Wandern in Gesellschaft

Bei der Schneeschuhwanderung im Fichtelgebirge fragte mich Paolo, ein italienischer Gast, ob ich lieber allein oder in Gesellschaft wandere. Im Frühling hörte ich dieselbe Frage in kurzer Folge sowohl im Kottenforst und als auch in der Luxemburgischen Schweiz. Auch im Mai in Wales wurde ich auch danach gefragt. Und letzte Woche auf dem Kölnpfad. Das Thema hatten wir ja hier schon einmal bei Elkes Wanderfragen, ich will aber noch einmal darauf zurück kommen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Beides hat Vor- und Nachteile – aufregender ist es aber in jedem Fall in Gesellschaft.

Denn die größten Abenteuer beginnen mit nur einem simplen Satz.

Derer gibt es viele, ich habe euch im Folgenden meine drei Lieblingssätze notiert.

Platz 3:

Ich habe Wander-Erfahrung!

Ich wirke nach außen nicht so, als könnte ich weite Strecken wandern. Das führte schon öfters dazu, dass ich auf meine gut gemeinte Frage „Hast du Erfahrung mit dem Wandern?“ mit einem „Ja, sischer datt!“ oder „Ich bin schon gewandert, da konntest du noch nicht krabbeln!“ oder „DU“ – abschätziger Blick an mir herunter – „wirst ja wohl eher Hilfe von mir benötigen als andersherum!“ belegt wurde.

Dazu einige kurze Erinnerungen:

(wir wollen ja Freunde bleiben, daher anonymisiere ich lieber und nenne alle Wanderburschen Paul und alle Wandermädels Paula)

