Aurelia wurde ja in Mallorca 5 Jahre alt, konnte ihren Geburtstag also nicht mit ihren Freunden feiern. Ich hatte ihr versprochen, dies nach unserer Rückkehr nachzuholen. Das zog sich nun von Oktober bis Februar: Erst kollidierten zu viele andere Kindergeburtstage, dann kamen die Weihnachtsferien und schließlich musste sie sich ja auch noch überlegen, wo und mit wem sie feierte.

Das ganze Jahr hatte sie davon gesprochen, diesmal nicht wieder im Gertrudenhof zu feiern, weil sie dort ja schon am 3. und 4. Geburtstag war. Stattdessen sollte es ein Jackelino-Geburtstag sein. Für alle Nichtkölner und Nichteltern: Das ist ein Indoor-Spielplatz, wo das Geburtstagskind dann zwar einen eigenen dekorierten Tisch mit Kuchen und Geschenken hat, aber alle Kinder getrennt voneinander klettern, rutschen, hüpfen, toben. Zu solchen Geburtstagen war sie einige Male eingeladen. Sie liebte den Krawall und die Rennerei. Als ich Nägel mit Köpfen machen wollte und wir das Datum besprachen, wollte sie plötzlich nicht mehr. „Da sehe ich meine Freunde ja gar nicht und da geht doch jeder hin.“ überlegte sie. „Du hattest mir doch in Mallorca einen Piratengeburtstag geschenkt, gibt es denn zuhause nichts mit Piraten?“ fragte sie daraufhin.

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Das erste Mal seit ich Mutter bin konnte ich das seit 2005 in mehreren Auflagen geschriebene Buch „Rheinland mit Kindern“ auch für eigene Zwecke brauchen. Ich suchte nach der Rufnummer des Kölner Museumsdienstes und ließ mich beraten. Der nette Herr am Telefon konnte mir sofort sagen, dass das Wallraf-Richartz-Museum einen Kindergeburtstag ermöglicht, bei dem ein Führer des Museumsdienstes mit den Kindern ein Bild von einem Seeräuberüberfall ansieht und bespricht, bevor im Anschluss Schatzkisten gebastelt werden. Er zählte mir noch andere Museumsaktionen auf und ich fand alternative Programme in Puppentheatern, Streichelzoos, Schwimmbädern und mit Clowns oder Zauberkünstlern. Das gab ich so an Aurelia weiter und sie war begeistert von den Seeräubern. Ich war perplex. Mein Kind wollte freiwillig in ein Museum mit alten Meistern.

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Wir malten Schatzkarten, auf denen ihre Gäste erfuhren, wann und wo sie erscheinen sollten. Am Vortag buken wir Piratenmuffins und verkleideten Doppelkekse zu Seeräubern. Dann ging es los ins Museum. Alle hatten sich verkleidet, die anderen Museumsbesucher staunten nicht schlecht, als sie die vielen kleinen Piraten im Foyer sahen. Eine Besucherin hatte sich etwas vertan. Sie hatte nur Kostüm gehört und kam als „Pippi Langstrumpf“. Egal, immerhin ist Pippis Vater ja auch Seeräuber.

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Aufzug statt Beiboot

Da zwei der Gäste kein Deutsch sprechen, sprach die Oberpiratin Englisch mit den Kindern. Verhaltensregeln wurden besprochen, Piratenwerkzeug gepackt und der Aufzug wurde geentert. Damit fuhren wir in den dritten Stock und erkundeten alle Säle. Wo waren denn nur die Seeräuber? In einigen der ersten Säle fand sich hier und da ein kleines Boot. Aber erst im letzten Saal war das große Bild von Arnold Boecklin namens „Überfall der Seeräuber“ zu finden. Clever gelöst. So hatten wir Erwachsenen die Gelegenheit, uns alle Bilder anzuschauen.

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Überfall der Seeräuber von Arnold Boecklin

Sehr anschaulich und geduldig erläuterte die indischstämmige Führerin den Kindern, wie sehr sich echte Seeräuber von den Nimmerlandpiraten unterscheiden, als die sie sich verkleidet hatten. Zu jedem Teilaspekt des Seeräuberüberfalls hatte sie ein Geräusch mitgebracht. Echte Seeräuber nutzten schlechtes Wetter mit Regen (Australische Regenhölzer), Donner (Trommel) und Wind (Schiebeflöte). Vom Strand (Brandungsrauschen aus Blechdose mit Reis) schlichen sie sich ins Dorf (2 Holzstäbe klopfen leise aufeinander). Sie legen Feuer an der Burg und den Häusern der Dorfbewohner (Backpapier raschelt). Wenn die Bewohner flohen (Holzstäbe klopfen laut aufeinander) und die Alarmglocke läuteten (Marktschreierbimmel), nahmen die Piraten den Fliehenden einfach die Schätze ab, die diese eigentlich vor dem Feuer retten wollten. So bekamen die Seeräuber quasi alle Wertgegenstände auf dem Silbertablett serviert und mussten nicht lange in den Häusern suchen. Wir alle schlossen nun die Augen und ließen die Geräusche auf uns wirken. In der Tat konnten wir uns das Gewitter und den Tumult gut vorstellen. Die Kinder waren fasziniert.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANicht so ein älterer Herr, der in einem Museum wohl Totenstille erwartete. Er maulte herum und ging unten zur Kasse, um sich zu beschweren. Das machte uns gar nichts aus. Sowohl die Führerin, als auch wir begleitenden Mütter, waren überzeugt davon, dass diese Art der Führung ideal für fünfjährige Museumsanfänger ist.

Nun ging es zurück in den Gruppenraum, wo zuerst ein rustikales Piratenmahl verputzt wurde und anschließend Schatzkisten mit Goldmünzen gebastelt wurden. Total beseelt saß Aurelia auf dem Heimweg im Auto. Vor lauter Eifer hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, die kostbare Führungszeit mit dem Öffnen der Geschenke zu verschwenden. Das machten wir ganz in Ruhe zuhause.

5 thoughts on “Seeräuberüberfall im Museum

  1. Eine coole Idee!Die Seeräuberkekse werde ich vielleicht „kopieren“,ich hoffe da ist kein Patent drauf…;-)

    Lg

    1. Nee, natürlich nicht, mach ruhig. Eigentlich wollte ich rotes Fondant nehmen, gab’s aber nicht. Weißes Fondant mit roter Lebensmittelfarbe wird nur rosa wie auf dem Foto.

  2. Die Kindergeburtstage im Hamburger Völkerkundemuseum waren auch immer sehr beliebt. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass der Kölner Museumsdienst so etwas auch anbietet. Ein guter Tipp für alle, die nicht zu Hause feiern mögen.

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