meine Manuskripte unterwegs bin: ein Mitwanderer kann auch prima ein Fotomodell für die Verlage sein, bei denen ein schönes Motiv erst perfekt ist, wenn ein Wanderer durchs Bild läuft).

So, genug geschrieben, ich muss noch einen Mietwagen für unsere nächste Mallorcareise finden. Wir haben nämlich nochmal eine Tour für die Osterferien geplant. Passt ja auch irgendwie zum Thema, denn dort lässt es sich ja herrlich wandern.

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Gerne auch mit zwei Babytragen vorne und hinten – das hält die Wirbelsäule gerade

6 thoughts on “Wandern ist für mich……..

  1. Liebe Ingrid

    vielen Dank für diesen ausführlichen, wunderschönen Blogpost. Herrlich geschrieben und in sehr vielen Teilen meinem eigenen Empfinden ähnlich. Hach wir sind doch gut dran, mit unserem Hobby <3

    Liebe Grüße
    Elke

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