  • Vor der offiziellen Eröffnung des Eifelsteigs von Aachen nach Trier gab es in der Nordeifel einen viertägigen Rundwanderweg gleichen Namens. Meine Bookcrossing-Freunde Paula und Paul begleiteten mich auf dem „kleinen Eifelsteig“. Bei einem Vortreffen in Pauls Haus schaute Pauls Frau an Paula und mir herab und wies ihren Gatten an, bloß nicht auf die Idee zu kommen, den Gentleman zu spielen und uns Frauen den Rucksack zu tragen. Ach, das wollten wir doch auch gar nicht, denn wir sahen dies als Vortour für unsere Wanderung auf dem Offa’s Dyke Path im nahenden Sommer. Schon kurz nach dem Verlassen der Jugendherberge in der Burg Blankenheim stellte sich heraus, dass Paul bis Mittag so richtig Gas gab, um dann nach der Mittagspause hinter uns her zu humpeln und über starke Schmerzen in beiden Füßen zu klagen. Am Ende des zweiten Wandertages war klar: Paul wird die komplette Wanderung nicht laufen können. Sein Schwiegervater holte ihn in der Jugendherberge Rurberg ab und wir erfuhren am nächsten Tag, dass er wegen falscher Schuhe und schlechter körperlicher Verfassung einen Ermüdungsbruch (Marschfraktur) im Mittelfußknochen erlitten hatte und dadurch sein Fußgewölbe eingesunken war.
  • Paula und ich traten also gut vorbereitet zur Wanderung auf dem Offa’s Dyke Path an und erlebten ein Dejà vu. Eine weitere Bookcrosserin (Pauline) und die neue Frau meines Exmannes (14 Jahre jünger als ich, 10 Jahre jünger als Paula und Pauline, deshalb hier Paulinchen) machten unser Vier-Weiber-Team komplett. Auch von ihr hörte ich vor der Tour mehrfach „ich habe Wandererfahrung“. So wunderte es uns nicht, dass sie morgens  immer voraus rannte, als sei der Teufel hinter ihr her, gegen Mittag für eine gemeinsame Rast auf uns wartete und sich nachmittags stöhnend und jammernd hinter uns her schleppte. Unsere Vorschläge, morgens ein langsameres Tempo zu wählen, wurden so lange ignoriert, bis sie nach vier Tagen bei der Mittagsrast aufgab, zum Tagesziel trampte und ein halbes Vermögen dafür ausgab, um vorzeitig nach Hause zu fliegen.
  • Ebenfalls auf dem Offa’s Dyke Path, aber ein paar Jahre zuvor, hatte mir (ein anderer) Paul vor dem Start zur ersten Etappe auch wortreich und überzeugend erklärt, dass er viel Wandererfahrung hat. Wandertempo und Wanderschritt ließen bei mir auch keine Zweifel aufkommen, bis der Weg nach dem Erreichen eines Hügelrückens (Hügelrücken, sagt man das? Es war definitiv kein Berg!) bergab führte. Nicht besonders steil, eher so, wie beim Skifahren ein Kinder-Anfänger-Hügel – mit dem Schlitten würde man mangels Schwung sogar stecken bleiben. Doch offensichtlich zu steil für Paul. Er stand da oben, wurde abwechselnd bleich und grünlich, hielt sich an mir fest und rutschte auf dem Hosenboden diesen Hang hinab. Es stellte sich heraus, dass der gebürtige Düsseldorfer bislang nur in den Rheinauen und bei seinem Vater am Niederrhein „wandern“ war. Er war vorher noch nie im Mittelgebirge wandern gewesen und kam mit schiefen Ebenen nicht klar. An etlichen Stellen musste er sich an während der weiteren Wanderung an einem Baum, Pfahl oder mir festhalten, weil er ansonsten vor lauter Drehschwindel gestürzt wäre.
  • Paul (ein dritter) war richtig krabbig geworden, als ich ihn vor unserer ersten gemeinsamen Wanderung nach seiner Wandererfahrung gefragt hatte. Er habe sogar alpine Wandererfahrung und würde sich gerne bremsen, damit ich nicht die ganze Zeit hinterherhecheln müsse. Stolz zeigte er mir bei unserem nächsten Treffen seine Wanderstiefel, die in der Tat schon benutzt aussahen. Dass der letzte Gebrauch schon einige Jahre zurück lag, verrieten mir die Treter nicht. Vermutlich hatte deren Besitzer nicht mehr in Erinnerung, welche Socken er damals getragen hatte, sprach aber mit mir nicht darüber. Als er sah, dass ich unter meine eigentlichen Wandersocken dünne Untersocken zog, tat er es mir gleich. Von seinem Stapel zurechtgelegter Tennissocken nahm er sich zwei Paare, zog sie übereinander, knurrte als Antwort auf meine zaghafte Frage „Ist das nicht zu eng?“ ein „nein, so ist es besser gepolstert!“ und wir wanderten los. Schon bei der ersten Rast zog er Schuhe und Socken aus, rieb sich die Füße und stöhnte. Doch es sollte noch bis zum Abend des zweiten Wandertages dauern, bis er mir seine inzwischen mit vielen großen Blasen übersähten Füße zeigte und um Hilfe bat. Nach einem Besuch in der Dorfapotheke, mit etlichen Blasenpflastern und nur noch einem Socken pro Fuß hielt er es noch zwei weitere Tage durch. Dann setzten wir eine Woche aus, in der er seinen Orthopäden aufsuchte, sich von diesem erklären ließ, wie es zu den Blasen gekommen war, sich Einlagen anpassen ließ, neue Wanderschuhe kaufte und sich bei mir entschuldigte. Er hatte immer gedacht, er bekomme Blasen, wenn ein Schuh zu locker sitzt und hatte mir nicht glauben wollen, dass auch zu enge Schuhe Ursache sein können. Wie gut, dass er seinem Orthopäden glaubte und wir dann doch am Ziel ankamen.
  • Doch es ging nicht immer nur um Füße. Was würdet ihr meinem Mitwanderer Paul raten, der an einem heißen Tag sein T-Shirt auszog und mit seinen (zugegeben: feschen!) Hosenträgern auf der nackten Haut weiter wanderte? Ich fragte nur, ob es nicht scheuert, er verneinte, ließ sich dann aber abends von mir in der Apotheke Popocreme kaufen. Ich musste ihm die blutig gescheuerten Brustwarzen als dicken Salbenverband versorgen, weil er vor lauter Pein nicht selbst Hand anlegen konnte.
  • Noch ein Paul zog meine verwunderten Blicke auf sich, als er beim Start zu einer Viertageswanderung einen Rucksack ausgrub, der größer war, als jeder Rucksack, den ich jemals gesehen hatte. Selbst für sechs Wochen Indien oder neun Wochen Jakobsweg hatte ich weniger Gepäck dabei. Noch verwunderter war ich aber, als ich sah, wie er ziemlich wahllos Socken, ein Sixpack 0,3 l-Sprudelwasser, Zahnputzzeug, Taschenmesser, Wechselsachen und unendlich viel anderen Kram in den Rucksack warf. Als er fast voll war, wurde er am oberen Rand gepackt, nochmal feste geschüttelt, weiter bepackt und es konnte los gehen. Nachdem Paul bei zwei kleineren Kletterstellen von seinem übervollen Rucksack nach hinten gezogen worden war und dabei einmal bös stürzte, erlaubte er mir abends in der Herberge, seinen Rucksack zu sortieren und auszumisten. Ich habe selbst viel mehr Krempel mit, als unbedingt nötig. Aber kann mir ‚mal jemand erzählen, was man(n) bei einer viertägigen Wanderung durch ein deutsches Mittelgebirge mit zwei Romanen von jeweils über 800 Seiten, einem Fön, einer 800 ml-Flasche Shampoo, fünf Hosen, zwei Multitools und vier Paar Schuhen vorhat???

Platz 2:

Oh, mein Akku ist leer!

ist auch ein schöner Satz.

  • Als es noch keine „Handys“ gab und Mobiltelefone noch in etwa so viel wie ein Neugeborenes wogen, machte ich mit Paul eine zweiwöchige Fernwanderung durch Wales. Eigentlich hatten wir zu Gunsten unseres Reisebudgets möglichst oft wild zelten wollen. Das ging natürlich nicht, weil dieser schwere Kasten jede Nacht an die Stromversorgung angeschlossen werden musste. Also zelteten wir auf Campingplätzen möglichst nah am Klohäuschen mit seinen Steckdosen für Rasierer und in den Gärten von netten B&B-Wirten, die dem tragbaren Telefon über Nacht Asyl an einer der Steckdosen im Haus gewährten. In der ganzen Zeit haben wir exakt 1 x (in Worten: ein Mal) mit diesem Monstrum telefoniert…
  • Bei einer anderen Wanderung in Wales hatte er schon ein kleines Mobiltelefon. Außerdem hatte er gut vorgesorgt, um nicht wieder allnächtlich vom Stromnetz in Pesionen und auf Campingplätzenn abhängig zu sein: Er hatte sich ein Solar-Ladegerät beschafft. Das war rund um den Jahrtausendwechsel noch verflixt teuer, aber musste offenbar sein. Nun also wurde unsere ursprüngliche Wanderplanung nicht mehr vom Vorhandensein von Steckdosen am Tagesziel beeinflusst. Dafür gingen wir aber keinen direkten Weg durch einen Wald, sondern immer fein außen herum, damit das Solar-Panel, das er auf dem Rucksack befestigt hatte, auch wirklich jeden einzelnen Sonnenstrahl auffangen konnte. Die riesigen Umwege hatten erst ein Ende, als wir in eine dreitägige Regenfront gerieten und er ohnehin auf „normalen Steckdosenstrom“ ausweichen musste.
  • Besonders anfällig sind die Akkus von Mobiltelefonen und Smartphones, wenn sie gleichzeitig mit GPS-Ortung zur Navigation verwendet werden und mit ihnen fotografiert wird. Paula, meine Wanderbegleiterin bei einer Eifelwanderung, hatte für ihr Smartphone zwei Ersatzakkus und ein Powerpack dabei. Auf knapp 11 km Wanderstrecke kamen alle drei Akkus und das Powerpack zum Einsatz. Dennoch ließ sie sich von mir nach der Wanderung meinen mit dem guten alten Garmin aufgezeichneten Track mailen, weil ihr am Ende fast ein Kilometer fehlte.
  • Paul weigerte sich eines Tages bei einer Fernwanderung durch Wales, die Frühstückspension zu verlassen. Er hatte schon im Bad und beim Frühstück getrödelt. Nun standen wir in komplettem Wander-Outfit und mit fertig gepackte Rucksäcken in unserem Bed & Breakfast – Zimmer und er wiederholte nur beständig „Moment noch!“. Erst als ich – inzwischen ziemlich pampig – darauf hinwies, dass wir heute 28 km auf dem Programm stehen haben und ich „diesen blöden Moment noch“ nur warte, wenn ich erfahre, auf was ich eigentlich warten soll, gestand er mir kleinlaut, dass er abends vergessen hatte, sein Mobiltelefon zu laden. Das hatte er zwar gleich nach dem Aufstehen nachgeholt, war aber erst bei 86 % – und das war ihm zu heikel. Also vereinbarten wir, dass ich schon bezahle und gemütlich loswandere und er mir folgt, wenn das Gerät auf 100 % ist. Wir trafen uns an diesem Tag erst abends in der neuen Unterkunft wieder, denn er hatte bis 11:45 Uhr vor seinem ladenden Gerät gesessen, bis er erkannte, dass dieses konkrete Modell im britischen Netz nur bis 99 % auflud.
  • Nächstes Thema: Hörgerät! Okay, da ist es eine Batterie, aber seid ihr schon ‚mal mit jemandem gewandert, der stets weit voraus läuft, ohne zu wissen, wo der eigentlich geplante Weg entlang führt? Man ruft hinter jeder Wegkreuzung nach ihm, um ihn auf den richtige Weg zurück zu locken. Das ging bei mehreren Wanderungen gut, aber bei einer Wanderung trennten sich unsere Wege dauerhaft. Er hatte mich nicht rufen gehört, ich hatte keine Idee, welchen der fünf Wege er an dieser Kreuzung genommen haben könnte, wanderte also auf meiner geplanten Route zum Ziel. Als er – nachdem er mit einer Mischung aus Verzweiflung und Ärger durch die Wälder des Islek geirrt war – über drei Stunden nach mir am Auto ankam, schrie er mich an „ICH HABE KEINE ERSATZBATTERIEN FÜR MEIN HÖRGERÄT DABEI!“ Okay, das erklärte alles, zum Glück schlossen die Läden im nächsten Ort erst in 20 Minuten und wir konnten kurz vor knapp noch Ersatz beschaffen. Sonst wäre ich auf der Heimfahrt vom seinem Geschrei ertaubt. (Ich frage mich grade, warum Menschen mit Hörschaden so laut schreien, obwohl ihnen doch bewusst sein sollte, dass ihr Gegenüber ein normales Gehör hat…)
  • Zugegeben, GPS-Reciever brauchen auch viel Strom. Ich selbst bin (fast !) immer mit doppeltem Satz Ersatzakkus unterwegs, um wirklich sicher zu sein, den ganzen Tag lang die zurückgelegte Strecke tracken zu können. Warum Paula bei einer unserer gemeinsamen Wanderungen aber gleich zwei GPS-Reciever plus Navi-App zur Aufzeichnung unseres Weges einsetzte, konnte ich nicht so ganz verstehen. Die Erklärung war: „sicher ist sicher!“ Na gut, zusammen mit meinem Garmin hätte eigentlich nichts schief gehen dürfen. Nachdem Smartphone und GPS Eins schon stromlos waren, wanderten wir in dem Bewusstsein weiter, immer noch besser ausgestattet zu sei, als die meisten Wanderer. Wir erzählten angeregt und mussten wohl das Piepen unserer Geräte überhört haben. Jedenfalls standen wir am Ziel und starrten auf ihr GPS Zwei und mein GPS. Beide hatten sich vor Ende der Wanderung schlafen gelegt, wir mussten also nochmal knapp zwei Kilometer zurück, neue Akkus einlegen und den Rest des Weges aufzeichnen. Das zog natürlich eine Extra-Wanderstunde und deutlich stärkeren Muskelkater nach sich, als ursprünglich geplant.

 

Platz 1:

Ich kenne da eine Abkürzung!

Das ist mein allerallerliebster Satz beim gemeinsamen Wandern. Es gibt ihn in leichten Abwandlungen wie „Ich kenne mich hier aus!“ und „Hier war ich schon sooo oft, ich bin mit jedem Baum auf „du“!“

Während die Plätze 2 und 3 mir bei beiderlei Geschlecht aufgefallen sind, scheint dieser Satz auf dem Y-Chromosom verankert zu sein. Er scheint ferner untrennbar mit dem Satz „Lass mich ‚mal machen, Männer haben die bessere Orientierung!“ verknüpft zu sein.

  • Als Kind und Jugendliche nahm ich an ungezählten Naturfreunde-Tageswanderungen teil. kennt ihr diese typischen Rudelwanderungen? Die Männer preschen voraus diskutieren über Karten und Schrittzählertechnik. Die Frauen wandern lachend und quatschend hinterher. Im Zeugenstand bei Gericht könnten sie wahrscheinlich nicht einmal sagen, durch welche Orte sie hindurch gekommen sind und welche Sehenswürdigkeiten sie passiert haben. Eine fest in unserem Wanderkalender verankerte Wanderung führte vom Naturfreundehaus in Alt-Hürth nach Witterschlick bei Bonn. Ich habe diese Wanderung gut ein Dutzend Mal mitgemacht. Jedes Mal stritten sich die Männer hinter dem Jagdschloss Falkenlust, wie sie weiter gehen. Stets fielen die Sätze „Ich kenne da eine Abkürzung!“ und „Ich kenne mich hier aus!“. Stets liefen wir über 30 km, mal 32 km , mal 38 km, mal 34 km. Die Frauen hatten sicherlich schon Jahre vorher resigniert, denn als ich als 15- oder 16-jährige einmal in die Diskussion einstieg, rollten sie nur mit den Augen und sagten „Vergiss es!“ Mein Einwand mit Blick auf die Karte, „Wenn wir da lang gehen würden, wäre es doch kürzer!“ wurde dann auch in der Tat mit einem „Hat hier jemand Kuchen gerufen, dass sich die Krümel melden?!“ und einem „Lass uns Männer das ‚mal machen!“ und einem finalen „Das wirkt nur auf der Karte kürzer, ist aber in Wirklichkeit viel länger!“ abgebügelt. Wir wanderten also eine Abkürzung und waren nach insgesamt 38 km am Ziel. Ich bin noch viele Jahre mitgewandert, habe aber nie mehr etwas zur Streckenführung gesagt, denn ich kannte solch fantastisch lange Abkürzungen ja auch nicht. Mir ließ es aber keine Ruhe und als ich mein erstes GPS hatte, lief ich noch einmal allein vom Naturfreundehaus zu den Tongruben. Einfach nach Karte, den augenscheinlich kürzesten Weg. Der Tageskilometerstand war 27,6 km.
  • Paul I. lief beim morgendlichen Start in einer Unterkunft und nach jeder Einkehr konstant in die falsche Himmelsrichtung, sobald er durch die Tür ins Freie trat. Drei Wochen lang. „Hier ist kürzer“ sagte er dann immer, wenn ich ihn bremste oder drei Straßen weiter auflas. War es natürlich nicht.
  • Bei Paul II. wurde dieser Lieblingssatz schon vor dem Start zur Wanderung zum Problem. Er wohnte in der Eifel und versicherte mir mehrfach, sich dort auch auszukennen. Auf dem Weg zum Startpunkt einer Wanderung war ich noch mit meinen Wanderkarten und dem GPS beschäftigt, mir fiel aber irgendwann aus dem Augenwinkel auf, dass wir eine Stelle bereits das vierte Mal passierten. Dort saß nämlich eine alte Dame auf einer Bank und schüttelte den Kopf. Ich machte Paul auf sie aufmerksam und bat ihn darum, kurz anzuhalten, damit ich nach dem Weg fragen kann. Sie erklärte es kurz und knapp – keine Minute später konnten wir auf dem Wanderparkplatz aussteigen. Auf meine Frage „Gut, du Ortskundiger, welchen Grund hatte es, vorher viermal an dieser Einfahrt vorbeizufahren?“ musste er so lachen, dass ihm die Tränen liefen. Seine von vielen Glucksern unterbrochene Antwort lautete „Ein echter Mann fährt lieber 50 Minuten hilflos im Kreis als eine Minute anzuhalten und Einheimische nach dem Weg zu fragen!“ – Aha!
  • Paul III. (das ist der, dem weiter oben die Batterien im Hörgerät den Dienst quittiert hatten) bescherte mir etliche doppelte Recherchewanderungen. Denn er rennt stets vorneweg, ohne zu wissen, welchen Weg ich überhaupt recherchiere. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass ich mir bei der Planung eines Rundweges etwas denke. Wenn ich also bei solchen Touren anmerkte, dass er sich bitte auf der Karte ansehen solle, auf welchen Wegen meine geplante Runde verlaufen soll, lachte er immer nur. Und rannte erneut vorneweg. Anfang bin ich ihm dann hinterher geeilt, um ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Aber eines Tages musste ich einsehen, dass er der typische Macho-Wanderer ist, der den Weg vorgibt und von einer Frau erwartet, dass sie ihm bedingungslos folgt. Das war der Tag, an dem er meinen Einwand „Der Verlag benötigt Rundwanderungen“ mit einem „hin und zurück auf demselben Weg ist eben ein extrem platter Kreis“ kommentierte. Vorher hatte er mir schon erzählt, dass seine Exfrau bei Wanderungen immer ganz „brav“ in seiner Nähe geblieben war, weil sie sich im Wald fürchtete und überhaupt keinen Orientierungssinn hatte. Zwei Wochen vorher hatte er den von mir speziell für Familien ausgeguckten barrierefreien Weg mit den Worten „Hier ist eine gute Abkürzung“ zunichte gemacht. Bei dieser „Abkürzung“ hätte die Familie den Buggy durch mannshohe Brennnesseln schieben, über einige umgestürzte Baumstämme und durch eine knietiefe Furt tragen müssen. Dies hatte er mit „Wandern in der Eifel ist eben kein Spaziergang auf der Schildergasse“ kommentiert. Sicherlich wundert er sich bis heute, warum ich ihn nicht mehr zu Recherchewanderungen mitnehme.
  • Bei einer Recherche in Tunesien recherchierte ich eine Wanderung in den Bergoasen. Von der Bergoase Mides an der algerischen Grenze suchte ich einen Wanderweg durch die bizarr aufgefaltete Bergwelt hinab zum Wasserfall bei Tamerza. Ich wusste von einem früheren Besuch, dass der Weg durch eine Schlucht führt und fragte in Mides einen Andenkenhändler nach dem Weg. Der telefonierte mit seinem Cousin, der vorgeblich Wanderführer war und keine zehn Minuten später mit dem Mofa angeknattert kam, um mir den Weg zu zeigen. Das gefiel mir gut, denn ich hatte wegen der Grenznähe doch etwas Angst, versehentlich in Algerien zu langen und verhaftet zu werden. Der Weg, den er einschlug, kam mir aber schon bald merkwürdig vor. Ich gab zu bedenken, dass doch schon vor Monaten mit dem Befüllen des neuen Stausees begonnen worden sei und dieser in etwa dort geplant sei, wohin uns unser Weg führte. Er verneinte, betonte seine Ortskenntnis und erläuterte, dass der See viel weiter östlich geplant sei. Wir hingegen liefen eine Abkürzung. Keine zehn Minuten später trafen wir auf den Stausee. Unser Weg endete im Wasser, er stöhnte auf und sagte mit einem Blick auf den Stausee „Der war beim letzten Mal noch nicht hier!“ Seine Abkürzung führte zu einer unglaublichen Kletterei über Findlinge und Felsen, die natürlich nicht in den Reiseführer aufgenommen werden konnte. Am nächsten Tag startete ich noch einmal für diesen Wanderweg, beständig brummelnd über meine Doofheit, mit der ich mit hatte einlullen lassen, obwohl ich es besser wusste und der Typ offensichtlich keinerlei Orientierung hatte.
  • Im südtunesischen Sperrgebiet hatten wir an einer kleinen Oase Halt gemacht. Nach sieben Wüstentagen, die wir entweder im Auto sitzend oder das festgefahrene Auto ausgrabend verbracht hatten, waren wir froh, uns die Beine vertreten zu können. Wir kühlten unsere Füße in einem Badegumpen, palaverten mit ein paar Polizisten und tranken Tee und Cola. Beides hatte etwa die gleiche Temperatur, ich schätze um die 50°C. Paul, der erfahrenste Wüstenfahrer in unserer Gruppe, lief auf dem Rückweg voraus. Den Einwand seiner Frau, dass wir besser denselben Weg zurück gehen sollten, weil sie schon auf zwei Schildern gelesen habe, dass der Durchgang verboten sei, tat er mit den Worten ab „Das hier ist aber eine Abkürzung. Ich kenne mich hier aus!“ Als wir ein weiteres Schild erreichten, auf dem ich mit meinen Minimalkenntnissen in Französisch „Schusswaffengebrauch“ las, drehten seine Frau und ich ab und gingen lieber auf dem Hinweg zurück. Als ich etwa ein Drittel des Weges gegangen war, hörte ich Rufe und einen Schuss. Wieder zurück an den Autos sah ich mich einigen kreidebleichen Reisegefährten gegenüber. Sie waren von Soldaten angesprochen worden, hatten so getan, als würden sie nicht verstehen, dass sie nicht weitergehen dürfen und hatten sogar noch die Geschwindigkeit erhöht. Ein Warnschuss hatte ihren Lauf dann endlich gestoppt. Einer der Soldaten hatte ihnen auf Deutsch klar gemacht, dass es ihre Lebenserwartung vergrößert, wenn sie sich an die Ge- und Verbote auf den Hinweisschildern halten. Ihre Abkürzung führte ausgerechnet durch ein Munitionslager. Für den Rest unserer Reise blieben sie kleinlaut, wenn es um Orientierung ging und sie hielten sich strikt an alle Vorschriften. Bis in die Schweiz fuhr keiner von ihnen auch nur einen einzigen Stundenkilometer schneller als er durfte.
  • Nochmal Tunesien, diesmal zwar allein, aber wegen einer brillanten Idee meines (männlichen) Lektors:
    Betritt man die Medina in Sousse durch das Tor Bab el Finga, so scheint es auf manch einem Stadtplan im Regal meines Lektors, als könne man sich nach links wenden und an der Innenseite der Medinamauer entlang zur Rue Rempart Nord gelangen. Diesen Weg sollte ich in der neuen Auflage des Tunesienführers beschreiben, denn dies wäre eine echte Abkürzung durch die Souks. Ich vertraute einerseits meiner Autorenkollegin Ursel Eckert, die den umständlicheren Weg beschrieben hatte, aber andererseits können sich die Dinge vor Ort ja ändern. Also erkundete ich den Weg, denn ich kannte ein pikantes Detail nicht: die beiden gegeneinander versetzten Betonmauern direkt links hinter dem Bab el Finga schützen das Rotlichtviertel von Sousse vor unerwünschten Blicken. Alle dahinter liegenden Gassen dort sind Sackgassen, der schmale Durchlass ist der einzige Zu- und Abgang. Klar gemacht haben mir dies die dort arbeitenden Freudenmädchen. Ich wurde sehr freundlich und höflich empfangen, über die Besonderheit dieser Gassen aufgeklärt und nach dem obligatorischen Thé à la Menthe wieder zum Ausgangspunkt geleitet. Hat irgendwie mehr Stil als die Reeperbahn. Dort wäre ich wahrscheinlich eher mit üblen Beschimpfungen vertrieben worden…
  • Grade heute erst hörte ich beim alljährlichen Treffen unseres Zwillingsvereins im Gertrudenhof folgenden Dialog: (Mann mit Zwilling Eins auf dem Arm) „Wir gehen dann schon ‚mal vor!“ – (Frau, mit Zwilling Zwei auf dem Arm) „Aber ihr geht in die falsche Richtung!“ – (Mann) „Quatsch, hier durch den Blumenverkaufshof ist es viel kürzer!“ – (Frau) „Ist denn da noch offen? Die Verkaufsbereiche schließen doch früher.“ – (Mann) „Unfug!“ – (Frau) „Oh, Mann!“ – es vergehen einige Minuten, der Dialog setzt sich fort: (Frau) „Wo kommt ihr denn her?“ – (Mann) „Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass es da nicht durchgeht?“ – [der Inhalt des nachfolgenden Streits kann nicht veröffentlicht werden, weil Beleidigung und Bedrohung Straftatbestände sind, aber meine Mutter kommentierte es mit „Besser als Kino!“]

3 thoughts on “Die größten Abenteuer beginnen mit einem simplen Satz

  1. Eine herrliche Morgenlektüre. Bei den Paulas habe ich mich selber nicht erkannt, wenn ich aber doch dabei bin, war aber keine so schlimm wie diverse Pauls, wobei ich dort einen gewissen Wiedererkennungswert meine festgestellt zu haben *kicher*

  2. Was hab ich wieder gelacht! Vor allem über Paul mit den aufgeriebenen Nippeln.
    Bis auf meinen Ex-Paul, der umgekippter Linkshänder und somit bekennender Landkartenlegastheniker ohne Orientierungssinn war, und mir deshalb grundsätzlich* die Führung überließ, sind wohl alle Pauls gleich.
    * Naja, fast. Einmal haben wir nach einem patzigen „Ich kann das allein!“ das selbe Autobahnkreuz von allen möglichen Seiten betrachtet, bevor er sich endlich auf die richtige Ausfahrt leiten ließ.
    Meine Favoriten waren die rumänischen Macho-Pauls 1 -3 im Donaudelta. Über die Paddeltour könnte ich eigentlich einen Roman schreiben. Aber da wir ja gerade wandern.
    Eines Abends machten wir einen Abendspaziergang mit Paul 1 von der Unterkunft aus, ein Stück am Strand entlang, wieder Richtung Unterkunft. Dann bog der breite Weg nach rechts ab und gerade aus Richtung Unterkunft führte ein Pfad. Für mich war es ein Viehwechsel, für Paul die kürzeste Abkürzung der Welt. Nachdem ich ein Stück gefolgt war und der Pfad immer schmaler wurde, kehrte ich um, machte die Nachfolgenden auf den Viehwechsel aufmerksam und wir gingen über den breiten Weg in die falsche Richtung in einem Bogen über eine Brücke zurück ins Dorf.
    Nachdem wir dort schon etwa eine Stunde gemütlich in der Unterkunft gesessen hatten, kam Paul 1 mit seinen Jüngern an. Merkwürdigerweise nass bis unter die Achseln. Die Abkürzung hatte durch einen der zahllosen Donau-Nebenarme geführt, den sie durchwatet hatten.

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